Venezuela. Es ist heiß und die Spielfigur - ein Söldner - wird gerade von regierungstreuen Nationalisten beschossen. Der knurrt nur: "Keine Zeit für Schmerzen", legt seinen Raketenwerfer an und bringt dem Schützen eines MG-Nests das Fliegen mittels Druckwelle bei. Anschließend packt er sein Scharfschützengewehr aus und schaltet seelenruhig den Bordschützen eines Panzers aus.
Danach schwingt er sich auf das Hauptgeschütz, knockt den Panzerfahrer aus, übernimmt das Gefährt und sprengt mit Panzergranaten ein Loch in die Außenmauer einer feindlichen Basis. Willkommen in Pandemics Söldner-Actionspiel Mercenaries 2: World in Flames, dem Spiel mit einem höheren Bodycount als alle Rambo-Filme zusammen (und das will nach dem vierten Teil was heißen)!
Söldnerseele
"In cash we trust" prangt auf den Dollarnoten im Hauptmenü, wo ihr eure Spielfigur auswählt, die euch durch das komplette Spiel begleitet. Klar, eure Spielfigur verkörpert ja einen Söldner, der für Geld die Seele seiner Großmutter bei Ebay verscherbeln würde. Und anstelle des Konterfeis von George Washington grinst uns Spielern das Gesicht der Söldner Mattias Nilsson, Chris Jacobs oder Jennifer Mui entgegen. Große Unterschiede bringt die Charakterwahl nicht. Die Sprüche ändern sich und während der gut gemachten Zwischensequenzen seht ihr natürlich die Figur eurer Wahl. Darüber hinaus regeneriert sich Mattias' Gesundheit schneller als bei seinen Kollegen, Jennifer sprintet schneller und Chris kann mehr Munition tragen.
Apropos Munition: Die hängt von eurer Waffe ab. Verwendet ihr gerade dieselbe Waffe wie eure Gegner, mangelt es euch niemals an Munition, da ihr deren Muni aufsammeln könnt. Geht sie euch dennoch aus, dann knockt ihr einfach einen Feind nieder und schnappt euch dessen Munition oder gleich die ganze Waffe, falls die Munition nicht zu eurer Waffe passt. Tragen könnt ihr immer nur zwei Waffen gleichzeitig, aber das ist nicht weiter schlimm. Sobald ihr nämlich Ewan, den irischen Helikopterpiloten eingestellt habt, versorgt euch dieser im Kriegsgebiet mit jeglichem Nachschub (andere Waffen, Sprengstoff, Vehikel oder Munition), den ihr in eurem Privatarsenal bunkert.
Mutter der Zerstörung
Je mehr Aufträge ihr für die fünf Fraktionen (Rebellen, Universal Petroleum, Piraten, Alliierte, Chinesen) ausführt, umso bessere Waffen dürft ihr von ihnen kaufen. Während ihr euch also anfangs mit popeligen Artillerieschlägen zufriedengeben müsst, stehen euch im späteren Spielverlauf lasergelenkte Bomben oder gar die Mutter aller Bomben (MUAB) zur Verfügung. Letztere ist die stärkste nicht-atomare Bombe der Vereinigten Staaten! Und jetzt kommt das Beste: Jede Bombe wirkt anders und jede Explosion sieht anders aus.
Wenn ihr etwa einen Bunkerknacker einsetzt, dann gibt es nach dem Einschlag erst eine kurze Pause, auf die eine gewaltige Explosion folgt. Mit dem Bombenteppich richtet ihr großflächigen Schaden an und die Daisycutter-Bombe lässt in einem engen Umkreis alles Leben in einem gleißenden Feuerball untergehen.
Untergehen soll auch der Bösewicht im Spiel, der selbsternannte Präsident des virtuellen Venezuela, Javier Solano. Dieser spielt nämlich ein falsches Spiel und engagiert euch zu Beginn, verweigert aber die Bezahlung. Böser Fehler. Denn einem Söldner gegenüber prellt man nicht einfach die Zeche. So zieht sich der Storyfaden quer durch Venezuela, immer auf der Suche nach Solano. Dabei helfen euch die anderen Fraktionen, die ebenfalls mit Solano auf Kriegsfuß stehen.
Die Fraktionen rücken in den Hauptmissionen Stück für Stück Informationshäppchen über Solanos Aufenthaltsort heraus, sofern ihr ihnen mit euren Legionärsdiensten zur Seite steht. Die Hauptmissionen bereiten auch wesentlich mehr Spaß als die kurzen Nebenmissionen. Während ihr in Ersteren etwa ein altes Schloss dem Erdboden gleichmacht, Raketenartillerie ausschaltet (ihr könnt die mobile Artillerie auch entführen und damit die Feinde beschießen) oder abgestürzte Piloten rettet, wiederholen sich die Nebenmissionen zu häufig.
Langeweile kommt beim Schmuggeln für die Piraten, beim Erobern von Vorposten oder bei Bootsrennen trotzdem nicht auf. Durch solche Missionen bekommt ihr neben Geld und Fahrzeugen auch Benzintankerweiterungen. Jeder Luftschlag kostet nämlich Benzin. Eure Tanks müsst ihr natürlich noch auffüllen. Um dies zu tun klaut ihr in der Gegend herumstehende Benzintanks, die ihr per Rauchgranate für Ewan markiert, der die Behälter anschließend abholt.
Absolute Freiheit
Wo wir schon beim Thema Wiederholungen sind. Kritische Stimmen mögen anmerken, dass es auf Dauer doch langweilig ist, wenn man immer nur irgendwelche militärischen Anlagen in die Luft sprengen muss. Von einem Söldnerspiel erwarten die meisten jedoch genau das. Außerdem habt ihr bei eurer Vorgehensweise völlige Entscheidungsfreiheit.
Beispiel: Einmal gilt es, eine gut geschützte Bohrinsel zu versenken. Ob ihr nun mit dem Kampfhelikopter Stück für Stück die Plattform zerstört - nachdem ihr hoffentlich die Anti-Luft-Batterien ausgeschaltet habt - oder ob ihr landet und mit C4-Sprengstoff und Raketenwerfer die Installation schwächt oder von einem Boot aus die Pfeiler zerstört - bei den Zerstörungsorgien lassen euch die Entwickler völlige Freiheit. Sämtliche Fahrzeuge dürft ihr entführen und gegen den Feind richten. Selten hat sich der Autor dieses Textes derart mit einem Spiel amüsiert.
Humorvolle Szenen lockern das Spiel auf. Einmal sollt ihr einen sogenannten Devastator abholen. Als ihr am Abholpunkt ankommt, seht ihr einen eindrucksvollen Panzer. Doch das Navi führt ein paar Meter weiter. Tatsächlich steht der Devastator um die Ecke und ist nichts weiter als eine Vespa mit daran befestigtem Blumenkörbchen. Unter dem schallenden Gelächter der umstehenden Soldaten fahrt ihr den Roller fort.
Warum gibt's dann nur den Silberaward? Ganz einfach weil einige wirklich miese Bugs das Spiel heimsuchen. Während einer Mission (und zum Glück nur in dieser einen) war unser Helikopterpilot nicht mehr verfügbar, sobald nach unserem Ableben ein Checkpoint geladen wurde. Wir mussten jedes Mal das Spiel neu starten. Auch das meist funktionierende Navigationssystem spielte mehrmals verrückt.
Und die Grafik macht aus der Nähe betrachtet nicht sonderlich viel her, wenn man die wirklich fetten Explosionen einmal ausnimmt. Diese sind im Vergleich zu Battlefield: Bad Company auch in ihrer Sprengkraft stimmig. Die deutsche Synchronisation ist gut gelungen, einen Tick besser gefällt uns aber die englische Sprachausgabe, die sich - inklusive abschaltbarer Untertitel - ebenfalls auf der Disk befindet.
