Pokemon-Legenden: Arceus im Test - Hoffnungsträger mit Abstrichen
Test
Pokémon-Legenden: Arceus verspricht große, offene Gebiete, eine lebendige Flora und Fauna und jede Menge Sammelspaß. Mit dem neuen Teil entfernt sich Game Freak endlich von der altbekannten Pokémon-Formel und schlägt neue Wege ein. Ob der neue Gameplay-Loop zündet oder katastrophal in Flammen aufgeht, klärt unser Test.
Sieht man einmal von den nostalgiegeprägten Wünschen der Fans für die bisher erschienenen Neuauflagen ab, dürfte Pokémon-Legenden: Arceus wohl der Titel sein, der in der Geschichte von Pokémon die größten Erwartungen schürte. Endlich eine offene Welt, endlich weg von der zwar geliebten, aber mittlerweile doch etwas altbackenen Pokémon-Formel.
Und Game Freaks Wagnis hat sich ausgezahlt, denn Legenden: Arceus kann sich sehen lassen - wenn auch nicht in jeder Hinsicht.
Trailer und Marketing deuteten bereits an, worauf Fans seit Langem hofften: Pokémon-Legenden: Arceus stellt die bisherige Formel der Reihe gehörig auf den Kopf. Ihr zieht nicht mehr von Stadt zu Stadt, sammelt Arenaorden und fordert den Champion heraus, um der beste Trainer der Region zu werden.
Stattdessen erkundet ihr die Weiten von Hisui und widmet euch ganz und gar der Erforschung der dort lebenden Pokémon. Euer Hauptziel dieses Mal: die Vervollständigung des allerersten Pokédex!
Ganz mag man sich aber nicht von liebgewonnenen Traditionen lösen und so werdet ihr zu Beginn eures Abenteuers von Professor Laven vor die Starter-Wahl gestellt, bei der ihr euch eines von drei Pokémon aussuchen müsst.
In diesem Artikel
Wie immer steht dabei jeweils eines vom Typ Pflanze, Feuer und Wasser zur Verfügung. Statt drei neuen Taschenmonstern warten dieses Mal allerdings bereits bekannte Pokémon aus alten Generationen auf euch: Feurigel aus Gold, Silber und Kristall, Ottaro aus Schwarz und Weiß sowie Bauz aus Sonne und Mond.
Das Missionslager Jubeldorf
Quelle: PC Games
Alle Experimente in Ehren, aber von der geliebten Starterwahl können auch wir uns nicht trennen. Dieses Mal sind die verfügbaren Pokémon allerdings bereits bekannt.
Habt ihr die schwierige Entscheidung hinter euch gebracht, dürft ihr erst einmal Jubeldorf erkunden. Dabei handelt es sich nicht nur um die einzige Bastion der Menschheit in der sonst vollkommen von Natur dominierten Hisui-Region, sondern auch um euer Basislager, in dem ihr auf eurem Abenteuer das Vorgehen plant und euch auf Missionen vorbereitet.
Denn Pokémon-Legenden: Arceus verwendet ein Missionssystem, das dem von Monster Hunter World nicht unähnlich ist: Statt aus Jubeldorf heraus in die Wildnis zu marschieren, wählt ihr beim Torwächter ein Gebiet der Hisui-Region, in das ihr dann über einen Ladebildschirm reist.
Hauptmissionen bringen euch in der Geschichte voran, während Nebenmissionen optional sind, euch aber mit Gegenständen und anderen Boni belohnen. Die meisten davon sind jedoch typische Fetch-Quests: Ihr müsst Pokédex-Einträge vervollständigen, bestimmte Pokémon fangen oder Gegenstände sammeln.
Quelle: PC Games
Viele NPCs in Jubeldorf haben kleinere Aufträge für euch, die ihr spielend leicht nebenbei erledigen könnt. Oft winkt eine angemessene Belohnung in Form von praktischen Gegenständen.
Einen Unterschied zu Monster Hunter gibt es allerdings: Habt ihr eine Mission erledigt, werdet ihr nicht automatisch zurück nach Jubeldorf gebracht, sondern könnt ungezwungen weiter die Wildnis erkunden. Damit euch dabei nicht die Puste ausgeht, findet ihr in jedem Gebiet eine oder mehrere Basen, bei denen ihr eure Pokémon verwalten, euch ausruhen sowie Items kaufen könnt. Hier verweilt auch Professor Laven, der begierig darauf wartet, von eurem Pokédex-Fortschritt zu erfahren und euch angemessen für die Ergebnisse zu entlohnen.
Damit ihr für die unbarmherzige Flora und Fauna von Hisui bestens ausgerüstet seid, lohnt ein Blick auf die verschiedenen Einrichtungen von Jubeldorf. Dort findet ihr nicht nur den Hauptsitz der Galaktik-Expedition, sondern auch den Gemischtwaren- und den Handwerksladen, wo ihr viele hilfreiche Gegenstände erwerben könnt.
Um die Missionen so stylisch wie möglich zu bestreiten, solltet ihr außerdem dem Friseursalon und der Schneiderei einen Besuch abstatten. Dort könnt ihr eure Kleidung, Haarfarbe und Frisur gegen eine geringe Gebühr frei nach euren Wünschen anpassen.
Quelle: PC Games
Jubeldorf ist nicht nur ein beschauliches Örtchen zum Verschnaufen, hier deckt ihr euch auch mit neuen Gegenständen und coolen Klamotten ein, bevor es wieder auf die Pirsch geht.
Neben dem Acker und der Pokémon-Weide erwartet euch in Jubeldorf obendrein die Tauschbörse, bei der ihr mit anderen Spielern eure gefangenen Taschenmonster tauschen könnt. Zu guter Letzt gibt es dann noch den Übungsplatz, auf dem ihr im Austausch gegen eine Handvoll Pokédollar jedem eurer Pokémon neue Attacken beibringen könnt.
Sehr praktisch, um früh die Movesets eurer Teammitglieder zu erweitern, bei denen ihr in Legenden: Arceus nun zudem jederzeit zwischen allen verfügbaren Attacken eines Pokémon hin- und herwechseln könnt.
Gotta Catch 'Em All!
Quelle: PC Games
Die meisten Taschenmonster können zwar durch einfaches Ballwerfen gefangen werden, für einige müsst ihr dann aber doch einen klassischen Kampf austragen und das Pokémon schwächen.
Wenn ihr mit eurer Besichtigung von Jubeldorf fertig seid, geht es natürlich hinaus in die weite Welt von Legenden: Arceus. Nach dem gewohnt Tutorial-lastigen Anfang könnt ihr das erste große Gebiet namens Obsidian-Grasland bereits unbeschwert erkunden.
Weitere Biome schaltet ihr dann im Verlauf der Geschichte frei, wobei sich die allesamt angenehm unterschiedlich anfühlen: Neben grünen Feldern und Hügeln warten auch Sumpflandschaften, Küstenstreifen und Eiswüsten in der Hisui-Region auf euch.
Hier in der Wildnis verbringt ihr die meiste Zeit eures Abenteuers, erkundet jede noch so versteckte Ecke und fangt Pokémon, was das Zeug hält, schließlich füllt sich der Pokédex nicht von selbst. Im Gegensatz zu den alten Spielen müsst ihr für einen erfolgreichen Fang aber keinen Kampf mehr auslösen, sondern könnt beim Laufen durch die Welt alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist, mit einem Pokéball bewerfen.
Quelle: PC Games
Ihr könnt Pokébälle zwar nach wie vor bei Händlern kaufen, selber welche herzustellen ist jedoch deutlich kostengünstiger und dank des Crafting-Systems das reinste Kinderspiel.
Um den Pokédex-Eintrag eines einzelnen Taschenmonsters zu vervollständigen, reicht es jedoch nicht mehr, nur ein Exemplar davon zu fangen. Stattdessen müsst ihr verschiedene Aufgaben erfüllen, beispielsweise bestimmte Attacken beobachten oder eine gewisse Anzahl Monsterchen besiegen.
Die wichtigste Zutat für einen erfolgreichen Fang abseits von Geduld ist dabei natürlich der Pokéball, bei dem es sich in Legenden: Arceus noch um eine wundersame Neuerfindung handelt. Das bedeutet auch, dass ihr eure Fangutensilien selbst herstellen müsst und hier kommt das Crafting-System zum Einsatz.
Überall in der Welt von Legenden: Arceus gibt es Ressourcen zu finden, aus denen sich mal mehr, mal weniger praktische Gegenstände herstellen lassen. Einige davon könnt ihr beim bloßen Herumlaufen einsammeln, für andere müsst ihr eure Team-Pokébälle gegen einen Baum oder einen Kristall werfen, damit euer Pokémon die Materialien herausschüttelt.
Was schnell in repetitiver Langeweile hätte enden können, landet dank cleverem Multitasking irgendwo zwischen beruhigend und motivierend. Ihr könnt nämlich mehrere eurer Teammitglieder gleichzeitig nutzen, um Ressourcen einzusammeln und währenddessen sogar noch Pokémon fangen. Wackelt gerade ein Taschenmonster im Ball, müsst ihr nicht auf das Ergebnis warten, sondern könnt nebenbei schon den nächsten auf ein weiteres Pokémon werfen oder eine Stange Fitlauch einsammeln.
All das sorgt für einen sehr geschmeidigen und reibungslosen Gameplay-Flow, bei dem sich Ressourcensammeln und Fangaktionen nicht im Weg stehen, sondern miteinander harmonieren und ergänzen. Das Grundkonzept von Legenden-Arceus geht also rundum auf.
Die Hisui-Region: zwischen lebhafter Landschaft ...
Quelle: Game Freak / The Pokémon Company
In der Hisui-Region gilt: Mehr ist mehr! Fangt ruhig so viele Pokémon von jeder Sorte, wie euch vor die Finger kommen. Das hilft auch bei der Vervollständigung des Pokédex.
Dabei hilft auch, dass die Auswahl und Anzahl der wilden Pokémon angenehm abwechslungsreich ist und natürlich wirkt. Der einzige Wermutstropfen: Es gibt fast keine neuen Pokémon oder Formen, bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich ausschließlich um bekannte Taschenmonster.
Die in der Wildnis herumstreunenden Pokémon legen außerdem unterschiedliche Verhaltensmuster an den Tag, die es aus der Ferne zu studieren gilt. Während ein Bidiza faul am Boden liegt, euch ignoriert und so ein leichtes Ziel abgibt, sind andere Taschenmonster schreckhaft oder aggressiv.
Im hohen Gras heranschleichen und beobachten ist also eine wichtige Strategie. Bei der Fülle an Verhaltensmustern ist allerdings noch Luft nach oben: Wie wäre es mit Pokémon, die miteinander spielen, herumliegende Beeren fressen oder Revierkämpfe austragen, wie bei Monster Hunter?
Habt ihr mal weder Zeit noch Lust, euch im hohen Gras zu verstecken, sondern wollt in Windeseile an euer Ziel kommen, könnt ihr zur Elysien-Flöte greifen und eines der Transport-Pokémon rufen. Während ihr mit Damythir über Stock und Stein galoppiert, macht ihr mit Salmagnis die Meere und mit Hisui-Washakwil die Lüfte unsicher.
Quelle: PC Games
Die Transport-Pokémon sind durchaus ein majestätischer Anblick! Als erstes bekommt ihr es mit dem Hirsch-Pokémon Damythir zu tun, das euch über Stock und Stein tragen wird.
Der Wechsel zwischen den Transport-Pokémon geht dabei nahtlos und ohne Knopfdruck vonstatten: Springt ihr vom Land ins Wasser, sitzt ihr also automatisch auf Salmagnis und könnt direkt losschwimmen. Kombiniert mit der freien Kamerakontrolle (die es in der Pokémon-Reihe bisher sonst nur in der Naturzone von Schwert und Schild gab), fühlt sich das Bewegen durch die Welt von Legenden: Arceus denkbar rund an.
... und kahler Kulisse
Quelle: PC Games
Ihr könnt jedes eurer Teammitglieder aus ihrem Ball holen und mit ihnen interagieren. Scheinbar eine Kleinigkeit, die jedoch die Welt von Legenden: Arceus etwas lebendiger macht.
Das kann man von der Spielwelt selbst jedoch nicht behaupten. Trotz verschiedener Wetterlagen, einem Tag- und Nachtzyklus und einer Fülle an Pokémon und Ressourcenstationen wie Bäumen und Felsen, mutet die Hisui-Region mitunter kahl und nüchtern an. Das ist hauptsächlich ein technisches Problem.
Bäume, Felsen und Pokémon sind nämlich immer nur in einem festgesetzten Radius um euch präsent. Alles, was weiter entfernt ist, muss erst geladen werden, wenn ihr euch nähert. Der Hintergrund besteht deshalb meistens nur aus einer bergigen Landschaft und wirkt leer und künstlich - das macht sich ganz besonders beim Fliegen bemerkbar.
Mit der atmosphärischen und geradezu atmenden Welt von Xenoblade Chronicles 2 oder The Legend of Zelda: Breath of the Wild kann Legenden: Arceus daher nicht mithalten. Schuld daran ist auch die ungemein hässliche Grafik, doch dazu später mehr.
Überraschende Gefechtsänderungen
Obwohl ihr in Legenden: Arceus weiterhin rundenbasierte Kämpfe bestreitet, hat man das Kampfsystem überraschend ausgiebig umgekrempelt. Wie schon in Let's Go Evoli und Pikachu wurden sämtliche Fähigkeiten und Trage-Items entfernt, Beeren funktionieren also genau wie Tränke. Attacken, die eure Werte erhöhen, verstärken nun nicht mehr einen einzelnen Wert, sondern entweder die gesamte Offensive oder Defensive, halten dafür aber auch nur einige Runden.
Quelle: PC Games
Da die Kämpfe nicht mehr separat, sondern direkt in der Welt stattfinden, in der ihr euch bei der Erkundung aufhaltet, kann es zu mitunter lustigen Situationen kommen, wie bei diesem Kampf auf hoher See.
Auch bei den Statusveränderungen hat sich einiges getan: Pokémon können nicht mehr eingefroren werden, sondern leiden nun unter Frostbrand und bekommen so kontinuierlichen Schaden, während ihr Spezialangriff gesenkt wird.
Schlaf setzt euer Taschenmonster jetzt zwar nicht mehr vollständig außer Gefecht, lässt es aber ab und an aussetzen und mehr Schaden von gegnerischen Angriffen erleiden. Außerdem kann eine bestehende Statusveränderung jetzt mit einer neuen überschrieben werden.
Besonders ungewohnt wird für Fans der Reihe aber wohl die gewaltige Anzahl an veränderten Attacken sein: Genauigkeit, Stärke und sogar die Effekte vieler Angriffe wurden angepasst oder komplett über den Haufen geworfen. Neu hinzugekommen sind die Kampfstile:
Hat eines eurer Pokémon einen Angriff oft genug eingesetzt oder das entsprechende Level erreicht, meistert es bestimmte Attacken.
Diese können dann im Kraft- und Tempostil ausgeführt werden und erhöhen wahlweise die Kraft des Angriffs oder eure Position in der Zugreihenfolge, kosten im Gegenzug aber mehr Angriffspunkte.
Der Krampf mit dem Kampf
Quelle: Game Freak / The Pokémon Company
Neuerungen wie die Zugreihenfolge und die Kampfstile wirken auf dem Papier wie nette Ideen. Doch sie sorgen für unausgeglichene Kämpfe und sind deshalb eher frustrierende Features.
Das rundenbasierte Kampfsystem wurde durch eine Zugreihenfolge ergänzt, die euch Auskunft darüber gibt, wer als Nächstes dran ist und die durch verschiedene Angriffe, den Tempostil und den Initiativwert der kämpfenden Pokémon bestimmt wird. Die Zugreihenfolge ist exemplarisch dafür, warum viele der Änderungen ein ziemlicher Schuss in den Ofen sind.
Game Freak hat gehörig an den Grundwerten der Pokémon geschraubt: Alle Taschenmonster haben deutlich mehr Kraftpunkte als üblich und teilen im Verhältnis noch mehr Schaden aus. Kombiniert mit der unbalancierten Zugreihenfolge können Pokémon so bis zu dreimal hintereinander angreifen und den Gegner auf die Bretter schicken, bevor der überhaupt reagieren konnte.
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