Mühsamer Beginn
Die ersten 15 Spielstunden hält man sich allerdings in Los Santos auf und hat nur selten Gelegenheit für Ausflüge über die Stadtgrenzen hinaus. Während dieser ersten Schritte lernt man nach und nach alle Neuerungen kennen. Zahlreiche Missionen dienen in erster Linie als Tutorial und stellen dem Spieler neue Möglichkeiten vor. So ist der erste Gang zum Friseur, der Besuch im Fitnessstudio oder die Stippvisite beim Burgerschuppen um die Ecke stets in eine spielerisch simple Mission eingebaut. Das erleichtert dem Spieler den Einstieg, ändert aber auch nichts daran, dass man in den ersten Stunden von neuen Informationen regelrecht erschlagen wird. Auch die praktische Karte hilft da stellenweise nicht mehr weiter, wenn erst einmal 15 verschiedene Symbolarten eingezeichnet sind und damit die Übersicht flöten geht. Hier hilft ein brandneues Feature: In-nerhalb der aufrufbaren Karte kann der Spieler neuerdings selbst einen Zielpunkt setzen, der in die rotierende Minikarte im Spiel übernommen wird. Stundenlange Irrfahrten gehören also der Vergangenheit an. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass San Andreas ein Zuckerschlecken wäre. Einige Aufträge fordern selbst Kenner der Serie und besonders in sehr langen Missionen wünscht man sich nicht selten Checkpoints, die es leider immer noch nicht gibt. Kilometerlange Fahrten zum Auftraggeber bringt man nur ungern mehrmals hinter sich und es ist nur zu begrüßen, dass derart lange Missionen die Ausnahme darstellen.
Viel zu tun
Wir sprachen ja bereits vom besonderen Reiz der Serie: der spielerischen Freiheit. Und in diesem Punkt können sich Fans der Reihe schon mal auf wochenlangen Spielspaß einstellen. Wer in Vice City (dt.) schon gerne mit dem Eiswagen, Taxi oder Feuerwehrauto un-terwegs war und ohne Unterlass auch das letzte versteckte Päckchen gesucht hat, der hat eine Menge Arbeit vor sich. San Andreas sprengt alle Dimensionen. Ob Sie nun mit Ihrem selbst getunten Lowrider an Wettbewerben teilnehmen, stundenlang den Hauptcharakter neu einkleiden, im Club tanzen gehen, als Trucker Kilometer auf Landstraßen abspulen, als Einparker die Wagen von Hotelgästen in die Tief-garage stellen oder versteckte Gegenstände aufstöbern - die Welt von San Andreas ist dermaßen groß und vielseitig, dass wir die Nebenbeschäftigungen nicht einmal alle auflisten könnten. Aber natürlich hat auch San Andreas die bekannten Tugenden der Vorgänger zu bieten. Die Story wird in stimmigen und witzigen Zwischensequenzen erzählt, die vor Stil nur so strotzen - ebenso wie der exzellent ausgewählte Soundtrack. Trotz der Comic-Optik ist San Andreas ein sehr erwachsenes Spiel. Stereotype werden hier lediglich veralbert und erneut garantieren namhafte Synchronsprecher wie Samuel L. Jackson, James Woods und Peter Fonda für eine hervorragende Atmosphäre und Charaktere mit Tiefgang. Es ist schon erstaunlich, wie nahe einem die Geschicke und Erlebnisse von Polygonfiguren gehen können, die anstelle einer Hand nur einen groben Klotz aufzuweisen haben. Hier stößt das Spiel an seine einzige Grenze: Die Play-Station 2 pfeift ständig auf dem letzten Loch und erneut sind die bekannten technischen Macken wieder mit an Bord. Zwar darf man ohne Ladepause quer durch die gesamte Landschaft düsen, dafür zerren die Ladezeiten, sobald man Gebäude betritt oder Klamotten anprobiert, an den Nerven. Ebenfalls etwas enttäuschend ist die eingeschränkte Fernsicht. Konnte man in den beiden direkten Vorgängern noch unendlich weit blicken, trüben in San Andreas häufig dicke Nebelschwaden die Sicht. Das ist zwar nicht selten sehr atmo-sphärisch, doch selbst an klaren und sonnigen Tagen versinken Häuser in der Ferne in blauem oder orangefarbenem Dunst. Letztlich ignoriert man diese Macken aber gerne, schließlich hat man einen ganzen Staat für sich allein. Besonders lobend sei zudem erwähnt, dass uns handfeste Bugs kaum unter die Augen gekommen sind. Während in Driv3r an jeder zweiten Straßenlaterne irgendetwas faul war, wirkt San Andreas sehr ausgereift - und das, obwohl Rockstars Titel um ein Vielfaches komplexer ist als der Konkurrent von Reflections. Gute Spiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie kaum Anlass zur Kritik bieten. He-rausragenden Spielen verzeiht man dagegen auch gröbere Macken. Keine Frage: San Andreas ist ein he-rausragendes Spiel!
