Star Trek: Am Rande des Franchise-Universums

Special Sebastian Göttling Maik Koch
Star Trek: Am Rande des Franchise-Universums
Quelle: Paramount

Star-Trek-Papst Sebastian Göttling (Trek am Dienstag) begibt sich auf in unendliche Weiten des Franchise-Universums. Was wird er dort finden?

Neulich erst schrieb ich über die zwei großen Star-Trek-Sendepausen der 1970er und der Nullerjahre, beides Zwangspausen, und blickte dabei auch dunkel-ahnungsvoll in die Zukunft anderer und viel größerer aktueller Franchises. Denn beispielsweise kündigte Disney erst vor Kurzem an, ihre Avengers in eine misserfolgsbedingte, längere Pause zu schicken, und außerdem wurden einige weitere ihrer MCU-Filme sogar ersatzlos gestrichen. Und dann steht da das deutlich kleinere Star Trek in diesem Umfeld milliardenschwerer Marken und reckt sich ständig dorthin aus. Wobei sich in einem dermaßen übersättigten und schrumpfenden Umfeld überhaupt die Frage stellt: Ja, wo genau möchte Star Trek denn hin?

Anlass genug, meine eigene Sicht darauf zu schildern, wie sich Star Trek heutzutage zu behaupten versucht, wie es andererseits aber auch seine Individualität bewahren sollte. An dieser Stelle eine Vorwarnung, denn ich werde nicht umhinkommen, meinen seit ein paar Jahren (eher: Jahrzehnten) vorhandenen Beef mit "meinem Liebling" Star Trek anzusprechen. Aber keine Sorge, es ist mein ganz persönlicher Beef und ich möchte ihn hiermit als solchen gekennzeichnet haben. Dies sind die Gefühle einer Einzelperson und alles andere als allgemeingültig. Niemand muss diese Sicht teilen, sie ist lediglich als Denkangebot und Diskussionsbeginn gemeint. Und als Glosse, die mein Inneres durchkärchert - also schnallt euch an und nehmt das alles nicht allzu bierernst.

Dazu möchte ich zunächst schildern, wie Star Trek über die letzten fünf Jahrzehnte eine Parallelexistenz zur Blockbuster-Ära führte. In Star Treks erster Sendepause in den 70ern, zwischen Originalserie und erstem Kinofilm, wurde der moderne Blockbuster geboren mit "Jaws" (Der weiße Hai) und "Star Wars" (Krieg der Sterne). Sicherlich gab es auch in den Jahrzehnten davor bereits spektakuläre Hollywood-Filme, die zu veritablen Straßenfegern wurden, doch insbesondere diese beiden Megahits schlugen die ersten, stabilen Pfosten für das Blockbuster-Zirkuszelt in den Boden.

Übrigens: Oftmals heißt es, dass Star Wars unmittelbar für die Rückkehr von Star Trek als Kinofilm im Jahr 1979 verantwortlich war. Dabei handelt es sich aber um einen Irrglauben, den ich selbst in unserem beliebten und ansonsten durchaus kenntnisreichen Star-Trek-Podcast "Trek am Dienstag" wiederholt mitverbreitet habe. Doch in Wirklichkeit, wie ich erst im letzten Jahr herausfand, war es Steven Spielbergs "Unheimliche Begegnung der dritten Art" (Close Encounters of the Third Kind), welche die Paramount-Studiobosse sagen machte: "Eigentlich hätten *wir* diejenigen sein müssen, die einen derart intellektuellen und auch erdbasierten Science-Fiction-Film ins Kino bringen, denn wir haben Star Trek im Portfolio. Dieser große Erfolg der unheimlichen Begegnung, der hätte unserer sein müssen." Als man daraufhin grünes Licht gab für "Star Trek: The Motion Picture" (Star Trek: Der Film), wusste man ganz genau, was Star Trek ist und was Star Trek nicht ist. Nämlich kein Märchen à la Star Wars, sondern mehr eine utopische Fortschreibung der Menschheitsgeschichte mit jeder Menge "sense of wonder".

Was als Unterscheidungsmerkmal oder auch klar gezogene Grenze auch nicht weiter schlimm ist, denn Space-Fantasy in einer fernen Galaxie à la Star Wars und die irdisch-futuristische Science-Fiction von Star Trek sind zwei wunderbare Geschmacksrichtungen, die nebeneinander existieren können.

Als "Star Trek: The Motion Picture" Ende 1979 ins Kino kam, lag man nicht gerade falsch mit der Mission, die man sich vorgenommen hatte, eine Art pseudo-tiefsinniges "thinking man's sci-fi" zu machen. Denn auch wenn in den Jahrzehnten danach gerne und oft behauptet wurde, dass dieser erste Film zu einem absoluten Flop wurde - noch ein populärer Irrtum - so geriet er tatsächlich zum erfolgreichsten Star-Trek-Kinofilm bis 2009. Und inflationsbereinigt schlägt er sogar diesen. Knapp dahinter übrigens "Star Trek IV: The Voyage Home" (Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart) von 1986.

Auch dieser war kein actiongeladenes Space-Fantasy-Epos, sondern "der mit den Walen" - ein SciFi-Erfolg ohne einen personifizierten Bösewicht - und trotzdem einer der Megahits unter den ersten zehn Star-Trek-Filmen. Das können wir für später im Hinterkopf behalten.

Nur ein Jahr nach dem vierten Kinofilm kehrte 1987 Star Trek zurück ins Fernsehen mit "Star Trek: The Next Generation"; der Beginn der 18 Jahre langen, sogenannten Berman-Trek-Ära, also die Zeit der vier Serien, für die Richard Berman als oberster Produzent verantwortlich zeichnete. Was hat sich im Laufe dieser 18 Jahre alles getan, was das Blockbuster-Kino anging?

Star Trek 1 Quelle: Paramount Der erste Star-Trek-Kinofilm war gar kein Trittbrettfahrer von Star Wars, sondern von der Unheimlichen Begegnung der dritten Art. Bereits im Jahr 1989, als die Next Generation gerade mal in Staffel 3 steckte, bereitete sich Hollywood vor, aus den seltenen Blockbustern Franchises zu machen, die mit schöner Regelmäßigkeit große Summen Geld auszahlen. (George Lucas hatte mit Star Wars zwar bereits eine wahnsinnig erfolgreiche Trilogie abgeschlossen, zeigte aber aktuell kein Interesse daran, weiterzumachen. Noch nicht.)

1989 wurde deswegen das Jahr der Fortsetzungen: "Ghostbusters 2", "Gremlins 2", die Rücken an Rücken gedrehten Filme "Zurück in die Zukunft II & III", aber auch der dritte Teil aus Steven Spielbergs Indiana-Jones-Filmreihe. Filmfans und die Kritik äußerten damals das Gefühl, es gäbe plötzlich nichts mehr außer Fortsetzungen. (Wenn die wüssten, was sie in kommenden Jahrzehnten noch erwarten würde!) All diese zweiten und dritten Teile machten, was den Erfolg an den Kinokassen anging, die ebenfalls nunmehr fünfte Ausgabe der Star-Trek-Kinoserie, diesmal unter der Regie von William Shatner, ganz schön platt.

Doch interessanterweise wurde dieses Fortsetzungsjahr für alle vier genannten Filmreihen auch der große Interrupt. "Zurück in die Zukunft" und die Gremlins wurden bis heute nicht im Kino fortgesetzt, Indiana Jones und die Ghostbusters in eine jahrzehntelange Pause verabschiedet. Das Franchise-Building legte sich also wieder einige Jahre in den Winterschlaf, bis im Jahr 1993, als bei Star Trek die Next Generation bereits auf die Ziellinie zu steuerte und schon ihr erstes Spinoff "Deep Space Nine" im Fernsehen lief, der Spezialeffekt-Blockbuster auf eine völlig neue Ebene gehievt wurde. Nun unterstützt von CGI, wieder einmal in einem Steven-Spielberg-Film, in diesem Fall "Jurassic Park".

Dank diesem urzeitlichen Aufschlag wurden ab Mitte bis Ende der 90er mit diesem Kochrezept sogenannte "Tentpole-Filme" angesetzt. Hauptsache, jede Menge computergenerierte Spezialeffekte. Ein Twister hier, ein Armageddon dort.

1994 war das Jahr, in dem Star Trek dem sogenannten Mainstream am allernächsten kam. Die Next Generation war ein Megahit im TV und endete im Frühsommer, nur um sich kurz vor Weihnachten mit einem generationsübergreifenden Kinofilm zurückzumelden. Der erste Spinoff "Deep Space Nine" ging von seinem zweiten ins dritte Jahr und die Presse war bereits voll von Informationen zum nächsten Ableger "Voyager". Erfolg auf ganzer Linie! Doch von da ging es in einen sehr gemächlichen Sinkflug.

Allerdings war man im Jahr 1996 immer noch sehr weit oben, denn da legte Star Trek eine sehr geglückte, wenn auch unbeabsichtigte Meisterleistung hin. Ein wenig Kontext. Im Sommer des Jahres brach Roland Emmerichs Alien-Weltuntergangsszenario "Independence Day" sämtliche Einnahmenrekorde, machte alle Kinofans heiß auf Katastrophenfilme und SciFi. Nur wenige Monate danach hatte Paramount wundersamerweise den zweiten TNG-Kinofilm "Star Trek: First Contact" (Star Trek: Der erste Kontakt) in petto. Diese wenigen Monate zwischen "Independence Day" und "First Contact" boten keine ausreichende Vorbereitungszeit, so dass sich Star Trek von Emmerich hätte inspirieren lassen können. Es war einfach ein glücklicher Zufall, der sich an den Kinokassen auszahlte. Denn in beiden Filmen waren es Außerirdische in riesenhaften Raumschiffen, die die Erde bedrohten, und denen sich die Helden in einem "Rip-Roaring-Adventure" gegenüberstellten. Bei Roland Emmerich namenlose Fieslinge, bei Star Trek die bereits aus legendären Next-Generation-Episoden bekannten Borg. "First Contact" wurde auf so fruchtbarem Boden ein für Trek-Verhältnisse sehr großer Erfolg, der auch Teile des Mainstream-Publikums ansprach.

An diesem Best Practice Event "Mega-Blockbuster-Alien-Invasion vs. Star-Trek-Alien-Invasion" möchte ich ein Rechenbeispiel festmachen. "Independence Day" spielte 817 Millionen Dollar ein, "First Contact" brachte es auf 146 Millionen Dollar. Das klingt im Vergleich schlimm wenig, ist aber dennoch wahnsinnig beachtlich. Der Grund für dieses starke Gefälle ist, dass man sich mit Star Trek seit jeher in einer Nische bewegte, die zwar einige "Wald- und Wiesen-Kinogänger" anziehen konnte, aber eben nicht das gesamte Massenpublikum. Star Trek hatte immer etwas Nerdigeres, etwas von "dieser besonderen Ecke auf dem Schulhof". Es mobilisierte nicht so sehr die Massen an Nicht-Nerds, wie es "Independence Day" tat.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Produktionen, was die Einnahmen angeht, ist der Faktor 5,5. Strikt vereinfacht könnte man also sagen: Egal, wie sehr Star Trek sich anstrengt, den Mainstream abzuholen - aufgrund seiner intrinsischen Nerdigkeit kann es bestenfalls 20% des Publikums eines Mega-Blockbusters abstauben. Das ist die undurchstoßbare gläserne Decke, mit der Star Trek leben muss. Doch wenn man unterhalb dieser Decke sorgsam kalkuliert, ist es möglich, Star Trek als verlässliche "kleine" Cash Cow zu halten. Man darf nur nicht zu viel wollen.

Über die gesamten 18 Jahre Berman-Trek hinweg war sich Star Trek seiner festen Nische, seiner Nerdigkeit und seinen Grenzen der Wachstumsmöglichkeiten vollkommen bewusst. 18 Jahre lang hat man "diesen Stiefel unbeirrt durchgezogen". Was im Kino an Blockbustern kam und ging, war in diesen Jahren für Star Trek einigermaßen egal. Nichts, was man zwingend imitieren musste.

Okay, zugegeben ließ man sich ab und an doch zu trittbrettfahrenden Einzelepisoden hinreißen. Da war die unsägliche Robin-Hood-Episode "Qpid" (Zeitsprung mit Q) bei der Next Generation, die hektisch produziert wurde, eben weil Kevin Costner im Kino Furore feierte als der Mann, der von den Reichen stielt und den Armen gibt. Oder aber auch einige Anleihen an die Mitte der 90er hyper-erfolgreichen "X-Files" (Akte X), insbesondere beim Spinoff Voyager, wo es gelegentlich um Entführungen durch Außerirdische, prähistorisch-indigene Aliens und intelligente Dinosaurier ging. Sogar Deep Space Nine war vor Scully und Mulder nicht gefeit, entpuppten sich doch die Ferengi in "Little Green Men" (Kleine grüne Männchen) als die Roswell-Aliens. Unvergessen auch die späte Voyager-Episode "Tsunkatse" mit Dwayne "The Rock" Johnson - ein lupenreiner Versuch, auf den Wrestling-Hypetrain aufzuspringen.

Dabei handelte es sich aber immer um vereinzelte Folgen. Denn nicht vergessen: es wurden seinerzeit pro Serie noch bis zu 26 Episoden pro Staffel produziert. Da machte ein Robin Hood oder ein The Rock den Kohl alles andere als fett. Wenn die restlichen 25 Episoden "erkennbares Star Trek" waren, welches nicht Blockbuster- oder andere -Säue durchs Dorf trieb, war doch alles in Ordnung.

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