Lost Ember im Test: Eine liebevolle Hymne an die Kraft der Natur

Test Maci Naeem Cheema
Lost Ember im Test: Eine liebevolle Hymne an die Kraft der Natur
Quelle: Mooneye Studios

Mooneye Studios' Erstling Lost Ember möchte mit einer emotionalen Geschichte rund um einen Wolf, eine gefallene Zivilisation und die Rückeroberung der Natur punkten. Durch die Kraft eines Seelenwanderers ist es uns ein Leichtes, in die unterschiedlichsten Tierarten zu schlüpfen und so langsam die Geschichte von Lost Ember zu entfalten und zu erleben. Unser Test zum Adventure.

Den ersten offiziellen Herzschlag von Lost Ember (jetzt kaufen 39,99 € ) gab es zur Gamescom 2016 in Form eines spielbaren Prototyps und eines Teaser-Trailers. Was als Projekt im Master-Studiengang begann, wandelte sich durch intensive Pressearbeit und starkes Interesse der Branche schnell zur zweiterfolgreichsten deutschen Kickstarter-Kampagne im Bereich Videospiele. Das fünfköpfige Team mit Sitz in Hamburg und Berlin beschreibt Lost Ember als ihr "Traum-Projekt", welches nach einer Vielzahl von Verschiebungen erst mit drei Jahren Verspätung das Licht der Welt erblickt. Dies war sicherlich auch den hohen Erwartungen der Fans und des Teams selbst geschuldet. Bereits in der ersten Spielsekunde erinnert das Adventure nämlich sehr stark an das Meisterwerk Journey. Auf dem Papier sieht Lost Ember also enorm vielversprechend aus. Ist das auf dem Bildschirm ebenfalls der Fall?

Es lebe die Natur!

Als Seelenwanderer wechseln wir per Knopfdruck ganz einfach unsere tierische Form, soweit sich das betreffende Tier in unserer Nähe befindet.  Quelle: Mooneye Studios Als Seelenwanderer wechseln wir per Knopfdruck ganz einfach unsere tierische Form, soweit sich das betreffende Tier in unserer Nähe befindet.  In Lost Ember erleben wir unser Abenteuer durch die Augen eines Wolfs - zumindest für den Großteil unserer Spielzeit, denn bei unserem zotteligen Tierchen handelt es sich um einen Seelenwanderer. So ist es uns in der ungefähr fünfstündigen Spielzeit möglich, in eine Vielzahl unterschiedlicher Tierarten zu schlüpfen. Mal flattern wir als Papagei oder Kolibri durch zerklüftete Landschaften oder segeln über eindrucksvolle Wüsten- und Grasebenen. An anderer Stelle tauchen wir in der Gestalt eines Fisches durch tropische Gewässer oder überflutete und verlassene Tempelabteile. Die Interaktion mit der Fauna ist ganz klar der Höhe- und Mittelpunkt von Lost Ember. Entdeckt man eine neue Tierart und übernimmt zum ersten Mal deren Körper, dann führt das oft zu wirklich atemberaubenden Momenten. Es ist einfach sehr atmosphärisch, im Körper eines Elefanten durch den Dschungel zu stapfen oder in einem Fluss zu baden. Die tierische Immersion gelingt Lost Ember sehr gut.

Das Ende der Yanrana

Lost Ember hat auch eine narrative Ebene und die kann, anders als zu Beginn von uns erwartet, durchaus überzeugen. Vor uns sind nämlich auch schon Menschen über die Welt gewandelt und haben überall Zeugnisse ihrer Existenz hinterlassen - beispielsweise das Volk der Yanrana, eine fiktive Zivilisation. Gemeinsam mit einer mysteriösen roten Lichtkugel ist es unsere Aufgabe, die Vergangenheit der Yanrana sowie das damit verbundene Schicksal unseres Begleiters zu erforschen. Unser Sidekick ist nämlich die Seele eines Verstorbenen, die verzweifelt versucht, die Stadt des Lichts zu erreichen. Geleitet werden wir dabei von auffällig brennenden Leuchtfeuern, die überall in der Welt verteilt sind und schrittweise immer mehr Licht ins Dunkel bringen.
Die Geschichte rund um die Yanrana wird zwar minimalistisch erzählt, kann aber mit tollen Wendungen und einem starken Finale überzeugen. Quelle: Mooneye Studios Die Geschichte rund um die Yanrana wird zwar minimalistisch erzählt, kann aber mit tollen Wendungen und einem starken Finale überzeugen.

An den Leuchtfeuern finden sich Erinnerungen einzelner für die Handlung relevanter Personen. Die werden zwar mager mit statischen roten Silhouetten präsentiert, ergeben aber am Ende eine tiefgreifende und emotionale Geschichte, die vor allem mit ihrem starken Finale sowie überraschenden Wendungen überzeugt. Was hat es mit unserem Begleiter auf sich? Wie können wir ihm auf seiner letzten Reise helfen? Und welche Rolle spielen wir eigentlich in dem ganzen ­Konstrukt? Die menschliche Vergangenheit, die wir durch die Erinnerungen erleben, trifft auf die von der Natur zurückeroberte Gegenwart und baut so eine zeitübergreifende Spielerfahrung, der es zwar keinesfalls an emotionaler, dafür aber an spielerischer Tiefe fehlt.

Spielerische Monotonie

In der Spielwelt finden sich Fragmente der menschlichen Vergangenheit, die immer mehr von der Natur zurückerobert wurden. Quelle: Mooneye Studios In der Spielwelt finden sich Fragmente der menschlichen Vergangenheit, die immer mehr von der Natur zurückerobert wurden. Aus spielerischer Sicht zieht Lost Ember nämlich stark an der Bremse. Zwar können wir mit dem Wolf heulen oder uns mit dem Wombat knuffig zu einer Kugel zusammenrollen, wirklich unterschiedliche und bedeutende Kniffe sollte man aber nicht erwarten. Die meiste Zeit dreht sich das Gameplay von Lost Ember um Fortbewegung und die Interaktion mit der Tierwelt. Auf Rätsel verzichtet Lost Ember vollkommen. Es gibt keine verschlossenen Wege oder gar Mysterien in der Welt zu entdecken. Unsere einzige Aufgabe ist es, herauszufinden, mit welchem in der Gegend verfügbaren Tier wir unseren Zielort erreichen können. Das gestaltet sich öfter mal frustrierend. Springen wir mit dem Wolf einen Meter auf eine niedrigere Ebene und bekommen einen schwarzen Bildschirm angezeigt, dann wirft das schon einige Fragen auf. Durch unlogische Reaktionen des Spiels ist es manchmal nicht wirklich nachvollziehbar, was nun im Bereich des Möglichen ist und was nicht. Dieser Faktor schwächt die Faszination der Spielwelt und reduziert ihre Glaubwürdigkeit. Schade fanden wir, dass die Übernahme eines Tieres oft nur dazu dient, ein vorhandenes Hindernis zu überqueren, kurz darauf aber schnell an Reiz und Bedeutung verliert. Eine bessere Einbindung der Tierarten hätte dem allgemeinen Spielverlauf gutgetan. Denn die Welt von Lost Ember erzeugt einen Expeditionsdrang, der leider zu wenig genutzt wird.

(Un)schöne Erscheinung

Die Welt von Lost Ember weiß zu gefallen und präsentiert sich toll, ab und an sogar mit atemberaubenden Kulissen. Stehen wir an einer Klippe in der Wüste und blicken auf Büffelherden und ein weitreichendes Panorama hinab, dann ist das nicht weniger als beeindruckend. Die Abwechslung ist ebenfalls sehr positiv hervorzuheben. Die insgesamt vier großen Gebiete bedienen sich hauptsächlich bei den in Videospielen klassischen Naturzonen wie Wüste, Wald und Schneelandschaft. Der künstlerische und farbenfrohe Stil, der sich allgemein aktuell großer Beliebtheit erfreut, fügt sich zusätzlich gut in das Gesamtkonzept von Mooneye Studios ein. In einigen Momenten fehlt es Lost Ember aber an visueller Klasse. Die Tiermodelle, abgesehen vom Wolf, wirken oft holprig, manche Texturen werden der magischen Szenerie bei Weitem nicht gerecht und technisch hinkt Lost Ember ebenfalls mehr als uns lieb ist.

Fliegen, schwimmen, krabbeln, rennen und klettern. In Lost Ember liegt euch die Welt zu Füßen und ihr entscheidet, wie ihr sie bereisen wollt. Quelle: Mooneye Studios Fliegen, schwimmen, krabbeln, rennen und klettern. In Lost Ember liegt euch die Welt zu Füßen und ihr entscheidet, wie ihr sie bereisen wollt. Die Technik ist oft ein Stolperstein für Lost Ember und kratzt damit an dem eigentlich schönen Erscheinungsbild. Ein ruckelndes oder gar einfrierendes Bild kommt immer mal wieder vor und hindert uns mehrere Sekunden lang am Weiterspielen. Die Geometrie und Physik von Lost Ember ist phasenweise weit entfernt von Realismus und Bugs haben uns auch öfter aus dem Spielfluss gerissen. Krabbelt man durch engere Spielpassagen wie kleine Gänge, dann kann die Kamera schnell Frust verbreiten. Auch der Sound wirft Fragezeichen auf. An sich gefällt die wundervoll emotionale Musik nämlich richtig gut, die sich viel auf mystische Klänge fokussiert, ärgerlich wird es dann nur, wenn die Melodien einfach aussetzen und schlagartig mit der gesamten Stimmung im Nichts verpuffen. Selbst die auf Englisch und Deutsch verfügbaren Dialoge, die sehr gut vertont sind, wurden ein paar Mal mittendrin einfach unterbrochen und nie zu Ende geführt. Schade!

Hui oder pfui?

Entwickler Mooneye Studios strickt die verschiedenen Einzelteile seiner Spielidee clever zusammen und schafft es, ein rundes und sympathisches Abenteuer auf die Beine zu stellen. Durchaus beeindruckend ist die Arbeit, bezieht man die Tatsache ein, dass es sich bei Lost Ember um ein Erstlingswerk und bei Moon­eye Studios um ein so kleines Studio handelt. Dem Spiel gelingt es gut, seine Geschichte rund um die Yanrana mit der liebevoll gestalteten Welt zu verweben. Ganz besonders punktet das Abenteuer mit seinem wundervollen Finale. Die Negativaspekte, die wir aufgezählt haben, sind zwar durchaus störend, zerstören aber die Spielerfahrung keinesfalls. Bedauerlich ist nur, dass mit etwas mehr Feinschliff, interessanteren Fundobjekten, einem etwas kreativeren Gameplay-Kern sowie fordernderen Rätseln noch viel mehr drin gewesen wäre.

Meinung & Wertung

Meinung

Wertung zu Lost Ember (PC)

Wertung:

8.0 /10
Pro & Contra
Wunderschön gestaltete SpielweltMagischer und ansprechender StilEmotionale und schöne Geschichte, die mit tollen Wendungen überraschen kannEin richtig tolles FinaleSchöne Musik, die perfekt die Stimmung einfängt und durchgehend unterhältEine Vielzahl an steuerbaren TierenAbwechslungsreiche Gebiete
Technisch leider nicht rundSeltsame Aussetzer bei Musik und VertonungWenig spielerischer AnspruchLangweilige Fundobjekte

Bildergalerie

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