Endlich ist es da - Watch Dogs. Ubisofts Hacker-Thriller zählt für viele zu den meist erwarteten Titeln des Jahres. Wir haben die Playstation 4-Version über 50 Stunden getestet und verraten euch im Watch Dogs Test, ob sich die Vorfreude gelohnt hat oder ob sich die Open World-Action einige grobe Patzer leistet.
Im folgenden Test zu Watch Dogs erfahrt ihr alles zur Story, dem Gameplay und den unzähligen Nebenmissionen im traumhaft schönen Chicago (spoilerfrei!). Der Online-Modus konnte nicht nicht getestet werden, wird aber zeitnah ergänzt, ebenso wie alles zur PC-Version, die uns zum Testzeitpunkt noch nicht vorlag. Getestet haben wir Watch Dogs mit der PS4-Version, ein Update mit den Watch Dogs-Tests für PC und Xbox One folgt in Kürze. Alles weitere zum Action-Adventure Watch Dogs lest ihr auf unserer Themenseite.
Schwenk zum Spiel: Manuel Duran, 38, hat einen dritten Nippel. Wir leiden mit ihm. Aus der Distanz. Denn genau genommen kennen wir Manuel gar nicht. Nur seine Krankenakte, seine Sozialversicherungsnummer, seine Internet-Surf-Gewohnheiten, seine Kreditkartenbelege, kurz: seinen digitalen Fingerabdruck. Manuel ist einer von unzähligen Menschen, deren Intimsphäre wir mit nichts als einem Smartphone in der Hand ausspähen. Wir gucken zu, wie er und Millionen anderer Bewohner Chicagos ihrem Alltag nachgehen, wir sind ein Voyeur in der Menge, eingeweiht in all die schmutzigen, lustigen, tragischen Geheimnisse der Menschen, die uns unser Handy offenbart.
Das Hacker-Game: Watch Dogs 2
- Watch Dogs 2: Übersicht, News, Tipps, Release, Trailer
- Watch Dogs 2 Test: Die PS4-Review des Hacker-Abenteuers
- Watch Dogs 2 Trophäen-Guide: Die wichtigsten Tipps und Cheats
- Watch Dogs 2 Multiplayer-Modus: Zum Launch nicht verfügbar
- Watch Dogs 2 Trailer mit Charlie Sheen
Denn wir sind ein Hacker, einer der besten, einer namens Aiden Pearce. Er ist der Star in einem der am sehnlichsten erwarteten Spiele dieses Jahres: Watch Dogs. Wir haben die Hauptkampagne der PS4-Version durchgespielt und uns in den zahlreichen Nebenmissionen verloren. Unser Urteil: Watch Dogs ist momentan eines der besten Open-World-Actionspiele. Markante Schwächen sind nahezu keine zu erkennen. Außer eine. Und die ist so lästig wie ein dritter Nippel.
Identifikation fehlgeschlagen
Quelle: Computec Media AG
Die Fokus-Zeitlupe ist im Kampf gegen Polizisten und Söldner mit Körperpanzerung überlebensnotwendig.
Rund 25 Stunden dauert die Einzelspielerkampagne von Watch Dogs, die uns linear eine Mission nach der anderen serviert. Auswahlmöglichkeiten gibt es zwischendurch keine, das Ganze erinnert an einen durchgestylten Action-Thriller aus dem Kino, dramatische Kamerafahrten und exzellent geschnittene sowie stark (englische Version) beziehungsweise gut vertonte Dialoge (deutsche Fassung) inklusive. Im Zentrum der Handlung steht der erwähnte Aiden Pearce. Zu Beginn erleidet er nach einem missglückten Coup einen persönlichen Verlust in der Familie - die Suche nach den Hintermännern des feigen Anschlags treibt im Folgenden den Plot voran.
Das Problem: Die Geschichte um Rache, Verrat und Intrigen verläuft zwar interessant und wendungsreich, verschenkt aber auch viel Potenzial. Gerade in den ersten beiden der fünf Akte sind die Zusammenhänge undurchsichtig. Erst ab der Mitte des Spiels fügt sich langsam alles zusammen und ein roter Faden ist erkennbar. Das Ende enttäuscht dann durch eine geradezu banale Auflösung und einen überflüssigen Twist.
Quelle: Computec Media AG
Das Potenzial von Aidens Kollegen liegt größtenteils brach: Figuren wie der neckische Jordi oder auch die Prostituierte Poppy werden scheinbar wahllos eingeführt, verschwinden für lange Perioden oder sind zwei Missionen später wieder vergessen.
Zudem werden viele Dinge nur kurz angerissen und manches wirkt unlogisch. Beispielsweise verschlägt es euch zu einem Menschenhändlerring, wo junge Mädchen zwangsprostituiert werden. Ihr seht das Elend aus nächster Nähe - ein bitterer Moment, der einen unwillkürlich schlucken lässt. Unternehmen könnt ihr aber nichts, weil ihr laut Story dort nur etwas abholen sollt. Ziemlich merkwürdig, spielt ihr doch den von den Medien betitelten Rächer Chicagos. Hier verpasst es Watch Dogs, sein Reputationssystem (gute Taten machen euch beliebt, Tode von Zivilisten sorgen für negative Schlagzeilen) auszunutzen, ein echtes Rollenspiel mit Spielerentscheidungen ist nicht möglich. Watch Dogs will eine geradlinige Gangster-Story erzählen, der Spieler ist nur Zuschauer.
Die Charakterzeichnung weist starke Defizite auf. Zwischensequenzen stellen manche Figuren aufwendig vor, nur damit diese kurz darauf für viele Stunden oder gar für den Rest des Spiels von der Bildfläche verschwinden. Motive bleiben im Unklaren, den Gegenspielern mangelt es entweder an Profil oder sie haben viel zu kurze Auftritte. Das größte Problem ist aber Aiden Pearce selbst: Der Hauptcharakter bleibt die komplette Spielzeit über sehr blass, wirkt emotional distanziert und nahezu ausdruckslos. Das Spiel verpasst es zudem, ihm eine glaubwürdige Motivation zu verpassen, indem es eine emotionale Verbindung zwischen dem Spieler und seiner Familie herstellt.
Quelle: Computec Media AG
Für fahrbahre Untersätze existiert neben der Außenansicht auch eine Cockpit- und Stoßstangen-Perspektive.
Das macht sich später bemerkbar, wenn das Spiel auf die Tränendrüse drückt und uns durch vermeintlich tragische Ereignisse zum Mitfühlen bringen will. Klappt aber nicht, weil Watch Dogs uns nie Raum gibt, um sich mit den Figuren anzufreunden - stattdessen weist uns das Spiel oder Aiden selbst in einem seiner monotonen Monologe überdeutlich darauf hin, was wir denn bitteschön gerade zu fühlen haben. Wie es besser geht, haben vergangenes Jahr Bioshock Infinite mit Elizabeth und The Last of Us mit den Charakteren Ellie und Joel gezeigt.
Das klingt harsch, doch die Story ist kein Totalausfall. Vor allem Aidens Hacker-Freunde besitzen teils sehr interessante Persönlichkeiten und machen einen charmanten Eindruck. Dazu kommt die filmreife Inszenierung. Es sind jedoch gerade diese gelungenen Ansätze, welche die Fehltritte umso stärker hervortreten lassen. Warum Watch Dogs als Spiel dennoch funktioniert und uns großen Spaß bereitet hat? Weil der beste Charakter kein Mensch ist, sondern die Stadt selbst. Das virtuelle Chicago ist riesengroß und fantastisch designt, ein sensationeller Spielplatz für Erwachsene.
