The Great Ace Attorney Chronicles im Test: So machen Strafverfahren Spaß!

Test Monika Himmelsbach Lukas Schmid
The Great Ace Attorney Chronicles im Test: So machen Strafverfahren Spaß!
Quelle: Capcom

Ein Ace Attorney ohne Phoenix Wright? Bereits Apollo Justice hat gezeigt, dass das geht. Auch The Great Ace Attorney Chronicles kommt ohne ihn aus und entführt uns in eine Steampunk-Version der Metropole London. Was neu ist und warum das Adventure noch immer den Charme der Reihe mitbringt, verrät euch unser Test.

2021 ist anscheinend das Jahr für Neuauflagen von Visual-Novel-Rätseleien: Im März kam bereits Famicom Detective Club für die Switch, und jetzt The Great Ace Attorney Chronicles, das zusätzlich auch für PC und PS4. Beide Titel haben gemeinsam, dass sie davor nur auf Japanisch verfügbar waren. Jetzt darf auch das westliche Publikum endlich mitfiebern. Da legen wir mal keinen Einspruch ein.

Mit Chronicles kommt sogar ein Paket aus zwei Spielen, Adventures und Resolve, die jeweils fünf Fälle behandeln und insgesamt um die 50 Stunden in Anspruch nehmen. Das Adventure bringt Abwechslung, erfindet die Ace-Attorney-Reihe aber auch nicht neu. Das muss es aber auch gar nicht.

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Plötzlich Anwalt

Für den jungen Ryonosuke Naruhodo ändert sich Einiges, als man ihn auf die Anklagebank stellt. Quelle: PC Games Für den jungen Ryonosuke Naruhodo ändert sich Einiges, als man ihn auf die Anklagebank stellt. In einer fiktiven Version des 19. Jahrhundert spielen wir den japanischen Studenten Ryonosuke Naruhodo, einen Vorfahren von Phoenix Wright. Ryonosuke wird in Geschehnisse verstrickt, die ihn auf die Laufbahn des Anwalts bringen. Zu Beginn hat er nichts mit Recht am Hut, bis er sich plötzlich vor Gericht selbst verteidigen muss. Da heißt es für ihn und für uns: schnell lernen. Und ehe wir uns versehen sind wir in London, um Investigationen und Verhandlungen für Mordfälle durchzuführen.

Immer wieder kommt dabei die Beziehung zwischen Japan und England ins Spiel. Denn Entwicklungen rund um die Gerichtsfälle stellen das neue Bündnis zwischen den zwei Nationen immer wieder auf die Probe. In Resolve findet dann die große Weltausstellung statt, bei der unvorhergesehene Vorfälle vorprogrammiert sind.

Unser tapferer Student muss sich aber nicht alleine gegen Anschuldigungen und internationale Zerreißproben stellen. Seine treue, rechtsgelehrte Assistentin Susato Mikotoba steht ihm dabei zur Seite. Während der Ermittlungen begleitet uns zudem auch Weltklasse-Detektiv Herlock Sholmes. Falls ihr euch wundert: Der Name Herlock Sholmes wurde verwendet, um das in Teilen noch gültige Copyright auf Sherlock Holmes in den U.S.A zu umgehen. Diese Schreibweise wurde auch in den Abenteuern von Arsène Lupin verwendet.

Der Meisterdetektiv löst doch sicher im Nullkommanix alleine die Fälle, oder? Falsch gedacht. Der Kollege hat zwar ein gutes Auge für Details, spinnt sich aber immer wieder die abstrusesten Theorien zusammen. Hilfreich ist er nichtsdestotrotz und so geht es für uns ab ins Getümmel aus Ermittlungen und Gerichtsverhandlungen.

Große Geschichten und kleine Gemeinheiten

Der weltberühmte Detektiv Herlock Sholmes ist weniger brillant, als man vermuten mag. Zudem hat er einen seltsamen Humor. Quelle: PC Games Der weltberühmte Detektiv Herlock Sholmes ist weniger brillant, als man vermuten mag. Zudem hat er einen seltsamen Humor. Während der Ermittlungen untersuchen wir Tatorte, sammeln Beweise oder fragen Polizisten und Scotland Yard nach dem Tathergang. Alles Wichtige, das wir einsammeln, können wir uns in den Gerichtsunterlagen genauer ansehen. Das dürfen wir nicht vergessen, da sich versteckt auf oder in Beweisstücken weitere verborgene Hinweise und Details finden lassen können. Neu für die Ace-Attorney-Reihe ist übrigens der sogenannte Dance of Deduction, in dem wir die fehlgeleiteten Schlussfolgerungen von Herlock Sholmes Schritt für Schritt korrigieren dürfen. Oft geht es hierbei darum, genau zu beobachten, wohin die befragte Person gerade sieht. Die Angeklagten verraten sich gerne mit unvorsichtigen Blicken, was uns ungemein hilft.
Der Gerichtssaal in London ist äußerst eindrucksvoll. Die Feuerschalen und die Buntglasfenster tragen einiges dazu bei. Quelle: PC Games Der Gerichtssaal in London ist äußerst eindrucksvoll. Die Feuerschalen und die Buntglasfenster tragen einiges dazu bei.

Silence!

Auch wenn er einen Toast auf uns ausspricht, der Staatsanwalt könnte uns wahrscheinlich allein mit seinen Blicken töten. Quelle: PC Games Auch wenn er einen Toast auf uns ausspricht, der Staatsanwalt könnte uns wahrscheinlich allein mit seinen Blicken töten. Haben wir unsere Ermittlungen abgeschlossen, geht es in den Gerichtssaal. In The Great Ace Attorney Chronicles gibt es zwar den ein oder anderen Fall ohne Gerichtsverhandlung, aber die meisten Episoden folgen der altbewährten Formeln. Der erste Fall spielt noch in Japan, wodurch uns die Unterschiede der jeweiligen fiktiven Rechtssysteme, aber auch der technischen Entwicklung gezeigt werden. Wo Schwarz-Weiß-Fotos in Japan gerade das Nonplusultra sind, bekommen wir in England farbige Beweisaufnahmen vorgelegt, was Einiges erleichtert.

Unser Ziel ist es, die Unschuld unserer Mandanten zu beweisen. Unser "Gegenspieler" ist dabei der Staatsanwalt, der meist genau die gegenteilige Motivation hat. Im japanischen Gerichtssaal müssen wir vor allem den Richter davon überzeugen, dass der Angeklagte nichts verbrochen hat. In London kommt auch noch eine sechsköpfige Jury dazu, die aus unterschiedlichsten Personen aus den verschiedensten Lebensumständen besteht. Und: Besonders sachlich argumentieren die nicht. Der Eine will eigentlich nur nach Hause, der Andere ist sowieso auf Blut aus und die alte Omi will einfach nur stricken. Toll, es geht ja auch nur um ein Todesurteil. Aber gut, wir werden es schon schaffen, sie durch Zeugenbefragungen auf unsere Seite zu ziehen.

Lüg' mir ins Gesicht

Während der Zeugenbefragung müssen wir genau auf Ungereimtheiten achten. Denn trotz der Wahrheitspflicht flunkern manche Leute gerne. Quelle: PC Games Während der Zeugenbefragung müssen wir genau auf Ungereimtheiten achten. Denn trotz der Wahrheitspflicht flunkern manche Leute gerne. Während der Befragungen nehmen wir die Personen im Zeugenstand ins Kreuzverhör und schauen, ob ihre Aussagen im Widerspruch zu Beweisen oder anderen Angaben stehen. Es kann etwa sein, dass sich jemand falsch erinnert oder geradeheraus lügt. Und wir müssen schließlich der Wahrheit auf den Grund gehen. Bevor wir das tun können, haben die Jurymitglieder aber meist schon für schuldig gestimmt. Wir müssen sie wieder umstimmen, da ansonsten der Fall beendet und unser Mandat für schuldig befunden wird.

Beim ersten Mal kommt es noch als Überraschung, dass wir gerade noch so den Fall herumgerissen haben, später sind wir es schon gewohnt und es wird vorhersehbar. Dabei sagt man uns zuerst, dass das Vorgehen, die Jury zu überreden, uralt und kaum mehr in Gebrauch ist. An sich ist dieser Teil der Verhandlung aber unterhaltsam, da man Streit zwischen den Mitgliedern provozieren kann. Die Abfolge ist dabei so: Jeder in der Jury erklärt, warum er für schuldig gestimmt hat. Danach suchen wir nach Ungereimtheiten und stellen die zwei Aussagen gegenüber, die sich widersprechen. Dadurch kriegen wir die Jurymitglieder zur Einsicht und die zwei, deren Begründungen wir widerlegt haben, stimmen mit unschuldig ab. Haben wir vier Leute umgestimmt, wird die Verhandlung weitergeführt und wir können weiter für die Freiheit des Angeklagten kämpfen.
Die Jury besteht aus sechs Personen, die mehr oder minder Stimmen aus dem Volk darstellen sollen. Besonders neutral sind sie nicht immer. Quelle: PC Games Die Jury besteht aus sechs Personen, die mehr oder minder Stimmen aus dem Volk darstellen sollen. Besonders neutral sind sie nicht immer.

Schwan und Hut

Die NPCs sind herrlich schräg, was dem Erlebnis einen eigenen Charme gibt. Der Hut der Dame hier ist weniger leblos, als man meinen möchte. Quelle: PC Games Die NPCs sind herrlich schräg, was dem Erlebnis einen eigenen Charme gibt. Der Hut der Dame hier ist weniger leblos, als man meinen möchte. Bei unserem Kampf für die Gerechtigkeit kommen wir aber nie um schrullige NPCs herum, die so überzeichnet sind (in beiderlei Hinsicht), dass man sie so schnell nicht wieder vergisst. Sei es die Dame mit dem Schwanenhut, auf dem ein echtes Vogelvieh lebt oder der Herr, der der Mann im Mond sein könnte. An der Stelle unterstützt das Charakterdesign das Writing herrlich, aber auch sonst sieht das Spiel einfach gut aus.

Der Stil knüpft an die Vorgänger an, setzt aber gerade bei Hintergründen und den Animationen einen drauf, auch im Vergleich zu den ursprünglichen Great-Ace-Attorney-Spielen. Wer die letzten zwei Abenteuer der Hauptreihe oder das Crossover mit Professor Layton gespielt hat, weiß in etwa, was ihn erwartet, jedoch in wesentlich schöner.

Auch mal zurücklehnen

Von Japan aus in die viktorianische Metropole London. Die Zwischensequenz zur Ankunft in der Metropole ist voller Liebe gestaltet. Quelle: PC Games Von Japan aus in die viktorianische Metropole London. Die Zwischensequenz zur Ankunft in der Metropole ist voller Liebe gestaltet. Einige der Fälle sind vergleichsweise einfach, vor allem, wenn man sich andere Ace-Attorney-Spiele ansieht. Gerade am Anfang des ersten Teils von Chronicles, Adventure, nimmt man uns stark an die Hand. Ab und zu reden die NPCs auch um den heißen Brei und wir warten nur darauf, endlich beweisen zu dürfen, warum etwas nicht so gewesen sein kann, wie von der Gegenseite behauptet. Im späteren Spielverlauf bessert sich das aber erfreulicherweise.

Während manche Fälle also eher leicht sind, bleiben wir an anderen Stellen trotzdem stecken. Denn bei einigen Zeugenaussagen finden sich keine Widersprüche, die tun sich aber auf einmal auf, wenn man auf Knopfdruck nachbohrt. Das ist oft, aber nicht immer intuitiv erkennbar, sodass viel herumversucht werden muss. Da müssen wir also durch, aber das kennen wir ja aus bisherigen Teilen der Reihe schon. Falls wir gar nicht weiterkommen, gibt es jetzt auch den Storymodus, den wir aktivieren können. Da erledigt das Spiel für uns die ganze Arbeit, inklusive aller Rätsel, und wir können uns zurücklehnen. Als Knobel-Freund macht man das aber natürlich nur dann, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, und das dürfte eher selten vorkommen.

Hold it!

Im sogenannten Dance of Deduction korrigieren wir den ach so brillanten Meisterdetektiv. Quelle: PC Games Im sogenannten Dance of Deduction korrigieren wir den ach so brillanten Meisterdetektiv. The Great Ace Attorney Chronicles (jetzt kaufen 22,99 € ) bringt mit der Jury und dem Ermittlungstanz von Herlock Sholmes schöne neue Elemente mit. Sonst gibt es wenig frischen Wind, aber den braucht die Reihe auch nicht unbedingt. Die Ace-Attorney-Serie hat ihre bewährten Stärken und spielt sie auch in Chronicles aus. Zwar ist nicht jeder Fall gleich gut, das Gesamtpaket ist aber wirklich gelungen. Die Charaktere sind schräg wie eh und je und verzaubern uns mit ihrem abstrusen Charme.

Für die Spiele sind aber gute Englischkenntnisse notwendig, denn deutsche Texte gibt es nicht und die wenigen Zwischensequenzen sind auf Englisch vertont, ebenso die bekannten Ausrufe wie "Objection" und "Hold it!".

Fans der Reihe kommen um den neuen Teil definitiv nicht herum und auch Visual-Novel-Liebhaber werden viel Freude mit The Great Ace Attorney Chronicles haben.

The Great Ace Attorney Chronicles ist seit dem 27. Juli 2021 für PC, PS4 und Nintendo Switch erhältlich.

Meinung

Wertung zu The Great Ace Attorney Chronicles (PC)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu The Great Ace Attorney Chronicles (PS4)

Wertung:

8.0 /10

Wertung zu The Great Ace Attorney Chronicles (NSW)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Schrullige Charaktere mit gutem CharakterdesignSchöner Stil und flüssige AnimationenSpannende Fälle mit wenig AusnahmenStory-Funktion, falls wir festsitzenJury und Dance of Deduction als Neuerungen
Ansonsten wenig frischer WindAb und zu hält uns das Spiel hinKeine deutsche Textoption
Fazit

Bewährtes Prinzip mit ein paar Neuerungen. Für Fans der Reihe und Visual-Novel-Liebhaber ein Muss.

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