FIFA 20 im Test: Zwischen Bolzplatzcharme und Champions-League-Glanz - jetzt mit Video!
Test
"Ich möcht' zurück auf die Straße", sang damals schon Marius Müller-Westernhagen. FIFA 20 erfüllt euch diesen Wunsch nun endlich, indem es euch im neuen Volta-Modus auf einen Fußball-Trip über die Hinterhöfe und Parkplätze der Welt schickt. Wie sich das spielt und was der EA-Kicker sonst noch alles zu bieten hat, verraten wir in unserem ausführlichen Test.
Im Finale der Aufstiegs-Playoffs läuft bereits die 91. Minute. Während der Schiedsrichter schon nervös auf seine Armbanduhr schielt, rollt beim FC Stevenage nochmal der letzte, beinahe verzweifelte Angriffsversuch. Auf der linken Flanke bricht plötzlich Außenverteidiger Tyler Denton mit einem überraschenden Tempodribbling durch und schlägt mit links eine scharfe Hereingabe auf den ersten Pfosten. Dort steigt Kapitän Danny Newton höher als die Konkurrenz und nickt das Leder aus kurzer Distanz in die Maschen ein - 1:0 für die Hausherren. Der kurz darauffolgende Schlusspfiff geht, wie so vieles andere, im euphorischen Jubel unter. Nach gerade einmal einer Saison haben die Burger Boys - wie ich mein Team als Anspielung auf seinen Buletten-brutzelnden Hauptsponsor liebevoll getauft habe - den Sprung in die EFL League One geschafft. Der erste Schritt auf der langen Reise Richtung Premier League ist also gemacht.
Die ist für mich mittlerweile beinahe zur Tradition geworden. Jedes Jahr aufs Neue schnappe ich mir in FIFA einen Verein aus der vierten englischen Liga und versuche, ihn ins Oberhaus zu führen. Entsprechend ist der Karrieremodus meist mein erster Anlaufpunkt, wenn ich mir die Fußballsimulation aus dem Hause EA Sports anschaue - auch im aktuellen Ableger, der bereits am 27. September für PC, Playstation 4 und Xbox One erscheint. Zumal die Entwickler in diesem Jahr einige große Änderungen versprochen haben.
Auf dieser Seite
- 1 FIFA 20 im Test: Trainer oder doch Topmodel?
- 2 FIFA 20 im Test: Sieht aus wie im Fernsehen
- 3 FIFA 20 im Test: Der Teufel liegt im Detail
- 4 FIFA 20 im Test: Von der Skyline zum Bordstein
- 5 FIFA 20 im Test: Chill mal deine Base!
- 6 FIFA 20 im Test: In den Resten nichts Neues
- 7 FIFA 20 im Test: Fazit und Wertung
FIFA 20 im Test: Trainer oder doch Topmodel?
Die offensichtlichste gibt es direkt zu Beginn: Beim Start eurer virtuellen Trainerlaufbahn erwartet euch nun ein Manager-Editor, in dem ihr euch aus diversen Bausteinen einen eigenen Avatar zusammenbastelt. Der ist wahlweise männlich oder weiblich und darf nach persönlichem Geschmack eingekleidet werden. FIFA 20 (jetzt kaufen ) bietet dabei sogar einige interessante Gestaltungsoptionen, etwa die Helmut-Schön-Gedächtnis-Schiebermütze.
Quelle: PC Games
Der Trainer-Editor bietet grenzenlose Möglichkeiten. Eure Outfits könnt ihr auch noch zwischen den Spielen wechseln.
Natürlich erstellt ihr euch euer Alter Ego aber nicht rein zum Spaß. Stattdessen taucht es in Zukunft an der Seitenlinie aber auch während Pressekonferenzen und Interviews auf, die euch nun vor und nach einem Match erwarten. Hier stehen euch diverse Dialogoptionen zur Auswahl, die je nach Aussage und Unterton Auswirkungen auf euer Standing haben. Lasst ihr nach einer Niederlage etwa eine aggressive Brandrede vom Stapel und stellt öffentlich die Qualität eures Kaders in Frage, kommt das bei den Spielern natürlich eher nicht so gut an.
Entsprechend leidet dann die Moral eurer Akteure und damit einhergehend ihre Leistung - oder auch Bereitschaft einen neuen Vertrag zu unterschreiben. Schaut also, dass ihr eure Profis immer gut bei Laune haltet und bei Streitthemen - wie Einsatzzeit oder Gehalt - auch mal Einzelgespräche führt, in denen ihr ein paar klärende Worte mit Unruhestiftern austauschen könnt. Wer die neuen Interaktionsmöglichkeiten lieber links liegen lassen möchte, muss sich allerdings auch keine Sorgen machen. Ihr riskiert keinen Rauswurf und verpassen werdet ich auch nicht wirklich etwas. Die PKs nutzen sich nämlich recht schnell ab, weil sie sich zu oft wiederholen und nicht einmal vertont sind.
Quelle: PC Games
Ich habe fertig! In FIFA 20 könnt ihr es während der Pressekonferenzen richtig krachen lassen, solltet euch dann aber auch der Konsequenzen bewusst sein.
FIFA 20 im Test: Sieht aus wie im Fernsehen
Dafür punktet FIFA 20 andernorts mit einer aufwendigen, authentischen Inszenierung: In Sachen Lizenzen und Präsentation fährt der EA-Kicker wieder die großen Geschütze auf. Zu den bereits vorhandenen Rechten an der Champions League sowie diversen europäischen Top-Ligen gesellt sich nun auch die "heiß erwartete" rumänische Liga 1. Zudem wurde die Bundesliga mit neuen Gesichtern und Stadien versorgt, sodass sie in Kombination mit dem originalen Broadcast Package fast so aussieht wie im Fernsehen.
Quelle: PC Games
Die Rasen-Action in FIFA 20 sieht noch realistischer aus und spielt sich - auch dank überarbeiteter Zweikämpfe - nochmal etwas flüssiger.
Aber wie heißt es so schön: Wichtig ist auf dem Platz. Eine tolle Optik ist also vollkommen hinfällig, wenn das Gameplay dafür im Gegenzug nichts taugt. Doch keine Sorge, zumindest im Duell mit der KI können wir diesbezüglich Entwarnung geben. Die Rasenaction macht insgesamt einen leicht verbesserten Eindruck und wirkt runder und flüssiger als noch im Vorgänger, was vor allem an den neuen Animationen und dem verringerten Tempo liegt. Dafür verantwortlich ist auch die schneller verbrauchte Ausdauer eurer Spieler. Ihr solltet nun also etwas bedächtiger mit der Sprinten-Funktion umgehen und noch mehr Aufmerksamkeit auf taktisch kluge Spielerwechsel legen.
Für die Defensive bedeutet diese Umstellung, dass sich nun selbst Verteidiger wie Virgil van Dijk etwas behäbiger steuern und nicht mehr mit jedem Stürmer mithalten oder ihm problemlos den Ball ablaufen können. Stattdessen kommen Geschwindigkeitsvorteile von Stürmern nun wieder etwas mehr zur Geltung. Bei der Balleroberung bedarf es künftig also ein wenig mehr Können, zumal euch eure KI-Kollegen nun nicht mehr so tatkräftig unterstützen wie in FIFA 19 und so Benutzer-gesteuerte Aktionen mehr betont werden. Gerade wenn der Gegner im Sprint auf euch zu läuft, stellt das so eine echte Herausforderung dar. Auch weil Grätschen nun eine verringerte Reichweite haben und nicht mehr endlos gespammt werden können. Wer jetzt im falschen Moment zum Tackling ansetzt, riskiert eher, seine Abwehr vollkommen zu entblößen.
FIFA 20 im Test: Der Teufel liegt im Detail
Ansonsten erwarten euch noch zahlreiche neue Pass- und Dribbling-Optionen wie der angelupfte Bodenpass oder das Seitwärtsdribbling. Die verlangen aber alle etwas mehr Präzision und können - zumindest im letzteren Fall - nicht endlos benutzt werden, da ihr sonst einen Ballverlust provoziert. Apropos Ball: Flanken funktionieren in FIFA 20 deutlich besser, weil der Keeper nicht mehr jeden Ball aus der Luft pflückt. Besonders halbhohe Hereingaben auf den zweiten Pfosten sind so jetzt ein probates Mittel zum Erfolg. Beim Torschuss stellt EA Sports noch einmal mehr das letztjährig eingeführte Abschlusstiming in den Vordergrund - angeblich, um den Unterschied zwischen durchschnittlichen und guten Spielern noch deutlicher herauszustellen. Glücklicherweise lässt sich das Timed Finishing aber noch immer manuell ausstellen, sodass es euch nur noch bei Frei- und Strafstößen begegnet.
Quelle: PC Games
Bei Frei- und Strafstößen könnt ihr mit Hilfe des Abschlusstimings nun noch wuchtigere und präzisere Schüsse abfeuern.
Diese wurden insgesamt ein wenig abgewandelt. Ihr steuert mit dem linken Stick nun einen Punkt, mit dem ihr zielen könnt. Das klappt bei Freistößen, wo ihr mit Hilfe des rechten Sticks auch noch Effet hinzufügt, ganz gut. Bei Elfern artet die neue Steuerung aber in eine echte Fummelei aus. Hier müsst ihr den Zeiger nämlich in eure gewünschte Schussrichtung gedrückt halten, was durch die sensible Controller-Eingabe schon mal zur Probe wird.
Insgesamt präsentiert sich das Offline-Erlebnis von FIFA 20 besser als im letzten Jahr. Zum Realismus eines Pro Evolution Soccer reicht es aber noch nicht. Zumal die KI der Liga-Rivalen trotz anderslautender Ankündigung noch immer teils seltsame Aufstellungen hervorbringt. Das nagt dann doch am Image, dass sich EA Sports aufbauen wollten und lässt uns ein wenig enttäuscht zurück. Wir hatten gehofft in die Karriere sei ein wenig mehr Arbeit geflossen. Die wurde aber wohl stattdessen in den Volta-Modus gesteckt.
FIFA 20 im Test: Von der Skyline zum Bordstein
Quelle: PC Games
Der Volta-Shop wird regelmäßig mit neuen Items befüllt. So wird es Fashionistas nie langweilig.
Der stellt zweifelsohne die größte Neuerung in FIFA 20 dar und lässt euch im Stile von FIFA Street Straßen- und Hallenfußball hautnah erleben. Herzstück ist dabei der Story-Modus, in dem ihr die Geschichte des Straßenkickers "Revvy" nachspielt, der es zur Weltmeisterschaft nach Argentinien schaffen möchte. Bevor es damit losgeht, steht aber erst einmal die Erstellung eures Avatars auf dem Plan. Das geht mit Hilfe des Editors, den man so schon aus der Karriere kennt. Zusätzlich dürft ihr aber auch noch den Style eurer Figur festlegen, sie mit Tattoos bekleistern und ihre Klamotten auswählen. Davon schaltet ihr im späteren Spielverlauf sogar noch mehr frei - wahlweise durch das Erledigen von Herausforderungen oder das Ausgeben Volta-Coins im Shop. Diese Ingame-Währung erhaltet ihr für das Abschließen von Partien.
Diese finden an insgesamt 17 verschiedenen Locations statt, wo ihr mit Dreier-, Vierer- oder Fünferteams gegeneinander antretet. Mal ohne Torwart, mal mit Bande. Je nach Konstellation entwickelt sich dabei stets ein anderes Spielgefühl. Generell unterschiedet sich das Volta-Gameplay aber spürbar von dem der "normalen" Modi. Es gibt keine Ausdauer, keine Grätschen. Alles ist etwas hektischer und mehr auf kurzzeitigen Arcade-Spaß ausgelegt. Dazu gehören natürlich auch jede Menge Tricks, die flüssig von der Hand gehen und dank gelungener Animationen teils spektakulär aussehen.
Quelle: PC Games
Nach jedem Match erhält euer Avatar EP, mit denen er im Level aufsteigt. So schaltet ihr Skillpunkte frei, die ihr in einen umfangreiche Fähigkeitenbaum stecken könnt.
Wollt ihr das volle Move-Repertoire freischalten, gilt es, euren Avatar aufzuleveln und im Fähigkeitenbaum neue Talente freizuschalten. Aber auch eure Mannschaft selbst lässt sich kontinuierlich verbessern, indem ihr nach Siegen einen gegnerischen Spieler verpflichtet.
FIFA 20 im Test: Chill mal deine Base!
Zwischen all dem Gekicke wird in einigen Zwischensequenzen auch noch eine Geschichte erzählt. Die ist allerdings überzogen dramatisch inszeniert und manchmal auch einfach nicht schlüssig. Konflikte wirken teils forciert und einige Szenen extrem skurril - etwa, wenn ihr in den Favelas von Rio de Janeiro mit ein paar 10-Jährigen kickt und plötzlich von Real-Madrid-Jungstar Vinicius Jr zu einem Match herausgefordert werdet. Bedenkt man dann noch die pseudo-hippe Jugendsprache, lächerlich flache Charaktere wie "Peter Panna" oder die gänzlich langweilige Erzählung ohne Entscheidungsmöglichkeiten, ist man froh, das Spektakel nach etwa fünf bis sieben Stunden hinter sich zu haben. Dann könnt ihr euch den zwei verbliebenen Modi widmen: Volta Liga und Volta Tour. Hier erkundet ihr mit eurem in der Story aufgebauten Team die Fußballplätze der Welt oder messt euch online mit anderen Spielern.
Quelle: PC Games
Die Volta-Zwischensequenzen sind oft als VLogs inszeniert, in denen die jungen, hippen Hauptcharaktere mit Anglizismen nur so um sich schmeißen.
Gerade im Aufeinandertreffen mit nicht KI-gesteuerten Gegnern offenbart das Gameplay allerdings noch ein paar Defizite. Für taktisches Vorgehen fehlt oft die Präzision, sodass viele Torraumszenen reine Zufallsprodukte sind. Aufgrund der kleinen Tore sind hohe Bälle und damit verbundene Kopfball- oder Volley-Versuche geradezu sinnlos. Und zu intensives Tricksen, was in FIFA Street ja noch ein zentrales Spielelement darstellte, führt oft zu verheerenden Ballverlusten. Ach ja, und dann gäbe es da neuerdings auch noch Fouls, die den Spielfluss vollends unterbrechen.
Obendrauf kommen ein paar nervige Designentscheidungen - etwa, dass ihr nach einem verlorenen Spiel das gesamte Turnier von vorne beginnen müsst. Oder dass sich eure Skills nur alle auf einmal zurücksetzen lassen. Oder dass eure Mitspieler und Gegner teils sehr generisch aussehen. So ist der Volta-Modus insgesamt doch eher eine nette Ergänzung, mit dem man etwas Spaß zwischendurch haben kann. Einen Gamechanger darf man hier aber nicht erwarten.
Quelle: PC Games
Nach jeder gewonnenen Partie könnt ihr einen Spieler der gegnerischen Mannschaft abwerben. So verbessert ihr stetig euer eigenes Team.
FIFA 20 im Test: In den Resten nichts Neues
Das ist ein wenig schade, denn ansonsten sieht es um große Änderungen in FIFA 20 recht mau aus. Der Anstoß verfügt nun über ein paar zusätzliche Hausregeln-Spielmodi wie Überraschungsball oder Platzhirsch. Im Pro-Clubs-Modus stehen euch ein paar neue Fähigkeiten und Individualisierungsoptionen zur Verfügung. Und der Ultimate-Team-Modus wartet mit neuen Saisonmeilensteinen sowie einem entschlackten Nutzerinterface auf - das jedoch so furchtbar designt ist, dass das Managen eures Teams oder Erledigen von Squad Building Challenges zu einer echten Qual wird. Und von den unverändert allgegenwärtigen Pay-to-Win-Aspekten, zu effektiven Schlenzern oder Problemen mit der Frostbite Engine fangen wir wohl besser gar nicht erst an ...
So ist FIFA 20 insgesamt ein Spiel, das sich zwar große Änderungen auf die Fahnen geschrieben hat, am Ende aber genau diese vermissen lässt. Ja, in Sachen Gameplay haben die Entwickler (wieder einmal) einen Schritt in die richtige Richtung gemacht und inhaltlich kann man dem Titel wohl ohnehin keinerlei Vorwürfe machen. Bahnbrechende Innovationen bleiben aber auch dieses Jahr aus. EA Sports verschenkt an vielen Ecken und Enden Potenzial, wodurch die neueste Fußballsimulation jede Menge zu bieten hat, am Ende aber nirgends wirklich brilliert.
Quelle: PC Games
Im neuen Platzhirsch-Modus müsst ihr den Ball in einem abgesteckten Bereich halten, um einen Multiplikator in die Höhe zu treiben. Dann gibt's für ein Tor mehr Punkte.
