Unter Ubisoft entwickelte sich Far Cry zum zugänglichen Open-World-Shooter, der einen Millionenpublikum begeistert. Doch das Original von Crytek war anders: linear, trashig und unbarmherzig.
In der englischen Version kullern besiegte Gegner sogar an Abhängen hinab (Ragdoll), heute ein stinknormaler Effekt, der 2004 aber zur Indizierung des Spiels führte. Für die deutsche Fassung musste Crytek außerdem noch einen Blutungseffekt entfernen, bevor die gekürzte deutsche Version wieder frei verkauft werden durfte. Es waren andere, strengere Zeiten...
Für mich ist die Optik allerdings schlechter gealtert als beispielsweise die von Half-Life 2, das nur acht Monate nach Far Cry erschien und heute stimmungsvoller wirkt.
Auch beim Gameplay deklassierte Valve damals die Konkurrenz derart brutal, dass es kein Wunder ist, dass Half-Life 2 selbst heute noch gefeiert wird, während das erste Far Cry zunehmend in Vergessenheit gerät.
Kriegers fröhliches Mutantenkabinett
Daran ist vielleicht auch die haarsträubende Story nicht ganz unschuldig. Ich spiele Jack Carver, einen ehemaligen Elite-Soldaten mit Vorliebe für Hawaiihemden. (Tolle Tarnung, Jack!)
Im schönsten Tropenparadies handelt sich Mister Carver mächtig Ärger ein, denn er ist nicht allein: In schwer bewachten Laboren züchtet der böse Doktor Krieger wilde Mutanten heran. Die brechen im Verlauf der "Geschichte" natürlich aus, terrorisieren die Insel und wollen mir ans Leder, genauso wie die zahllosen Söldner, die Krieger angeheuert hat.
Quelle: PC Games
Der Trash-Faktor erreicht dabei durch die miese englische Sprachausgabe ungeahnte Höhen: Nicht nur Carvers prollige Sprüche sind übel vertont, auch die Söldner klingen keinen Deut besser. Kaum habe ich ihre ständigen Drohungen wie "You want a piece of me!?", "I got a bullet with your name on it!" oder "Suck on this!" hundertfach durchgestanden, betreten die Mutanten die Bühne und machen es nur noch schlimmer.
Von denen bekommt man nämlich die gleichen hohlen Sprüche serviert, nur eben mit tief grollender Monsterstimme. Seitdem sehne ich mir den Tag herbei, an dem ich Verbalattacken wie "I am gonna tear you a new one!", "You're going down" und "I'm gonna drop your ass" endlich aus meiner Erinnerung tilgen kann. Bislang ohne Erfolg. Der Wahnsinn hat sich eingebrannt.
Und falls ihr euch jetzt denkt: "Na das schreit doch nach einer fetzigen Verfilmung, bei der einem glatt das Hirn aus den Ohren rinnt!", seid ihr damit nicht allein: Uwe Boll hatte nämlich die gleiche Idee.
Wem es gelingt, die Story großflächig auszublenden, kann sich zumindest über einen ordentlichen Umfang freuen: Fast 16 Stunden dauert es, bis ich Kriegers Mutantenbande vollständig weggeputzt habe.
Allzu viel Abwechslung gibt's dazwischen zwar nicht, was dank der starken Mechaniken und riesigen Level aber in Ordnung geht. Far Cry verplempert auch nicht so viel Zeit mit Zuschauen, Cutscenes und aufwendig animierte Levelübergänge sind hier Mangelware. Der Großteil der Spielzeit besteht also tatsächlich aus Gameplay.
Quelle: Ubisoft/Crytek
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Spaß in Eigenregie
Mit weitläufigen Sandbox-Umgebungen und großer spielerischer Freiheit kann Far Cry auch heute noch punkten. Denn wo die meisten anderen Entwickler damals nur enge Levelschläuche hinbekamen, hatte Crytek bereits riesige Maps gebastelt, die immer noch massig Möglichkeiten bieten:
Auf Wunsch erreiche ich mein Missionsziel einfach zu Fuß, latsche quer durch den Dschungel, weiche Patrouillen aus, kämpfe mich Bedarf durch Kontrollpunkte oder entdecke eine praktische Abkürzung.
Ich könnte aber auch ein Boot stehlen und damit einfach den halben Level umfahren. Oder ich schnappe mir einen Jeep und brettere quer durchs Zielgebiet, auch wenn ich damit auf den Straßen leichte Beute für Scharfschützen bin. Selten finde ich sogar Paraglider in der Landschaft, mit denen ich weite Strecken einfach in der Luft zurücklege. All diese Pfade und Werkzeuge breitet Crytek vor mir aus. Was ich damit anstelle, ist meine Sache.
