Overload im Test: Das Descent der Neuzeit

Test Felix Schütz
Overload im Test
Quelle: PC Games

Entstaubt schon mal die Joysticks: Die Schöpfer von Descent sind zurück! Anstatt modernen Trends nachzurennen, inszenieren sie mit Overload einfach die gleiche schwindelerregende 360-Grad-Action wie vor 23 Jahren. Aber reicht das noch, um Shooter-Fans von heute zu begeistern? Im Test klären wir, ob Overload mit seinem Retro-Ansatz überzeugen kann.

Die 90er Jahre waren so etwas wie die goldene Ära der Ego-Shooter: Ein Meilenstein jagte den nächsten, von Doom bis Half-Life wurde das Genre erstklassig bedient! Andere dagegen stellten es buchstäblich auf den Kopf, so wie Descent von Parallax Software, das 1995 für Staunen sorgte. Die Entwickler inszenierten hier erstmals schwindelerregende 3D-Action, in der die Spieler ein kleines Raumschiff durch stockfinstere Weltraumbasen lenkten - bei voller 360-Grad-Freiheit! Mit toller Spielbarkeit, starker Feind-KI und cleverem Leveldesign gelang Parallax damals ein kleiner Geniestreich. Und nun, rund 23 Jahre später, wollen die Entwickler es noch einmal wissen: Vereint unter der neuen Flagge von Revival Productions, liefern die Descent-Erfinder ihr neues Werk Overload ab. Das schert sich nicht um Innovationen, sondern will an alte Tugenden anknüpfen und das Spielgefühl von damals aufleben lassen - mit Erfolg, wie sich im Test zu Overload zeigt!

Overload im Test: Wenig Abwechslung, Story ist Nebensache

In den meisten Levels müssen wir einen Reaktor zerstören und danach fliehen. Im Grunde 1:1 wie in Descent - und das ist auch das Problem. Quelle: PC Games In den meisten Levels müssen wir einen Reaktor zerstören und danach fliehen. Im Grunde 1:1 wie in Descent - und das ist auch das Problem. In Overload steuern wir einen Raumgleiter durch 15 lose verknüpfte Levels (plus ein paar versteckte Mini-Levels), darunter Weltraumbasen, Minen, unterirdische Stationen und Fabriken. Dort haben sich aggressive Roboter breitgemacht, den Grund dafür erfahren wir aus Audionotizen, die wir zufällig in den Levels aufsammeln. Zwischen den Missionen gibt's außerdem Briefings, in denen aber nur eine Roboterstimme einen Text vorliest - das ist so langweilig wie es klingt und drängt die ohnehin dünne Geschichte noch weiter ins Abseits. Auch die Missionstypen sind ziemlich fad: Meistens müssen wir nur einen Reaktor in den Tiefen der Station finden, ihn in die Luft jagen und dann schleunigst den Ausgang erreichen, bevor der Laden in die Luft fliegt - da hätte sich Overload ruhig mehr zutrauen können! Selbst die seltenen Bosskämpfe können den Mangel an Abwechslung nicht ausgleichen.
Die Gegner verhalten sich angenehm aggressiv, weichen Beschuss aus, legen Minen - das sorgt für Spannung. Quelle: PC Games Die Gegner verhalten sich angenehm aggressiv, weichen Beschuss aus, legen Minen - das sorgt für Spannung.

Overload im Test: Tolle Spielbarkeit à la Descent

Da man sein kleines Raumschiff frei in sämtliche Richtungen lenken und sich nach Lust und Laune drehen kann, ist eine ausgefeilte Steuerung unverzichtbar. Zum Glück hat Revival hier nahezu alles richtig gemacht: Egal ob mit Gamepad oder Maus, Overload spielt sich wunderbar präzise und eingängig! Beschleunigung, automatische Drehung, Tastenbelegung und vieles mehr, alles lässt sich detailreich den eigenen Wünschen anpassen. Einzig die Waffenauswahl mit ihren versteckten Radialmenüs gerät mit Maus und Tastatur etwas umständlich, hier dürfen die Entwickler gerne nochmal ran.

Auf Wunsch führt uns der Guide Bot zuverlässig ins Ziel. Leider fehlt er ausgerechnet in einigen der späteren Levels. Quelle: PC Games Auf Wunsch führt uns der Guide Bot zuverlässig ins Ziel. Leider fehlt er ausgerechnet in einigen der späteren Levels. Dank der ansonsten sehr guten Bedienung ist es eine Freude, die verschachtelten Innenlevels zu erkunden, in denen Türen, Wegkreuzungen und Geheimnisse in allen Himmelsrichtungen zu finden sind. Ein guter Orientierungssinn ist daher Pflicht! Wie in Descent 2 dürfen wir aber in den meisten Levels auch einen praktischen Guide Bot einsetzen, der uns auf Wunsch zum nächsten Schlüssel oder Missionsziel bringt. Obendrein gibt's eine erstaunlich brauchbare Übersichtskarte, die uns im Test oft dabei half, den richtigen Weg zu finden.

Overload im Test: Clevere Blechbüchsen

Neben guter Orientierung ist vor allem ein flinker Abzugsfinger gefragt, denn in Overload gibt's Action satt! Die feindlichen Roboter agieren angenehm schlau und aggressiv; manche Exemplare schwingen riesige Kreissägen und rasen funkensprühend auf uns zu, andere bleiben geschickt auf Distanz und legen Minen oder machen uns mit zielsuchenden Raketen die Hölle heiß. Weil die Gegner oft unerwartet anrücken oder sich in dunklen Ecken verbergen, kommt immer wieder Spannung auf! Mehrere Schwierigkeitsgrade sorgen außerdem dafür, dass jeder Spieler die passende Herausforderung findet. Und noch ein schönes Detail für Kenner von Descent 2: Auf den nervigen Thief Bot haben die Entwickler diesmal verzichtet. Ein Glück! Bäm! Die Explosionen sehen klasse aus und sorgen für effektreiche Kämpfe. Quelle: PC Games Bäm! Die Explosionen sehen klasse aus und sorgen für effektreiche Kämpfe.

Overload im Test: 360-Grad-Action in Reinkultur

Den Blechschurken heizen wir mit einem ordentlichen Waffenarsenal ein: Es gibt Laserkanonen, Shotguns, Plasmawerfer, verschiedenste Raketen, Zeitbomben und einiges mehr. Gutes Trefferfeedback, pralle Explosionen und schöne Waffen- und Partikeleffekte sorgen für gepflegten Ballerspaß! Besonders praktisch: Eine Wumme, deren Energiegeschosse an der Levelgeometrie abprallen - so lassen sich Feinde auch mal "ums Eck" ausknipsen. Je nach Gegnertyp ist es außerdem ratsam, die Lieblingsknarre stecken zu lassen und eine andere Waffenart zu verwenden. Schnelle Feinde sind mit dem Standardlaser beispielsweise nur schwer zu erwischen!

Im schlichten Upgrade-Menü bauen wir unser Schiff stetig aus. Cool: Für jede Waffe und Rakete gibt's zwei Schussmodi! Quelle: PC Games Im schlichten Upgrade-Menü bauen wir unser Schiff stetig aus. Cool: Für jede Waffe und Rakete gibt's zwei Schussmodi! Wer die Levels aufmerksam nach Secrets absucht, der erbeutet wertvolle Upgrade-Punkte, die man zwischen den Missionen in die Verbesserung des Schiffs stecken kann. So lassen sich nicht nur Bordsysteme wie Panzerung und Energieverbrauch optimieren, auch jede Waffe und jede Rakete kann in zwei Stufen ausgebaut werden. Schön: Bei der zweiten Stufe entscheiden wir uns zwischen einem von zwei Schussmodi und suchen uns so das Upgrade aus, das am besten zu uns passt.

Overload im Test: Höhen und Tiefen

Vorsicht, Verwechslungsgefahr!
Neben Overload entsteht derzeit noch ein weiteres Spiel im Descent-Stil, das sogar auf die originale Lizenz zurückgreifen darf: Descent: Underground von Descendent Studios. Dieses 3D-Actionspiel befindet sich seit 2015 in Entwicklung und stammt von einem völlig anderen Team. Genau wie Overload wurde Descent: Underground per Kickstarter finanziert, allerdings befindet sich das Spiel immer noch in der Early-Access-Phase.

Mit seiner ausgefuchsten Steuerung und knackigen Kämpfen macht Overload im Review vieles richtig. Aber auch alles? Leider nein! Das Leveldesign ist zwar überwiegend gelungen und fordernd, aber nicht auf durchgängig hohem Niveau: Gerade die letzten Missionen haben uns mit ihren stockfinsteren Gängen, fies platzierten Feinden und ihrem eintönigem Look enttäuscht. Nebenbei sind das auch die einzigen Levels, in denen so etwas wie simple Schalterrätsel zum Einsatz kommen. Was eigentlich eine willkommene Abwechslung sein sollte, entpuppt sich als nervige Geduldsprobe, die zuviel Tempo aus dem Spiel nimmt. Dabei hätten wir ein paar clevere Puzzles oder ein praktisches Werkzeug zum Erkunden der Levels durchaus begrüßt!

Nur ein Fall für starke Nerven: Der elektronische Soundtrack, der wie in den frühen 90ern einfach im Hintergrund vor sich hindudelt. Manche Tracks halten sich unauffällig zurück, andere dagegen dröhnen so aggressiv und anstrengend aus den Boxen, dass wir die Musik nach einer Weile heruntergeregelt haben. So kommen auch die deutlich besseren Soundeffekte zur Geltung, die weit mehr zur Atmosphäre beitragen als der Soundtrack.

Bildergalerie

Overload im Test: Triste Umgebungen

Auch die optische Gestaltung der Levels lässt noch viel Luft nach oben: Die meisten Umgebungen wirken kahl, fast klinisch sauber - es gibt keine atmosphärischen Dampf- oder Raucheffekte, so gut wie keine organischen Elemente, keine animierten Förderbänder, Maschinen oder andere Details, die für visuelle Abwechslung und etwas Leben in den Levels gesorgt hätten. Overload ist zwar schick ausgeleuchtet und hübsch texturiert, in Sachen Gestaltung aber erschreckend nah dran an Descent 2 - und das ist immerhin schon 22 Jahre alt.

In den meisten Levels sind einige Zivilisten versteckt, die wir einsammeln sollten, um dafür einen Batzen Upgrade-Punkte zu erhalten. Quelle: PC Games In den meisten Levels sind einige Zivilisten versteckt, die wir einsammeln sollten, um dafür einen Batzen Upgrade-Punkte zu erhalten. Der saubere Look hat aber auch sein Gutes, denn so bleibt die Framerate fast immer flüssig und geschmeidig. Außerdem heben sich Gegner, Türen und Powerups trotz der spärlichen Beleuchtung gut von den Umgebungen ab, die Action bleibt dadurch - abgesehen von den letzten Levels - schön übersichtlich. Das ist vor allem dann bitter nötig, wenn ein VR-Headset zum Einsatz kommt: Overload lässt sich nämlich erstaunlich gut im VR-Modus spielen! Wir haben für diesen Test mehrere Levels mit einer HTC Vive absolviert, unser Ergebnis: Einfach das hässliche Cockpit ausblenden und einen möglichst starken Magen mitbringen, dann dürft ihr euch auf ein halsbrecherisches VR-Erlebnis freuen!

Overload im Test: Multiplayer und Challenge Modus

Neben der Story-Kampagne bietet Overload auch einen Herausforderungsmodus mit 12 Levels und verschiedenen Spieleinstellungen. Ebenfalls mit an Bord: Ein Mehrspielermodus für bis zu 8 Spieler mit zehn Levels, Ranglisten und LAN-Unterstützung. Im Test bekamen wir aber nur wenig Mitspieler zu Gesicht, dass sich Overload zu einem Online-Dauerbrenner entwickelt, darf daher bezweifelt werden.

Zum fairen Preis von 25 Euro liefert Overload aber trotzdem ein schönes Shooter-Paket, das sich vor allem Fans von Descent 1 und 2 nicht entgehen lassen sollten - sie bekommen tatsächlich das gleiche Spielgefühl wie vor 23 Jahren geboten! Und genau das wollten die Entwickler schließlich erreichen!

Overload ist derzeit nur für PC erhältlich. Eine Umsetzung für PS4 und Xbox One befindet sich aber in Arbeit.

Overload im Test: Wertung und Fazit

Meinung

Wertung zu Overload (PC)

Wertung:

7.5 /10
Pro & Contra
Konzept und Spielgefühl von Descent perfekt eingefangenSehr gute, präzise SteuerungHübsch verschachtelte Levels mit vielen VersteckenNützliche Karte und hilfreicher Guide BotAggressive, meist clever agierende GegnerStimmungsvolle BeleuchtungSatte Waffen- und ExplosionseffekteSpaßige WaffenSimples, aber nützliches UpgradesystemAuch im VR-Modus gut spielbarMit jedem Level steigender AnspruchKein Thief Bot! (Kenner von Descent 2 wissen Bescheid...)
Eintönige MissionszieleLevels optisch schlicht und leblos gestaltetStory packt nichtUnpraktische WaffenauswahlLahme MissionsbesprechungenSchwache BosskämpfeLeveldesign von schwankender Qualität, die letzten Levels enttäuschenUnbefriedigendes FinaleSoundtrack zum Teil anstrengend und unpassendPraktisch keine neuen Ideen gegenüber Descent 2
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