Help Will Come Tomorrow im Test: Frustration und Glücksgefühl im Survival-Manager
Test
Der Survival-Manager Help Will Come Tomorrow wirft euch aus einem Zug in den harten Winter der sibirischen Wälder. Mit einer kleinen Gruppe kämpft ihr ums Überleben und versucht gleichzeitig, die Moral im Camp aufrechtzuerhalten. Zu den grundsätzlichen Problemen wie Rohstoffknappheit gesellen sich politische Konflikte, aufgeladen durch die anstehende Oktoberrevolution in Russland.
Das Jahr 1917 war nicht nur der traurige Höhepunkt des Ersten Weltkrieges und Namensgeber für den bekannten Kriegsfilm: In Russland stand die Oktoberrevolution kurz bevor und teilte die Bevölkerung in Konservative und Revolutionäre. Mit dieser Prämisse kämpft ihr in Help Will Come Tomorrow nicht nur um das reine Überleben, sondern um Zusammenhalt und gegen immerwährende Konflikte.
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Das polnische Entwicklerteam Arclight Creations zeigte bereits mit dem in der französischen Revolution angesiedelten We. The Revolution, dass es ein Händchen für Spiele mit historischer Einordnung hat. Diesmal näher dran an ihrem Heimatland, entschieden sie sich für ein Szenario in Russland.
Aufbau des Spiels
Wer Anfang des 20. Jahrhunderts durch Russland will, fährt mit der Transsibirischen Eisenbahn. Das dachten sich auch die Protagonisten unseres Spiels, bevor ihr Zug von den Gleisen geholt wird. Ausgesetzt zwischen der sibirischen Tundra und endlosen Wäldern, ergibt sich ein wunderbares Setting für diesen Survival-Manager: Ressourcen müssen überblickt, Aufgaben verteilt werden und die Bedürfnisleisten der Spielfiguren gefüllt sein.
Quelle: PC Games
Nachts wählt man aus einer Themenwolke aus, worüber sich unsere Charaktere unterhalten sollen.
Neben den Hauptattributen Gesundheit und Moral müssen grundlegende Bedürfnisse wie Hunger, Durst und Müdigkeit gestillt werden. Passend zur Szenerie gesellen sich Kälte und etliche andere Beschwerden, die alle einer besonderen Behandlung bedürfen. Doch dafür müsst ihr erst mal ein Camp befestigen, also Schnee wegräumen, Materialien zusammensuchen und den Hammer schwingen. Zum Glück startet ihr in jede Runde mit vier Charakteren, welche jeweils drei Aktionen pro Tag ausführen können. Ob sich diese Charaktere verstehen, hängt ganz davon ab, welche persönlichen Eigenschaften sie besitzen und welcher Fraktion sie angehören. Durch die anstehende Revolution teilen sich die Figuren im Spiel nämlich in drei Lager auf: Aristokraten, Revolutionäre und Neutrale.
Gute Nacht-Phase
Quelle: PC Games
Das Spiel besteht aus einer Nacht- und Tagphase.
Insgesamt gibt es neun Charaktere. Mit welchen vier ihr startet, ist vom Zufall abhängig. Relevant wird diese Zusammensetzung erst in der Nachtphase des Spiels, in der sich die verschiedenen Persönlichkeiten unterhalten. Als Spieler wählt man aus einer Themenwolke, was einem als Gesprächsstoff sinnvoll erscheint und beobachtet dann den Verlauf der Unterhaltung. Hin und wieder darf man aus mehreren Antworten wählen und so das Gespräch in eine bestimmte Richtung lenken. Vom Thema abhängig, mögen sich die Charaktere mehr oder sehr viel weniger, nach dem sie sich ausgetauscht haben. Der Schlüsselaspekt dieser nächtlichen Sitzungen ist dabei die Chance auf Quests. Im Test war das für uns die einzige Möglichkeit, der Tundra zu entfliehen und ein positives Ende herbeizuführen.
Schwierigkeitsgrad nicht zu unterschätzen
Quelle: PC Games
Am Lagerfeuer können sich unsere Figuren verbrüdern, um sich so besser kennenzzulernen und die Moral im Camp zu steigern.
An den Punkt zu kommen, das Spiel beenden zu können, macht Help Will Come Tomorrow euch aber nicht leicht. Je nach Schwierigkeitsgrad findet ihr nämlich nur sehr begrenzte Materialien und müsst euch entscheiden, was euch wichtiger ist - Essen oder Schlafen. Survival-Spieler wissen, manchmal muss ein Charakter hungern oder etwas essen, was er nicht mag, um das eigene Überleben zu sichern. Gesagt, getan, verspeisen unsere Charaktere auch mal Käfer, Moos und Wurzeln. Die damit einhergehenden Bauchschmerzen und Halluzinationen ignorieren wir fürs Erste, da unser Equipment nichts Sinnvolles hergibt. Am nächsten Tag bemerken wir dann schnell das Ausmaß unseres unüberlegten Handelns. Unsere Figuren liegen bewusstlos da oder haben nur einen Bruchteil ihrer Aktionspunkte. Die aber bräuchten wir, um sie wieder auf die Beine zu bringen. Die Abwärtsspirale, in der wir gefangen sind, lässt sich ab diesem Moment nicht mehr aufhalten. Nach wenigen Tagen müssen wir mitansehen, wie jedes einzelne Mitglied unserer Gruppe das Zeitliche segnet und werden mit einem traurigen vorzeitigen Abspann "belohnt".
Das Camp verlassen
Quelle: PC Games
Die Expeditionskarte decken wir nach und nach auf und können in anderen Gebieten wichtige Ressourcen sammeln.
Da wir nun wissen, dass uns Nahrungsmittel und Materialien schnell ausgehen können, konzentrieren wir uns von nun an auf den Aspekt des Sammelns. Dafür müssen wir Expeditionen unternehmen, die stets mit Blick auf das Wetter unternommen oder auf die lange Bank geschoben werden sollten. Da wir gerade zu Anfang des Spiels viele sonnige Tage und nur leichten Schnee erleben, haben wir erst einmal freie Bahn und können ein bis zwei Kundschafter losschicken. Die Karte ist in einzelne Felder aufgeteilt, über die wir unsere Expeditionsgruppe wie Spielfiguren bewegen, um dort auskundschaften zu können. Oft werden wir mit reichlich Materialien belohnt und manchmal sogar mit verschiedenen Ereignissen. Diese können sowohl positiv als auch negativ sein und beeinflussen eine Vielzahl der Bedürfnisse unserer Charaktere. Abhängig von den nächtlichen Gesprächen sind Expeditionen außerdem die einzige Möglichkeit, Aufgaben zu erfüllen. Ob die Quests machbar sind, hängt allerdings vom Gefahrenlevel der Zonen ab, in der sie sich befinden. Dieser ist weitestgehend zufällig und bewegt sich zwischen nicht vorhanden und tödlich.
Purga
Quelle: PC Games
Durch nächtliche Unterhaltungen können wir Quests bekommen, durch die wir aus der sibirischen Tundra entfliehen.
Anscheinend unabhängig vom Schwierigkeitsgrad begrüßt uns nach einer gewissen Spielzeit ein apokalyptischer Sturm mit dem Beinamen Purga und lässt uns tagelang nicht aus dem Camp. Negative Events werden häufiger, wir müssen uns vermehrt um Bedürfnisse wie Erschöpfung kümmern und haben Glück, viele unverderbliche Rohstoffe angehäuft zu haben. Die Entwickler scheinen hier eine Art zeitliches Limit eingebaut zu haben, dass den Spieler zum Handeln zwingt. Tatsächlich steigt unsere Motivationskurve zum Beenden des Spiels rasant an, jedoch auch unsere Frustration über die unfaire Lage, in der wir uns befinden. Schließlich liegen zwei Charaktere im Sterben und zwei weitere werden im Sturm vermisst, als unsere erfüllte Quest dafür sorgt, dass alle gerettet werden.
Wiederspielwert
Quelle: PC Games
Zwischen Tag- und Nachtzyklus oder bei Expeditionen kommt es immer wieder zu zufälligen Ereignissen. Nicht immer gehen diese gut für uns aus.
Durch die zufällige Zusammensetzung der Charaktere am Anfang jedes Durchlaufs bleibt es zunächst sehr spannend im sibirischen Exil, in der Nachtphase zeigt sich allerdings, dass die geführten Gespräche überwiegend identisch bleiben. Ein Knopf zum Überspringen bewahrt uns vor der Wiederholung bereits bekannter Dialoge, doch eigentlich sollen die Gespräche ja einen narrativen Mehrwert bieten. Eigenschaften, die jeder Charakter innehat, sind über verschiedene Spielstände hinweg fast identisch, ebenso wie die Karte, auf der man an den gleichen Punkten immer wieder die gleichen Materialien findet. Am Ende sind es die Herausforderung und der hohe Schwierigkeitsgrad, den man überwinden will, und nicht die spannenden Geschichten der Überlebenden, warum man immer wieder auf "Neu Starten" klickt. Wem Survival-Manager wie Dead in Bermuda gefallen, wird hier ebenfalls seine Freude dran haben.
Technische Details
Technische Mängel haben wir in unserem Test kaum erlebt, allerdings hatten wir einen Softlock-Bug, der durch den Start eines neuen Spielstandes bereinigt werden konnte. Von Help Will Come Tomorrow gibt es aktuell noch keine deutsche Version, sondern ausschließlich englische, polnische und russische Sprachausgaben. Im Gegensatz zum Trailer sind weder der Einstieg noch die Texte vertont, dafür holt der stimmungsvolle Soundtrack den Spieler ab und befördert ihn in die melancholische Einöde Sibiriens. Die comichafte Grafik mit vielen düsteren Elementen tut ihr Übriges und schafft eine nahezu trostlose Atmosphäre. Ein umfassendes Tutorial erklärt die grundlegenden Mechaniken, kann aber auch übersprungen werden, wenn man die Mechaniken aus vorherigen Spielständen bereits kennt. Das über Kickstarter finanzierte Spiel erscheint am 21. April für PC, Playstation 4, XBOX One und Nintendo Switch.
