Tolkiens Fortsetzung verworfen: Neuer Herr-der-Ringe-Film geht anderen Weg

Special Philipp Sattler
Tolkiens Fortsetzung verworfen: Neuer Herr-der-Ringe-Film geht anderen Weg
Quelle: New Line Cinema

Der neue Herr-der-Ringe-Kinofilm setzt die Trilogie fort - aber nicht nach Tolkiens ursprünglicher Idee.

Ein neuer Kinofilm aus dem Herr-der-Ringe-Universum ist aktuell in Arbeit - und er wagt sich erstmals deutlich über die bekannte Geschichte hinaus. Unter dem Titel "Shadow of the Past" entsteht eine Fortsetzung, die zeitlich nach den Ereignissen rund um den Einen Ring angesiedelt ist.

Die Handlung soll rund 14 Jahre nach Frodos Abschied aus Mittelerde spielen und bekannte Figuren wie Sam, Merry und Pippin erneut in den Mittelpunkt rücken. Gemeinsam brechen sie noch einmal Richtung Mordor auf, während gleichzeitig eine neue Generation - etwa Sams Tochter Elanor - ein dunkles Geheimnis entdeckt, das Mittelerde einst beinahe ins Verderben gestürzt hätte.

Gleichzeitig soll der Film die Reise der vier ursprünglichen Hobbits aus dem Auenland nach Bree beleuchten. In der Trilogie von Peter Jackson wurden diese Kapitel des Buches ausgespart und drastisch zusammengekürzt. Es ist also wahrscheinlich, dass die Hobbits auf ihren eigenen Spuren wandeln und wir jede Menge Rückblicke zu sehen bekommen.

Hinter dem Projekt stehen unter anderem bekannte Namen wie Philippa Boyens, während mit Stephen Colbert ein überraschender, aber leidenschaftlicher Tolkien-Fan als Co-Autor beteiligt ist.

Drei der vier Hobbits sehen wir im kommenden Kinofilm wieder - aber auch mit den gleichen Schauspielern? Quelle: New Line Cinema Drei der vier Hobbits sehen wir im kommenden Kinofilm wieder - aber auch mit den gleichen Schauspielern?


Herr der Ringe Fortsetzung: Tolkien plante selbst ein 4. Buch

Doch so spannend diese neue Geschichte klingt - sie ist nicht die erste Idee für eine Fortsetzung von Der Herr der Ringe. Tatsächlich hatte J.R.R. Tolkien selbst bereits vor Jahrzehnten mit einem vierten Band begonnen. Der Titel: "The New Shadow". Anders als viele moderne Projekte wäre diese Geschichte allerdings kein Abenteuer im klassischen Sinne gewesen, sondern ein deutlich düsterer Blick auf die Zeit nach dem großen Sieg über Sauron.

"The New Shadow" spielt etwa 100 Jahre nach den Ereignissen von Die Rückkehr des Königs. Die Welt hat sich stark verändert: Die meisten bekannten Helden sind längst gestorben oder in die Unsterblichen Lande aufgebrochen, die Elben sind nahezu vollständig aus Mittelerde verschwunden, und die Verantwortung für die Zukunft liegt allein bei den Menschen. In Gondor herrscht Aragorns Sohn Eldarion als König, und eigentlich sollten Frieden, Wohlstand und Stabilität das Leben bestimmen.

Doch genau hier setzt Tolkiens Idee an - und sie ist überraschend ernüchternd. Denn statt einer goldenen Zukunft beschreibt "The New Shadow" eine Gesellschaft, die beginnt, sich selbst zu verlieren. Der Schrecken des Ringkriegs ist verblasst, die Erinnerung an Sauron und seine Gräueltaten wird zunehmend zur Legende. Und wie so oft, wenn die Vergangenheit an Gewicht verliert, wächst eine gefährliche Gleichgültigkeit.

Gondor in Friedenszeiten wäre ein schönes Setting gewesen. So stellt sich übrigens die KI den Frieden in Minas Tirith vor. Quelle: Erzeugt mit ChatGPT Gondor in Friedenszeiten wäre ein schönes Setting gewesen. So stellt sich übrigens die KI den Frieden in Minas Tirith vor.


The New Shadow: Warum Tolkiens düstere Idee heute aktueller denn je ist

Vor allem unter jungen Menschen entstehen neue, verstörende Strömungen. Einige beginnen, die dunklen Zeiten zu romantisieren, spielen "Orks" und experimentieren mit Symbolen und Ideen, die einst für Terror und Unterdrückung standen.

Gleichzeitig bilden sich geheime Zirkel und Kulte, die sich mit den Mächten der Vergangenheit beschäftigen - ein klarer Hinweis darauf, dass das Böse nicht einfach verschwindet, sondern neue Wege findet.

Tolkiens Ansatz war dabei weniger episch als vielmehr gesellschaftlich und philosophisch. Es ging nicht mehr um große Schlachten oder legendäre Helden, sondern um schleichenden moralischen Verfall, politische Unruhe und die Frage, warum Menschen selbst in Zeiten des Friedens Unzufriedenheit entwickeln.

Tolkien selbst beschrieb diese Tendenz als eine Art "Überdruss am Guten" - eine menschliche Schwäche, die dazu führt, dass Stabilität und Wohlstand nicht geschätzt, sondern als langweilig empfunden werden.

Diese Thematik wirkt heute erstaunlich aktuell. Auch in der realen Welt lässt sich beobachten, wie historische Schrecken mit der Zeit an Präsenz verlieren. Generationen, die Kriege und Krisen nicht selbst erlebt haben, tun sich oft schwerer, deren Bedeutung wirklich zu begreifen.

Das kann dazu führen, dass extreme Ideen wieder an Boden gewinnen oder gesellschaftliche Errungenschaften als selbstverständlich wahrgenommen und infrage gestellt werden. Tolkiens Entwurf wirkt damit fast wie eine düstere Warnung vor genau diesem Zeitalter.


Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse

Trotz dieser spannenden Ansätze entschied sich Tolkien letztlich gegen eine Fortsetzung. Er schrieb nur wenige Seiten - im Grunde ein Fragment -, bevor er das Projekt wieder aufgab. Seine Begründung war eindeutig: Die Geschichte sei zu düster, zu deprimierend und letztlich "nicht lohnenswert".

Statt eines großen Mythos hätte er eher einen Thriller über Verschwörungen und moralischen Verfall geschrieben - und das passte für ihn nicht zu dem, was Der Herr der Ringe ursprünglich sein sollte.

Das wirft eine interessante Frage auf: Wäre "The New Shadow" vielleicht gerade heute eine starke Vorlage für einen Herr-der-Ringe-Film oder eine Serie gewesen? In einer Zeit, in der komplexe, ambivalente Geschichten beim Publikum gut ankommen, könnte Tolkiens düstere Vision durchaus funktionieren. Gleichzeitig würde sie aber auch das klare, hoffnungsvolle Ende der ursprünglichen Trilogie relativieren - ein Risiko, das nicht jeder Fan begrüßen dürfte.

So bleibt "The New Shadow" ein faszinierendes "Was wäre, wenn" der Literaturgeschichte. Während neue Projekte wie "Shadow of the Past" versuchen, die Welt von Mittelerde weiterzuerzählen, zeigt Tolkiens eigene, verworfene Idee vor allem eines: Der wahre Kampf zwischen Gut und Böse endet nie - er verändert nur seine Form.

  • Print / Abo
    Apps
    PC Games 06/2026 PCGH Magazin 06/2026 play5 06/2026 N-Zone 06/2026 Linux Magazin 06/2026 LinuxUser 06/2026 Raspberry Pi Geek 07/2026
    PC Games PC Games Hardware Linux Magazin Raspberry Pi Geek Computec Kiosk