Runter von der Straße, rauf auf die Rennstrecke. EA verpasst der Erfolgsserie ein komplett neues Konzept und mehr Anspruch.
Schon seit sage und schreibe 13 Jahren schreibt Electronic Arts mit der Need for Speed-Serie Jahr um Jahr eine neue Erfolgsgeschichte. Dabei hat sich der Kernaspekt des Spiels niemals verändert, denn stets ging man mit sündhaft teuren Sportkarossen auf öffentlichen Straßen in die Rennen. Jetzt, im Jahr 2007, steht die wohl größte Veränderung in der Geschichte der Reihe an. Vorbei die Zeiten, in denen man über Kreuzungen und Hauptstraßen in bester Actionfilm-Manier aufs Gaspedal trat - von nun an wird auf abgesteckten Rennstrecken um die Wette gefahren. Kein Zivilverkehr, keine Cops, nur Duelle Mann gegen Mann und Maschine gegen Maschine. Auf der stylishen, aber unübersichtlichen Karriereleiter wählt man ein Rennwochenende aus, bestimmt die gewünschten Fahrzeuge für die jeweiligen Renntypen (Rundkurs-, Drift-, Drag- und Höchstgeschwindigkeitsrennen benötigen explizit für diese Disziplin ausgestattete Fahrzeuge) und los geht's. Wer sich zu Beginn des Spiels gegen die zahlreichen Fahrhilfen wie Brems- und Kurvenassistent entscheidet, erlebt schon nach kurzer Zeit sein blaues Wunder, denn diese Auswahl bestimmt gleichzeitig auch den Schwierigkeitsgrad und damit das Tempo der Konkurrenz. Wer also auf die Helferlein verzichtet, muss sich auch durch knüppelharte Rennevents kämpfen.
VORSICHT MIT DEM GASFUSS
Doch selbst mit eingeschalteten Fahrhilfen müssen sich Fans der Vorgänger erst einmal an das Fahrgefühl gewöhnen, das deutlich anspruchsvoller daherkommt. Zwar besteht immer noch ein himmelweiter Unterschied zu einem Gran Turismo, doch kleben die Fahrzeuge nun nicht mehr so extrem auf der Straße und schieben gern über die Vorderräder. Sanfter Umgang mit Gas und Bremse sind wichtiger denn je. Nahezu unangetastet blieben die Drag- und Driftrennen. Letztere wurden erneut mit einer komplett veränderten Fahrphysik ausgestattet, was eine kurze Eingewöhnung erfordert, dann aber mächtig Spaß macht. Die Drag-Rennen werden nun von einer kleinen Aufwärmphase für die Reifen eingeleitet, was cool aussieht und durchaus Auswirkungen auf den Grip im Rennen hat. Gab's in Carbon Canyon-Rennen, stehen nun Hochgeschwindigkeitsrennen als absolutes Novum an. Auf abgesperrten Landstraßen tritt man das Gaspedal voll durch, erreicht an Lichtschranken bestimmte Geschwindigkeiten oder kommt einfach nur als Erster ins Ziel. Hier kann schnell Frust aufkommen, da die Fahrzeuge extrem empfindlich reagieren und ein Abflug bei 200 Sachen schnell das Aus bedeutet. Denn wer sein Auto schrottet, der ist diesmal wirklich aus dem Rennen und hat hoffentlich noch ein wenig virtuelles Kleingeld übrig, um die Kiste wieder auf Vordermann zu bringen.
AUFMOTZEN
Weitere finanzielle Mittel steckt man wie gewohnt ins hervorragend zu bedienende und umfangreiche Tuning. In keinem anderen Rennspiel lassen sich die eigenen Karossen so detailliert umlackieren, umbauen und tunen. Wie im Vorgänger Carbon dürfen sogar Spoiler und Schweller stufenlos angepasst werden, was für einzigartige Ergebnisse sorgt - klasse! Neuerdings darf auch die Aerodynamik überprüft und optimiert werden, der Effekt in den Rennen hält sich aber in Grenzen. Ein starker Motor ist erheblich wichtiger als ein paar Grad Neigung eines Spoilers.
NOCH NICHT PERFEKT
Das neue Konzept ist auf jeden Fall erfrischend anders. Schade nur, dass es nicht konsequent zu Ende gedacht wurde und unfertig wirkt. Voll und ganz überzeugen können weder Fahrphysik, noch Schadensmodell. Ebenfalls schade sind die für die Serie seit Jahren üblichen Macken. Kein Rennen läuft wirklich flüssig und gerade in Kurven kommt das Bild ins Stottern. Angesichts der insgesamt recht kargen und verwaschenen Optik unverständlich. Im Gegenzug muss man neidlos anerkennen, dass die Tuning-Möglichkeiten und deren Umsetzung absolute Referenz sind. Die Präsentation ist gewohnt stimmig, der Umfang ist beachtlich und der Fuhrpark kann sich wirklich sehen lassen. Unterm Strich fehlt der letzte Schliff und vor allem der Anspruch. Viele Strecken sind schlicht und ergreifend langweilig gestaltet und fordern fahrerisch niemanden heraus. Da wäre noch mehr drin gewesen und sofern am Konzept festgehalten wird, hoffen wir im nächsten Jahr auf einen hitwürdigen Ableger der Erfolgsserie.