Skins sind in Spielen überall. Doch wenn Cosmetics echten Content ersetzen, leidet der Spielspaß - unser Hot Take über moderne Games.
Wenn wir eine kleine, dickliche Figur mit rotem Hemd und blauer Latzhose sehen, dann wissen wir sofort, dass es sich dabei um Super Mario handelt. Das hat sich über Jahrzehnte so in unser Hirn eingebrannt - weil Spielfiguren früher eben so aussahen, wie die Entwickler es entschieden haben. Das ist aber schon seit Jahren nicht mehr der Fall. Heute entscheiden wir Spieler, wie unser Charakter aussieht. Und damit meinen wir nicht einen Charaktereditor, sondern die zahlreichen Skins, mit denen wir heute in nahezu jedem Spiel zugeworfen werden.
Anfangs war das ja durchaus passend. Haben wir in WoW oder anderen Rollenspielen eine neue Rüstung bekommen, haben wir das an unserem Charakter gesehen, und auch die Möglichkeit, in GTA und Co. je nach Lust und Laune andere Klamotten anzuziehen, erscheint durchaus passend.
Im Laufe der Zeit wurden Skins aber von einem netten Nebenaspekt nach und nach zum Hauptbestandteil vieler Spiele. Ob Overwatch, Fortnite oder auch Diablo - neue Skins, die unseren Charakter anders aussehen lassen, sind der wichtigste Faktor an allen Season-Pässen, Mini-DLCs oder der Belohnungsstruktur. Und was soll ich sagen: Ich denke, das hat maßgeblich (wenn auch nicht ausschließlich) dafür gesorgt, dass die Spiele immer schlechter wurden. Und ich will euch auch erklären, warum ich das denke.
Ich bin kein "Skin-Hater"
Vorneweg will ich betonen, dass ich an sich nichts gegen Skins und die Möglichkeit, seinen Charakter zu individualisieren, habe. Ich kann sogar mit vollkommen abstrusen Skins gut leben. Wer in WoW im Schlafanzug gegen die Bosse antreten will ... ja mei, wenn es ihm Spaß macht, warum nicht?
Womit ich aber ein Problem habe: Wenn Entwickler ihren Fokus vom Spiel, dem Gameplay und einer gesunden Motivations- und Belohnungsstruktur wegnehmen und sich nur noch darum scheren, wie man noch mehr und noch mehr Skins ins Spiel (und im Zweifel in einen Shop) bringen kann.
Ab dem Moment fühlt sich das Spiel nicht mehr nach Spiel an. Man gewinnt hingegen den Eindruck, als wäre es nur noch eine Plattform, um billig und schnell produzierte Pixel-Texturen so teuer wie möglich unters Volk zu bringen. Und ja, ich weiß auch, dass das heutzutage hervorragend funktioniert und sich die Entwickler und Publisher damit dumm und dämlich verdienen. Besser wird es dadurch in meinen Augen aber nicht.
Skins sind kein Content, oder doch?
Ein neuer Season-Pass oder ein neues Update ohne neue Skins sind heutzutage nahezu unvorstellbar. Die Publisher betrachten sie als wertigen Content.
- "Was bringt der neue Patch denn so?" - "Nun, wir haben ein paar geile, neue Skins für diesen Helden und jene Waffe. Großartig, oder?"
Nun, ich sehe das anders. Für mich sind Skins kein echter Inhalt. Ja, das kann und darf man auch anders sehen. Es gibt durchaus viele Spieler, die sich einen Wolf freuen, wenn sie sich neue Skins kaufen oder erspielen dürfen. Allerdings würde ich behaupten, dass es sich dann immer noch nicht um "neuen Content" handelt, sondern um "neue Motivation, den bestehenden Content zu spielen."
Die wichtigste Aufgabe eines Entwicklers ist es nicht, den Spieler glücklich zu machen. In Zeiten von Analytics ist es die wichtigste Aufgabe, den Spieler im Spiel zu halten - je länger er spielt, desto besser. Das funktioniert mit Skins als Belohnung hervorragend. "Spiel noch 10 Partien und dein Soldat bekommt eine glänzende Ritterrüstung als Heldenskin" - und zack, spielen viele eben noch zehn Partien mehr, als sie sonst spielen würden.
Um zu erkennen, wie gut das funktioniert, muss ich gar nicht weit schauen. Öfter als es jemand zugeben würde, erwische ich Menschen in meinem Haushalt, die Spiel X spielen, obwohl sie aktuell keine Lust drauf haben, weil "man den Skin nur noch bis Ende der Woche freispielen kann". Dass dieser dann am Ende in die Sammlung kommt und niemals benutzt wird, macht die Sache nicht besser. Skins werden hier krass als FOMO eingesetzt und machen das Spiel zum Pflichtprogramm.
- Skins sind nicht das Problem, wenn sie Belohnung für gutes Gameplay sind. Sie werden zum Problem, wenn sie Ersatz für gutes Gameplay werden.
Skins sind also für mich "Motivation" aber kein echter Content. Aber wieso macht das die Spiele denn schlechter, fragt ihr euch an dieser Stelle wahrscheinlich zurecht. Nun, weil auch Entwickler erkannt haben, wie hoch die Motivation durch Skins ist. Lasst mich das ein bisschen weiter ausführen.
Quelle: Blizzard
In Overwatch werden wir permanent mit neuen Heldenskins versorgt. Das Spiel an sich bleibt dabei normalerweise gleich.
Ressourcen sind begrenzt, Skins sind simpel
Jeder noch so große Entwickler hat eine endliche Menge an Ressourcen, um sein Spiel zu designen, zu entwickeln und am Laufen zu halten - dem wird wohl niemand widersprechen. Also muss man sich bei Blizzard und Co. die Frage stellen, wie man diese Ressourcen am effektivsten und am erfolgversprechendsten einsetzt. Dabei behalten wir das Ziel "Je länger jemand spielt, desto besser" im Hinterkopf.
Wie bringen wir jemanden dazu, das Spiel lange und ausdauernd zu spielen? Wir stellen ein Spiel auf die Beine, das im Kern Spaß macht. Richtig, das ist die Grundvoraussetzung für jedes Spiel. Wenn Spiel X keinen Spaß macht, dann helfen auch die besten Skins nicht.
Doch auch ein spaßiges Spiel nutzt sich langsam ab und irgendwann kommt man unweigerlich zu dem Punkt, an dem es nicht mehr genug Spaß macht, um es aktiv weiterzuspielen. Ob man nun für diesen Tag genug hat, für die Woche raus ist oder für alle Zeiten ausloggt, spielt dabei erstmal keine Rolle.
Diesen Punkt gilt es für die Entwickler so weit wie möglich nach hinten zu schieben. Um das zu erreichen, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, wir brechen sie einfachheitshalber aber mal auf die drei gängigsten herunter:
- Neue Inhalte bereitstellen
- Inhalte so überarbeiten, dass man sie erneut spielen will
- Belohnungen für die alten Inhalte einführen/verbessern
Nun bin ich kein professioneller Entwickler, aber selbst ich weiß, dass Variante 1 und 2 ungleich viel mehr Arbeit und Aufwand bedeuten als Variante 3.
Solange ein Spiel beliebt ist, gute Zahlen schreibt und die Investoren zufrieden sind, haben die Entwickler auch (so fair sollte man sein) in der Regel alle drei Punkte im Blick und arbeiten hart an allen Fronten. Doch sobald die Zahlen schwächer werden, und der Druck der Aktionäre und CEOs wächst, werden die ersten Punkte immer weiter vernachlässigt und der Fokus liegt auf besseren Belohnungen, a. k. a. Skins. Das ist keine Annahme, sondern lässt sich an zahlreichen Spielen immer wieder beobachten. Verdammt, es gibt Publisher, die verkaufen noch neue Skins, obwohl das Ende des Spiels und die Abschaltung der Server bereits beschlossen ist.
An diesem Punkt ist aber ohnehin schon alles zu spät. Doch schon von Beginn an sorgen die für Skins eingesetzten Ressourcen dafür, dass das Spiel nicht so gut ist, wie es hätte sein können. Dabei geh ich natürlich von der (vielleicht naiven) Annahme aus, dass ein Spiel besser wird, wenn man mehr Ressourcen ins Gameplay und die eigentlichen Inhalte investiert. Das ist sicherlich nicht immer ausnahmslos der Fall - aufs große Ganze betrachtet aber wohl schon. Andernfalls müsste man auch sagen können "XY hat Ressourcen beim Gameplay eingespart, dadurch wird es nun bestimmt ein besseres Spiel". Ihr versteht, was ich meine.
In der Praxis ist es natürlich nicht ganz so einfach. Ein Skin-Designer arbeitet nicht am Quellcode oder am neuen Spielmodus. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um Produktprioritäten: Welche Abteilung statten wir mit wie viel Ressourcen aus.
Achtung: Ich gehe hier stets vom (vielleicht nur für mich geltenden) Grundsatz aus: Neue Skins machen mir keinen Spaß. Das mag bei euch vielleicht anders sein. Spaß ist ja bekanntlich sehr subjektiv.
Quelle: Xbox
In vielen Spielen gibt es extra Skins von den verschiedenen Esport-Teams.
Skins bieten (leider) viele Vorteile
Ich möchte aber nicht nur behaupten, die "bösen Entwickler" machen das nur, um sich die Arbeit zu sparen, ein vernünftiges Gameplay auf die Beine zu stellen, das uns aus Spaß an der Freude weiterspielen lässt. Skins bieten abseits dessen, dass sie uns zu längerem Spielen motivieren, ein paar weitere handfeste Vorteile.
Coole Skins sind ein beliebtes, weil hervorragend funktionierendes Marketing-Instrument. Sie sind oft bildgewaltig und verbinden spannende neue Visuals oft gekonnt mit der bekannten und liebgewonnen Optik des eigentlichen Spiels. Es catcht den Spieler oder Zuschauer einfach besser, wenn wir nicht das drölfte Cinematic mit der exakt gleichen Figur bekommen, sondern diese in spektakulärem neuem Gewand auftaucht.
Zudem bieten erspielte (oder gekaufte) Skins eine sonst kaum zu bekommende Kundenbindung. Warum ist WoW so erfolgreich? Weil wir dort so viel erlebt haben, so viele Erfolge, Mounts und Freunde haben. Da sich sowas aber schwer auf andere Spiele übertragen lässt, übernehmen erspielte Skins die Rolle.
Auch hier ein Beispiel aus der Praxis: Marvel Rivals ist für mich und meine Freunde der bessere Helden-Shooter. Dennoch spielen fast alle Kumpels weiter Overwatch, weil "wir sonst wieder von vorne anfangen müssten". Und das bezieht sich bei einem Spiel ohne Progression natürlich einzig und allein auf die Skins.
Quelle: Marvel
Okay.... wem solche Skins gefallen. Warum nicht? Ich brauch sie allerdings nicht.
Skins sind nicht das Problem - ihr Einsatz ist es
Ein Spiel wird am Ende also nicht schlechter, nur weil die Entwickler Skins einbauen. Es ist aber nicht so gut, wie es hätte sein können, wenn die Ressourcen in die echten Inhalte oder mehr Verbesserungen für das Gameplay geflossen wären.
In vielen Fällen ist dieser Unterschied glücklicherweise nur sehr gering. Kein Müllspiel wäre ein Meisterwerk geworden, wenn die Entwickler ihren Fokus dahingehend anders gelegt hätten. In einigen Fällen ist der Unterschied aber durchaus signifikant. Ich behaupte, ohne es natürlich jemals beweisen zu können, dass Overwatch, Halo Infinite, Apex Legends und Co. bessere Spiele geworden wären, wenn die Entwickler ihre begrenzten Ressourcen auf das Gameplay, Balancing oder neue Inhalte konzentriert hätten und nicht auf tausende Skins.
Wären sie damit "erfolgreicher" geworden? Wahrscheinlich nicht. Denn Skins funktionieren einfach, egal wie sehr ich mich dagegen wehre. Von daher kann man den Entwicklern eigentlich keinen Vorwurf machen - sie haben alles richtig gemacht. Doch die richtige Entscheidung ist eben nicht immer die, die mir gefällt.
Der alte Nörgler hat gesprochen und in den Kommentaren habt ihr jetzt die Möglichkeit, mir ganz offen entgegenzuwerfen, dass ich überhaupt keine Ahnung davon habe, wie toll Skins in Spielen sind. Übrigens, ein kleiner Schocker zum Schluss: Ich sammel selbst gerne Transmog-Vorlagen in WoW und erwische mich mitunter bei "Ach, den Mob hau ich noch um, der hat eine coole Vorlage". Ich sehe also an mir selbst, wie gut das System am Ende des Tages funktioniert. "Itemlevel ist vergänglich, Transmog ist für die Ewigkeit" - dieser Satz kommt schließlich nicht von ungefähr.
