Das neue Tomb Raider im Test: Lara Croft kehrt in dem neuen Action-Adventure zurück auf die Videospielbühne. Jetzt mit dem Test der PC-Version!
Keine Tastenanzeige bei Quick-Time-Events
Die häufigen Quick-Time-Events, bei denen ihr in schneller auf vorgegebene Tasten hämmert, um Laras Tod zu verhindern, dürften vielen anspruchsvolleren Spielern aus Prinzip nicht gefallen. Bei der PC-Version kommt erschwerend hinzu, dass das Spiel nicht die zu drückenden Tasten einblendet, sondern lediglich entsprechende Symbole. Also beispielsweise eine Hand, die für die Benutzen-Taste steht (Standard: E) oder ein Bein für die Sprungtaste (Leertaste). Das verkompliziert die Szenen unnötig - besonders zu Beginn sind die Quick-Time-Events kaum im ersten Anlauf zu schaffen, weil sich der Spieler in Sekundenbruchteilen die geforderte Taste in Erinnerung rufen muss. Unverständlich: Bei einem angeschlossenen Xbox-360-Gamepad zeigt das Spiel dagegen die Tasten an.
Fummelige Menüs
Obwohl die Steuerung mit Maus und Tastatur gelungen ist, hätte Tomb Raider ein bisschen mehr PC-Komfort vertragen können. Das schicke Lagerfeuer-Menü, in dem ihr neue Skills und Waffen-Upgrades für Lara auswählt, lässt sich nicht perfekt mit der Maus bedienen. Dasselbe gilt für die Karte, auf der Setzen eines Wegpunkts unnötig umständlich ist. Am Lagerfeuer kam es während des Tests zudem mehrmals zu merkwürdigen, aber folgenlosen Anzeigefehlern, bei denen die Kamera am Menü vorbei blickte.
Überflüssiger Mehrspielermodus
Das neue Tomb Raider bietet als erster Teil der Reihe einen optionalen Mehrspielermodus. Dieser enthält gerade mal magere fünf Karten, deren Dimensionen zudem mickrig sind. Maximal acht Spieler ballern in vier Spielmodi aufeinander, wobei anspruchslose Schusswechsel ohne Taktik entstehen. Aufgrund eines Mangel s an alternativen Pfaden ist es dem überlegenen Team ein Leichtes, die Basis des Gegners zu umstellen und am Spawn-Punkt zu campen.
Neben zwei Deathmatch-Diszplinen bietet Tomb Raider zwei asymmetrische Team-Spielmodi. Im einen gilt es, Arzneikästen über die Karte zu schleppen, während die Widersacher versuchen, euch daran zu hindern. Im anderen balgen sich die Streithähne um Funktürme und Batterien.
Optisch sackt der Mehrspielermodus im Vergleich zur Kampagne stark ab, Animationen und Leveldesign enttäuschen. Die Tastenbelegung unterscheidet sich von der im Solomodus; Spieler dürfen kriechen und sprinten. Partien findet ihr per Matchmaking, ein Serverbrowser fehlt. Ein rudimentäres Erfahrungssystem belohnt Spieler mit Stufenaufstiegen und Waffen-Upgrades. Das reicht aber nicht ansatzweise aus, um die Langeweile ob der wenigen, winzigen Karten und anspruchslosen Kämpfe auszugleichen.
Tomb Raider: Archäologin mit Granatwerfer
Was aus unserer Sicht nicht hätte sein müssen, das sind die vielen Kämpfe in Tomb Raider. Grundsätzlich sind die Ballereien dank des unaufdringlichen Deckungssystems, der oft reizvollen Örtlichkeiten sowie der großen Bandbreite an Knarren und Munitionstypen okay. Allerdings wirft euch das Spiel stellenweise von einer Auseinandersetzung in die nächste und hetzt euch mehrere feindliche Trupps nacheinander auf den Hals, die es zu erledigen gilt, bevor es weitergeht. Zwar erreichten die Kämpfe nie das plumpe Arena-Prinzip eines God of War samt seiner magisch verschlossenen Türen, aber häufig zwingt Tomb Raider auch pazifistische Entdeckernaturen dazu, zur Knarre zu greifen. Viel zu oft stehen Lara dabei andere Menschen gegenüber, Anhänger eines irren Kults. Die sehen alle ähnlich aus und verhalten sich stets exakt gleich. Bosskämpfe sind eine Seltenheit; wir zählten zwei im gesamten Spiel. In denen tretet ihr auch nur gegen besonders große Varianten des üblichen Kanonenfutters an, die ihr mittels eines kurzen Quick-Time-Events in die ewigen Jagdgründe schickt.
Weil ihr zudem reichlich Munition findet, sich Laras Gesundheit automatisch regeneriert und die Gegner-KI bei der Verleihung des Nobelpreises garantiert leer ausgehen würde, sind die Schusswechsel auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad einen Tick zu leicht. Wir empfehlen Genre-Kennern, sofort auf "Schwer" zu beginnen. Doch auch so verlieren die Kämpfe schnell an Faszination. Dankenswerterweise verzichtet das Spiel zumindest auf Geschützturmsequenzen und (bis auf eine Ausnahme) Szenen in Zeitlupe. Neben dem hohen Action-Anteil spricht auch der bedenkliche Gewaltgrad dafür, dass Tomb Raider ein Spiel der "Generation Call of Duty" ist: Die USK-Freigabe ab 18 Jahren ist verdient, denn es kommt im Verlauf des Abenteuers zu vielen blutigen Szenen. Besonders rabiat sind die Exekutionen, die Lara bei entsprechender Skill-Punkt-Verteilung an benommenen Widersachern ausführt. Tomb Raider gehört somit definitiv nicht in Kinderhände, auch wenn die Heldin eine Göre ist.
Tomb Raider: Kurzes Knobelvergnügen
Quelle: PC Games
Tomb Raider im Test: Die meisten Puzzle-Aufgaben zwar pfiffig gestaltet, jedoch nach wenigen Minuten gelöst.
So sehr Tomb Raider auch versucht, ein Uncharted mit weiblicher Protagonistin zu sein, in einem Punkt hebt sich das Spiel auf angenehme Weise von der GenreReferenz ab: bei den Rätseln. Die sind nämlich präsenter und pfiffiger als etwa in Uncharted 3. Meistens drehen sich die Puzzle-Aufgaben um physikalische Phänomene: Feuer, Wind, Elektrizität, Gewichte. Uns hat das Knobeln viel Spaß gemacht, wir hätten uns aber noch mehr anspruchsvollere Rätsel gewünscht. Die meisten Denkaufgaben sind nämlich nach maximal zehn Minuten gelöst. Besonders auffällig ist der niedrige Anspruch in den sieben optionalen Gräbern. Die erforscht ihr nach Belieben während oder nach dem Ende der Story-Kampagne. Enttäuschend: Jedes Grab besteht aus genau einem Raum mit einem einzigen Rätsel. Ist das gelöst, erwartet euch eine Belohnung in Form von einzigartigen Upgrade-Teilen für Laras Waffen. Hier verschenken die Entwickler viel Potenzial, denn zusammengezählt beschäftigen die sieben Gräber euch gerade mal eineinhalb Stunden lang. Tomb Raider-Fans der alten Schule dürfte der neue Serienteil damit enttäuschen. Das Fundament für ein tolles Rätselspiel ist da, doch ohne komplexere Kombinationsaufgaben und aus den Vorgängern bekannte riesige Maschinen hält sich der Tüftelfaktor des Spiels in Grenzen.
Besser sieht es da in Sachen Klettern aus, wobei ihr in der ersten Spielhälfte nicht allzu viel Gelegenheit dazu habt. Aber: Auch wenn Laras Sprunganimation gelegentlich mehr an ein Känguru als an einen Menschen erinnert, ist es eine Freude, in den aufwendig gestalteteten Levels herumzukraxeln. Mit ungewöhnlichen Kameraperspektiven und gelegentlichen Passagen unter Zeitdruck sorgt Tomb Raider während dieser Einlagen für einen durchweg hohen Puls beim Spieler. Das Klettern gestaltet sich aber stets so herausfordernd wie Klimmzüge am Spielplatz-Klettergerüst: Die nächste Griffstelle ist immer klar ersichtlich und alternative Pfade sind die Ausnahme. Dank fairer Speicherpunkte ist ein Absturz halb so schlimm. Ab und zu signalisiert Lara jedoch fälschlicherweise durch ihren gesenkten Arm, dass ein Sprung möglich ist, der tatsächlich ins Leere geht - das stört, ist aber die Ausnahme.
Tomb Raider: Attraktiver Unterbau
Quelle: PC Games
Tomb Raider im Test: Crystal Dynamics hat sich Mühe damit gegeben, eine stimmige Inselwelt zu erschaffen.
Ihr habt es bestimmt schon gemerkt: Der Inhalt kommt in Tomb Raider zuweilen erst an zweiter Stelle hinter der Präsentation. Dafür ist diese einfach exzellent. Besonders die Technik hinter der opulenten Optik fasziniert: Ladezeiten verstecken die Entwickler geschickt in den Zwischensequenzen, lediglich beim Besuch eines Lagerfeuers stockt die PlayStation 3 zuweilen und lädt ein paar Sekunden nach. Beim Laden eines Spielstands oder nach dem vorzeitigen Exitus der Spielfigur, der oft ähnlich grausig detailliert animiert daherkommt wie in Dead Space 3, ist zudem kurz Däumchendrehen angesagt. Trotzdem: Für die gebotene Grafik geht das in Ordnung! In einer idealen Welt hätten wir uns zwar zusätzlich noch durchgehend knackscharfe Texturen gewünscht, aber das Gesamtwerk beeindruckt auch so. Die fleißigen Grafik-Heinzelmännchen bei Crystal Dynamics haben sich besondere Mühe damit gegeben, eine stimmige Inselwelt zu erschaffen: Beim Betreten eines neuen Areals verwöhnt euch das Spiel jedes Mal aufs Neue mit einem atemberaubenden Panorama. Einmal ist das eine Winterlandschaft mit im Wind treibenden Schneeflocken, dann wieder der Anblick einer ganzen Flotte auf Grund gelaufener Schiffe mit einem Gewirr aus Mästen, zwischen denen die Sonne spielerisch hindurchzwinkert. Die Weitsicht ist phänomenal, vor allem da auch entfernteste Orte tatsächlich begehbar sind! Das ist noch einmal etwas ganz anderes als die optisch zwar einen Tick schöneren, spielerisch aber begrenzteren Levels von Uncharted 3!
Tomb Raider: Ein Soundtrack zum Verlieben
Quelle: Square Enix
Tomb Raider im Test: Schauspielerin Nora Tschirner ist die deutsche Synchronstimme von Lara Croft.
Den exzellenten Eindruck verstärkt die bahnbrechende Soundkulisse. Für die Musik zeichnet Jason Graves verantwortlich. "Jason wer?", fragt ihr euch jetzt vielleicht. Keine Sorge: Der Mann versteht sein Geschäft, hat er doch zuvor den beklemmenden Soundtrack der Dead Space-Spiele komponiert. Mit Tomb Raider hält Graves das hohe Niveau seiner vorherigen Arbeit und fiedelt im wahrsten Sinne des Wortes das ganze Spektrum menschlicher Emotionen ab: Die Musik ist ein epochales Meisterwerk aus Streichinstrumenten, Klaviergeklimper, Trommeln und Trompeten. Der Klangteppich erinnert mit seiner epischen Wucht an Uncharted, bewahrt sich jedoch seine Eigenständigkeit durch viele ruhige Passagen, welche die häufige Einsamkeit der Titelheldin perfekt unterstreichen. Dann wieder peitscht die Musik euch unerbittlich voran, wenn das Spiel eine seiner bildgewaltigen Skriptsequenzen abspult. Einzig ein ähnlich unvergessliches Hauptthema wie das "Nänänä-nä-näää-nänänä" aus Uncharted geht dem Spiel ab.
Dafür punktet Tomb Raider mit exzellenten Sound-Effekten. Egal ob aus den Boxen das Gegacker der zu jagenden Hühner, das Heulen des Windes, das Knattern des Sturmgewehrs oder das Rauschen des Meeres dringt: Es hört sich fantastisch und äußerst glaubwürdig an. Umso mehr schmerzt der Zustand der deutschen Version. Die Synchronsprecher sind fast durch die Bank nicht optimal besetzt, inklusive Nora Tschirner als Stimme von Lara Croft, der man die Entwicklung zur Heldin leider nicht abnimmt. Zudem wirkt es befremdlich, wenn die Gegner Lara als "Die Outsiderin" bezeichnen. Zwar ist die deutsche Sprachausgabe beileibe kein Totalausfall, aber gerade in Verbindung mit den wenig glaubhaften Nebenfiguren büßt das Spiel an dieser Stelle Atmosphäre ein. Falls ihr lieber die englische Originalfassung nutzen wollt, könnt ihr diese auf der PS3 bei Bedarf einstellen - unsere Xbox-Testversion bot dagegen neben der deutschen nur die französische Übersetzung an. Besitzer einer Xbox 360 mit einem Faible für die Originalsprache kommen also nicht um einen Import herum!
