Scam-MMOs: Chronicles of Elyria - Die unendliche Geschichte - Seite 4
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Chronicles of Elyria versprach seinen Spielern die Welt - und lässt sie inzwischen acht Jahre lang warten. Wir beleuchten einen der ältesten MMO-Scams.
Noch interessanter war das "Searing-Plague-Event", bei dem jeder, der bereits ein Pledge-Paket erworben hatte, als "rein" galt, während Accounts ohne Investition als "verseucht" galten. Die Möglichkeit, sich Unterstützer-Pakete zu verdienen, sowie die Einbindung der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" waren löblich ... Die Tatsache, dass die vorher angesprochenen Echtgeld-Gegenstände starke Event-Boni gaben, eher nicht.
Es ist rückblickend sehr wahrscheinlich, dass das Projekt zum Ende des Jahres 2018 bereits stark aus dem Ruder gelaufen und unternehmensintern klar war, dass es so nicht weiterging. Spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem ein im Aufbau befindliches Crowdfunding-Projekt seine Außenkommunikation durch Events und Shop-Gegenstände ersetzt, sollte auch der optimistischste Spieler hellhörig werden. Auch, wenn Verspätungen in der Spielebranche gang und gäbe sind, ist ein kompletter Tausch des Backends durch einen nicht näher definierten Ersatz ein klares Zeichen für grundlegendes Missmanagement und eine fehlende Erfahrung im Bereich des MMORPG-Genres. Selbst zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch immer noch Fans, die mit Begeisterung bei der Sache waren und ihre Wunschvorstellung von einem Onlinerollenspiel mit Herz und Konsequenzen nicht aufgeben wollten.
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- Seite 8 Bildergalerie
Quelle: Soulbound Studios
Mitte des Jahres 2017 gibt Walsh zum ersten Mal zu, dass die Entwicklung nicht gut voranschreitet und die Kommunikation zu wünschen übriglässt.
Damit kommen wir zu der zweiten Phase der emotionalen Scam-Bindung: Die berühmte "Sunk Cost Fallacy" oder der "Fehlschluss der irreversiblen Kosten" lässt euch eine monetäre oder emotionale Investition selbst dann noch verfolgen, wenn die Kosten den Nutzen bei Weitem übersteigen.
Scam-MMOs sind hier besonders heimtückisch, denn sie sind ein perfektes Werkzeug, um euch sowohl beim Geld als auch bei euren Emotionen zu packen: "Wenn sie mehr Geld bekommen, schaffen sie es noch" kombiniert sich in den Köpfen der Opfer mit "das habe ich mir immer gewünscht". Die "Commitment Bias" schließlich lässt euch einen einmal eingeschlagenen Kurs nicht mehr korrigieren, auch, wenn die Fakten eindeutig dagegen sprechen.
Eure eigenen Erwartungen halten euch in diesem Fall sehr effizient in Geiselhaft, indem ihr euch selbst einredet, dass ihr "aufgeben" würdet, wenn ihr dem Projekt den Rücken zuwendet. Um eines klar zu stellen: Wenn ihr spürt, dass es mit einem Projekt oder einer Investition nicht mit rechten Dingen zugeht, dann holt die Meinung Dritter ein - und nehmt ihre Kritik an eurem Lieblingsprojekt nicht persönlich. Vertraut eurer Intuition.
Die folgenden Jahre bewiesen, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Walshs Konzept mit der Realität kollidieren würde.
Die Jahre 2019 bis 2020: Katastrophale Zustände
Quelle: Soulbound Studios
Kein Spiel, keine Sammelklage, keine Rückerstattung. Wenn euch nun schwindlig wird: Selbst MMO-Titanen wie Activision/Blizzard sind in ihren EULA deutlich vorsichtiger, was die Formulierung angeht.
Der 6 September 2019 war der Zeitpunkt, an dem die Vorstellung eines Traum-MMORPGs in den Köpfen der meisten Spieler wie ein Kartenhaus einstürzte: Die ersten "echten" Gameplay-Szenen wurden veröffentlicht. Was hier zu sehen war, hatte mit der grafischen Qualität aus den ersten Videos nichts mehr zu tun.
Anstelle der gewohnten einfachen, aber soliden Grafik sahen Spieler etwas, das wie die Alpha eines Playstation-1-Spiels wirkte: Hölzerne Spielfiguren mit rudimentären Texturen stotterten durch eine Welt, die kaum die ersten Everquest-Trailer aus dem Jahr 1998 übertraf. Nicht einmal das Spielinterface sah aus, als ob einer der Angestellten mehr als eine halbe Stunde darauf verwendet hätte - ganz zu schweigen von dem konzeptuell so wichtigen Dialoginterface.
Die Spieler waren zurecht wütend und begannen zum ersten Mal, das Wort "Scam" in den Mund zu nehmen. Chronicles of Elyria hatte sein versprochenes Erscheinungsdatum zu diesem Zeitpunkt bereits um mehr als zwei Jahre verfehlt und seine auf Kickstarter angegebenes Budget um mehr als das Achtfache erhöht.
Eine gute Nachricht haben wir jedoch für euch: Der eingangs erwähnte Mitgründer und Konzept-Künstler Eddie Smith trennte sich im Zuge dieser Enthüllungen von Soulbound Studios und arbeitete eine Zeit lang als Freelancer, bevor er im Jahr 2021 eine Anstellung als Senior Concept Artist bei niemand geringerem als dem berühmten D&D-Verlag Wizards of the Coast antrat. Wir beglückwünschen Eddie zu dieser rückblickend sehr guten Entscheidung.
Im Dezember 2019 begann der "Settlers of Elyria"-Event, bei dem Spieler vor der anstehenden Pre-Alpha 45 Tage lang Land im Spiel kaufen konnten. Die Preise für die Grundstücke begannen bei 65 Dollar und endeten bei einem Kleinkönigreich für stolze 3.500 Dollar. Bedenkt bei alledem, dass es sich bis heute um virtuelles Land in einem internen Pre-Alpha-MMORPG handelt, das bisher von keinem einzigen Spieler betreten wurde.
Quelle: Soulbound Studios
Nach Einreichung der Sammelklage erschien als Ersatzprojekt sehr schnell das Strategiespiel „Kingdoms of Elyria“ auf der Bildfläche – auch wenn die Spieler nichts davon wissen wollten.
Auch die immer stärkeren FOMO-Elemente in der Verkaufsstrategie von Soulbound Studios wurden mit dem Event mehr als offensichtlich, denn zusätzlich zum Druck durch zeitliche Begrenzung gab es auch "NPCs", die Land aufkauften, wenn der Spieler mit seinem Kauf zu lange zögerte. In klares Deutsch übersetzt bestand das Event in Endeffekt daraus, auf einer verzierten Shop-Seite so schnell wie möglich eine Menge Geld auszugeben.
Und nicht nur das: Kurze Zeit darauf brach das gesamte Interface inklusive des Shops in sich zusammen, sodass der Event gar nicht erst stattfinden konnte. Im März 2020 kehrte der Event ein weiteres Mal zurück - diesmal jedoch nach enormen Beschwerden seitens der Spieler ohne die Möglichkeit, ein Königreich für 3.500 Dollar zu erstehen.
Wenig später lieferte Soulbound Studios am 20. März 2020 tatsächlich eine Pre-Alpha an alle Backer aus - diese bestand jedoch aus etwas, das auf der Website als "Trial of the Tested" bezeichnet wurde. Anstelle einer MMORPG-Alpha erhielten die Spieler einen fünfminütigen Hindernisparcours, der auf der Website Features wie "Laufen" und "Springen" aufwies.
Quelle: Soulbound Studios
Oben seht ihr Kingdoms of Elyria, unten seht ihr das „Medieval Village Kit Bundle“ aus dem Unity-Store. Fällt euch etwas auf? Wo sind die versprochenen Assets aus Chronicles of Elyria und warum wird mit einem Mal die Unity Engine anstatt UE4 verwendet.
Das NDA (Non Disclosure Agreement) verbot Nutzern das Teilen von Screenshots, Videomaterial und allen anderen Spielinhalten. Was explizit nicht verboten war, war die Aktivierung der Discord-Einbindung - die damit anzeigte, das der Nutzer aktuell "Chronicles of Elyria" spielte.
Überraschend kündige Soulbound Studios fünf Tage später praktisch über Nacht an, dass der Onlinestore geschlossen, die "Settlers of Elyria"-Karte abgeschaltet und alle Angestellten entlassen würden. Jede Entwicklung an dem Projekt wurde eingestellt, obwohl das Studio erst zwei Wochen zuvor mit dem "Settlers of Elyria"-Event noch bereitwillig Finanzierungen entgegengenommen hatte.
Walsh sprach nun in einem Newspost davon, dass er bereits Anfang des Jahres vom desolaten finanziellen Zustand des Projektes gewusst hatte. Was folgte, was ein seltsamer Blog-Abschnitt über den "griechischen Monomythos", Elyrias "Weg in den Abgrund" und anstehende "Metamorphose und Sühne".
Interessanterweise lasen Unterstützer in diesem Post nichts von einer Schließung des Studios - was Walsh aber einen Tag später in einem Twitter-Post explizit bestätigte. Trotzdem versprach Walsh, dass die nun arbeitslosen Entwickler (Mitten in der Pandemie, wohlgemerkt), in ihrer freien Zeit weiter an dem Spiel arbeiten und ihren Backern ein anderes Spiel im selben Universum bieten würden: Kingdoms of Elyria.
Laut Walsh war Covid-19 zu einem guten Teil Schuld daran, dass das Spiel gefloppt sei. Weil überall auf der Welt die Wirtschaft leiden würde, hätte er auf weiteres Crowdfunding verzichtet, sodass "Spieler Spiele spielen können, die tatsächlich fertig sind [...] oder ihr Geld für Essen und ein Dach über dem Kopf ausgeben können.
"Die Reaktion der Spieler fiel erwartungsgemäß katastrophal aus, sodass Walsh alle Möglichkeiten entfernte, mit Soulbound Studios in Kontakt zu treten, also etwa die Accounts auf Discord, Reddit und Youtube. Kurz darauf wurden, trotz gegenteiligen Versprechens, die Soulbound-Foren gesperrt und alle Threads nach dem 24. März 2020 entfernt, um die Diskussion "auf das Spiel und seine Entwicklung zu beschränken.
"Die Community organisierte sich schnell und stellte einen privaten Discord auf die Beine, in dem sich die Spieler absprachen, um eine Sammelklage auf die Beine zu stellen. Soulbound Studios, das zu diesem Zeitpunk nur aus Jeromy Walsh bestand, reagierte schnell: Nachdem sich die Neuigkeiten über die Sammelklage verbreiteten, tauchte Anfang April 2020 ein Statement auf der Website von Chronicles of Elyria auf.
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