Pentiment im Test: Obacht, ein bayerisches RPG-Meisterwerk
Test
Das großartige Obsidian-RPG Pentiment verwandelt das mittelalterliche Bayern in einen eindrucksvollen Schauplatz voller Intrigen und moralischen Graustufen.
Auf große, imposante und epische Musikstücke im Stile von anderen Rollenspielen oder eine allgemein packende Audio-Erfahrung sollte man sich ebenso nicht einstellen. An der Sound-Front wird man beinahe ausschließlich mit Umgebungsgeräuschen und dem hastigen Kritzeln vom Pinsel konfrontiert. Es gibt zwar einen netten Soundtrack mit ein paar mittelalterlichen Songs, die gut gefallen, eine musikalische Untermalung für stärkere Emotionen oder Ähnliches sind aber über das gesamte Abenteuer recht selten. Pentiment setzt offensichtlich auf ein Prinzip, bei dem spezielle Bereiche bewusst schwach beschallt werden, wodurch andere Segmente in den Vordergrund rücken dürfen - das klappt tatsächlich mit Erfolg! Zu viel Audioarbeit würde auch das gesamte Buchkonzept von Pentiment infrage stellen.
Zusätzlich gibt es allerlei Einstellungsmöglichkeiten innerhalb der Barrierefreiheit: Wir können die Schriften zu einer leichter lesbaren wechseln, die Textgröße oder die Dialoggeschwindigkeit anpassen, Blitzeffekte entfernen, einen Sprachassistenten einschalten oder einen "Big-Head-Modus" aktivieren, in dem die Kopfgrößen angepasst werden, und vieles weitere.
Technik: Hui auf Series X/S und PC, pfui auf Xbox One ...
Pentiment präsentiert sich aus technischer Sicht gelungen auf Xbox Series X, Series S und den PC, die Xbox-One-Version hingegen sorgt für ungewöhnlich viele Probleme. Betreten wir etwa eine neue Szenerie, so schafft es die 2013 veröffentlichte Konsole nicht, den Prozess des Seitenumblätterns flüssig darzustellen.
Es kommt zu mehreren Framerate-Einbrüchen, langen Ladezeiten, Rucklern und vielen weiteren Problemen. Das gilt für die originale Xbox, leider aber genauso für die One S und die leistungsstärkere One X - bei solch einem Spiel sehr eigenartig und enttäuschend.
Quelle: Obsidian Entertainment I Xbox Game Studios
Die Systemvoraussetzungen von Pentiment
Ob Obsidian Entertainment an dieser Stelle nachbessern wird, ist bisher nicht bekannt. Solltet ihr also die Chance haben, das Spiel auf dem PC oder einer der Series-Konsolen zu spielen, so legen wir euch das wärmstens ans Herz.
Eine meisterliche Reise ins mittelalterliche Bayern
Wir können also festhalten, Pentiment ist auf der richtigen Spieleplattform eine Wucht: Am stärksten strahlt Andreas' Ermittlung durch die vielen moralischen Graustufen und komplexen Situationen. Wenn uns die verbitterte und von der Kirche gepeinigte Witwe Ottilila etwa ihr Leben offenlegt und darum bittet, ihr Kreuz an der Wohnzimmerwand abzuhängen und zu zerstören, was die gefährliche Inquisition in ihren Vorgarten bringen könnte, dann hadert man enorm.
Oder wenn wir über die geheime Liebschaft zweier Personen erfahren, auf deren Ausgang wir unwissentlich massiven Einfluss nehmen. Anders als beim zweiten großen Xbox-Titel des Jahres, As Dusk Falls, setzt Pentiment deutlich stärker auf kleine Entscheidungen mit großen Auswirkungen.
Manchmal kann der Verstand uns vor großen Fehlern bewahren, doch oftmals fehlt es uns an wichtigen Informationen, um die moralische Oberhand zu bewahren. Mehrfach findet man sich dadurch im Obsidian-Adventure in verzweifelten Situationen wieder, wo wir nicht anders agieren können, als für unsere naiven Taten einzustehen.
Das geht einem richtig unter die Haut und verwandelt jedes Gespräch zu einer anspruchsvollen Story-Herausforderung, die packt, qualitativ überaus gefällt und Spaß macht.
Auch wenn sich die knapp 20-stündige Detektivgeschichte zu Beginn viel Zeit lässt und mit wenig spielerischer Abwechslung versehen wurde, glänzt Pentiment mit einer packenden Mordermittlung, die Schritt für Schritt intensiver in ihren Bann zieht.
Dem Team rund um Sawyer gelingt es tadellos, interessante Charaktere aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Herkünften zu einem komplexen Netz zu verweben, das viele große sowie intime Enthüllungen in sich trägt. Dabei gibt es auch eine Vielzahl an komplexen Themen, die das ohnehin schon schwierig zu erfassende Gesamtbild weiter verzerren.
Ob häusliche oder sexuelle Gewalt, die Unterdrückung der armen Bevölkerungsschicht, Rassismus, Okkultismus oder von Gott und der Kirche verborgene Bedürfnisse und Widersprüche innerhalb des Christentums.
Wer denkt, Pentiment erzählt eine fröhlich-lustige Mittelaltergeschichte, der liegt so falsch wie Pieros Beschuldiger. Und der blickt darüber hinaus nur auf die Spitze des Eisbergs. Wir empfehlen jedem Geschichtenfreund, tiefer zu buddeln. Es lohnt sich! Hach.
Wertung & Meinungskasten
Das nagelneue RPG von Obsidian und Xbox erschien am 15. November 2022 für PC und Xbox sowie ab Tag eins im Game Pass. Was haltet ihr vom spätmittelalterlichen Adventure-RPG des Prestige-Studios? Kann euch das Gesamtpaket im Buchformat auch so packen oder schreckt euch der hohe Leseaufwand und das minimalistische Gameplay-Prinzip eher ab? Schreibt uns eure Gedanken und Meinungen in die Kommentare.
