Halo Infinite im Test + Video: Starker Shooter, schicke Welt - aber ist das noch Halo?
Test
Wir hören die Kritiker schon mit den Hufen scharren: Das neue Halo macht vieles anders, will sich gleichzeitig aber auf alte Stärken berufen. Es ist ein Kunststück, das 343 nur teilweise gelingt: Halo Infinite glänzt im Test mit satter Action und tollem Schauplatz, schwächelt aber an anderen Punkten, die auf die Wertung drücken. Update: Jetzt auch mit großem Video-Review!
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Ein Reboot im Geiste soll es sein, aber auch ein waschechter Nachfolger - und nebenbei das mit Abstand größte Spiel aus der gesamten Reihe. Mit Halo Infinite hat sich 343 Industries dermaßen viel vorgenommen, man kann die ganzen Tretminen schon gar nicht mehr zählen. Dass es auch noch mit einer neuen Engine daherkommt, dass es in den nächsten zehn Jahren die Grundlage für alle neuen Halo-Spiele stellen soll, sei hier nur noch am Rande erwähnt. Was da alles schief gehen kann! Und tatsächlich: Halo Infinite hat seine Probleme, nicht jeder Fan wird damit glücklich werden. Trotzdem ließ uns der Abspann mit einem guten Gefühl zurück: Halo Infinite hat viele Stärken, glänzt mit toller Action und macht große Lust auf einen Nachfolger, der sich zweifellos schon in Arbeit befindet. Denn so viel ist sicher: Die Reclaimer-Saga ist noch lange nicht vorbei. In unserem spoilerfreien Test klären wir, was Halo Infinite von seinen Vorgängern abhebt, was es so spaßig macht - und wo noch Wünsche offen bleiben.
UPDATE: Hier lest ihr unseren Test zur Einzelspielerkampagne von Halo Infinite (jetzt kaufen 69,99 € ). Unseren umfangreichen Mehrspielertest zu Halo Infinite findet ihr hier. Außerdem haben wir ein umfangreiches Testvideo für euch, in dem wir die Kampagne und den Multiplayer ausführlich beleuchten.
Viele Fragen, wenig Antworten
Mit Halo 5 hatte 343 zwar einen starken Shooter abgeliefert, doch viele Fans zeigten sich gerade von der Story enttäuscht: Der Master Chief nahm eine Nebenrolle ein, Cortanas böser Sinneswandel war kaum nachvollziehbar und das Finale fiel unbefriedigend aus. Halo Infinite soll nun alles richten, doch das gelingt nur zum Teil. Tatsächlich ist die Geschichte voll auf den Master Chief zugeschnitten, seine (Schuld)Gefühle für Cortana stehen sogar im Zentrum der Handlung. Allerdings schafft 343 es überhaupt nicht, Neueinsteiger ins Boot zu holen: Wichtige Ereignisse werden nur im Vorbeigehen erwähnt, eine Datenbank oder ein Was-bisher-geschah-Video zu Beginn gibt's gar nicht erst. So schön die Inszenierung auch sein mag: Wer sich mit Halo und seiner Lore nicht auskennt, versteht hier nur Bahnhof. Und das Ende wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet, da winkt wohl schon Halo 7 um die Ecke.
Quelle: PC Games
Die Guten auf einen Blick: Halo Infinite hätte mehr Charaktere vertragen können.
Diesmal verschlägt es den Master Chief auf den gewaltigen, halb zerstören Zeta Halo. Ihr verbringt nahezu das gesamte Spiel auf der gigantischen Ringkonstruktion, allein dadurch werden zig Erinnerungen an das erste Halo wach. Die Prometheaner spielen hier keine Rolle mehr, auch die Allianz zählt zum alten Eisen. Stattdessen haben die Verbannten (bekannt aus Halo Wars 2) ihren großen Auftritt. Aber auch hier tun sich neue Fragezeichen auf: Wo ist der Anführer Atriox plötzlich hin, wer ist die mysteriöse Vorbotin und welche Ziele verfolgt sie, was hat Cortana mit alledem zu tun und was ist seit Halo 5 überhaupt passiert? Manche dieser Fragen werden erst spät beantwortet, teils in längeren Dialogszenen, teilweise nur in Audiologs, die man in der Spielwelt aufsammeln kann. Nach dem stark inszenierten Einstieg gehen die Entwickler nämlich sparsam mit aufregenden Skript-Ereignissen und spannenden Zwischensequenzen um, da hatten wir uns mehr erhofft. Die meisten Story-Einschübe bestehen eher darin, dass ihr eure neue, sympathische KI-Begleiterin in einen Terminal einstöpselt, wo sie heitere Kommentare von sich gibt, während sie in den Tiefen des Halos neue Geheimnisse hervorkramt. Zwischendurch meldet sich mehrmals der Anführer der Verbannten zu Wort, allerdings nur als Hologram, das dem Chief ein paar Drohungen an den Kopf wirft und sich dann wieder grinsend verzieht. Dieses Spielchen wiederholt sich zu oft und nutzt sich mit der Zeit einfach ab.
Quelle: PC Games
Die Weitsicht ist fantastisch.
Ein absoluter Lichtblick ist dagegen der stürmische Pilot, der euch durch das Abenteuer begleitet: Obwohl er nach dem fabelhaften Intro nur noch selten zu sehen ist, bilden seine emotionalen Auftritte einen starken Kontrast zum stoisch-coolen Master Chief und erden die Geschichte in den richtigen Momenten. Die ausgefeilte Mimik und die professionelle Sprachausgabe machen sich da wirklich bezahlt. Schade nur, dass diese Szenen so selten sind und der Pilot die Ausnahme bleibt - allzu viele Nebenfiguren gibt's nämlich nicht.
Halo ohne Grenzen
In Sachen Story bleibt Halo Infinite zwar hinter den Erwartungen zurück, doch beim Gameplay sieht es schon besser aus: Sobald ihr Zeta Halo erreicht habt, steht euch die komplette Spielwelt offen und ihr könnt selbst entscheiden, was ihr als Nächstes tun wollt. Das Freiheitsgefühl ist fantastisch, aber auch das Design der Spielwelt weckt wunderbare Erinnerungen an das erste Halo: Die organischen Landschaften sind von gigantischen Konstruktionen und Säulen durchsetzt, am Horizont hebt sich malerisch der Ring in den Himmel, während einem im Abgrund die Leere des Weltalls entgegenlacht. Unnatürliche Grenzen gibt es kaum, nur wenn ihr mit einem Fluggerät unterwegs seid, pfeift euch das Spiel irgendwann unsanft zurück. Trotz aller Freiheiten erwartet euch aber wieder eine lineare Story mit fester Missionsabfolge, nur diesmal eben mit der Möglichkeit, zwischendurch nach Lust und Laune die Spielwelt zu erkunden.
Quelle: PC Games
Zum ersten Mal in der Seriengeschichte bietet Halo Infinite eine echte Open World.
Leider führen die Hauptmissionen meistens nur in Türme oder unterirdische Gebäude, die sich oft erschreckend ähnlich sehen: Die metallisch glänzenden Gänge erinnern stark an die eintönigen Indoor-Areale aus Halo 1 - das mag zwar authentisch sein, fühlt sich aber oft nach Copy & Paste an. Auch nicht so schön: Mehrmals müsst ihr kurze Bosskämpfe überstehen, in denen ihr mit eurem Gegner in einen engen Raum eingesperrt werdet. Manche davon sind okay, andere weniger - vor allem der Schlusskampf hat uns ein bisschen genervt. Zumindest sind aber die Checkpoints so fair gesetzt, dass auch hier kein echter Frust aufkommt.
Quelle: PC Games
Die optionalen Mini-Bosse sind zum Teil lächerlich einfach.
Erwartet kein Rollenspiel
Mit seinen hübschen Tag- und Nachtwechseln, einer glaubhaften Geräuschkulisse und zahlreichen Wildtieren fällt die Spielwelt zwar richtig stimmungsvoll, aber auch überraschend leer aus. Es treiben sich beispielsweise keinerlei NPCs herum, die coole Nebengeschichten zu erzählen hätten - und das, obwohl der Halo eigentlich voller UNSC-Vorposten ist, sogar Spartans haben sich dort aufgehalten. Warum nutzt man das Potenzial nicht für ein paar packende Sidequests oder wenigstens eine Schnitzeljagd? Das hätte so gut gepasst! Die einzigen Soldaten, die wir unterwegs antreffen, sind die gleichen x-beliebigen Kämpfer, die uns genau wie im ersten Halo automatisch unterstützen, aber null Relevanz für die Geschichte haben. Auch gibt es abseits der Story keine richtigen Geheimnisse zu entdecken, nur hier und da mal ein paar Artefakte aus der Blutsväterära, die aber nur eine kurze Audionotiz abwerfen. Das ist erstaunlich wenig. Man darf aber auch nicht vergessen: Halo Infinite ist eben kein Rollenspiel, es ist nicht mal ein Far Cry - die schicke Spielwelt soll letztendlich nicht mehr als eine Bühne sein, auf der ihr ein sattes Actionfeuerwerk abrennt.
Quelle: PC Games
Wenn Sentinels angreifen, nutzt ihr am besten selbst den Beam. Munition gibt's dann reichlich.
Action satt: So gut spielt es sich
Und eben hier kann Halo Infinite richtig punkten: Egal ob am Gamepad oder mit Maus und Tastatur, die Feuergefechte gehen schnell, präzise und unheimlich befriedigend von der Hand. Man fühlt sich wie ein Superheld, wenn man durch die feindlichen Linien pflügt, explosive Kanister in Gegnergruppen schleudert, Kopfschüsse verteilt, Granaten wirft und im Vorbeigehen noch einem Elite den Gewehrkolben in die Visage rammt, als wäre es das Natürlichste der Welt. Da der Chief wieder rennen und klettern kann und das Leveldesign zig vertikale Elemente bietet, entstehen deutlich dynamischere, flüssigere und knackigere Kämpfe als in den früheren Halo-Spielen aus der Bungie-Ära. Klar ist aber auch: Wer dieses Spielgefühl von damals vermisst, wird Halo Infinite vielleicht als zu schnell und hektisch empfinden - wir hatten jedoch einen Riesenspaß damit. Durch das Open-World-Design habt ihr außerdem oft die Wahl, wie ihr vorgehen möchtet: Auf Distanz mit dem Scharfschützengewehr angreifen? Oder mit der Shotgun im Anschlag die Feindbasis stürmen? Oder warum nicht ein Fahrzeug schnappen und damit für herrliches Chaos sorgen? Meistens könnt ihr so spielen, wie es euch gefällt - zumindest bis euch die Munition ausgeht und ihr gezwungen seid, euch mit anderen Waffen einzudecken. Denn der Master Chief kann nach wie vor nur zwei Knarren gleichzeitig tragen.
Quelle: PC Games
Schnelle Eliten lassen sich mit einer vollen Ladung aus dem Needler stoppen.
Es gibt zwar nur wenige neue Gegnertypen und auch an den alten Feinden hat sich kaum etwas getan, doch ein Schwung frischer Knarren sorgt trotzdem für die nötige Abwechslung. Anders als im Multiplayer ist hier nahezu jede Waffe wert- und sinnvoll, wobei das BR75-Kampfgewehr eindeutig die beste Mischung aus Feuerkraft und Präzision darstellt. Trotzdem lohnt es sich, im Eifer des Gefechts nach der richtigen Waffe Ausschau zu halten: Manche Gegner tragen Schilde, hier sind Energiewaffen wertvoll. Und Fahrzeuge nimmt man am besten mit dem Raketenwerfer oder dem neuen, schweren Skewer-Pfeilwerfer aus dem Banished-Arsenal auseinander. Netterweise gibt es einen Umgebungscanner, der euch Waffen und Munitionskisten in der Nähe farbig hervorhebt.
Die Sache hat einen Haken
Quelle: PC Games
Fünf Ausrüstungsteile dürft ihr verbessern, wichtig sind aber nur der Schildkern und der Greihhaken.
Bei der Ausrüstung geht 343 wieder mal neue Wege, nachdem einige Mechaniken aus Halo 4 und 5 für Kritik sorgten: Der Master Chief kann zwar immer noch rennen, klettern und über den Boden schlittern, doch die Schubdüsen haben - zumindest als Standardausrüstung - ausgedient. Dafür habt ihr nun von Anfang an einen Greifhaken, und der entpuppt sich schnell als der heimliche Star von Halo Infinite. Mit dem Ding dürft ihr euch an nahezu jeder Oberfläche festkrallen und raufziehen, dadurch lassen sich selbst riesige Fassaden oder Berge ruck zuck erklimmen, wenn ihr das wollt. Das ist so unverschämt praktisch, dass selbst normales Springen und Laufen irgendwann lästig wird - mit dem Greifhaken ist man einfach schneller unterwegs.
