30 Jahre Monkey Island: Warum LucasArts-Adventures bis heute ungeschlagen sind
SpecialThe Secret of Monkey Island feiert sein 30-jähriges Jubiläum! Und auch heute noch zählt Guybrush Threepwoods erstes Abenteuer zu den besten "Point'n'Click"-Adventures aller Zeiten. Doch auch Maniac Mansion, Zak McKracken, die Indiana-Jones-Abenteuer und Co. bleiben unübertroffen. Unsere These: Offenbar weiß bis heute niemand, wie man die Brillanz der legendären LucasArts-Werke übertreffen könnte.
Die Geschichte von The Secret of Monkey Island begann mit einem Witz: Grafiker Steve Purcell zeichnete am Computer eine kleine Figur und speicherte die Datei als "Guy" ab. Das Programm hängte automatisch den Zusatz ".Brush" an, woraus der skurrile Name "Guybrush" entstand. Und eben jener Guybrush Threepwood sollte schon bald Games-Geschichte schreiben.
Es sind genau solche Anekdoten, die meines Erachtens ein gutes Spiel zur wahren Größe verhelfen. In diesem Fall demonstrierte es sowohl die simple Kreativität als auch die Spontanität eines Entwicklers, der von 1986 bis 2000 einen Meilenstein nach dem anderen kreierte.
Der Aufstieg von LucasArts
Selbst wer nicht viel Ahnung von Point'n'Click-Adventures hat oder sich erst seit fünf, zehn oder 20 Jahren mit Spielen beschäftigt, der hat sicherlich von The Secret of Monkey Island gehört. Es erschien zu einem Zeitpunkt, als Lucasfilm Games von einem Genre-Höhepunkt zum nächsten rauschte. Das US-Unternehmen wollte Spiele erschaffen, die an Filme erinnerten. Und nachdem die Entwickler mit frühen 3D-Klassikern wie Rescue of Fractalus (1984) oder Koronis Rift (1985) ein paar technisch beachtenswerte Action-Titel entwickelt hatten, fanden sie im Adventure-Genre ihr perfektes Zuhause.
Quelle: Medienagentur plassma
Indiana Jones and the Fate of Atlantis (1992) zählt bis zum heutigen Tage zu den umfangreichsten Adventures und begeistert selbst in trivialen Nebenschauplätzen wie einem Kohlekeller mit sagenhaften Grafiken.
Ich war bereits von den ersten Schritten der Firma höchst beeindruckt: Labyrinth (1986) adaptierte den gleichnamigen Kinofilm von Muppet-Erfinder Jim Henson und führte mich mit seinem drögen Prolog in die Irre, weil er an ein gewöhnliches Text-Adventure erinnerte. Doch sobald das eigentliche Abenteuer begann, steuerte ich meine Spielfigur direkt per Joystick und wählte meine Kommandos per Verben- und Objektliste.
Maniac Mansion (1987) und Zak McKracken (1988) perfektionierten die Idee, indem sie die Steuerung entschlackten, die Story mit mehr Dialogzeilen fütterten und das Konzept der Zwischensequenzen neu erfanden. Anders ausgedrückt: Plötzlich gab es in einem Spiel so etwas wie "Schnitte", also vergleichbar mit einem Kinofilm! Allein diese Idee veranlasste mich, mein Spielen auf Videokassette aufzuzeichnen und somit vermutlich eines der ersten Let's Play der Weltgeschichte zu erstellen.
Quelle: Medienagentur plassma
Bereits Maniac Mansion (1987), das zweite Adventure von Lucasfilm Games, ließ die Konkurrenz in puncto Spielwitz und Rätseldesign locker hinter sich.
Die ganz große Rätselkunst
Nach einem Zwischenstopp in Richtung Indiana Jones and the Last Crusade (1989), das mit fantastischen Animationen glänzte und die Geschichte von Steven Spielbergs Kinofilm auf hervorragende Weise ergänzte, folgte 1990 The Secret of Monkey Island. Es ist eines der wenigen Meisterwerke, die ich bis zum heutigen Tage als (nahezu) perfekt bezeichne. Warum? Lucasfilm Games erschuf nicht nur eine herrlich abstruse Handlung, die sichtlich in durchzechten Brainstorming-Sitzungen entstanden sein musste und dem Namen Guybrush Threepwood vollends gerecht wurde. Die Entwickler revolutionierten zudem die Kunst des Rätseldesigns.
Die Entwickler nötigten mich als Spieler, einige der bescheuertsten Probleme auf vollkommen logische und nachvollziehbare Weise zu lösen. Einmal musste ich die Tanzschritte einer vermeintlichen Schatzkarte wörtlich nehmen, um den richtigen Weg durch einen wirren Wald zu finden und auf eine vergrabene Truhe zu stoßen. Ein andermal befreite ich einen Gefangenen aus dem Gefängnis, indem ich das Eisenschloss mit ätzendem Grog überschüttete. Und gegen Ende des Spiels überredete ich einen Schrumpfkopf mit "lieb" gemeinten Worten, er solle mir doch bitte seine unsichtbar machende Halskette ausleihen - ansonsten würde ich sie mir einfach nehmen und ihn in die Lava werfen.
Quelle: Medienagentur plassma
Nicht nur Verkäufer und Labertasche Stan freute sich anno 1991, als Guybrush Threepwood in Monkey Island 2: LeChuck's Revenge ein weiteres Abenteuer bestritt.
Lucasfilm Games hatte schon zuvor gezeigt, dass ihre Art des Rätseldesigns der Konkurrenz weit überlegen war. Die Werke des Studios glänzten gegenüber dem direkten Konkurrenten Sierra On-Line (u.a. King's Quest, Gabriel Knight, Police Quest) mit Fairness und Nachvollziehbarkeit, weil der Spieler für jede noch so bizarre Idee genügend Hinweise erhielt und sich so gut wie nie in eine Sackgasse manövrieren konnte. Des Weiteren wurde der Schwierigkeitsgrad auf ein gesundes Maß gestutzt, weshalb auch weniger versierte Spieler ohne fremde Hilfen den Showdown erreichten.
Ein Jahr später änderte das Unternehmen den Namen Lucasfilm Games zu LucasArts, nicht jedoch seine wertvolle Philosophie. Man experimentierte allenfalls beim Anspruch, sodass einerseits Monkey Island 2: LeChuck's Revenge (1991) oder Indiana Jones and the Fate of Atlantis (1992) um einiges knackiger und andererseits Full Throttle (1995) oder Grim Fandango (1998) deutlich einfacher konzipiert waren. Nichtsdestotrotz hielt LucasArts konsequent am Kern fest, den Spieler niemals mit unfairen Passagen zu verprellen und dafür mit einem kreativen Geistesblitz nach dem anderen zu überraschen.
Quelle: Medienagentur plassma
The Secret of Monkey Island (1990) ist auch deshalb so brillant, weil selbst hinter den dämlichsten Rätseln eine gesunde Portion Logik und Nachvollziehbarkeit steckt.
Das Genre-Comeback nach der Jahrtausendwende
Bis zum Millenniumwechsel erlebte ich Adventures rein aus Spielersicht. Doch nur wenige Jahre, nachdem das Genre von vielen Analysten und Experten für tot erklärt wurde, begegnete ich ihm als Journalist und Kritiker. Ich erlebte hautnah eine Wiederbelebung, die dank verschiedener, größtenteils europäischer Indie-Entwickler schrittweise möglich war.
Einige von ihnen orientierten sich an Klassikern von Sierra On-Line - allen voran Future Games mit Black Mirror (2003), das viele Parallelen zu Gabriel Knight offenbarte. Doch mehr und mehr erinnerten mich die Spiele an die glorreiche LucasArts-Ära. Allen voran standen die Hamburger von Daedalic Entertainment mit Titeln wie Harveys neue Augen (2001), Chaos auf Deponia (2012) und Das Schwarze Auge: Memoria (2013), die so gut waren, weil ihre Erschaffer das Genre wirklich verstanden. Denn zum Erzählen einer guten Geschichte braucht es heute kein Point'n'Click-Adventure mehr; das bekommen längst auch Ego-Shooter, Rollenspiele oder sogar Puzzlespiele gut hin.
Nein, die wahre Kunst des Genres liegt meiner Meinung nach im Erstellen von Rätseln, die den Spieler herausfordern, ihn aber nie frustrieren. Doch so sehr ich die besten Werke von Daedalic auch liebe, so kamen sie "nur" an die LucasArts-Meisterwerke heran. Auch sie haben es bis heute nicht geschafft, an den alten Klassikern vorbeizuziehen.
Quelle: Medienagentur plassma
Diese herrlich bescheuert anzusehende Maschine kam in The Secret of Monkey Island zwar nur für ein paar Minuten zum Einsatz, bewies jedoch umso mehr die Detailverliebtheit der Entwickler.
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Beim erneuten Durchspielen von The Secret of Monkey Island fiel mir kürzlich auf, wie leichtfüßig das Adventure trotz der anspruchsvollen Rätsel eigentlich ist. Projektleiter Ron Gilbert erreichte bereits vor 30 Jahren die perfekte Gratwanderung zwischen nicht zu leicht und nicht zu schwer. Daedalic hingegen kam bisweilen ohne jeden Zweifel auf fantastische Ideen, jedoch erschlugen sie mich gleichzeitig mit teils harten Kopfnüssen. Mein Impuls, ihre Spiele erneut zu spielen, ist deshalb geringer - weil es sich einen Tick zu sehr nach "Arbeit" anfühlt.
An die LucasArts-Klassiker reicht einfach nichts heran
Deshalb stellt sich mir die Frage: Was ist, wenn die Adventures von Lucasfilm Games/LucasArts so gut und so durchdacht waren, dass es praktisch unmöglich ist, sie jemals zu toppen? Vielleicht haben die Jungs von der Skywalker-Ranch es gar selbst gespürt, als nach dem brillanten Day of the Tentacle (1993) ein klein wenig die Faszination und der Perfektionismus abblätterten. Sam & Max Hit the Road (1993) schwächelte leicht beim Anspruch, The Dig (1995) war für viele zu sehr "Trial and Error" und Flucht von Monkey Island (2000) überspannte definitiv die Logik/Frust-Grenze. Selbst das gefeierte Grim Fandango (1998) musste sich Kritik gefallen lassen, weil sich die Macher für eine ungeeignete Tank-Steuerung entschieden und die Rätsel eher nach Mittel zum Zweck rochen.
Quelle: Medienagentur plassma
Der letzte LucasArts-Höhenflug: Grim Fandango von 1998. Das Spiel lebte allerdings weniger von spektakulären Rätseln, sondern vielmehr von seiner einmaligen Geschichte.
Sicherlich hat LucasArts das Genre vorrangig aufgegeben, weil es sich aus ihrer Sicht zu wenig rentierte und ein schnell produziertes Star-Wars-Game schlichtweg mehr Kohle einbrachte. Ein Indiz hierfür wäre das paradoxe Verhalten der Käufer Die Konsumenten griffen zur damaligen Zeit zu eher anspruchslosen Titeln wie Loom (1990) oder Full Throttle (1995), die sich insbesondere in den USA besser verkauften als jedes Monkey Island. Rein aus wirtschaftlicher Sicht hätte LucasArts daraus eine Lehre ziehen müssen und sich direkt beim ersten Verkaufserfolg eingestehen müssen: "Hey, wir sollten uns lieber auf solche Spiele konzentrieren."
Zum Glück für uns Spieler ließen die Unternehmensbosse die Entwickler weiter an der langen Leine - und die tüftelten abseits der genannten Gegenbeispiele dann doch lieber knackig-lustige Rätsel aus. Bis auch die Eigenmotivation und der Idealismus der Designer bröckelten, als sie merkten: "Jetzt fallen uns selbst keine so tollen Rätsel mehr wie in The Secret of Monkey Island ein."
Doch die großartigen LucasArts-Spiele , sie sind geblieben. Und auch heute noch ist es ein großes Vergnügen, mit Guybrush Threepwood die Karibik unsicher zu machen. In diesem Sinne: Happy Birthday, Monkey Island!