Scam-MMOs: Chronicles of Elyria - Die unendliche Geschichte - Seite 5
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Chronicles of Elyria versprach seinen Spielern die Welt - und lässt sie inzwischen acht Jahre lang warten. Wir beleuchten einen der ältesten MMO-Scams.
Dieses besagte, dass Walsh mit seiner Meldung vom 25. März 2020 nie hätte ausdrücken wollen, dass die Entwicklung gestoppt worden sei; außerdem sähe sich das Studio nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten um. Trotz seiner Reaktion erhielt Walsh Ende April einen Fragenkatalog der Generalstaatsanwaltschaft des Bundesstaates Washington; die eingereichten Antworten veröffentlichte er am 28. April 2020 auf der CoE-Website.
Die Zusammenfassung: Das Spiel werde weiterentwickelt, es würde keine Rückerstattungen geben und Soulbound wüsste sehr wohl, dass MMORPGs extrem teuer seien. Laut eigener Aussage wollten sie mit der 900.000-Dollar-Kickstarter-Finanzierung deshalb nur "eine spielbare Version mit eingeschränkten Features" auf die Beine stellen. Ihr Finanzen wollten Soulbound Studios nicht offenlegen, weil sie die acht Millionen Dollar nach "besten Wissen und Gewissen" ausgegeben hätten. Walsh gab anschließend lange Zeit kein Lebenszeichen von sich. Im August 2020 wurde schließlich das Vorverfahren eingeleitet: Ein offizieller Brief der Rechtsanwälte der klagenden Gruppe, die sich via Discord gefunden hatte, landete auf dem Tisch von Soulbound Studios.
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Quelle: Soulbound Studios/Jeremy Walsh
Jeromy „Caspian“ Walsh besitzt, im Gegensatz zu der überwältigenden Mehrheit anderer mutmaßlicher Scammer, einen sehr soliden Hintergrund in der Videospielentwicklung.
Kurz zusammengefasst enthielt der Brief die Behauptung, dass Soulbound Studios ab einem bestimmten Zeitpunkt das Spiel entweder nicht mehr wirklich hätte entwickeln wollen oder können. Die Spieler forderten ihr Geld zurück. In einem Antwortbrief entgegnete die hochdotierte Anwaltskanzlei Morrison Rothman, dass Soulbound Studios alle Anschuldigungen zurückwiesen.
Die angeführten Punkte waren mit Blick auf das US-amerikanische Recht durchaus gut gewählt, lesen sich aber vom Standpunkt eines vernunftbegabten Normalbürgers aus wie purer Hohn: Jeromy Walsh arbeite seit März alleine und entgeltlos an dem Spiel weiter, also seien alle Anschuldigungen haltlos. Zudem sei Soulbound Studios keinem Zwang unterlegen, das Spiel vor seiner Fertigstellung zu veröffentlichen.
Übersetzt: Die Spieler könnten bis zum jüngsten Gericht auf ihr Spiel warten, da es ungefähr so lange dauern würde, bis ein einziger Entwickler in seiner freien Zeit das versprochen MMORPG auf die Beine gestellt hätte. Damit war das Vorverfahren endgültig gescheitert und jegliches Vertrauen verspielt. Das Drama um Chronicles of Elyria musste vor Gericht entschieden werden.
Das Jahr 2021: Die zerstückelte Leiche eines Kickstarter-Projekts
Quelle: Soulbound Studios
Nicht sonderlich clever: Als Soulbound Studios ankündigte, NFTs in Chronicles of Elyria zu integrieren, quittierte die Community das mit Hohn und Spott.
Spätestens jetzt war klar, dass Chronicles of Elyria den Großteil seiner Unterstützer verloren hatte und nie erschienen würde - wenn das Projekt nicht mit 20 Mitarbeitern und acht Millionen Dollar zu bewältigen war, dann würde Walsh es alleine und ohne Finanzierung erst recht nicht fertigstellen können. Dementsprechend wurde am 03. Februar 2021 eine Sammelklage eingereicht, die Soulbound Studios endgültig dazu zwang, vor Gericht zu ziehen.
Während die entsprechenden juristischen Räder in Bewegung gesetzt wurden, wurde kurz darauf, am 18. Februar 2021, angekündigt, dass Soulbound Studios das bereits im März 2020 angedeutete neue Projekt "Kingdoms of Elyria" in Spielerhände geben wolle. Kingdoms of Elyria stellt laut Walsh die Königreichs-Management-Komponente von CoE dar und soll nun auch als Standalone-Spiel, genannt "Kindoms of Elyria: Domains", erscheinen.
Das Versprechen umfasst dabei auch "Kingdoms of Elyria: Online", welches 5.000 Spieler pro Server in einem persistenten Grand-Strategy-4X-MMO bieten und zeitgleich mit der Alpha von KoE: Domains erscheinen soll. Vom CEO wurde das Spiel damals als "Massive Multiplayer Grand Strategy Game mit Offline-Modus" bezeichnet. Zur Erinnerung: Walsh programmiert aktuell immer noch alleine und in seiner Freizeit an dem Projekt. Von einem MMORPG ist weit und breit nicht zu sehen.
Nun wird es besonders interessant, denn bereits nach den ersten paar Ingame-Videos war mit einhundertprozentiger Sicherheit klar, dass es sich bei Kingdoms of Elyria (dem Strategietitel) um ein Unity-basierendes Spiel handelte - und zwar, weil alle Assets unverändert aus dem Unity-Store übernommen wurden!
Quelle: Soulbound Studios
Obwohl fast alle Kommunikationsmöglichkeiten seit mehr als einem Jahr immer noch deaktiviert sind, wird ein PR-Team angeheuert, um Walsh „von seiner besten Seite“ zu zeigen.
Das zeugt nicht nur davon, dass Soulbound Studios mit der Situation völlig überfordert waren und sind und auf vorgefertigte Assets zurückgreifen müssen; es ist außerdem extrem grenzwertig, weil Chronicles of Elyria (das MMORPG) in der Unreal Engine 4 programmiert wird. Laut Jeromy Walsh stelle ein Fortschritt in KoE gleichzeitig Fortschritt in CoE dar. Das ist sehr seltsam, denn UE4 und Unity benutzen sowohl unterschiedliche APIs als auch unterschiedliche Codesprachen: Unity basiert auf C#, während UE4 C++ nutzt.
Und bevor ihr fragt: Ja, die beiden Sprachen ähneln sich zwar. Aber nein, sie sind nicht miteinander kompatibel. Alles, was in C# kreiert wird, müsste für C++ umgeschrieben werden. Nun stellen sich uns zwei Fragen. Erstens: Warum werden, Jahre nachdem das Spiel erscheinen sollte, die Grafikengine und die Programmiersprache umgestellt?
Zweitens: Wenn doch alles miteinander kompatibel sein soll, warum werden dann Standard-Assets aus dem Unity-Store benutzt? Wenn wir Walsh (und vor allem den bisher veröffentlichten Videos) Glauben schenken, bestehen doch bereits eine Menge selbsterstellter Assets, die in diesem Fall ohne Probleme in Kingdoms of Elyria verwendet werden können müssten.
Wir fassen zusammen: Soulbound Studios wird verklagt und zwei Wochen später wird ein schnell in der Unity-Engine zusammengewürfeltes Strategiespiel angekündigt das, wenn überhaupt, nur am Rande etwas mit dem versprochenen MMORPG zu tun hat. Wir haben es in den vorhergehenden Scam-MMO-Reportagen bereits erwähnt, und nun wiederholen wir es in leicht abgeänderter Form: So sieht es aus, wenn sich jemand absichern will, nachdem er seinen Anwalt zurate gezogen hat.
Quelle: Soulbound Studios
Soulbound Studios hatte das Zeug zu einem guten Entwickler – wenn sich das Studio mit Chronicles of Elyria nicht absolut hoffnungslos übernommen hätte.
Es gibt kein Spiel in der UE4-Engine. Was ihr hier seht, ist ein Versuch, die eigene Position vor Gericht zu stärken. Indem Walsh behauptet, dass Kingdoms of Elyria schon immer ein essenzieller Teil des Grundspiels war, kann er seinen Kritikern ein echtes Spiel unter die Nase halten und behaupten, dass er seinen Verpflichtungen nachkommen würde. Dies war der Zeitpunkt, an dem Chronicles of Elyria unserer Meinung nach die Schwelle von grobem Missmanagement und Unwissen hin zu einem echten Scam überschritten hat. Doch es sollte noch sehr viel schlimmer kommen.
Juni 2021: Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten neben Jeromy Walsh vier weitere Personen an Kingdoms of Elyria, davon zwei Softwareingenieure; News zu Chronicles of Elyria nahmen indes immer weiter ab. Fast alle der im März 2020 abgeschalteten Kommunikationsmöglichkeiten waren mehr als ein Jahr später immer noch deaktiviert.
Nur auf dem schwer überwachten Discord gab es ab sofort wieder Kontakt zur Community, weil die Kommentarsektion auf YouTube zu kurieren eine "zu große Aufgabe" sei - trotz der Tatsache, dass Walsh offensichtlich ein "Social Media-Team" bezahlte, das ihm dabei helfen sollte, "ihn von seiner besten Seite zu zeigen".
Quelle: Soulbound Studios
Das im Jahr 2016 angekündigte MMORPG hätten wir auch dann gespielt, wenn es nur die Hälfte der Features hätte. Ähnlich wie No Man's Sky wurde Chronicles of Elyria seine eigene Vision zu einem unentrinnbaren Gefängnis. Im Gegensatz zu No Man's Sky wird es hier aber keine Erlösungs-Story geben.
Am 07. Juli 2021 landete die Alpha Kindoms of Elyrias in den Händen der Spieler. Unterstützer erhielten "in abnehmender Reihenfolge ihres Einflusses" Zugriff auf den Client. Übersetzt bedeutet das, dass Spieler, die im Discord unauffällig waren und keine Kritik äußerten, auch früher spielen durften.
Das mitgelieferte Dokument samt der Endnutzervereinbarung waren jedoch so absurd formuliert, dass die Spieler Walsh öffentlich zur Rede stellten. Unter anderem enthielt das Dokument ein "erzwungenes Schiedsverfahren", laut dem der Spieler alle Kritik, die zu einem Verfahren führen könnte, als vor Gericht haltlos und damit das erste rechtskräftige Urteil akzeptieren würde.
Weitere "Highlights" der EULA verboten den Spielern außerdem die Aufstellung von Sammelklagen und die Veröffentlichung von Screenshots oder Videos - unter der Androhung, aus allen folgenden Early-Access-Aktionen sofort und unwiederbringlich ausgeschlossen zu werden.
Außerdem wollen wir euch die folgende komödiantische Meisterleistung nicht vorenthalten. Wir zitieren: "Obwohl das Studio beabsichtigt, eine kommerzielle Version des Spiels einzuführen, erkennen Sie an, dass das Studio nicht verpflichtet ist, das Spiel oder ein ähnliches Produkt zu veröffentlichen." Uff.
Solltet ihr nach der Lektüre dieser Endbenutzer-Lizenzvereinbarung euer Geld zurückverlangen, rasselt ihr sofort in den nächsten Passus: "Aus all den oben genannten Gründen werden keine Rückerstattungen gewährt, außer in extremen, lebensverändernden Situationen. Dies kann das Ergebnis von Arbeitsplatzverlust, Todesfällen, Geburten, Naturkatastrophen, medizinischen Notfällen usw. sein. In diesen Fällen arbeiten wir von Fall zu Fall mit Geldgebern zusammen."
Nicht nur, dass erst ein Vulkan ausbrechen muss, damit ihr euer Geld zurückerhaltet - hinzukommt, dass diese Zeilen frecherweise mitten in einer Pandemie in der EULA landeten. Wir fassen zusammen: Sobald ihr das Dokument akzeptiert, verzichtet ihr auf eine Rückerstattung, auf ein Spiel, auf ein Verfahren und auf eine Sammelklage.
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