Fast & Furious Crossroads im Test: Endlich noch mal eine richtige Lizenzgurke!
Test
Die letzten Jahre waren von fast schon widerwärtiger hoher Qualität geprägt. Selbst Games zu Filmen oder Comics waren meist halbwegs brauchbar. Die Slightly Mad Studios haben mit uns Trash-Fans aber nun endlich ein Einsehen und bringen ein Spiel zum Film-Franchise Fast & Furious heraus, das in allen Belangen herrlich inkompetent ist.
Es gibt genau drei Möglichkeiten, wie man zu den Fast-&-Furious-Filmen stehen kann. Entweder man hält sie für auf die Leinwand geworfenen, hirnzersetzenden Proll-Dünnpfiff oder man sieht sie als trashige Hirn-aus-Action-Blockbuster, bei denen man bloß nichts hinterfragen sollte. Oder aber man nimmt das dort Gezeigte für bare Münze und stellt sich selbst vor, als Vin Diesel um die Kurven zu driften und waghalsige Stunts zu vollführen, während man auf einem Burger-King-Parkplatz irgendwo in der Provinz den mächtigen Motor seines tiefergelegten Lupo aufheulen lässt.
Ja, an dem Brumm-Brumm-Bumm-Franchise scheiden sich die Geister. Dennoch können wir uns in diesem Test voll und ganz auf eine Rezipienten-Gruppe einlassen, denn Leute, denen das Kleinhirn bereits aus den Ohren läuft, sobald Michelle Rodriguez den ersten pseudo-coolen Spruch ablässt, werden das von den Slightly Mad Studios entwickelte Fast & Furious: Crossroads (jetzt kaufen ) sowieso meiden wie ein Maurer das Alkoholfreie. Und, machen wir uns nichts vor, das einzige, das die Mitglieder des Parkplatz-Prolo-Clubs lesen, sind irgendwelche Vorladungen. Und das auch nur sehr langsam und sie bewegen die Lippen dabei. Also, liebe Action-Schlock-Fans, dieser Test ist nur für euch. Schnallt euch besser an, denn ... Auch ihr werdet von dem Spiel enttäuscht.
Fast & Furious Crossroads im Test
Einmal um die Welt
Quelle: PC Games
Dom und Letty sind zwar dabei, aber im Grunde sind Vienna und Cam die Hauptdarsteller. Tja, schade, dass beide Figuren schlimm geschrieben sind.
Zunächst mal zu den recht überschaubaren positiven Aspekten des Spiels: Es ist kurz. Nach ungefähr fünf Stunden läuft bereits der Abspann über den Bildschirm und man kann seine Zeit wieder sinnvolleren Dingen widmen wie etwa aus dem Fenster zu schauen oder Hornhaut von der Ferse zu raspeln. Man kann zwar auch einen Online-Modus starten, doch dort fanden wir nie Mitspieler. Innerhalb der kurzen Singleplayer-Spielzeit schickt einen das Spiel nach Barcelona, Marokko, New Orleans und sicherlich noch ein oder zwei weitere Schauplätze, die wir bereits vergessen haben, weil sie eh egal sind.
Fans der Reihe dürfen sich zudem auf einige Passagen einstellen, die so in dieser Art auch aus einem der Filme stammen könnten. So rast man beispielsweise einen Abhang hinunter, während hinter einem Felsbrocken herunterkugeln, oder man springt mit einem Luxus-Sportwagen über Schiffe und einen Flugzeugträger, um einen Cyber-McGuffin-Ball zu stehlen, der aus irgendwelchen Gründen wichtig ist. Dabei muss man sich natürlich sowohl gegen die Polizei als auch gegen ebenfalls stark motorisierte Feinde zur Wehr setzen.
Das klingt allerdings aufregender als es ist. Ja, manche Missionen versprühen tatsächlich den "Charme" der Filme und auch die eher gehässige Trash-Fraktion wird bei einigen unfreiwillig komischen Szenen in Gelächter ausbrechen, doch diese Momente sind die Ausnahme. Meistens ist der Titel eher Lame & Boring statt Fast & Furious, da man einfach nur zehn Minuten zum Missionsziel fährt, man sich mit der schlechten KI herumärgert und es sich aufgrund der veralteten Grafik manchmal anfühlt, als habe man die Augen in einen Eimer Rollsplitt gedrückt.
Quelle: PC Games
Eine typische Action-Mission: Wir müssen ein größeres Fahrzeug einholen/kaputt machen/draufspringen, während Autos der Bösen uns angreifen.
Die Action-Passagen laufen zudem fast immer nach dem gleichen Muster ab. Innerhalb eines Zeitlimits muss man einen Truck, einen Bus oder Wasauchimmer stoppen, indem man die Spezialfähigkeiten der verschiedenen Charaktere anwendet. Vienna besitzt beispielsweise eine Harpune, mit der sie Fahrzeugteile abreißen kann, während Letty Raketen verschießt. Währenddessen greifen dann Fiesling-Fahrzeuge oder die Polizei an, sodass man diese mit den Schultertasten wegrammt, um für Ruhe zu sorgen.
Anfangs ist das sogar ganz nett, denn die Action ist ziemlich unkompliziert und es ist durchaus befriedigend, andere Autos mit einem wuchtigen Rammmanöver zu zerstören. Allerdings nutzt sich das auch irgendwann ab und im weiteren Spielverlauf stellen sich einem noch mehr Gegner in den Weg, sodass die Übersicht verloren geht.
Quelle: PC Games
Würde Crossroads nicht aussehen wie Grütze und damit ziemlich lächerlich wirken, wären zwei oder drei Szenen wirklich ganz nett inszeniert.
Diesel-Skandal
Bereits nach kurzer Zeit fragt man sich, warum es Crossroads überhaupt gibt, denn der Titel wertet das Fast-&-Furious-Universum überhaupt nicht auf. Bekannte Charaktere wie Dominic Toretto (Vin Diesel), Letty (Michelle Rodriguez) und Roman Pierce (Tyrese Gibson) sind zwar im Spiel und werden auch von den Darstellern gesprochen, doch im Mittelpunkt stehen die neuen Figuren Vienna und Cam, die beide mehr nerven als ein Arbeitskollege, der einem gegenübersitzt und laut schmatzend mit offenem Mund einen Muffin verzehrt (Grüße an Lukas!).
Vienna will Rache, weil ihr Freund erst Schulden gemacht hat und dann dafür getötet wurde. Obendrein hat sie eine ganz schlimme Vergangenheit, weil mal irgendwas bei einem illegalen Rennen schiefgegangen ist. Cam ist ihre Klugscheißerfreundin, die unlustige Witze reißt und auf dem Hals das schöne und sehr häufig verwendete deutsche Wort "einfühlung" tätowiert hat. Wir denken mal, dass das irgendwas mit einer Darmspiegelung zu tun hat.
Nun, jedenfalls sehen die beiden Figuren, wie Viennas Freund getötet wird und zufällig haben sie irgendwoher Kontakt zu Letty, die dann mit Dominic ankommt und alle kämpfen zusammen gegen die mysteriösen ersten Straßenräuber namens Tadakhul, die eine Verbrechergruppierung unter der Führung von Ormstrid (Peter Stormare) sind, der aus irgendwelchen Gründen mit irgendwas die Welt zerstören will.
Quelle: PC Games
Peter Stormare spielt den Bösewicht. Die Rollenauswahl des Mannes ist mittlerweile genauso hochwertig wie die von Nicolas Cage.
Die Storys der Filme sind ja schon nicht sonderlich anspruchsvoll, aber die Geschichte von Crossroads wirkt, als ob sie von einem sehr schläfrigen Dreijährigen verfasst wurde. Selbst Fans der Reihe dürften an manchen Stellen ob der im Spiel dargebotenen Dummheit körperliche Schmerzen verspüren. Ein Beispiel, das leichte Story-Spoiler beinhaltet (wer die spannende Geschichte selbst erleben will, überspringt die folgenden zwei Absätze):
Quelle: PC Games
Natürlich dachtest du, das sei eine kugelsichere Weste, Roman. Den Sprengstoff daran sieht man ja auch gar nicht!
Dominic rettet Roman, der zuvor undercover bei den Bösen war, nun aber aufgeflogen ist und entführt wurde. Es stellt sich jedoch heraus, dass die "kugelsichere" Weste, die Ormstrid Roman gegeben hatte, eigentlich eine Sprengstoffweste ist, die aktiviert wurde und nun jeden Moment hochgehen kann. Klar, man baut ja Timer in Sprengstoffwesten ein. Was macht Dominic nun? Natürlich! Er setzt sich neben den extrem Explosion-gefährdeten Roman ins Auto, um durch die halbe Stadt zu fahren und ihn ins Versteck zu bringen, wo ihm jemand die Weste ausziehen kann. Ist ja logisch.
Zudem ist die Weste nun offenbar mit dem Auto verbunden, denn jeder Crash sorgt dafür, dass sich die Zeit auf dem Timer verringert. Im Versteck angekommen, wird Roman dann einfach die Weste ausgezogen (vorher ging das nicht!) und man kann voll und ganz verstehen, wie Roman die Sprengstoffweste für eine kugelsichere Weste halten konnte, schließlich sind vorne dran ja auch nur offensichtlich MEHRERE PÄCKCHEN SPRENGSTOFF BEFESTIGT! ARGH!!! Der Autor des Spiels erlaubte sich entweder einen Spaß und wollte sehen, ob er mit sowas durchkommt, oder er würde selbst in der Til-Schweiger-Drehbuchschule durchfallen.
Galgenhumor
Irgendwie können wir dem Spiel aber trotzdem nicht so richtig böse sein, denn immerhin brachte es uns ein paar Mal richtig zum Lachen. Zum Beispiel als in einer Höhle die Stalagtiten von der Decke fallen, kerzengerade auf dem Boden aufkommen und dann einfach umkippen. Oder bei der Gebirgstour in Marokko, bei der die Entwickler ihre viel zu lang geratene Zeitstreckermission, in der wir einen Berg langsam hochfahren, irgendwie auflockern wollten. Sie entschieden sich also dafür, Felsen aus dem Gebirge auf die Straße fallenzulassen.
Quelle: PC Games
Auch wenn aus dem Nichts Felsbrocken vom Himmel fallen, sind viele Missionen stinklangweilig.
Nette Idee, aber die Physik im Spiel ist so dermaßen schlecht, dass wir bei den seltsam herumpurzelnden Steinen vor uns her kicherten. Noch besser wurde es nur als wir aus der Schlucht heraus auf eine freie Fläche kamen und es trotzdem - aus heiterem Himmel - weiterhin Felsen regnete. Da schallte dann lautes Lachen durch die Redaktion, in das die herbeieilenden Kollegen miteinstimmten.
Quelle: PC Games
Jeder Charakter hat eine Spezialfähigkeit. Cam kann hacken, Letty schießt Raketen und Vienna besitzt eine Harpune.
Etwas schockierter klang unser Lachen jedoch regelmäßig bei der schwammigen Fahrphysik, die in etwa so nachvollziehbar ist wie das wirre Geschwurbel in der Telegram-Gruppe eines bestimmten veganen Kochs. Wie können Slightly Mad Project Cars entwickeln, aber gleichzeitig auch Crossroads verbrechen? Wenn man die beiden Spiele nebeneinanderstellt ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Immerhin ist das Spiel nicht so schlimm wie der Totalausfall Fast & Furious: Showdown von vor ein paar Jahren.
Trash-Fans, die sich durch die vielen langweiligen Abschnitte quälen, werden immer wieder mit absurden, unfreiwillig komischen oder unfassbar dummen Szenen belohnt, die für Lachanfälle sorgen. Fans der Filme bekommen immerhin Vin Diesel und ganz viel Auto-Action, die an einigen wenigen Stellen sogar halbwegs nett ist und der überdrehten Vorlage gerecht wird. Wer sich hier angesprochen fühlt, kann sich Crossroads durchaus irgendwann mal aus der Grabbelkiste fischen und wird sich nicht allzu doll ärgern. Für alle anderen gilt: Finger weg! Vor allem zum jetzigen Preis, denn insgesamt ist Fast & Furious: Crossroads eine Lizenzgurke, wie man sie heute nur noch selten sieht und die man auch absolut nicht braucht.
