The Signifier im Test: Mystery-Adventure bleibt trotz schwachem Ende im Gedächtnis

Test Alexander Bernhardt Philipp Sattler
The Signifier im Test: Mystery-Adventure bleibt trotz schwachem Ende im Gedächtnis
Quelle: Raw Fury

In dem Mystery-Adventure The Signifier ermitteln wir im Todesfall der Vizepräsidentin eines riesigen Tech-Unternehmens. Dabei tauchen wir mithilfe der sogenannten Dreamwalker-Maschine in die Erinnerungen und Träume der verstorbenen Frau ein. Das Entwicklerteam Playmestudio erzählt ab dem 15. Oktober einen spannenden Thriller, der einen aber durch zu viel Interpretationsfreiraum und ein verwirrendes Ende mit gemischten Gefühlen zurücklässt.

Die junge Vizepräsidentin des größten Tech-Unternehmens der Welt, Johanna Kast, wird tot in ihrem Apartment aufgefunden. Auf den ersten Blick wirkt es wie Suizid, aber es bestehen Zweifel. Um diese auszuräumen, werden wir von der Polizei beauftragt, mehr über die letzten Momente in ihrem Leben zu erfahren. Wir spielen Frederick Russell, ein Wissenschaftler, der durch seine eigens entwickelte Dreamwalker-Maschine die Erinnerungen und Träume anderer Menschen nacherleben kann. Aber nicht nur die Polizei hat Interesse an uns: Wir erhalten sonderbare Briefe mit unbekanntem Absender, unsere Tochter ist zu Besuch und die eben erwähnte Tech-Firma hat auffallend starkes Interesse an uns und der Dreamwalker-Maschine. Der Druck auf uns wird immer stärker und schon bald sind wir nicht nur Beobachter von Erinnerungen, sondern werden auch selbst beobachtet.

Beim Nacherleben wird zwischen der objektiven und subjektiven Erinnerung unterschieden: Die objektive Erinnerung zeigt wahre Geschehnisse, ohne deren Gefühle mit einzubinden. Da sich aber niemand an jedes einzelne Staubkorn erinnern kann, sind diese Erinnerungen meist ungenau, vergessen Details wie eine Uhr an der Wand und sind zum Großteil sehr pixelig dargestellt. Das Gegenstück dazu ist die subjektive Erinnerung. Hier wird gezeigt, wie die Person das Erlebnis wahrnahm und welche Gefühle sie dabei empfand. Das Unterbewusstsein der jeweiligen Personen, an deren Gedächtnis ihr euch bedient, hat also erheblichen Einfluss auf die Welt innerhalb der Erinnerungen, was diese immer wieder verändert und viel Interpretationsfreiraum lässt.

Mehr als ein weiterer Walking-Simulator

Glückliche Kindheitserinnerungen werden im malerischen Aquarellstil dargestellt. Schön! Quelle: PC Games Glückliche Kindheitserinnerungen werden im malerischen Aquarellstil dargestellt. Schön! Spielerisch ähnelt The Signifier bekannten Story-Adventures wie den Spielen von Telltale Games oder dem kürzlich erschienenen Tell Me Why. Wir folgen aufmerksam der Geschichte, schauen uns die Umgebung gründlich an und lesen herumliegende Magazine und Briefe. In Gesprächen können wir außerdem zwischen verschiedenen Antwortmöglichkeiten wählen, die den Verlauf der Geschichte mal mehr, mal weniger beeinflussen. So weit bleibt das Spiel dem Prinzip eines "Walking-Simulator" treu. In The Signifier werden aber durch die erlebbaren Erinnerungen weitere Gameplayinhalte hinzugefügt. Wir bewegen uns durch die Erinnerungen der Verstorbenen und erweitern die von uns wahrnehmbaren Inhalte darin durch geschicktes Kombinieren von Informationen aus der objektiven sowie subjektiven Erinnerung.

Es kann zum Beispiel vorkommen, dass im subjektiven Zustand ein nicht identifizierter Gegenstand vorhanden ist, den wir durch Eintauchen in die objektive Erinnerung zuordnen können und der uns der Lösung des Rätsels ein Stück näher bringt. An anderen Stellen wiederum dürfen wir mit der Zeit innerhalb der Erinnerung spielen. Durch geschicktes vor- und zurückdrehen lassen weitere Details aufdecken, die uns sonst entgangen wären. Die verschiedenen Erinnerungsebenen mit den verbundenen Gameplayelementen heben The Signifier spielerisch von anderen Genre-Konkurrenten ab.

(Alp)traumhaftes Leveldesign

Im selektiven Zustand treffen wir bei düsteren Erinnerungen immer wieder auf unheimliche Monster. Quelle: PC Games Im selektiven Zustand treffen wir bei düsteren Erinnerungen immer wieder auf unheimliche Monster. Wie verbildlicht man Erinnerungen? Die einfache Antwort wäre, das damalige Geschehen genau so umzusetzen, wie es wirklich passiert ist. Das würde einer Erinnerung aber nicht gerecht werden, da wir uns ja nicht nur an die Umgebung, sondern an damit verbundene Gefühle erinnern. Außerdem sind manche Ereignisse logischerweise nicht mehr so präsent und detailliert wie andere. Unser Gehirn speichert ja nicht nur Buchstaben und Zahlen ab, sondern Orte, Gefühle, Emotionen und alles Drumherum. Wie sieht so eine Gedächtniswelt also aus? Playmestudios hat sich dieser Mammutaufgabe gestellt und sie beeindruckend und kreativ umgesetzt. Besonders im subjektiven Zustand haben sich die Level-Designer ausgetobt. Glückliche Kindheitserinnerungen wirken durch farbenfrohe Bilder und angenehmer Musik harmlos, während düstere Szenen fast schon wie in einem Horrorspiel mit unheimlichen Monstern, bedrückendem Sound und realitätsverzerrenden Bildern bespickt sind. Dabei wird The Signifier aber nie zu gruselig. Jumpscares sind nicht vorhanden und der Fokus wurde eindeutig auf die Atmosphäre gelegt. Dagegen wirken jedoch die realen Ereignisse fast schon langweilig und detaillos. So konnten wir es kaum erwarten, wieder in den Dreamwalker zu steigen, anstatt in der langweiligen Realität festzustecken.

Negativ aufgefallen sind jedoch die stellenweise viel zu dunklen Abschnitte, bei denen Orientierungsschwierigkeiten keine Seltenheit sind. Dieses Problem findet sich in der Realität, als auch im Dreamwalker wieder. Da die Helligkeit in den Optionen nicht eingestellt werden kann, sind wir das ein oder andere Mal im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln getappt. Insgesamt sind die Optionen sehr übersichtlich. Grafikeinstellungen sind nicht vorhanden, genauso wenig wie Soundanpassungen.
The Signifier ist übrigens nur auf Englisch spielbar. Deutsche Untertitel sind verfügbar, müssen aber jedes Mal, wenn das Spiel gestartet wird, neu eingestellt werden. Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber spätestens beim fünften Mal auch nervig.

Da kommt man im Traum nicht drauf

Die Realität wirkt im Vergleich zu den Erinnerungen fast schon langweilig. Quelle: PC Games Die Realität wirkt im Vergleich zu den Erinnerungen fast schon langweilig. Die Geschichte rund um Johanna Kast und ihrem Tod fesselt schnell. Wie in einem Krimi haben wir bald angefangen, herumzurätseln wer sie wohl umbrachte. Die Erinnerungen werfen dazu noch mehr Fragen auf, als welche zu beantworten. Was hat es mit den Hunden auf sich und wieso sind hier überall überdimensional große Löffel? Leider beantwortet The Signifier am Ende nicht alle Fragen und manche Geschichtsstränge werden kurzbündig abgehakt. Bevor wir uns versehen, ist das Game dann nach knapp neun Stunden schon zu Ende. Die Länge ist für ein Story-Adventure zwar nicht unüblich, es fühlt sich aber am Schluss sehr abrupt und gehetzt an. Mit dieser Geschichte hätte das Spiel ruhig noch vier oder fünf Stunden länger sein können, um sich mit der Auflösung mehr Zeit zu lassen. Das ist besonders ärgerlich, weil The Signifier viele gute Story-Ansätze zeigt, diese aber nicht ausarbeitet. Selbst die Dinge, die erklärt werden, sind entweder in pseudowissenschaftlichem Kauderwelsch kaum zu verstehen, oder lassen viel Interpretationsfreiraum, ohne auf den Punkt zu kommen. Hier wurde einiges an Potenzial verschenkt.

The Signifier erscheint am 15. Oktober auf Steam. Versionen für Xbox und Playstation sind in Arbeit, erscheinen aber nicht vor 2021

Meinung und Wertung

Meinung

Wertung zu The Signifier (PC)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
Wunderbares LeveldesignInteressant geschriebene CharaktereUnterschied zwischen objektiver und subjektiver Erinnerungkreative Gameplayelemente im Dreamwalkerpackende Mörder-Mystery-Story …
… die viel zu abrupt endetViele offene Fragen am SchlussDie Realität ist im Gegensatz zu den Erinnerungen langweiligTeilweise pseudowissenschaftliches KauderwelschKaum Einstellungsmöglichkeiten
Fazit

The Signifier hat sich durch das unbefriedigende Ende selbst ein Bein gestellt.

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