Selbst der Sensenmann ist in den Farbtopf gefallen.
Die vogelartigen Sparrowmints freuen sich hingegen über eine hohe Whirlm-Population im Garten. Aber was tun, wenn plötzlich keine Würmer mehr angekrochen kommen? Ganz einfach: Sie fangen an zu verkuppeln. Während Menschen da oftmals etwas wählerisch sind, interessieren den Whirlm eigentlich nur zwei Dinge: Hauptsache, es ist ein Haus zum Kuscheln da und der Paarungspartner gehört der eigenen Spezies an. Eine weitere Erleichterung: Die Geschlechterfrage stellt sich erst gar nicht, denn in Viva Piñata gibt es ausschließlich Zwitter. Sind die Formalitäten geklärt, so wartet vor dem großen Techtelmechtel ein kleines Minispiel, in dem Sie die beiden Whirlms durch ein kleines Labyrinth zueinander führen. Jetzt verziehen sich die frisch Verliebten in ihr Haus und es beginnt der Paarungstanz. Kurze Zeit später liefert Frau Storkos (!) das Ei und der Nachwuchs schlüpft.
Wie Sie feststellen, ist Viva Piñata ein eigener, kleiner Mikrokosmos mit einer ausgeklügelten und komplexen Flora und Fauna, die in gegenseitiger Wechselwirkung stehen. Dadurch ist die Welt der Piñatas nicht nur unglaublich faszinierend, sondern auch trotz der quietschbunten Optik äußerst anspruchsvoll. Wie in der Natur gibt es auch hier weder Gut noch Böse, es existiert lediglich ein funktionierendes Ökosystem mit einem natürlichen Gleichgewicht. Gerade haben Sie Ihre Whirlms mit den treudoofen Augen lieb gewonnen, schon nehmen Sie wieder Abschied und verfüttern sie an einen gefräßigen Sparrowmint. Zu Beginn halten sich die Konflikte noch in Grenzen, aber je größer Ihr Garten wird, desto mehr Piñatas finden sich ein. Da ist Stress vorprogrammiert!
Zusätzlich sorgen saure Piñatas für Unruhe, die Zäune zerstören oder Streit anzetteln. Und Streit ist scheiße, das kennen wir aus dem Kindergarten, denn hinterher gibt es immer einen Verlierer, der weint - so auch in Viva Piñata: Der Unterlegene liegt nur noch wimmernd am Boden und ist krank. Ein Fall für Onkel Doktor. Er ist einer von zahlreichen Charakteren, die Ihnen auf Piñata Island ihre Dienste zur Verfügung stellen. Gegen ein kleines Entgelt pflegt er Ihr Piñata gesund.
Neben dem Doktor ist die wichtigste Station ein kleiner Tante-Emma-Laden, in dem Sie Früchte, Samen und andere notwendige Accessoires erwerben. Auch eine Art Bob der Baumeister ist auf der Insel heimisch und zimmert im Handumdrehen schmucke Behausungen für Ihre Piñatas. Allerdings ist ohne Moos nix los. Dieses erhalten Sie wiederum, indem Sie fleißig Piñatas heranziehen oder eigens angebaute Agrarprodukte wie Obst oder Gemüse verkaufen.
Sie sehen also, Geld ist ein wichtiger Bestandteil, um die Qualität des Gartens zu erhöhen und so neue Piñatas anzulocken und heimisch zu machen. Je seltener die Piñatas, desto mehr Geld erzielen sie beim Verkauf. Mit zunehmender Spieldauer wird Ihr Stück Land immer größer, die Piñatas zahlreicher und das Spiel komplexer, ein konkretes Spielende gibt es aber nicht. Durch dieses offene Spielkonzept ergibt sich auch der einzige Kritikpunkt an Viva Piñata: Besonders zu Beginn fehlen eindeutige Zielvorgaben und dadurch wirkt der Spielfluss etwas zäh.
Die Optik von Piñata Island ist sicherlich Geschmackssache - kein Xbox-360-Spiel sah bisher so poppig und bunt aus. Die sparsam eingesetzten Grafikeffekte sind zwar nicht spektakulär, erfüllen aber ihren Zweck voll und ganz, während das liebevolle Charakterdesign und die erstklassigen Grafikdetails, wie wunderschöne Wasserspiegelungen, überzeugen. Das kindgerechte Setting kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Viva Piñata im Kern um eine knallharte Wirtschaftssimulation handelt.
Genau dieser Aspekt führt aber zum Problem der Zielgruppe auf der Xbox 360. Für Kinder ist das Spiel zu komplex (auch wenn Eltern mit dem zweiten Controller helfend eingreifen können), Jugendlichen wird zu wenig Action geboten und Erwachsene werden durch die bunte Knuddeloptik eher abgeschreckt, was aber grundsätzlich nichts an der herausragenden Qualität des bezaubernden Rare-Titels ändert. Das pädagogisch wertvolle und faszinierende Spielkonzept ist in dieser Form auf der Xbox 360 absolut einzigartig - bleibt nur noch zu hoffen, dass es auch tatsächlich genügend Fans findet.
