Düster, spannend und richtig gut: Wer Adventures und finstere Pulp-Thriller liebt, kommt an The Drifter nicht vorbei.
Es ist selten geworden, dass mich Spiele überraschen können, und das gilt besonders für Adventures. Sicher, mit Highlights wie Thimbleweed Park oder dem letzten Baphomets Fluch kommen Point-and-Click-Liebhaber zumindest hin und wieder noch auf ihre Kosten. Doch auch ich muss zugeben: So richtig wie in alten Lucas-Arts-Zeiten fesseln mich diese Spiele schon lange nicht mehr.
Und dann kommt plötzlich The Drifter um die Ecke - und schon nach fünf Minuten weiß ich, dass ich dieses Spiel nicht mehr aus der Hand legen werde, bis ich den Abspann gesehen habe. Und damit bin ich offensichtlich nicht allein: Auf Metacritic hat The Drifter einen tollen Wertungsschnitt erzielt, auf Steam sieht es sogar noch besser aus: "Außerst positiv" urteilen hier 98 Prozent der Käufer. Sie haben Recht.
Retro modern: The Drifter glänzt mit Atmosphäre
Mit durchgestylten, schwermütigen Bildern und einem finsterem Synth-Soundtrack macht mich das Adventure schon ab dem ersten Klick neugierig. Feine Animationen und hübsche Beleuchtung sorgen für cineastisches Flair und verpassen dem Spiel eine zeitgemäße Atmosphäre. Doch im Kern ist das immer noch ein klassisches Retro-Abenteuer, wie man sie schon vor 30 Jahren gemacht hat, mit dicken Pixeln, Rätseln, allem Drum und Dran.
The Drifter erzählt seine Geschichte so selbstbewusst wie ein guter Pulp-Roman, ein spannender Mystery-Thriller, der Elemente aus Sci-Fi, Horror und Drama gekonnt unter einen Hut bringt. Tiefgründig wird es zwar nie, doch deshalb sollte man The Drifter nicht als leichte Kost verbuchen: Hier werden Themen wie Krankheit, Kindestod, Trauerbewältigung und Suizid behandelt, manchmal sind auch brutale Sterbeanimationen und Folterszenen zu sehen. Das alles macht The Drifter zu einem Spiel, das definitiv nicht in Kinderhände gehört.
Hinweis: Wenn Sie selbst von Suizidgedanken betroffen sind, finden Sie bei der Telefonseelsorge rund um die Uhr Hilfe unter 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 (kostenfrei). Weitere Informationen unter https://telefonseelsorge.de.
Ein Thriller wie aus einem Pulp-Roman
Mick Carter ist nicht gerade die Sorte Held, die ich in einem klassischen Adventure erwartet hätte: Ich lerne ihn als mürrischen, rastlosen Herumtreiber kennen, ein Typ, der am liebsten von der Bildfläche verschwinden würde.
Doch als er für eine Beerdigung widerwillig in seine Heimatstadt zurückkehrt, gerät er gnadenlos in einen Strudel aus Gewalt: Ein Mörder treibt unter Obdachlosen sein Unwesen, immer mehr Menschen werden vermisst - und plötzlich machen auch noch maskierte Männer in Kampfmontur Jagd auf Carter, dem keine andere Wahl bleibt, als den unheimlichen Fall auf eigene Faust zu lösen und seinen Namen reinzuwaschen.
Bildergalerie
Es ist der Auftakt für eine Geschichte, die von entführten Reportern, genervten Sekretärinnen und größenwahnsinnigen Wissenschaftlern bis hin zu geisterhaften Erscheinungen, geheimen Forschungsanlagen und Monstern im John-Carpenter-Format erstaunlich wenige Klischees auslässt. Allerdings wird das Ganze stets so ironiefrei und selbstsicher präsentiert, dass der Spaß dabei nie flöten geht.
Rätsel und Story im Einklang
Meistens folgt The Drifter dem vertrauten Genre-Strickmuster: Ihr sucht den Bildschirm mit dem Mauszeiger ab, klickt euch durch Hotspots und Dialoge, sammelt ein paar Items auf und kombiniert sie an anderer Stelle. Das spielt sich tadellos, selbst mit einem Controller.
Auch die Laufwege fallen angenehm kurz aus, da ihr in den meisten Kapiteln ohnehin nur wenige Locations gleichzeitig erkunden dürft. Dadurch bietet The Drifter deutlich weniger Freiheiten als beispielsweise Thimbleweed Park oder Deponia, in denen man schon früh massenhaft Screens mit unzähligen Hotspots erforschen kann. Andererseits bleibt der Spielablauf dadurch schön straff und die Handlung gerät nie ins Hintertreffen, was in The Drifter definitiv ein Vorteil ist.
Die Puzzles fügen sich außerdem gut in die Handlung ein und wirken nicht aufgesetzt. Zwar fallen sie nie sonderlich knifflig aus, aber zumindest präsentieren sie sich logisch und geerdet - Carter ist ein bodenständiger Typ, und genau so löst er auch seine Aufgaben. Sehr sympathisch! Und wenn man doch mal etwas um die Ecke denken muss, streuen der Held oder eine Nebenfigur automatisch kleine Tipps ein, während man sich an unterschiedlichen Lösungen probiert. Für den Spielfluss ein echter Gewinn.
Cooles Detail: Wann immer Carter einen neuen Hinweis sammelt, eine Idee hat oder ein Ziel verfolgt, werden seine Gedanken in einer eigenen Übersicht abgelegt. So weiß man immer, welche Aufgaben gerade zu erledigen sind, welche Geheimnisse enthüllt wurden - und wo Carter noch völlig im Dunkeln tappt.
