Der geistige Nachfolger von Heavy Rain steht in den Startlöchern - wir sagen euch, was Quantic Dreams' neues Meisterwerk Beyond: Two Souls wirklich kann. Wir verraten euch auch, was es mit den Schnitten in der deutschen Version genau auf sich hat und wie sich diese auswirken.
Wie bewertet man ein Spiel, das so ganz anders ist als alles, was sich sonst noch so auf dem Markt tummelt? Diese Frage stellen wir uns regelmäßig, wenn uns ein Titel vom Kaliber eines Journey oder Ico aufgetischt wird. Auch bei Quantic Dream's bisherigen Veröffentlichungen schieden sich die Geister. Für die einen waren Werke wie Fahrenheit oder Heavy Rain die Krone der Videospiele-Schöpfung, für andere nur seichte Adventures mit guter Story. Dabei ist die Antwort ganz einfach. Wir bewerten diese Spiele als das, was sie sein wollen: Videospiel-Kunst. All diese Titel glänzen nicht durch spielerische Innovation, erfordern keine Blitzreflexe oder Zielsicherheit, wollen nicht dem typischen Action-Sport-Krawall dieser Tage frönen, sondern möchten sich stattdessen auf Storytelling und Charakterzeichnung konzentrieren und einzig und allein eine atmosphärische, packende Story erzählen, die Fragen aufwirft und zum Nachdenken anregt, nicht mehr und nicht weniger. Und in dieser Hinsicht macht Beyond: Two Souls wirklich alles richtig, soviel sei vorweg genommen.
Die Geschichte, die Beyond dabei erzählt, braucht sich vor Filmen (oder bei rund zehn Stunden Spieldauer eher TV-Mini-Serien) nicht verstecken. Kein Wunder also, dass bei allem Hollywood-Anspruch gleich zwei gestandene Schauspieler als Zugpferde dienen: Willem Dafoe (Antichrist, Spider-Man) und Ellen Page (Juno, Inception). Doch auch die Nebenrollen sind gut besetzt, mit an Bord sind beispielsweise Kadeem Hardison, bekannt durch Nebenrollen in Filmen wie Weiße Jungs bringen's nicht und den Kult-Actionfilm Drive, der Seriendarsteller Eric Winter (The Mentalist, CSI, New Girl) oder David Gasman (Babylon A.D.), der auch schon mit Heavy Rain, Fahrenheit oder Nicht-Quantic-Dream-Titeln wie Rayman Origins, XIII und Beyond Good & Evil seine Videospiel-Tauglichkeit unter Beweis stellte. Weil zudem alle Schauspieler ihren Figuren nicht nur Gesicht und Stimme liehen, sondern auch für aufwendige Performance-Capture-Aufnahmen zur Verfügung standen, ergibt sich ein aus cineastischer Sicht fantastisches audiovisuelles Erlebnis. Lediglich einige Nebenfiguren fallen in der deutschen Synchronisation qualitativ ab - neben den seltenen Nachlade-Rucklern und den langen Ladezeiten zwischen den Kapiteln auch der einzige Kritikpunkt an der Technik-Front.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ellen Pages Figur Jodie Holmes, die seit ihrer Geburt von einer geisterhaften Präsenz begleitet wird. Wieso, weshalb, warum, das erklärt euch das Spiel im Verlaufe der rund zehn Stunden, spoilern werden wir es bei einem derart Story-zentrierten Titel an dieser Stelle aber selbstverständlich nicht. Wie es sich jedoch mit Geisterwesen nun mal so verhält, sorgt der Begleiter Aiden für reichlich Ungemach. Neben einem ausgeprägten Beschützerinstinkt verfügt der Poltergeist nämlich auch noch über eine äußerst aggressive und eifersüchtige Ader. Wer also die junge Jodie bei einer Schneeball-Schlacht ärgert oder eine deutlich erwachsenere Jodie zu einem intimen Date einlädt, lernt Aiden von seiner schlechten Seite kennen. Den Eltern des achtjährigen Mädchens wird es daher irgendwann zu bunt und sie liefern das arme Kind kurzerhand in einer wissenschaftlichen Einrichtung ab, die sich auf paranormale Geschehnisse spezialisiert hat.
Und genau an dieser Stelle übernehmt ihr die Kontrolle über Jodie. Ihr erlebt den Tropfen, der das Fass im elterlichen Haus zum Überlaufen bringt, und seid dabei wie das Mädchen den Arzt Nathan Dawkins (Dafoe) kennenlernt, im Labor aufwächst, die Pubertät inklusive rebellischer Teenie-Phase durchmacht und schließlich aufgrund ihrer Fähigkeiten von der CIA zwangsrekrutiert und in Einsätze auf der ganzen Welt geschickt wird. Über alledem schwebt jedoch die zentrale Frage, woher Aiden eigentlich kommt, was er ist und welche Bedeutung er für Jodie und sogar die gesamte Menschheit hat.
Die 26 Kapitel, in denen dieser Frage nachgegangen wird und in denen ihr Jodie durch insgesamt 15 Jahre ihres Lebens begleitet, sind dabei übrigens nicht chronologisch geordnet, sondern komplett chaotisch aneinander gereiht. Das wirkt anfangs etwas verwirrend, wenn ihr beispielsweise erst eine vierzehnjährige Jodie steuert, dann eine 20-jährige und dann wieder das kleine Mädchen von acht Jahren. Nach einer Weile gewöhnt man sich aber an diese Erzählweise und - mehr noch - freut sich sogar, dass sich die Story erst nach und nach wie ein großes Puzzle zusammenfügt.
