Trackmania: Racing-Reboot mit fragwürdigem Finanzierungsmodell im Test
Test
Build it, drive it, share it. Auch der neue Teil der Rennspiel-Reihe funktioniert nach dem altbekannten Trackmania-Prinzip. Seit dem 1. Juli 2020 brettern die virtuellen Rennfahrer wieder über den Asphalt. Doch welche Neuerungen hat der Reboot für Racing-Fans zu bieten? Um diese Frage für euch zu klären, hieß es für uns: Einsteigen, anschnallen und ab auf die Teststrecke!
[Die Augen sind auf die Straße gerichtet, der Controller liegt fest in der Hand, das Adrenalin steigt. So ergeht es auch uns kurz bevor die Anzeigetafel in Trackmania endlich grünes Licht gibt. Schon seit 2003 erfreut Entwickler Nadeo die Adrenalin-Junkies der Gaming-Szene mit seiner beliebten Rennspiel-Reihe. Seit dem 1. Juli ist der Reboot des 2006 erschienenen Trackmania Nations in den virtuellen Regalen von Epic Games und Ubisoft zu finden.
Auf dieser Seite
Wir haben uns in diesem Test für euch auf die Rennstrecke begeben und berichten, was der Reboot zu bieten hat und wo er eventuell etwas nachschrauben muss.
Alles beim Alten?
Viel hat sich zu den letzten Spielen der Trackmania-Reihe nicht geändert. Wer also auf eine Revolution des Rennspiel-Genres gehofft hat, muss an dieser Stelle leider enttäuscht werden. Dafür spielt der neue Titel die Stärken der Reihe gekonnt aus und bringt hier und dort eine kleine Neuerung unter. Unter die konstanten Stärken fällt die intuitive Bedienung, die das Bedienen von maximal fünf Tasten verlangt. Gas und Bremse sowie Respawn und die Richtungstasten sind schnell verinnerlicht.
Quelle: PC Games
Wir kennen es. Aber lieben wir es? Trackmania setzt erneut auf die Stadionumgebung.
Die Optik wirkt ebenfalls beinahe unverändert. Der minimalistische Stil der letzten Teile wurde auch für den Reboot übernommen. In der altbekannten Stadionumgebung stehen die einfach gehaltenen Strecken für den Wettkampf bereit. Auch die Autos und die Landschaftselemente sind keine visuellen Meisterwerke. Für uns ist die mittelmäßige Optik beim hohen Tempo das Trackmania an den Tag legt nicht allzu schwer ins Gewicht gefallen. Altersschwache Grafikkarten profitieren sogar durch das zurückhaltende Design. Anstatt durch die Grafik, hebt sich der Titel jedoch durch andere Qualitäten von seinen Vorgängern ab - dazu gleich mehr.
Auch das Interface profitiert von der zweckdienlichen und aufgeräumten Darstellung des Spiels. Sowohl im Menü, als auch auf dem Asphalt gibt es keine störenden oder überflüssigen Elemente. Training, Solo-Kampagnen und Multiplayer-Modi sind schnell gefunden. Die Strecken selbst bieten kleine neue Features, wie zum Beispiel einen rutschigen Untergrund aus Eis oder ein Zeitlupenfeld. Letzteres verhilft nicht nur zu einem epischen Abgang, es gibt Spielern auch etwas mehr Zeit, um heikle Manöver durchzuführen. Besonders angenehm ist auch, dass wir nun nach einem Respawn direkt wieder auf das Gaspedal treten dürfen.
Ein Rennen gegen die Zeit
Das klassische Spielprinzip, das Trackmania nun schon seit 17 Jahren begleitet, bleibt Fans der Reihe auch in diesem Teil erhalten. Ob alleine oder gegen menschliche Kontrahenten, der wahre Gegner ist und bleibt die Uhr. Es gilt, jede Strecke innerhalb einer bestimmten Zeit abzuschließen, um Medaillen, Trophäen oder einfach nur die Genugtuung des Gewinnens zu erhalten. Dabei läuft das Spiel flüssig und besitzt eine angenehme Lernkurve. Bereits nach den ersten Runden im Trainingsmodus ist uns das Fahren und Driften deutlich leichter gefallen. Außerdem bereiten die 25 Trainingsstrecken gezielt auf das unterschiedliche Terrain und die verschiedenen Boosts und Hindernisse vor. Somit kommt der Rennspaß ganz ohne nerviges Tutorial aus.
Quelle: PC Games
Eine der täglichen Maps im Juli trägt den wundervollen Namen "(W)interberg". Der Name ist Programm.
Wer alleine oder online nicht auf der Strecke bleiben möchte, bekommt von Trackmania die saisonalen Kampagnen an die Hand. Alle drei Monate werden 25 neue Pisten hinzugefügt, auf denen sich Spieler mit den Zeiten aller anderen Fahrer aus der ganzen Welt messen können. Zusätzlich stellt Nadeo eine Strecke des Tages zur Verfügung, die ihr solo oder im Live-Modus, also gemeinsam mit anderen Online-Rennenthusiasten, befahren könnt. Die Kontrahenten der Solo-Modi sind für den Spieler auf der Fahrbahn als Geisterfahrer sichtbar. So hatten wir im Test auch alleine richtiges Wettkampf-Feeling. Die erreichte Fahrzeit erscheint am Ende jeder Runde in einer Bestenliste. Eine Gesamtzahl aller Spieler der jeweiligen Strecke wird allerdings nicht gezeigt. Als wir auf einer Rennbahn den 361. Platz in unserer Region erreichten, konnten wir der Tabelle nicht entnehmen, ob wir mit dieser Leistung nun im oberen Bereich oder gar auf dem letzten Platz gelandet sind. Unsere Silbermedaille konnte uns jedoch ein wenig darüber hinwegtrösten. Medaillen gibt es also offensichtlich nicht für eine bestimmte Platzierung, sondern für eine festgelegte Rundenzeit. So haben auch Spieler außerhalb der Top 10 eine Chance auf einen kleinen Motivationsschub.
Wer auf dem Sofa eine schnelle Runde mit den Kumpels drehen will, bekommt auch dafür die Gelegenheit. Im lokalen Spiel könnt ihr je nach Modus mit bis zu acht Personen gleichzeitig die Fahrbahn unsicher machen. Die kurzen Kurse mit Bestzeiten weit unter einer Minute eignen sich hervorragend für den schnellen Spielspaß zwischendurch. Schon die Vorgängerspiele haben bei uns im Koop zu kompomisslosen Konkurrenzkämpfen geführt. Etwas mehr Zeit dürften die wettkampfbegeisterten Gamer unter euch im vorhin erwähnten Live-Modus verbringen. Dort gibt es neben der offiziellen Kampagne und der Strecke des Tages auch diverse Events zu entdecken. Zudem ist ein gewisses Zeitinvestment notwendig, um ganz vorne mitzuspielen. Wer die Maps nicht in- und auswendig kennt und alle nötigen Tricks beherrscht, wird es schwer haben, sich einen Platz auf dem Siegertreppchen zu sichern.
Kreativität küsst Rennspiel
Quelle: PC Games
Im Skin-Editor gibt es viele Möglichkeiten. Leider wird das Erstellen von Verläufen und Co. nicht erklärt.
Kurze Verschnaufpause gefällig? Die Kreativ-Modi in Trackmania bieten euch weniger rasante Aktivitäten, bei denen eure Energiereserven wieder aufgetankt werden. Mit verschiedenen Farben und Werkzeugen könnt ihr ganz gemütlich Skins für eure treuen Fahrzeuge erstellen oder eigene Strecken bauen. Bei dieser Kreativarbeit kann schon mal einige Zeit ins Land streichen, bis ihr euch wieder hinter das Steuer setzt. Besonders die Perfektionisten unter euch sollten ein paar Stündchen für die Erstellung einer gut durchdachten Map einplanen.
Der Skin-Editor bietet neben den Farboptionen und diversen Mustern die Möglichkeit, eigene Bilder hochzuladen um diese auf dem Wagen zu platzieren. Die Gestaltung selbst ist recht einfach, durch die fehlenden Erklärungen aber nicht sonderlich intuitiv. In unserer Test-Session konnten wir zum Beispiel nicht herausfinden, wie wir unseren mit viel Liebe gestalteten Skin schlussendlich angelegt können. In den Profileinstellungen gab es zwar einen Reiter für Skins, jedoch fehlten diesem jegliche Optionen, den Default-Skin zu tauschen.
Auch beim Strecken-Editor mussten wir uns an einigen Stellen über mangelnde Anmerkungen ärgern. Besonders im erweiterten Bau-Modus ist das Menü sehr unübersichtlich und den Steckenelementen fehlt jegliche Beschriftung. Das wäre kein Problem, wenn es nicht diverse Elemente gäbe, die aus einem nicht erkennbaren Grund Verbindungsteile aufweisen, die nicht mit den Standardverbindungen verknüpfbar sind. Habt ihr euch jedoch durch die mühselige Map-Erstellung gekämpft, werdet ihr mit einer Testfahrt auf der eigenen Strecke belohnt. Spoiler: Das Ergebnis der eigenen Baukunst unter den Reifen zu spüren, fühlt sich unglaublich cool an. Unter bestimmten Voraussetzungen könnt ihr eure Strecken dann mit der Community teilen und auch die Pisten eurer Konkurrenten ausprobieren. Trackmania legt generell viel Wert auf auf den Gemeinschaftsaspekt. Das zeigt sich besonders gut an dem neuen Club-System, das Nadeo in diesem Teil eingeführt hat.
Fragwürdiges Finanzierungsmodell
Die größte Neuerung des Trackmania-Titel ist wohl seine Auslegung auf den E-Sport. Über 100 Strecken im Jahr, mehrere wiederkehrende Events und eine wachsende Community laden Spieler zu einem kompetitiven Erlebnis ein. Auch das neue Preismodell schreit nach E-Sport. Statt der klassischen Einmalzahlung gibt es nun drei Preisstufen, die jeweils einen unterschiedlich großen Spielumfang für einen bestimmten Zeitraum freischalten. Besonders interessant dürfte für viele die Free2Play-Version des Spiels sein. Dieser sogenannte "Starter-Zugang" enthält die wichtigsten Funktionen und macht die Rennbahn frei für jeden interessierten Spieler. Den kostenpflichtigen Zugang "Standard" gibt es für 10 Euro im Jahr. Den Zugang "Club" für wahlweise 30 Euro pro Jahr oder 60 Euro für drei Jahre. Beide Preismodelle bieten erweiterte Features zur Individualisierung sowie Zugang zu bestimmten Maps und Events. Dieser Extra-Content entfällt nach Ablauf der eben genannten Fristen. Bei der von uns getesteten Vollversion sowie der Standard-Version sollen die alten Pisten auch nach dem Wechsel zum Starter-Zugang erhalten bleiben. Ein Abo-Modell ist es also streng genommen nicht. Um den Skill-Racer jedoch voll auszukosten, kommen die Spieler nicht um regelmäßige Zahlungen herum. Warum sich Ubisoft für dieses doch ziemlich undurchsichtige Finanzierungsmodell entschieden hat, sei dahingestellt. Besser wird das Spiel dadurch nicht, es hindert einen aber auch nicht daran, mit Trackmania Spaß zu haben.
Clubs sind die spielinternen Vereine in Trackmania. Sie werden von den Spielern selbst gegründet und personalisiert. Habt ihr einen Club-Zugang, könnt ihr einem Verein eurer Wahl beitreten und diverse Vorzüge der Racing-Gemeinschaft genießen. Innerhalb eines Clubs könnt ihr eure selbsterstellten Skins und Strecken mit den Mitgliedern teilen und spielen sowie an internen Aktivitäten teilnehmen. Auch das Modden ist nur mit dem quasi VIP-Zugang möglich. Die Community-Maps sind zum Teil fieser als so manche Kampagnen-Strecke, aber auch um einiges kreativer. Ein Club hat es sich beispielsweise zur Aufgabe gemacht, Fahrbahnen zu gestalten, die von oben betrachtet wie Charaktere aus dem Mario-Universum aussehen. So hatten wir das Vergnügen, eine Runde auf dem kleinen Yoshi zu drehen. Wer sich noch nicht für ein Preismodell entscheiden kann, dem raten wir, das Spiel kostenlos anzuspielen und bei Bedarf auf eine kostenpflichtige Version umsteigen.
Reif für den E-Sport?
Der Reboot von Trackmania Nations möchte sich als E-Sport-Titel verkaufen. Nadeo hat den Originaltitel zu diesem Zweck etwas aufpoliert und ein paar kleine Neuerungen eingestreut. Einen Meilenstein in der Gaming-Szene setzt der Entwicker dabei nicht und führt ein neues Preiskonzept mit kostenloser Zugangsmöglichkeit in die eigene Spielereihe ein. Ob die abgespeckte Basis-Version des Spiels mit den großen Free2Play-Giganten der E-Sport-Szene mithalten kann, wie Ubisoft es sich offenbar wünscht, bleibt abzuwarten.
