Little Nightmares 2 im Test: Kleiner Horror, großer Spielspaß
Test 26,99 €
Knapp vier Jahre nach dem Release des Erstlings entführt uns Tarsier Studios mit der offiziellen Fortsetzung ein weiteres Mal in die groteske Albtraumwelt des kreativ gestalteten Little Nightmares. Diesmal mit vielen Gameplay-Verbesserungen, dem Umland des Schlunds als neuen Schauplatz und dem mysteriösen neuen Hauptcharakter Mono. Wir haben Little Nightmares 2 getestet und verraten euch, warum der Kindheitshorror zu den ersten großen Hits des Jahres gehört.
Das 2017 veröffentlichte Little Nightmares, welches auf eine beklemmende Fluchtgeschichte aus einer Unterwasserfestung namens dem "Schlund" setzt, konnte damals mit jeder Menge Kreativität und einer spannenden Prämisse rund um Kinderängste und Albträume überzeugen (unser Test zum Erstling). Die oftmals nervigen Kameraeinstellungen, viel zu lange Ladezeiten und wenig Abwechslung im Schleich- und Flucht-Gameplay hielten den Titel aber qualitativ weit entfernt von offensichtlichen Vorbildern wie Inside oder Limbo.
Mit Little Nightmares 2 (jetzt kaufen / 26,99 € ) nimmt das Team die Probleme des Erstlings in Angriff und baut das Universum sinnvoll aus. Aber wie gut ist das Sequel nun genau geworden und was erwartet euch im ca. sechs- bis siebenstündigen Horrorabenteuer?
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Mono, Six und der schwarze Turm
Quelle: PC Games
Viele Fragezeichen, wenige Antworten: Wo kommt Mono her? Welches Ziel verfolgt der kleine Knabe mit der Papiertüte auf dem Kopf? Und wie genau ist sein Schicksal mit dem von Six verbunden? Wir verraten natürlich nichts!
Im ersten Ausflug in das Little-Nightmares-Universum schlüpften wir in die Rolle des kleinen Mädchens Six, die aus ungeklärten Gründen in den tiefsten Ebenen des Schlunds lebt. Damals machte sich die kleine Heldin auf, der furchterregenden Festung, ihren vielen monströsen Bewohnern und der über allem stehenden Strippenzieherin, der sogenannten "Lady", zu entkommen. Was Teil 2 betrifft ... Nun, Fans des gelben Regenmantels müssen jetzt stark sein: Im Sequel, welches zeitlich nach den Ereignissen des Erstlings spielt, erleben wir die neue Geschichte nicht aus der Sicht der bereits etablierten Heldin. Stattdessen spendiert uns das Design-Team rund um Art-Director Per Bergmann eine komplett neue Spielfigur, den mysteriösen Jungen Mono. Wem jetzt das Herz blutet, dem sei gesagt: Six ist auch weiterhin ein essenzieller Teil der Handlung und verkörpert im gesamten Spielverlauf unsere Partnerin.
Quelle: PC Games
Geteiltes Leid: Mono ist zwar die spielbare Hauptfigur in Little Nightmares 2, Six bleibt aber weiterhin im Fokus der Handlung. Wie es wohl mit den beiden Kindern weitergeht?
Das pochende Herz, neben Mono und Six, ist der geheimnisvolle schwarze Turm, der sich im Zentrum des neuen Schauplatzes befindet, einer geisterhaften Stadt namens "Pale City". Typisch für die Reihe werden viele Fragezeichen aufgeworfen und nur wenige klar beantwortet. Wo kommt Mono her? Was für ein Gesicht steckt unter der Papiertüte, die der Knabe stets trägt? Vor was versteckt sich Mono? Und, am wichtigsten, was hat das alles mit Six zu tun? Einiges wird sich im Verlauf der Handlung klären, andere Punkte hingegen offenbaren sich nur den findigsten Spielerinnen und Spielern - ganz wie im ersten Teil also.
Quelle: PC Games
Antworten im Hintergrund: Wer die Geschichte und Welt verstehen will, der sollte seine Aufmerksamkeit auf die vielen Details im Hintergrund legen. Little Nightmares 2 setzt nämlich stark auf Environmental Storytelling.
Für alle Neueinsteiger: Die Little-Nightmares-Reihe setzt voll auf Environmental Storytelling. Dabei handelt es sich um ein modernes und beliebtes Werkzeug der Spieleentwicklung, mit dem Geschichten und Geheimnisse mithilfe der Umgebung erzählt werden - Texte oder gar Dialoge sollte man also nicht erwarten. Doch, keine Sorge, man kann auch dann seinen Spaß haben, wenn man sich nur auf das Offensichtliche konzentriert. Wer sich aber die Zeit nimmt, die unterschiedlichen Schauorte genauer unter die Lupe zu nehmen, der wird erfolgreich den ein oder anderen Handlungsstrang entwirren, was Spielspaß und Faszination ordentlich antreibt.
Little Nightmares 2 ist ein Horrorabenteuer mit starkem Fokus auf die so übermittelte Erzählung. Zu viel über die insgesamt fünf Kapitel wollen wir an dieser Stelle ergo nicht erzählen. Was wir jedoch sagen können: Wie auch im Erstling bleiben die Geschichte und die Atmosphäre die größten Stärken. Tarsier Studios gelingt es gut, Nervenkitzel und Spannung aufzubauen und das etablierte Universum sinnvoll zu erweitern - das ist doch schon mal was! Doch wie sieht es bezüglich des vormals etwas monotonen Gameplays aus? Und über welche spielerischen Neuerungen darf man sich freuen?
Gemeinsam durch die Hölle
Quelle: PC Games
Was machst du denn hier?! Mono ist nicht das einzige Mysterium im neuen Horrorabenteuer von Tarsier Studios. Fans werden sich sicher fragen: Was macht Six im Keller einer Jagdhütte? Und wo ist ihr ikonischer gelber Regenmantel? Wer mehr wissen möchte, der sollte sich selbst auf die ca. sechsstündige Reise begeben.
Zu Beginn des Abenteuers gelingt es uns in Gestalt unseres Mini-Helden Mono, die verstörte und geschwächte Six aus dem Keller einer schaurigen Waldhütte zu befreien und ihr zur Flucht zu verhelfen. Fortan ist es unsere Aufgabe, den aussichtslosesten Situationen in Pale City mit viel Teamwork und wachem Auge zu entfliehen. So beispielsweise einem mordgierigen Jäger, der bewaffnet mit einer rostigen Schrotflinte und einer Laterne nach unseren jungen Leben lechzt. Oder den vielen Porzellankindern, welche einen finsteren Schulflur unsicher machen und uns bei der ersten Gelegenheit kaltblütig ermorden.
Quelle: PC Games
Mono strikes back: Endlich gibt es im Little-Nightmares-Universum die Möglichkeit, sich für die vielen Hänseleien, brutalen Tode und Strapazen zu revanchieren.
Neben bereits etablierten Aktionen wie Gegenständen Verschieben, Klettern, Springen und Rennen gesellt sich nun auch eine Angriffsmöglichkeit hinzu. Unser knuffiger Protagonist kann nämlich diverse Objekte als Nahkampfwaffen benutzen und sich so gegen einige der gruseligen Gegnertypen wehren. Die vielen ikonischen "Erwachsenenmonster" sind hier natürlich ausgeschlossen - mit einem Schöpflöffel gegen eine mindestens fünf Mal größere Person zu kämpfen, wäre auch etwas unsinnig. Die Wucht der Schläge sowie die körperliche Anstrengung Monos werden gut auf den Bildschirm gezaubert und sind schön animiert, außerdem bieten die Kampfabschnitte eine nette Abwechslung zum altbekannten Gameplay-Konstrukt.
Quelle: PC Games
Auf dich ist immer Verlass: Zu Beginn unseres Gruseltrips waren wir skeptisch, ob das mit Six als K.I.-Partnerin funktionieren kann. Doch wie sich herausstellt, funktioniert die zwei Kinder ziemlich gut im Team - toll!
Ein weiteres frisches Element, welches uns Tarsier Studios mit Little Nightmares 2 auftischt, ist unsere bereits erwähnte K.I.-Partnerin. Sollte Six etwas Interessantes im Raum entdecken oder unsere Hilfe benötigen, so ruft sie nach uns. Ihre Körpersprache und ihre Aktionen können Hinweise darauf sein, wie wir uns am besten in der jeweiligen Situation verhalten sollten. Uns ist es ebenfalls möglich, Six zu rufen, sollten wir zusätzliche Körperkraft oder eine Räuberleiter benötigen. Dieses System wurde klug und dynamisch gestaltet. Wir hatten nie das Gefühl, Six würde uns in einem bestimmten Spielabschnitt unnötig hetzen oder zu lahm hinterherhinken. Abseits dessen gibt es nur wenige Veränderungen am altbekannten Spielprinzip. Ein Großteil der Spielerfahrung besteht weiterhin aus Schleich- und Fluchteinlagen, die sind aber toll umgesetzt und treiben den Puls gekonnt nach oben. Zumindest, wenn man mit dem Trial&Error-Prinzip Frieden schließen kann, manche böse Überraschungen sind nämlich nur schwer vorherzusehen.
Quelle: PC Games
Schach matt: Die Rätsel sind zwar spaßig gestaltet, doch viel Knobelei braucht es nicht, um auf die Lösung zu kommen. Ab und an gab es sogar größere Probleme im Spieldesign - das stößt sauer auf.
Darüber hinaus hat uns gut gefallen, dass sich Tarsier Studios auch Zeit nimmt für ruhige Momente. Mal sind das Szenen, in denen die großartige Atmosphäre des Abenteuers im Vordergrund steht, an anderer Stelle simple Rätsel. Die sind zwar nie wirklich fordernd, machen aber dennoch Laune und fügen sich gut in das Gesamtbild ein - zumindest die meiste Zeit. Das ein oder andere Rätsel ist uns sauer aufgestoßen, da sich das Team entweder nicht an die eigenen Rätsel-Vorgaben hält oder die Lösung im direkten Umfeld der Aufgabe offen daliegt -beides unnötig, doch auch beides verkraftbar. Keinen Grund zu meckern gibt es beim fantastischen Design, mit dem sich Little Nightmares kinderleicht in kommende Albträume schleicht.
(Alb)traumhaft schönes Design
Quelle: PC Games
Unterricht mal anders: Egal ob wir den Unterricht stören oder uns mucksmäuschenstill verhalten, mit dieser Lehrerin ist nicht zu spaßen. Was ist ihr verdammtes Problem?!
Das Design der Spielwelt und ihrer Bewohner ist fantastisch umgesetzt und gehört zu den dicksten Positivaspekten der Little-Nightmares-Serie. Egal ob es die aus Kindheitsängsten gestrickten Umgebungen sind oder die furchteinflößenden Kreaturen, wie zum Beispiel die diabolische Lehrerin. Solch ein strenges Regime in ihrer Schule zu führen, ist ihr nur dank ihres extrem dehnbaren Halses möglich, mit dem sie jede Ecke des Schulgebäudes terrorisieren und im Auge behalten kann. Jede Idee und jedes Element wurden durch echte Emotionen oder Orte inspiriert, dann durch einen imaginären Fleischwolf gedreht und so grotesk dargestellt, dass sie kaum mehr etwas mit der reellen Welt am Hut haben.
Apropos Hut! Little Nightmares 2 bietet ein paar Collectables, die glücklicherweise nicht nur den Sinn verfolgen, die Spielzeit unnötig zu strecken. Für Mono gibt es unterschiedliche Kopfbedeckungen, die es auf den meist linearen Spielwegen zu finden gibt. Wem die Papiertüte also nicht zusagt, der kann auf andere Hüte zurückgreifen - man will ja toll aussehen, während man von Kinderfressenden Monstern gejagt wird. Außerdem finden sich sogenannte "Fragmentierte Überreste" in der Spielwelt, die nicht nur cool gestaltet sind, sondern auch kleine Geschichten erzählen.
Quelle: PC Games
Halt bitte still: Ab einem bestimmten Zeitpunkt erhalten wir eine Taschenlampe - da haben aber wir Schwein gehabt! Es gibt nämlich die ein oder andere Kreatur, die sich nur mit Licht davon abhalten lassen, uns die Haut abzuziehen.
Hinter der Horrorfassade verstecken sich außerdem viele herzerwärmende Details, welche die Entdeckerlust entfachen und viel über die Charaktere und Areale erzählen. Wer beispielsweise die Lehrerin und ihr Handeln im Schulabschnitt genauestens beobachtet, der erkennt viele Andeutungen auf einen gescheiterten Traum und eine innige Liebe zur Musik. Kreidezeichnungen am Boden, die Geschehnisse im Krankenhaus, die von dessen Vergangenheit zeugen ... Little Nightmares 2 strotzt nur so von interessanten Details, die mit viel Fingerspitzengefühl in die unterschiedlichen Kapitel eingewoben wurden. Darüber hinaus zeigt sich die Welt von Little Nightmares schicker als je zuvor. Im Vergleich zum ersten Teil, der mit Technikmacken zu kämpfen hatte und hat, macht das Sequel eine deutlich bessere Figur und gefällt mit schönen Lichteffekten, viel Abwechslung und scharfen Texturen.
Technisch (beinahe) einwandfrei
Quelle: PC Games
Richtig schicker Indie-Horror: Im Vergleich zum Vorgänger macht Little Nightmares 2 eine prächtige Figur. Egal ob es der hübsche Grafikstil ist oder die schönen Lichteffekte, oft kann man sich kaum satt sehen.
Auch die Ladezeiten fallen weitaus geringer aus. Außerdem steuert sich die Spielfigur genauer, egal, ob mittels Controller oder Tastatur. Es kommt auch seltener zu hakeligen Animationen oder gar einem Feststecken hinter Türen oder anderen Objekten. Bei unserer Anspiel-Session am PC kam es zu keinen auffälligen Problemen, an der Konsole hingegen gab es den ein oder anderen Bug. Keiner davon zwang uns aber zum Neuladen oder beeinträchtigte den Spielspaß maßgeblich. Ein großer Kritikpunkt am Erstling waren die willkürloch gesetzten Checkpoints. Im zweiten Teil ist das nun weitaus besser gelöst, jedoch immer noch nicht ideal umgesetzt. Ab und an gibt es Spielabschnitte, bei denen wir nach einem Scheitern mehrere Objekte wieder neu positionieren und Schalter neu betätigen müssen. Nervig!
Was wiederum gut gefällt, ist die Kameraführung. Im Gegensatz zum Erstling setzt Tarsier Studios diesmal auf einen "Puppenhaus-Effekt", der dem Gruseltrip mehr Charme gibt und zudem alte Kameraprobleme gekonnt umschifft. Der Effekt macht sich besonders bemerkbar, wenn man von einem Raum in den nächsten voranschreitet. Es ist, als würde man in die groteske Welt, in der sich Mono und Six wiederfinden, hineingucken - ganz so, wie es bei einem Puppenhaus der Fall ist. Auf unserer Reise durch Pale City kam es kaum zu Kameraproblemen, meist waren alle wichtigen Details gut ersichtlich.
An den TV gebannt
Quelle: PC Games
Grotesk und surreal: Das Abenteuer rund um Mono und Six fokussiert sich zwar auf Kinderängste, das heißt aber keinesfalls, dass es nicht gruselig und abgefahren zur Sache geht.
Man könnte also meinen, es gibt kaum größere Kritikpunkte an Little Nightmares 2. Doch das entspricht nicht ganz der Realität. So finden wir, dass die Mischung aus Puzzles und Erzählung im Vorgänger besser funktionierte. Der Schlund im ersten Teil war in seiner Gestaltung zudem glaubwürdiger als die manchmal etwas konstruiert aufgebaute Welt des neuen Spiels, jedes einzelne Element schien aus gutem Grund zu existieren. Zudem geht dem Abenteuer zum Finale hin etwas die Puste aus. Das Ende ist keinesfalls schlecht und jedes Kapitel konnte uns erfolgreich in seinen Bann ziehen, verglichen mit den ersten paar Levels nehmen die Überraschungen und die interessanten neuen Eindrücke aber irgendwann ab. Dennoch handelt es sich bei Little Nightmares 2 um ein wirklich gut gemachtes Spiel, und sobald wir mit dem Tippen dieses Tests fertig sind, drücken wir die Daumen für einen dritten Teil. Ab ... Jetzt!
Ihr könnt euch Little Nightmares 2 ab dem 11. Februar 2021 für PC, Xbox One, PS4 und Switch holen. Der Gruseltrip kostet ca. 30 Euro. Tarsier Studios planen ebenfalls einen Release für PS5 und Xbox Series X/S, der ist aktuell aber nur mit "irgendwann 2021" datiert.
