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TIEFGANG
Technik allein ist nicht alles und niemand hat GTA III durchgespielt, weil‘s so toll aussah. Die spielerische Freiheit und die hervorragend erzählte Geschichte waren die unumstößlichen Eckpfeiler des Spiels. Story, Atmosphäre und Produktionsniveau sind auch im Jahr 2008 das Aushängeschild von Rockstar North. Wenn Niko bei einer Tasse Tee mit der Frau seines verspätet eintreffenden Auftraggebers plauscht und auf die Frage nach seiner Seele davon erzählt, wie er in seiner Heimat zu Kriegszeiten Grausamkeiten erlebt hat, die ihn an der Existenz einer Seele zweifeln lassen, schlucken das selbst gestandene Videospieler. Hier geht‘s nicht nur um Gut und Böse oder Böse und Böse, sondern um Charaktere mit Tiefgang. Trotzdem kommt der typische Humor nicht zu kurz und zahlreiche Zwischensequenzen strapazieren die Lachmuskeln.
Auf spielerischer Seite fällt das Urteil weit differenzierter aus. Nach zahlreichen GTA-Spielen und unzähligen Nachahmern können sich auch die Erfinder des Genres nicht neu definieren. Man fährt von A nach B, schießt böse Buben nieder, flüchtet vor der Polizei und erlebt skurrile und absurde Situationen. Das alles ist allerdings zum einen sehr professionell umgesetzt und wurde zum anderen sehr stark überarbeitet. Ein automatisches Speichersystem und ein generell etwas niedrigerer Schwierigkeitsgrad gestalten das Spiel entspannter als die Vorgänger. Zwar müssen gescheiterte Missionen noch immer komplett wiederholt werden, doch einige feine Verbesserungen machen diesen Umstand erträglicher. Da wäre zum Beispiel das GPS-System, das jeden Weg zum Ziel (ähnlich wie in Saints Row) vereinfacht. Profis ignorieren das Hilfsmittel und lernen die Umgebung dadurch erneut selbstständig kennen, bis sie jede Gasse im Kopf haben. Ebenfalls möglich ist die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln und Taxis. Letztere ruft man sich heran und wählt nach dem Einsteigen ganz bequem das Fahrtziel aus. Das kann ein Missionspunkt, aber auch ein Shop oder sogar ein völlig frei auf der Karte gesetzter Wegpunkt sein. Alle diese Hilfsmittel machen das Spiel sehr frustfrei.
IN DECKUNG!
Die bisherige Achillesferse der Serie - das bockige Zielsystem - wurde ebenfalls überarbeitet. Drückt man L2 komplett durch, wird der nächststehende Gegner anvisiert, mit dem rechten Stick präzisiert man den Schuss auf ein bestimmtes Körperteil. Ein kräftiger Ruck am Stick wechselt zum nächsten Gegner. Drückt man L2 nicht ganz durch, darf manuell gezielt werden. Das System erfordert etwas Eingewöhnung und einen sensibel agierenden Zeigefinger, funktioniert aber gut. Das gilt auch für das neue Deckungssystem. An (fast) jeder Ecke kann sich Niko anlehnen, um dann aus der Deckung heraus zu feuern. Das Spielgefühl erinnert an Uncharted und funktioniert ebenfalls sehr ordentlich.
WO IST DER HAKEN?
Quelle: Rockstar
Klingt doch alles sehr positiv, wo bleibt das Gemecker? Bitte sehr: Die Fahrphysik ist noch sensibler als in San Andreas und so manche PS-Schleuder bricht schneller mit dem Heck als Udo in Tränen aus (wenn er seine Klarinettenstunde verpasst). Die Federwege der meisten Autos sind extrem lang und kaum eines der Vehikel würde den Elchtest überstehen. Mit vorsichtiger Fahrweise und zartem Gasfuß sind die Fahrten aber zu schaffen. Nicht ganz so euphorisch fällt das Urteil bei den Motorrädern aus. Es fehlt an Grip und jede Kurve wird zum Geduldsspiel. Schade, denn die in Vice City (dt.) eingeführten Zweiräder waren stets ein Spaßgarant. Was stört uns sonst noch? Gut, butterweiches Scrolling sieht anders aus, aber wer hier ein Burnout erwartet, dem ist eh nicht mehr zu helfen. Grundsätzlich ist die Bildrate ordentlich, erst bei viel Polizeiaufkommen geht die Engine mal in die Knie. Auch der zweite Stadtteil fordert mit unzähligen Gebäuden und Details seinen Tribut und läuft etwas ruckliger als der erste Bereich. Dennoch ist die Performance stets ausreichend und wer mit San Andreas klarkam, wird auch in Teil IV keine Kopfschmerzen bekommen. Viel mehr gibt's auch nicht zu meckern, denn trotz der Komplexität ist das Endprodukt sehr ausgereift. Einzig die lausige KI der Taxifahrer ist erschreckend und häufig überspringt man Taxifahrten allein deshalb, weil man nicht mit ansehen mag, was der arme Schlucker am Steuer da zusammenfährt.
BUTTER BEI DIE FISCHE!
Warum "nur" 93%? Nun, zum einen konnten wir den Mehrspielermodus noch nicht in Augenschein nehmen, zum anderen ist GTA IV eben keine Revolution des Genres, sondern ein gewaltiger Schritt in der Evolution. Eine Kaufempfehlung ist GTA IV allemal und im selbst kreierten Genre wird's lange Zeit nichts besseres geben. Ob's allerdings auch auf die kommenden Jahre die Referenz im Action-Genre bleibt, wagen wir dann doch zu bezweifeln.
Eigene Bilder dürfen wir übrigens erst ab morgen online stellen, die hier veröffentlichten Screens sind also allesamt vom Hersteller.
