Test zu Greedfall: Durchwachsenes Rollenspiel mit tollen Ansätzen, aber zu viel verschenktem Potential
Test 31,49 €
Mit Greedfall möchte das französische Entwicklerstudio Spiders ein für alle Mal beweisen, dass sie das Talent, die nötigen Mittel und Werkzeuge haben ein durch und durch gelungenes Rollenspiel aufzutischen. Greedfall macht dabei keinen Hehl aus den auffälligen Inspirationen diverser Genre-Nachbarn. Das Pariser Studio mixt Elemente der alten Rollenspielschule mit denen moderner und frischer Vertreter des Genres. Ob die Mixtur aus dem Hause Spider nachhaltig beeindrucken kann, erfahrt ihr natürlich kompakt in diesem Test zusammengefasst.
Für all jene, die es in der Vergangenheit bereits in die eine oder andere Fantasy-Landschaft verschlagen hat, ist der Name Spiders vermutlich kein Fremdwort. Zwar blieb dem Pariser Studio bisher ein wirklich gelungenes Gesamtwerk verwehrt, doch einige solide Mittelmaß-Rollenspiele treiben durchaus in den rauen Gewässern der Videospielwelt. Mehrere Entwicklerköpfe, die alle gemeinsam an dem Hack-and-Slay Silverfall gearbeitet haben, gründeten Spiders 2008. Seitdem entwickelt das Studio Rollenspiele mit Singleplayer-Fokus. Egal ob das 2012 veröffentlichte Of Orcs and Men, Bound by Flame, welches im PC-Games-Test leider trotz interessanter Ansätze enttäuschte, oder das 2016 veröffentlichte Action-RPG The Technomancer. All diese Spiders-Titel blieben hinter den Erwartungen zurück. Ein Merkmal sticht dem Fachauge dabei besonders ins Auge: Jedes Spiders-Werk strotzt vor verschenktem Potential. Schade also, dass es den bisherigen Titeln verwehrt blieb, in den Olymp der Rollenspiele aufzusteigen.
Auf dieser Seite
Das frisch veröffentlichte Barock-inspirierte Greedfall (jetzt kaufen 34,99 € / 31,49 € ) soll das nun endlich ändern. Das Rollenspiel verspricht mit der exotischen Insel Teer Fradee eine spannende Spielwelt, die zum Erkunden einlädt. Die verschiedenen Klassen und das offene Skill-System ermöglichen unterschiedliche Spielstile und durch eine Vielzahl an möglichen Entscheidungen soll sich eine individuelle Spielerfahrung ergeben, die in multiplen Enden ihren krönenden Abschluss findet. Klingt also, als wäre Greedfall der perfekte Kandidat für Spiders Vorhaben. Oder etwa nicht?
Ein neue Welt mit vielen Möglichkeiten
Greedfall erzählt eine auf Diplomatie und Handelsbeziehungen fokussierte Geschichte rund um die neu entdeckte und besiedelte Insel Teer Fradee. Eine der großen Städte des exotischen Traumortes, New Serene, bekommt einen neuen Gouverneur: Prinz Constantin d'Orsay, der Vetter und engste Vertraute unseres Helden oder unserer Heldin. Richtig gelesen, Greedfall präsentiert sich nämlich, wie für ein waschechtes RPG üblich, mitsamt Charaktereditor. Abgesehen von den optischen Anpassungen entscheiden wir uns zusätzlich für eine Anfangsklasse. Zur Auswahl stehen uns drei Grundskillungen, die entweder kriegerischer, strategischer oder magischer Natur sind. Greedfall besitzt jedoch ein offenes Skill-System: Im Verlauf des Spiels können wir also mithilfe von Fähigkeits-, Talents- und Attributspunkten unseren Charakter noch individueller anpassen. Bei unserer Spielfigur handelt es sich aber nicht - wie oft bei anderen Spielen des RPG-Genres - um einen namenlosen Helden. Wir schlüpfen in die Rolle des (oder der) adligen De Sardet. Uns obliegt die Verantwortung für die Beziehungen zu den unterschiedlichen Parteien auf der Insel. Hauptagenda der ans spanische Reich angelehnten Invasoren ist aber etwas ganz Anderes: Ein Heilmittel gegen die tödliche Plage Malichor zu finden. Die Krankheit breitet sich unaufhaltsam auf dem Kontinent aus und rafft seine Opfer in einer erschreckenden Anzahl grauenvoll dahin. Die Insel und ihre Bewohner verbergen viele Geheimnisse, möglicherweise sogar die so dringend benötigte Rettung für unser Volk. So weit, so gut.
Quelle: PC Games
Die Landschaft von Teer Fradee gefallen. Egal ob die eindrucksvollen Städte oder die schönen Landschaften, der Look ist eine der großen Stärken.
Die Spielwelt von Greedfall, die frisch besiedelte Insel Teer Fradee, ist keine Open-World. Mehrere kleine Hub-Areale sind durch kurze Ladebildschirme und einen "aufgezwungenen Lageraufenthalt" miteinander verbunden. Den Gebieten und ihrer Flora und Fauna gelingt es zunächst noch mit Leichtigkeit, unser Interesse zu wecken. Jede Gosse der Stadt suchen wir nach mit Loot gefüllten Truhen ab und in den Wäldern und Sümpfen der Insel lassen sich Herstellungsgegenstände, Waffen, Klamotten und vieles weitere finden. Bewegen wir uns von einem Gebiet ins Nächste, dann finden wir uns in unserem heimischen Lager wieder. Hier können wir Dinge kaufen und verkaufen, unsere Gruppe bearbeiten oder aus gesammelten Gegenständen Munition und Tränke herstellen, bevor wir frisch gestärkt und kalibriert unsere Reise fortsetzen. Störend empfanden wir, dass die Spielwelt leider sehr schnell ihren Reiz verliert. Die immer gleichen Fundgegenstände, schlechtes Balancing und das Gefühl, alles bereits mehrfach zuvor gesehen zu haben dämpfen den Spielspaß nach einer Weile etwas ein. Gefühlt bietet Greedfall eine Handvoll Monster, Räumlichkeiten und Gegenstände, mit denen der Titel die halbe Spielzeit lang am Jonglieren ist. Die aufgezwungenen Wartepausen zwischen den unterschiedlichen Hub-Welten hingegen haben während unserer Spielzeit kaum gestört. Veraltet wirkt es dennoch und erinnert an Spiele von vor zehn Jahren.
Dragon Age meets The Witcher?
Ebenfalls viele Gameplay-Aspekte erinnern an Spiele von vor zehn Jahren - jedoch positiv! Ganz besonders eine Reihe kommt uns da ziemlich früh in den Sinn: Dragon Age. Vieles, was auf der Menü-Karte beinahe jedes Bioware-Titels zu finden ist, lässt sich ebenfalls in Greedfall erspähen. Neben der offensichtlichen Entscheidungsfreiheit wären da die Fraktionen und Gefährten. Während unseres Abenteuers treffen wir auf insgesamt sechs verschiedene Fraktionen. Unter den Parteien finden sich interessante Gruppierungen wie die Nauten, ein raues Seefahrer-Volk, oder die naturbezogenen Einheimischen der Insel. Insgesamt präsentiert uns Greedfall fünf Begleiter. Jedes Mitglied repräsentiert eine andere Fraktion. Durch Gefährtenquests können wir im Verlauf des um die 30-stündigen-Abenteuers mehr über unsere Mitstreiter erfahren, unsere Beziehungen zu ihnen verbessern (oder verschlechtern) und sogar die eine oder andere Romanze starten.
Quelle: PC Games
Die fünf Wegbleiter gefallen gut und unterscheiden sich angenehm durch unterschiedlichen Beweggründe und Persönlichkeiten.
Durch die vielen unterschiedlichen Entscheidungen, unser sich stets veränderndes Verhältnis zu den Fraktionen und einige andere clevere Aspekte fühlt sich die Geschichte und ganz besonders unsere Rolle darin bedeutend an. Im Mittelteil des Spiels verliert sich die Handlung leider enorm und wirkt zu oft unnötig aufgeblasen. Weniger wäre besser gewesen, da der Anfang und die verschiedenen Enden des Titels nämlich richtig gut gefallen. Ein allgemein kürzeres und kompakteres Paket hätte Greedfall enorm gutgetan, die Grundbausteine sitzen nämlich exakt an den richtigen Stellen. Wenn das solide Fundament dann aber nur mit dem Ziel in die Höhe gebaut wird, aufzufallen und die ersehnte AAA-Luft zu schnuppern, obwohl es an den eigentlich benötigten Ressourcen fehlt, dann geht das meistens schief.
Der eigene Anspruch als Strick
Greedfall ist kein AAA-Titel. Das wird früh im Abenteuer klar. Greedfall sieht zwar sehr gut aus, doch fehlt es in einigen Hinsichten an dem professionellen Feinschliff, den Blockbuster-Games in der finalen Entwicklungsphase genießen. Die Gesichter, ihre Gefühle und die rein englisch vertonten Stimmen sind gut umgesetzt, die Umgebungen überzeugen und Charakteranimationen zeigen ein einigermaßen realistisches Bild. Doch oftmals blicken wir auf nicht geladene Texturen und schlagen uns mit Framerate-Einbrüchen, nervigen Bugs oder enorm schlechtem KI-Verhalten herum. Verlangt nämlich ein Questgeber von uns, dass wir uns unauffällig in ein Lager schleichen sollen, dann ist es schon verdammt eigenartig, wenn selbst sprintend niemand unsere offensichtlich unerwünschte Anwesenheit hinterfragt. Das ist zwar keinesfalls die Norm in Greedfall, kommt aber ab und an vor und fällt dadurch zu negativ ins Gewicht.
Quelle: PC Games
Die Bosskämpfe enttäuschen leider enorm. Eine spezielle Strategie wird so gut wie nie von uns verlangt. Ebenfalls sind die Kämpfe viel zu einfach.
Wer jetzt denkt, bei Greedfall handelt es sich um eine frankensteinähnliche und groteske Kreatur, den können wir beruhigen. Spiders Mixtur wirkt in keiner Sekunde unstimmig. Greedfall setzt die verschiedenen Bauteile clever zusammen und meistert es trotz alledem, mit eigener und charmanter Persönlichkeit aufzutreten. Greedfalls größtes Problem ist die eigene Ambition. Die Dauer der Handlung übertrifft deren Inhalt bei weitem. Viele Passagen werden künstlich in die Länge gezogen. Das Monsterdesign, welches stark an das Hexer-Epos The Witcher erinnert, ist verdammt gut. Manche Bossgegner bleiben selbst Tage nach der letzten Spielsession noch im Gedächtnis hängen. Doch wenn wir nach einer dicken Menge an Spielstunden immer wieder auf dieselben vier Gegnertypen eindreschen, dann fordert das nun mal seinen Tribut. Wir verlieren den Willen zu erkunden, den Wunsch nach Beute und die Lust auf Abenteuer... das ist leider der Strick für jedes Rollenspiel, egal wie qualitativ stark es sich in anderen Hinsichten präsentiert. Wenn wichtige Spielmechaniken wie das Kampfsystem oder das Questdesign nicht über solch gravierende Schwächen hinweghelfen können, dann sieht es schnell ziemlich düster aus. Glücklicherweise hat Spiders noch ein wenig mehr zu bieten und kommt mit einigen Pluspunkten im Schlepptau in die weltweiten Wohnzimmer gestapft.
Für RPG-Fans trotz alledem einen Blick wert
Quelle: PC Games
Die Kleidungsstücke, die wir in Greedfall finden bieten viel Abwechslung. Von ritterlichen bis hin zu schamanenhaften Outfits ist alles dabei. (1)
Greedfall ist nämlich kein schlechtes Rollenspiel. Phasenweise handelt es sich bei Spiders neuestem Titel sogar um ein richtig gutes Werk! Besonders die ersten und letzten Spielstunden unterhalten auf sehr hohem Niveau. Die Welt und ihre Normen faszinieren und sehen oft beeindruckend aus. Man erwischt sich beim Verweilen und Eintauchen in den vielen wunderschönen Szenerien. Einige der Charaktere wachsen einem wirklich ans Herz und sind wir für eine Weile aufgrund von speziellen Story-Passagen von diesen getrennt, dann wurmt uns das. Die moralischen Zwickmühlen, vor die uns das Spiel setzt, sind selten einfache Schwarz-Weiß-Unterscheidung und die multiplen Enden bieten einen sehr befriedigenden Abschluss, der unsere komplette Spielerfahrung und unsere Entscheidungen sinnvoll in das Gesamtbild strickt. Selbst das etwas monotone Kampfsystem gefällt und lockt genug Spielspaß hervor.
Wir, als Rollenspielenthusiasten, hatten trotz vieler Schwächen eine Menge Freude mit Greedfall. Eine bessere Ressourcenverteilung und ein kompakteres Gesamtpaket hätten Greedfall aber mit Sicherheit in die ersehnte obere Liga gehievt. Am Ende bleibt Greedfall ein charmantes Spiel mit zu viel verschenktem Potential. Sehr schade!
