Life is Strange: True Colors - Gefühlsachterbahn zwischen Cringe und Charme

Test David Benke
Life is Strange: True Colors - Gefühlsachterbahn zwischen Cringe und Charme
Quelle: Deck Nine

Mit Life is Strange: True Colors haben die Entwickler von Deck Nine einen neuen Teil ihrer Adventure-Reihe veröffentlicht - diesmal ohne Max Caulfield oder Zeitmanipulation, dafür mit einem anderen Gameplay-Kniff: der Kraft der Empathie! Wie die sich aufs Spiel auswirkt und was die Story rund um die neue Heldin Alex Chen so hermacht, haben wir uns im Test näher angeschaut.

Stell euch vor, ihr könntet euch eine beliebige Superkraft aussuchen. Irgendeine. Keine Eingrenzungen, keine versteckten Hintertürchen. Was würdet ihr wählen: Unsichtbarkeit vielleicht? Fliegen? Oder macht euch doch mehr der Gedanke an, die Zeit anhalten zu können? Bei der schier endlosen Masse an Möglichkeiten ist das sicher keine einfache Entscheidung. Wir würden aber einfach mal ganz frech behaupten, dass die Macht der Empathie wohl eher etwas weiter unten auf der Liste eurer potenzieller Optionen auftauchen würde.

Nichtsdestotrotz haben es sich die Entwickler von Deck Nine in den Kopf gesetzt, genau die zum zentralen Element ihres neuesten Spiels zu machen. In Life is Strange: True Colors bekommt ihr die einmalige Chance, in die Gefühls- und Gedankenwelt eurer Mitmenschen einzutauchen. Ihr spielt überspitzt ausgedrückt also als eine Art übernatürlichen Seelenklempner, der die Alltagssorgen und Probleme anderer Leute löst und nebenher auch noch einen mysteriösen Mordfall aufklärt.

Auf Nintendo Switch ist Life is Strange: True Colors erst später erschienen, nämlich am 07. Dezember 2021. Am Ende des Artikels lest ihr unser Update zur Nintendo-Fassung.

Almost Haven, Colorado

All das macht ihr in der Rolle von Alex Chen, einer jungen asiatisch-amerikanischen Frau, die aus Portland ins verschlafene Bergbaustädtchen Haven Springs in Colorado zieht. Am Fuße der Rocky Mountains will sie zusammen mit ihrem Bruder Gabe ein neues Leben anfangen und die Dämonen ihrer Vergangenheit endlich hinter sich lassen. Denn eines wird bereits in den ersten Spielminuten sehr deutlich: Alex schleppt eine Menge seelischen Ballast mit sich rum. Das wird alles zunächst nur recht vage angedeutet. Da ist mal die Rede von einer verkorksten Kindheit, einem cholerisch-alkoholkranken Vater oder harten Zeiten im Kinderheim. Über den Spielverlauf hinweg erfahrt ihr aber immer mehr über Alex und ihre Vergangenheit, sodass einem die Heldin richtig ans Herz wächst.

In Life is Strange: True Colors verschlägt es euch ins verschlafene Haven Springs, das grafisch bereits einiges hermacht. Quelle: PC Games In Life is Strange: True Colors verschlägt es euch ins verschlafene Haven Springs, das grafisch bereits einiges hermacht. So kann man dann auch nachvollziehen, warum sie zu Beginn noch recht unsicher und irgendwie ein wenig schrullig rüberkommt. Sie hat's halt nicht so mit Menschen. Da wird dem eigenen Bruder beim ersten Wiedersehen nach acht (!) Jahren auch mal nur verlegen die Hand geschüttelt. Oder Alex flüchtet sich mit ihren Kopfhörern ins Reich der Musik, um unangenehmen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. "Socially awkward" ist da wohl das beste Wort. Es dauert entsprechend eine gute Weile, bis sie auftaut und sich wirklich heimisch fühlt. Das passt ganz gut, denn in der Zwischenzeit könnt ihr euch schon mal ein wenig mit dem Spielprinzip von True Colors vertraut machen.

Besonders lange sollte das nicht dauern. Wer den Vorgänger kennt, der weiß ohnehin schon, wie der Hase läuft. Neulinge, die mit True Colors übrigens problemlos in die Life-is-Strange-Serie einsteigen können, haben auch schnell den Dreh raus: Spielerisch erwartet euch ein Mix aus Adventure und Walking Simulator. Ihr steuert Alex durch verschiedene Kulissen, interagiert mit Menschen und Objekten in der Umgebung und löst simpelste Rätsel. Das ist wunderbar zugänglich, wirkt aber auch irgendwie etwas seicht. Wir hatten oftmals das Gefühl, eher einen interaktiven Film im Stil der Quantic-Dream-Spiele zu erleben. Alle fünf Minuten werden eure Erkundungstouren durch Haven Springs von einer Zwischensequenz unterbrochen, in der ihr nur tatenlos zuschaut. Auf diese Erzählweise muss man sich einlassen.

Von Gefühlen überwältigt

Den dramatischen Höhepunkt des ersten Kapitels bringt sie allerdings sehr gut rüber: Alex heile neue Welt droht nämlich, schnell wieder in sich zusammenzubrechen, als Bruder Gabe bei einem mysteriösen Unglück in der örtlichen Mine sein Leben verliert und euch vor einem Scherbenhaufen und einer Menge Fragen zurücklässt. Was steckt wirklich hinter dem Vorfall? Und wie passt die Typhon-Bergbaugesellschaft ins Gesamtbild? Auf der Suche nach Antworten kommt Alex nicht mehr darum herum, endgültig aus ihrer Komfortzone auszubrechen. Dazu gehört auch, dass sie sich mit ihrer besonderen Gabe auseinandersetzt, der eingangs genannten Macht der Empathie. Die erlaubt es euch, die Emotionen eurer Mitmenschen in Form einer farbig leuchtenden Aura um sie herum wahrzunehmen - von rotbrennender Wut, bis hin zu goldener Glückseligkeit. Ihr könnt dann versuchen, den Ursprüngen dieser Gefühle auf den Grund zu gehen oder die Betroffenen sogar gänzlich von ihnen zu befreien. Dabei solltet ihr aber ordentlich aufpassen! Alex kann von besonders starken Empfindungen überwältigt werden und sogar die Kontrolle über sie verlieren.

Im Vergleich zu Max' Zeit-Manipulation oder Seans Telekinese aus Life is Strange 1 und 2 wirkt das zunächst ein wenig unspektakulär. Die Entwickler von Deck Nine schaffen es aber tatsächlich, euch einige spannende Möglichkeiten zu eröffnen - weit über den Rahmen der Hauptstory hinaus. Ihr könnt auch einfach so durch die Stadt schlendern und fremden Leuten auf der Straße helfen. Ihr beschafft etwa einem besorgten Herrchen seinen Hund wieder oder befreit einen armen Kerl aus der Friendzone und macht so die Welt Stück für Stück ein bisschen besser.
Fluch oder Segen? Alex kann mit Hilfe der Kraft der Empathie in die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen eintauchen. Quelle: PC Games Fluch oder Segen? Alex kann mit Hilfe der Kraft der Empathie in die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen eintauchen.

Die Qual der Wahl

Auch an anderer Stelle ist euer Typ gefragt. Wie in den Vorgängern stehen auch in Life is Strange: True Colors (jetzt kaufen 20,20 € ) wieder eine Reihe von Entscheidungen auf dem Plan, deren Bandbreite von scheinbar gleichgültig bis überlebenswichtig reicht. Wenn euch das Spiel mit einem Icon am oberen Bildschirmrand klarmachen will, dass euer abendlicher Hausputz das Spiel maßgeblich beeinflusst, ist das eher schwer zu glauben. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Situationen, in denen euer Handeln bestimmt, ob Beziehungen enden oder Personen Haven Springs für immer verlassen. Wählt also stets mit Bedacht! Zumal die Folgen eurer Aktionen nicht immer auf den ersten Blick offensichtlich sind.

Typisch Point & Click: In Life is Strange verbringt ihr die meiste Zeit damit, durch die Stadt zu laufen, mit Personen zu sprechen und Dinge zu untersuchen. Quelle: PC Games Typisch Point & Click: In Life is Strange verbringt ihr die meiste Zeit damit, durch die Stadt zu laufen, mit Personen zu sprechen und Dinge zu untersuchen. Je nachdem, was ihr tut, kann sogar das Ende von True Colors anders ausfallen. Es gibt also wieder mal keine lineare Geschichte. Ein wenig vorhersehbar bleibt die Richtung der Autoren aber trotzdem: Freundliche Kleinstadt gegen bösen Großkonzern, das kennt man so schon vom Hambacher Forst. Gerade gegen Ende hat die Erzählung aber nochmal ein paar überraschende Wendungen parat, die einen über die knapp zehn Stunden Spielzeit gut bei der Stange halten.

Auch die größtenteils gut geschriebenen Charaktere, seit jeher eine Stärke von Life is Strange, machen Lust auf mehr. Haven Springs steckt voll liebenswerter Zeitgenossen, über die man einfach mehr erfahren möchte - wie etwa Steph Gingrich, die Kenner der Serie bereits aus Before the Storm kennen. Auf der anderen Seite gibt es auch ein paar Figuren, die man etwas weniger leiden kann. Gleichgültig ist einem aber niemand. Das ist ein klares Kompliment an Entwickler Deck Nine: Die schaffen es, dass man sich mit den Figuren verbunden oder eben auch von ihnen abgestoßen fühlt.

How Do You Do, Fellow Kids?

Mit einigen Stadtbewohnern kann Alex sogar eine romantische Beziehung eingehen. Das war für unseren Geschmack aber ein wenig plump inszeniert. Ihr werdet aus heiterem Himmel gefragt, ob ihr denn eigentlich auf Frauen steht und könnt dann aus "Ja", "Nein" und "Beides" wählen. Das erschien nicht besonders natürlich. Auch an anderer Stelle stecken die Dialoge voller "Boomer-Cringe". Manchen Zeilen merkt man einfach an, dass hier alte Männer junge Charaktere schreiben und dabei krampfhaft versuchen, mit möglichst vielen Anglizismen möglichst cool und nerdy zu wirken. Da kam uns zwangläufig Steve Buscemis Fellow-Kids-Meme in den Sinn. Glücklicherweise kriegt das Spiel aber noch die Kurve und bügelt den holprigen Auftakt mit einem charmanten dritten Kapitel glatt, in dem aus dem seichten Adventure plötzlich ein rundenbasiertes Rollenspiel wird - mit Inventar, Lebenspunkten und allem Pipapo.

Welche Schallplatte darf's sein? Neben solchen scheinbar nebensächlichen Situationen, stehen auch weitaus weitreichendere Entscheidungen auf dem Plan. Quelle: PC Games Welche Schallplatte darf's sein? Neben solchen scheinbar nebensächlichen Situationen, stehen auch weitaus weitreichendere Entscheidungen auf dem Plan. Charme ist ohnehin einer der großen Pluspunkte von True Colors. Neben den Charakteren weiß vor allem auch die Spielwelt zu überzeugen. Haven Springs versprüht dieses typische Kleinstadt-Flair, das schon Arcadia Bay so ausgezeichnet hat. Im Vergleich zu Teil eins gibt es nun aber deutlich mehr zu tun: Wie von Fans gewünscht, dürft ihr noch mehr erkunden und noch mehr Sammelobjekte finden. Die geben euch einen tieferen Einblick ins Life-is-Strange-Universum und scheuen sich auch nicht davor, mal düstere Themen wie Depression oder Alzheimer anzusprechen. Dazu könnt ihr noch euer Handy mit SMS und Facebook-Zugang oder euer Tagebuch durchstöbern, euer Wirkungsradius bleibt am Ende des Tages aber relativ begrenzt ist. Von ein paar kurzen Abstechern ins Umland abgesehen, seid ihr meist nur auf der Hauptstraße des Städtchens unterwegs. Ein Großteil des Geschehens findet zwischen See und Park, in den paar Gebäuden in der Mitte statt. Unsichtbare Mauern verhindern, dass ihr euch zu weit nach draußen verirrt.

Was für Augen und Ohren

Optisch setzt Life is Strange auf den serientypischen Stil, der seit Teil 1 konsequent weiterentwickelt wird: True Colors sieht schick aus, hat satte Farben, eine natürliche Beleuchtung und deutlich mehr Details. Sogar Ray Tracing wird unterstützt, auch wenn die Auswirkungen eher überschaubar ausfallen. Gleichzeitig behält das Spiel aber auch einige alte Probleme bei. Selbst auf PS5 und Xbox Series X gibt's nur 30 FPS, und die nicht mal immer konstant. Dafür, dass die Macher so viel Wert auf Emotionen setzen, könnten die Gesichter der Charaktere gerne nochmal ein paar mehr von ihnen zeigen. Trotz Performance-Capture lässt die Mimik etwas zu wünschen übrig. In der erstmals verfügbaren deutschen Fassung leidet zudem die Lippen-Synchronität.

Wie lebt es sich mit einer Superkraft? Alex hält ihre Erfahrungen in einem Tagebuch fest. Quelle: PC Games Wie lebt es sich mit einer Superkraft? Alex hält ihre Erfahrungen in einem Tagebuch fest. Apropos deutsche Fassung: Die war für unseren Geschmack ohnehin ein wenig gewöhnungsbedürftig. Das mag daran liegen, dass mit Let's-Play-Märchenonkel Gronkh als Deputy Sheriff eine etwas seltsame Casting-Entscheidung getroffen wurde, die uns aus der Immersion riss. Aber auch sonst kann die lokalisierte Fassung nicht mit dem Original mithalten. Wer also noch ein paar ordentliche Englischkenntnisse aus der Schule vorweisen kann oder kein Problem damit hat, die Untertitel zu lesen, dem legen wir definitiv den O-Ton ans Herz! Ebenso solltet ihr drauf achten, nicht den Streaming-Modus anzumachen, der jegliche Lizenzmusik ausstellt. Dann geht euch nämlich der wirklich tolle Soundtrack mit Kings of Leon, Dido und Co. durch die Lappen, der Alex' Coming-of-Age-Story stimmungsvoll abrundet.

Fragwürdig fanden wir da eigentlich nur noch den Preis. Zum Release am 10. September müsst ihr auf PC, Google Stadia sowie Playstation - und Xbox-Konsolen satte 60 Euro auf den Tisch legen. Für knappe zehn Stunden Spielzeit ist das ganz schön happig, Wiederspielwert hin oder her. Zudem besitzt Publisher Square Enix dann auch noch die Dreistigkeit, einem für weitere vier Euro ein vierteiliges Kostümset anzubieten und bereits im Hauptmenü den kommenden DLC zu bewerben, der dann nochmal 13 Kröten kostet. In einem Vollpreis-Titel! Das hätte nun nicht wirklich sein müssen.

Nun noch zur Ausgabe für Nintendo Switch: Life is Strange: True Colors ist am 07. Dezember 2021 im Nintendo Store erschienen. Damit hat das Warten - zumindest auf den aktuellen Teil der Reihe - für die Switch ein Ende. Die Nintendo Switch hat nicht die gleiche Leistung wie etwa eine PS5 - nicht weiter verwunderlich ist also, dass die Grafik ein bisschen runtergeschraubt wurde und die Texturen weniger detailreich ausfallen. Auch die Ladezeiten sind deutlich länger als bei leistungsstärkeren Plattformen. Das Spiel lebt allerdings von den Gesprächen zwischen den Menschen und ihren Gesichtsausdrücken, die immer noch gut erkennbar und authentisch sind. Alles in allem ist der Titel auch auf der Switch gut spielbar. 2022 sollen dann noch die anderen Teile von Life is Strange im Rahmen einer Remastered Collection für die Nintendo Switch erscheinen.

Meinung

Wertung zu Life is Strange: True Colors (PS4)

Wertung:

7.0 /10

Wertung zu Life is Strange: True Colors (PC)

Wertung:

7.0 /10

Wertung zu Life is Strange: True Colors (PS5)

Wertung:

7.0 /10

Wertung zu Life is Strange: True Colors (XBO)

Wertung:

7.0 /10

Wertung zu Life is Strange: True Colors (XSX)

Wertung:

7.0 /10

Wertung zu Life is Strange: True Colors (NSW)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
Spannende, wenn auch etwas vorhersehbare StoryEure Entscheidungen beeinflussen den SpielverlaufCharmante CharaktereHübsches SettingEinzigartige, spielerisch gut umgesetzte SuperkraftHaptisches Feedback und adaptive Trigger des Dualsense unterstütztKein Episoden-Format mehr, Story kommt als GesamtpaketUmfangreiche Online-Statistiken über die Entscheidungen und Wege anderer SpielerAtmosphärischer Soundtrack
Spielerisch meist eher seichtProbleme bei Mimik und Lippen-SynchronitätNur 30 FPS auf der Konsole, die nicht immer konstantUnsichtbare Wände schränken den Spielraum einFiese Cringe-DialogeAuf alten Konsolen teils etwas längere LadezeitenRecht wenig Umfang für einen Vollpreistitel
Fazit

Alex' emotionales Abenteuer geht ans Herz, sofern man sich denn drauf einlässt.

Bildergalerie

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