Thomas Was Alone: Der Klassiker jetzt auch für Nintendo Switch - Test
Test
Thomas ist ein rotes Rechteck, und er ist alleine. Vorerst! Das bemerkenswerte Indie-Spiel zeigt eindrucksvoll, wie man mit wenigen Mitteln große Erfolge feiern kann. Warum der Klassiker auch auf der Nintendo Switch noch immer funktioniert, klärt unser Test.
In der milliardenschweren Videospielindustrie streben Entwickler, zumindest im AAA-Bereich, nach immer realistischerer Grafik, nach cineastischen Inszenierungen, nach komplexen Storys und der überzeugenden Darstellung von Emotionen. Immersion funktioniert aber auch ohne Budgets in schwindelerregenden Sphären, wie Thomas was Alone eindrucksvoll beweist. Und das gelang dem Titel schon vor elf Jahren, denn zum ersten Mal erblickt der rote, rechteckige Thomas als Flash-Game für den PC das Licht der Welt. Es folgte ein Siegeszug über so ziemlich jede Plattform, und nun kommen auch Switch-Spieler in den Genuss des kleinen, aber feinen Abenteuers.
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Simpel, aber effektiv
Minimalistische Pixeloptik verbindet man im Indie-Bereich meistens sofort mit gnadenlosen Schwierigkeitsgraden und präzisen Platformer-Herausforderungen. Thomas was alone ist anders, hinter der einfachen Grafik verbirgt sich ein im Grunde simples Puzzle-Spiel mit gelegentlichen Geschicklichkeitseinlagen.
Quelle: PC Games
Zwischen Miesepter Chris (orange) und der zurückhaltenden Laura (pink) entwickelt sich eine Beziehung. Das Verhältnis der Figuren zueinander ändert sich.
Statt menschen- oder tierähnlichen Figuren steuert ihr farbige Blöcke, manche sind größer, manche kleiner, manche länger, manche kürzer. Der erste Block, mit dem ihr euch vertraut macht, ist der titelgebende Thomas. Er wacht in einer seltsamen Welt auf und analysiert präzise die Fakten: Er kann springen, er kann sich fallen lassen, wenn er das weiße Rechteck erreicht, wird er in einen neuen Bereich transportiert. Die Gedanken von Thomas zu seiner für ihn schwer erklärbaren Situation werden (sehr gut!) von einem englischen Erzähler vorgetragen, außerdem erscheint der Text auf Deutsch im Bild. Wenig später kommt ein weiterer Block ins Spiel: Der orange, quadratische Christopher ist ein ziemlicher Miesepeter und findet Thomas sofort unsympathisch. Allerdings erreichen die beiden nur den nächsten Bereich, wenn sie zusammenarbeiten, denn Christoph kann zwar nicht so hoch springen wie Thomas, sich aber dafür durch enge Gänge quetschen und so Schalter bedienen.
Quelle: PC Games
In den ersten Levels analysiert Thomas gekonnt, in welch seltsamer Lage er sich befindet. Im Verlauf des Abenteuers versucht er, der Spielwelt zu entkommen.
Im Laufe der Zeit kommen weitere Figuren mit Ecken und Kanten dazu. Die massive Claire kann kaum hüpfen, schwimmt aber dafür auf dem Wasser, sie kann also den Rest der Truppe unbeschadet über Flüssigkeiten transportieren. Laura hingegen ist flach und unbeweglich, ihre Oberfläche aber fungiert als Trampolin, wodurch Thomas und seine Freunde höher gelegene Areale erreichen. Nicht in jedem Level greift man dabei auf die ganze Riege an Klötzchen zurück. Manchmal seid ihr zu zweit unterwegs, manchmal zu mehreren, aber räumlich voneinander getrennt. All die Stationen der Reise werden von den Gedanken und Emotionen der minimalistischen Figuren begleitet, und deren Reaktionen sind so menschlich und nachvollziehbar, dass man nicht umhin kommt, sich tatsächlich mit einem gelben Block in einer pixeligen Umgebung zu identifizieren - ein Kunststück, das sicherlich nicht jedem Entwickler glücken würde.
K.I. auf Abwegen
Quelle: PC Games
Der jeweilige Charakter muss in die weiße Aussparung, die seinem Umfang entspricht, um das Level zu verlassen. Die Blöcke arbeiten deshalb zusammen.
Aber Thomas was Alone ist nicht nur ein Charakterstück über die Reaktionen farbiger Blöcke auf eine unwirtliche Umgebung. Tatsächlich handelt es sich bei den Klötzen um K.I.-Programme, die aus zunächst ungeklärten Gründen Bewusstsein entwickelt haben. Im Verlauf der Story begeben sich Thomas und Co. auf die Suche nach ihren Ursprüngen und einem Weg aus der Matrix, in der sie eingesperrt sind. Auch das ist überzeugend, ja, sogar spannend umgesetzt. Das Gameplay an sich steht hinter der Handlung und den Charakteren zwar definitiv zurück, aber auch in dieser Hinsicht bietet Thomas was Alone einige kreative Ideen und Mechaniken. Die zehn Welten jedenfalls sind auch für Spieler schaffbar, die nicht jeden Morgen im Halbschlaf einen rubikschen Zauberwürfel lösen und zum Abschalten vor dem Zubettgehen ein paar Rätsel in Baba is you abhaken.
Alte Schachtel
Quelle: PC Games
Miteinander müssen die Protagonisten zu den weißen Markierungen gelangen. Auf Knopfdruck wechselt ihr zwischen den eckigen Helden.
Dass Thomas was Alone nun schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, merkt man der simplen Optik nicht an, diese würde vermutlich auch in weiteren elf Jahren noch ihren Zweck erfüllen. Nicht ideal gestaltet sind hingegen die Speicherpunkte. In manchen Levels findet ihr völlig unnötige Save-Stationen, in anderen hingegen gar keinen, obwohl es möglich ist, durch einen Fehler beim Bewegen der Klötze das Ende unerreichbar zu machen. Dann hilft nur ein Neustart des Levels - zu verschmerzen, aber nicht ideal. Die Steuerung ist simpel und funktioniert gut, alle Aktionen fühlen sich präzise an, sodass man stets sicher ist, die Kontrolle über die Geschehnisse zu haben. Dazu kommt eine sphärische Musikuntermalung und die sonore Sprecherstimme des Erzählers, die den tollen Eindruck des Ausnahme-Indie-Spiels abrunden.
Es sei jedoch gesagt: Wer keinen Wert legt auf die Handlung und sich ein umfangreiches Puzzle-Abenteuer verspricht, ist bei Thomas was Alone an der falschen Adresse. Mit einer Spielzeit von circa drei Stunden steckt nämlich nicht allzu viel Knobelei in diesem Abenteuer. Ob man dafür die zehn Euro berappen möchte, auch noch, für ein inzwischen ziemlich altes Spiel, liegt im eigenen Ermessen. Allerdings ist der Titel ein so charmantes Gesamtpaket, dass Indie-Interessierte die Gelegenheit nutzen sollten, um die Erlebnisse von Thomas nachzuholen.
