Somerville im Test: Enttäuschendes Sci-Fi-Drama auf den Spuren von Inside
Test
Somerville war jahrelang in Entwicklung, die Trailer sahen fantastisch aus. Doch auf Vorfreude folgt Ernüchterung: Im Review zeigt das Indie-Abenteuer zwar gute Ansätze und schöne Kulissen, ächzt aber auch unter hakeligem Gameplay und fragwürdigen Designentscheidungen. UPDATE: Jetzt mit Test-Video!
Es sind große Erwartungen, die Somerville in seinen ersten Spielminuten weckt. Keine Dialoge, keine Erklärungen, allein die stimmungsvollen Bilder transportieren die Handlung. Alles beginnt in einem abgeschiedenen Landhaus. Wir sehen eine kleine Familie, die gerade friedlich vor dem Fernseher eingeschlafen ist. Doch das Idyll hält nicht lange: Bunte Blitze durchzucken den Nachthimmel, bizarre Konstrukte donnern wie Speere auf die Erde herab und brechen durchs Dach - eine Alien-Invasion? Dritter Weltkrieg? Göttlicher Zorn? Was es auch ist, die Familie wird auseinandergerissen und die Menschheit, so scheint es, stürzt ins Chaos. Ein spannender Auftakt, der uns richtig mitfiebern lässt! Der verzweifelte Vater macht sich nun auf die Suche nach seiner Familie und bahnt sich vier bis sechs Stunden lang seinen Weg durch eine gottverlassene Welt. So beginnt das stille Abenteuer, und mit ihm auch seine Probleme.
Somerville ist eine Mischung aus Puzzle-Plattformer und Walking Simulator, der Schwerpunkt liegt klar auf der Story. Ihr werdet laufen und laufen, meistens geht es schnurstracks nach links. So erkundet ihr gespenstische Kulissen, in denen von anderen Menschen jede Spur zu fehlen scheint. Das ist anfangs richtig sehenswert, wenn man etwa durch die verlassenen Zeltlager eines Musikfestivals stapft, auch weil es viele Fragen aufwirft: Was ist hier nur geschehen? Wo sind all die Leute hin? Und was sind das für kugelförmige Roboter, die uns immer wieder begegnen? Leider wird das Krieg-der-Welten-Potenzial nie ganz ausgeschöpft, auch weil uns Somerville viel zu lange durch beliebige Wälder, Felder und Minenanlagen scheucht, in denen die Handlung praktisch zum Erliegen kommt.
Update: Hier findet ihr nun auch unseren Video-Test zu Somerville.
Stolpernd in den Weltuntergang
Immerhin sind die meisten Kulissen ansehnlich, der schlichte Grafikstil lebt von interessanten Perspektiven und einer stimmungsvollen Beleuchtung. Eine automatische Kamera fängt das Geschehen filmartig ein, doch genau das ist auch ein Problem. Oft ist Kamera einfach zu weit weg vom Geschehen oder macht die Kontrolle des Helden unnötig mühsam. Denn Somerville erinnert zwar an 2D-Abenteuer wie Inside, unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt: Ihr dürft euren Helden in alle vier Richtungen lenken und so auch die Tiefe des Raumes bewegen. Wo ihr in Inside über eine Kiste springen musstet, könnt ihr hier also einfach daran vorbeigehen. Das ist allerdings mehr Fluch als Segen, da wir oft nicht auf Anhieb erkennen, mit welchen Objekten wir interagieren können oder wohin wir gehen sollen. Gerade in den dunklen Minenabschnitten sind wir mehr als einmal ziellos durch den Raum geirrt, bis wir rein zufällig den Ausgang fanden.
Quelle: Jumpship
Versteckspiel: Der riesige Lichtkegel ist für unseren Helden tödlich.
Das unausgeglichene Tempo sorgt für zusätzlichen Frust. In manchen Szenen joggt der Vater noch halbwegs zügig durchs Bild, in anderen schlurft er aber wieder grässlich langsam vor sich hin - das macht das Erkunden unnötig zäh. Besonders in den gelegentlichen Verfolgungssequenzen, in denen man vor bedrohlichen Lichtkegeln oder tödlichen Jägern flüchten muss, machen sich die Probleme bemerkbar: Die cineastische Kamera, die zähe Figurensteuerung und die schwer lesbaren Kulissen sorgen mehrmals dafür, dass unser Vater den Löffel abgibt, selbst wenn man die Sequenz eigentlich schon kapiert hat. Doch selbst das wäre noch kein Problem, hätte man nur die Checkpoints so fair gesetzt wie in Inside - doch leider muss man oft mehr Gameplay wiederholen, als einem lieb ist.
