Komm in die Gänge! Viele Spiele werden erst spät gut, und genau das ist ihr Problem

Kolumne Annika Menzel
Komm in die Gänge! Viele Spiele werden erst spät gut, und genau das ist ihr Problem
Quelle: buffed

Ein Spiel muss direkt zu Beginn überzeugen, sonst kann es bei der Flut an guten Neuerscheinungen nicht mithalten. Redakteurin Anni erklärt in ihrer Kolumne, warum das Pacing für einen guten Start so entscheidend ist.

Was lange währt, wird endlich gut - sofern man nicht auf dem Weg dahin die Geduld verliert. Der erste Eindruck ist schließlich am wichtigsten: Wir entscheiden nicht nur innerhalb von Sekundenbruchteilen, ob uns jemand sympathisch ist oder nicht. Auch Spiele müssen schon direkt beim Einstieg überzeugen, sonst verschwinden sie schnell wieder vom Radar, selbst wenn sie noch richtig gut werden sollen.

Trotzdem schaffen es viele einfach nicht, mit dem richtigen Pacing zu starten. Die Konsequenz: Ich habe schon einige Spiele verpasst, die mir vermutlich gut gefallen hätten. Und das nur, weil sie mich schon verloren haben, bevor es überhaupt losgegangen ist.

Langsamer Start

So wie jeder seine Präferenzen für Genre, Artstyle und Vertonung hat, so liegt ein guter Spieleinstieg auch im Auge des Betrachters. Manche wollen langsam in ein neues Abenteuer starten und sich erst mal an das Setting, die Charaktere und die Hintergründe der Handlung gewöhnen. Andere - und da zähle ich nun mal zu - wollen sich möglichst schnell mitten ins Getümmel stürzen.

Trotzdem kommt es natürlich darauf an, womit wir es genau zu tun haben. Bei einem Spiel, das unzählige Stunden an Story oder ein komplexes Kampfsystem zu bieten hat, lässt sich natürlich nicht innerhalb von wenigen Minuten alles in verdaulichen Häppchen erklären. Da ist es völlig klar, dass der Einstieg etwas umfangreicher ausfallen muss als bei einem kurzen, leichter verständlichen Abenteuer.

Zweimal habe ich mich schon nach Böhmen gewagt, doch beide Male blieb Kingdom Come: Deliverance liegen. Seitdem überlege ich, eher dem zweiten Teil eine Chance zu geben, statt es ein drittes Mal zu probieren. Quelle: PCGH Zweimal habe ich mich schon nach Böhmen gewagt, doch beide Male blieb Kingdom Come: Deliverance liegen. Seitdem überlege ich, eher dem zweiten Teil eine Chance zu geben, statt es ein drittes Mal zu probieren. Worauf kommt es also genau an? Für mich zeichnet sich ein guter Spielstart dadurch aus, dass das Pacing auf die gesamte Spielerfahrung abgestimmt ist. Im Idealfall werde ich mit den wichtigsten Infos vertraut gemacht und kurz darauf auf die Welt losgelassen. Schließlich möchte ich mich mit den Gameplay-Mechaniken austoben und nicht erst einen ganzen Abend in Cutscenes und Dialogen festhängen. Und wenn ihr mich schon aufhalten wollt, liebe Entwickler, dann lasst wenigstens eine Karotte vor meiner Nase baumeln.

Es gibt mittlerweile eine riesige Auswahl an interessanten Spielen. Schon jetzt sind es mehr, als ich jemals in meinem Leben spielen kann, und ständig kommen neue spannende Sachen dazu. Es reicht also nicht, wenn ich von Kollegen, Freunden oder anderen Spielern eingetrichtert bekomme, dass es nach ein paar Stunden irgendwann richtig gut wird, wenn das Spiel mir nicht selbst die Anreize gibt. Dafür ist die Ablenkung durch Alternativen mittlerweile viel zu groß.

Ein Kandidat, an dem ich leider scheitere, ist zum Beispiel Kingdom Come: Deliverance. Ich habe schon zweimal damit angefangen, einmal auf der Konsole und einmal auf dem PC. Aber beide Male blieb das Spiel nach wenigen Stunden links liegen, weil es mir nicht schnell genug ging. Ich habe von so vielen spannenden Quests und Storyabschnitten gehört, derentwegen ich die beiden Teile unbedingt spielen möchte. Doch ich komme bisher einfach nicht über den Anfang hinaus.

Heinrich lässt es zu Beginn nämlich sehr gemächlich angehen: ein paar Besorgungen für den Vater, zwischendurch mit der Angebeteten schäkern und Unsinn mit den Jungs bauen ... und die ersten zaghaften Kampfübungen fallen auch sehr gemächlich aus. Diese friedliche Welt geht zwar schnell den Bach runter, aber bis ich mit dem eigentlichen Spiel so richtig starten darf, vergehen mehrere Stunden.

Versteht mich nicht falsch, das macht das Spiel nicht schlecht. Aber für mich fühlt sich so etwas schnell an, als würde man mich künstlich zurückhalten wollen und die Atmosphäre statt des Gameplays in den Vordergrund rücken. Die ist zwar auch wichtig, aber ich möchte schließlich spielen und keinen interaktiven Film anschauen.

Um mich davon abzuhalten, vorschnell das Weite zu suchen, braucht es also genug Anreize als Vorgeschmack auf die folgenden Stunden. Lasst mich also schon früh in Mechaniken reinschnuppern, die erst später relevant werden, aber unterbrecht mich dabei nicht im JRPG-Stil alle zwei Schritte mit der nächsten Tutorialbox.

Resident Evil Requiem geht, genau wie bei der Mischung aus Horror und Action, genau den richtigen Mittelweg: Es gibt zu Beginn einen Vorgeschmack auf das Spiel und die Hintergrundgeschichte, ohne lange aufzuhalten. Quelle: PC Games Resident Evil Requiem geht, genau wie bei der Mischung aus Horror und Action, genau den richtigen Mittelweg: Es gibt zu Beginn einen Vorgeschmack auf das Spiel und die Hintergrundgeschichte, ohne lange aufzuhalten. Ich muss zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollends verstehen, wie jedes einfache Feature im Detail funktioniert. Stattdessen möchte ich einen guten Eindruck davon bekommen, ob sich das Dranbleiben lohnt oder ich woanders doch besser aufgehoben wäre.

Resident Evil Requiem hat das zum Beispiel für mich optimal gelöst: Innerhalb von einer Dreiviertelstunde bin ich zum echten Start des Spiels vorgedrungen, durfte vorher aber schon eine unheimliche Passage mit Grace überstehen und sogar mit Leon rumballern.

Zwar beides nur kurz, aber es war der perfekte Vorgeschmack auf das, was da später noch kommt - ohne ausschweifend zu werden, aber auch ohne zu überfordern. Da hatte mich das Spiel direkt am Haken, und das, obwohl ich bisher nur wenige Berührungspunkte mit Horror hatte - muss man auch erst mal schaffen!

Vielspielermodus statt Tutorialflut

Ein weiteres Problem, für das weder die Spiele noch die Entwickler etwas können, beschäftigt mich in letzter Zeit zunehmend: Je mehr ich spiele, desto ungeduldiger werde ich mit den Einstiegen. Wenn mir jedes Werk zu Beginn zunächst erklären möchte, wie ich meinen Charakter nach vorn bewegen und die Kamera drehen kann, obwohl ich das seit mehr als 20 Jahren mache, sorgt das schnell für ein genervtes Augenrollen.

Ein Beispiel für einen langsamen Start ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Assassin's Creed: Valhalla. Nach etwa sieben Stunden prangte der Titel auf dem Bildschirm und das Spiel ging richtig los. Quelle: Ubisoft Ein Beispiel für einen langsamen Start ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben: Assassin's Creed: Valhalla. Nach etwa sieben Stunden prangte der Titel auf dem Bildschirm und das Spiel ging richtig los. Besonders bei Genres, in denen ich mich auskenne, müssen mir die Basisfunktionen nicht jedes Mal neu vorgekaut werden. Da reichen die fürs Spiel besonderen Manöver völlig aus. Weglassen kann man diese grundlegenden Tutorials aber nun auch nicht einfach. Schließlich gibt es genug Spieler, die nicht so oft Zeit zum Zocken haben, vom Controller zu Maus und Tastatur wechseln, oder sich vielleicht sogar schwer mit der Bedienung im Allgemeinen tun.

Deshalb wünsche ich mir öfter eine Art Vielspielermodus, der mir nur die wichtigsten spezifischen Dinge mit auf den Weg gibt. Oder alternativ ein optionales Tutorial, in dem man sich an die Steuerung gewöhnen kann, ohne dass es direkt mit der Story losgeht, damit ich das einfach überspringen kann. Vieles ist aber sicher auch Geschmackssache: Wer am liebsten Hunderte Stunden in Rollenspielen verbringt, hat vermutlich kein Problem mit einem eher langsamen Einstieg.

Aber bei Spielern wie mir, die schnell richtig loslegen wollen und lieber viele verschiedene Sachen hintereinander als einen großen Titel spielen, sind der Spielstart und vor allem das Pacing zu Beginn ausschlaggebend dafür, ob man dem Werk eine Chance gibt oder nicht. Und genau das ist bei der heutigen Flut an Spielen entscheidender denn je.

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