Wartile: Ein Traum für alle Tabletop-Fans? Das Wikinger-Strategiespiel im PS4-Test
Test
Tabletop-Strategie im Wikingersetting und dazu noch eine Prise Diorama-Spielbrett-Optik, das klingt nach dem Strategiespieltraum vieler Genre-Fans. Wartile lässt diesen Traum wahr werden, kommt aber dabei um einige Macken nicht herum, die leider stark auf die Spielerfahrungen drücken.
Mit einer Reihe von Helden über ein hübsches Spielbrett ziehen und dabei ordentlich Gegner verkloppen: Tabletopspieler machen das schon seit Jahren, doch wenn man keine Geduld für das aufwändige zusammenbauen und bemalen der Figuren hat, muss man zu Alternativen greifen. In Wartile vom dänischen Entwicklerstudio Playwood Project steuert man eine Gruppe von bis zu vier Wikinger-Helden durch mehrere Diorama-Karten, die sehr stark an ein Tabletopspiel erinnern. Bei jeder Mission bekommt man dabei zwei bis drei Aufgaben, die es zu erfüllen gilt und deren erfolgreicher Abschluss ganz von den individuellen Helden und ihrer Ausrüstung abhängt. Wichtig dabei sind die verschiedenen Fähigkeitskarten, die man in einem überschaubaren Kartendeck zusammenstellt. So hilft ein Banner beispielsweise die Angriffswerte der Figuren zu erhöhen oder man platziert eine Bärenfalle um Angreifer in eine Falle zu locken. Schritt für Schritt kämpft man sich also durch um dem ganzen mit einer kleinen Geschichte Sinn zu verleihen.
Auf dieser Seite
Die nordische Tabletop-Atmosphäre
Im Verlauf der etwa 12 bis 15 stündigen Kampagne hat eine mysteriöse Krankheit den hiesigen Jarl das Leben gekostet, als sein Sohn und Erbe macht sich der Spieler zusammen mit einer Handvoll Gefährten auf den Weg, ein Heilmittel zu finden. Auf der Reise begegnet man furchteinflößenden Draugr (untote Krieger), befreit den König aus der Englischen Gefangenschaft und liefert sich erbitterte Kämpfe in den frostigen Weiten von Niflheim, wo man gegen die Eisriesen zu Felde zieht. In der Theorie klingt das sehr spannend und fesselnd, in der Praxis jedoch läuft jede Quest nach Schema F ab. Man startet in ein neues Gebiet, bekommt zwei bis drei Aufgaben, die teilweise immer etwas mit "sammle dies" oder "hol das" zu tun haben, und dann gehts auch wieder zurück. Bei Wartiles Kampagne kommt deswegen leider wenig Spannung auf, erst das offene Ende deutet sehr dramatisch auf den im Mai erscheinenden DLC Hels Alptraum hin, da dort Horden von Untoten Draugr Kriegern die Länder des Nordens überschwemmen.
Neben der Geschichte lockt die Diorama-Optik von Wartile, die sehr an ein Tabletop-Spiel erinnert. Jede Karte ist dabei in mehrere Hexfelder aufgeteilt, die das Herzstück jedes Dioramas bilden. Insgesamt gibt es nur acht Karten, die je nach Mission unterschiedlich mit Gegenständen und Feinden gefüllt werden. Der Aufbau bleibt dabei jedoch nahezu gleich. Die Spielfiguren besitzen, wie es bei Tabletop-Figuren üblich, ist eine Basis, auf der sie befestigt sind und die gleichzeitig die Gesundheit der jeweiligen Figur anzeigt. Die schöne Optik von Wartile ist grafisch leider der einzige Pluspunkt. Die Animationen wirken bei Wartile zu träge und stumpf, fallen teilweise sogar komplett aus. Überzeugender ist da hingegen schon der epische Soundtrack des Spiels, der den nordischen Flair perfekt einfängt. Erinnert hat uns das ganze stark an die The-Witcher- oder Vikings-Serie, deren Soundtracks eine solche Welt ziemlich gut einfangen.
Quelle: PC Games
Manche Kämpfe können durch gute Platzierung gewonnen werden, auch wenn man in der Unterzahl ist.
Gameplay und Figuren
Die tolle Atmosphäre spiegelt sich auch bei den Gameplay-Mechaniken von Wartile wieder. Bestes Beispiel dafür ist die Bewegung der Figuren über ein Cooldown-System. Das bedeutet, dass die Figuren ihre Aktionen erst nach einem gewissen Cooldown (meistens wenige Sekunden) ausführen. Wartile setzt im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern nicht auf rundenbasierte oder Echtzeitstrategie. Bewegen kann man beispielsweise die Figuren dann einzeln oder über den Gruppenbewegungsbefehl. Letzterer funktioniert leider nicht so gebündelt wie man sich das wünscht, da die Figuren nicht beisammen als eine Einheit bewegt werden, sondern jede einzeln. Das führt dazu, dass manche Helden dann weniger Felder vorrücken als andere. Stellt man seine Figuren schließlich in die Nähe von Gegnern (bei Nahkämpfern an ein angrenzendes Feld, bei Speerkämpfern zwei Felder entfernt) so beginnen sie automatisch den Angriff. Ähnlich wie beim Bewegen der Helden werden Angriffe nach einem Cooldown ausgeführt.
Die Angriffe können dann noch einmal durch das gezielte Einsetzen von Karten aus dem Deck verstärkt werden. Mal kann man hier ein Banner einsetzen, welches die Angriffswerte der Figuren steigert, oder eine Falle platzieren, in die Gegner tappen können. Hier kommen auch die einzelnen Fähigkeitenkarten jeder Figur zum Einsatz. Diese lassen sich vor jeder Mission beim jeweiligen Helden anpassen, da jeder Held über drei Fähigkeitenkarten verfügt. Neben den gewöhnlichen Angriffsaktionen kann man auf den Diorama-Karten auch noch verschiedene Truhen, Kräuter oder Gegenstände sammeln. Diese bringen dann neue Waffen- und Ausrüstungsgegenstände, Met (welcher die Gesundheit besser heilt als Kräuter) und verschiedene Tokens oder Ölbomben. Das Zusammenspiel von Kampfaktionen, Bewegungen und Truhen oder ähnlichem sammeln, funktioniert in Wartile sehr gut, da die Figuren alle etwas Individuelles mitbringen, womit man jede Situation meistern kann.
Quelle: PC Games
Das Flankieren von Gegnern ist in Wartile essentiell.
Und damit die Figuren alle etwas Individuelles haben, kann man sie vor jeder Mission selbst ausrüsten. Man kann sie mit neuen, besseren Waffen und Rüstungen oder mit Tokens ausstatten, die Angriffs-, Verteidigungs-, Gesundheits- oder Rüstungswerte steigern. Das Ausstatten mit neuen Ausrüstungsgegenständen oder Waffen funktioniert leider nur vor einer Mission und nicht währenddessen, was etwas schade ist, da man so gefundene Waffen nicht direkt ausrüsten kann. In Truhen gefundene Gegenstände können somit erst nach Abschluss der Mission einer Figur hinzugefügt werden. Will man mehr als die anfänglichen zwei Figuren haben, so kann man in der Taverne neue Gefährten anheuern. Aktuell gibt es mit insgesamt sechs Figuren jedoch vergleichsweise wenig Auswahl. Hinzukommt, dass sich bereits nach den ersten paar Missionen eine Standardauswahl etabliert, da die bis dahin benutzten Figuren schon so weit gesteigert wurden, dass sie ihre Kollegen beim Thema Angriffs- und Verteidigungswerte übertreffen. Deswegen stellt sich die Frage, warum man überhaupt seine Figuren wechseln sollte, wenn bereits zu Beginn sich diese Standardauswahl etabliert? Leider erzeugt das Spiel dadurch keinen großen Wiederspielwert - selbst wenn man die Missionen auf einem schwierigeren Niveau noch einmal absolviert, erzeugt sich daraus kein Mehrwert. An dieser und einigen anderen Stellen wirkt Wartile damit sehr unausgeglichen im Balancing.
Wartiles Schönheitsfehler
Damit kommt Wartile leider nicht um einige Macken herum. Das Balancing des Spiels wirkt an einigen Stellen unausgeglichen. Neben dem Aufleveln der Figuren gab es die eine oder andere Mission, deren Lernkurve wie aus dem Nichts nach oben schoss. So zum Beispiel die erste Mission, in der man gegen einen Eisriesen kämpft. Nachdem man sich schon um die ganze Karte gekämpft hat, um endlich einen Weg in eine Festung zu finden, steht da dieses eisige Monster, der einen geradezu in den Boden stampft. Mit Mühe und Not schafft man es hier gerade so mit seinen vier Figuren das Vieh zu besiegen. Ja und dann? In der direkt nachfolgenden Mission kann man direkt drei Eisriesen plötzlich nahezu mit einer einzigen Figur erledigen. Abgesehen vom Balancing gab es noch einige Kinderkrankheiten, die man hätte vermeiden können. Gerade weil das Spiel bereits für PC-Spieler seit zwei Jahren zur Verfügung steht, sollten solche Probleme eigentlich nicht mehr existieren. Dennoch blieben beim Test einige Animationen in Kampfsituationen aus, Figuren bewegten sich auf Felder und steckten dann in Objekten und selbst auf der Playstation 4 Pro gab es kurzzeitig einen grauen Bildschirm, nachdem anscheinend zu viele Figuren (in besagter Eisriesen-Mission) gleichzeitig behandelt werden mussten. Lediglich das UI und der Sound blieben dann noch erhalten und das Spiel musste neu gestartet werden. Dies sind jedoch Probleme, die sich mit zukünftigen Updates beheben lassen könnten, zum Testzeitpunkt ist ein solches Update allerdings noch nicht erschienen.
Dafür ist der Preis von Wartile löblich: Für lediglich 20 Euro bekommt man etwa 20 bis 25 Stunden Spielzeit geliefert. Optional kann man die verschiedenen Missionen in erhöhten Schwierigkeitsstufen erneut spielen, um so neue Waffen und Ausrüstungsgegenstände, sowie Gold zu erbeuten - was unserer Meinung nach aber nicht sehr motivierend ist. Wartile gibt es seit 2018 für den PC und nun auch für die Playstation 4 und die Xbox One. Der kommende DLC Hels Alptraum, soll dann im Mai folgen.
