Divinity: Original Sin 2 - Aktuelle Version gespielt & Interview mit Larian-Gründer Swen Vincke
Special
Kommt her, ihr mutigen Abenteurer, und lauscht der spannenden Geschichte, wie Dallis, der Hammer, auf seinen Amboss traf ... Wir haben die aktuelle Version von Divinity: Original Sin 2 angespielt und uns mit Larian-Chef Swen Vincke unterhalten. In unserer Vorschau lest ihr aktuelle Eindrücke zu einem der heiß erwarteten Rollenspiele des Jahres.
Wir hatten knapp 120 Stunden in der Early-Access-Version von Divinity: Original Sin 2 versenkt und Chefbösewicht Dallis knapp überlebt. Wir kannten jede Quest des Rollenspiels, jeden NPC, jeden Kampf, jeden Strauch beim Vornamen. Wir waren bereit für mehr! Dass Larian unterwegs zur Gaming-Convention PAX East war, wussten wir. Aber niemals hätten wir damit gerechnet, dass sich der Larian-Chef Swen Vincke höchstpersönlich auf dem Höhepunkt der PAX zwei Stunden Zeit nehmen würde, um uns in einer Privataudienz nicht nur den neuesten Build vorzustellen, sondern uns auch noch voller Stolz all die frischen Features zu präsentieren, die Original Sin 2 auf der Messe in Boston zum ersten Mal herzeigte.
Dieser fantastische Mensch gönnte uns zusammen mit Larians PR-Chef Michael Wetzel danach sogar noch ein langes Interview, in dem er sich selbst unseren fiesesten Fragen tapfer entgegengestellt hat. Das hochspannende Dokument parken wir für euch am Ende unserer Vorschau. Und wir haben noch eine großartige Nachricht: Auch wenn ihr nicht alles, was man uns gezeigt hat, werdet sehen können, dürften die meisten der neuen Divinity-Features aus diesem Artikel bereits jetzt zum Ausprobieren parat stehen. Denn Swen versprach uns am Ende unseres Treffens zwei Dinge. Erstens: Sobald Larian den Kickstarter-gebackten Game-Master-Mode von Original Sin 2 vorstellen kann, dürfen wir wieder von der ersten Reihe aus berichten - und dieser Spezial-Spielmodus, in dem ihr selbst Geschichten, Charaktere, Feinde, Kämpfe und Locations in Divinity gestalten dürft, könnte für passionierte Rollenspieler eine grandiose Erfahrung werden. Und zweitens: Sobald die Kollegen von der PAX zurückkommen, steht für Original Sin 2 der nächste Patch an - inklusive der neuen Funktionen.
In diesem Artikel
Von Hühnern und Dämonen
Quelle: PC Games
Swen ist per "Flight" ins Krähennest des Schiffs geflogen und platziert dort Totems. Sehr hilfreich!
Mit ebendiesen neuen Funktionen legten wir in Boston auch gleich los. Es handelt sich dabei mit "Polymorph" und "Summoning" um zwei weitere, auf Kickstarter von den Fans gewählte Zauberspruch-Schulen (nicht Klassen - genau wie sein Vorgänger wird auch D:OS2 ein klassenloses RPG, in dem ihr euch maßgeschneiderte Charaktere aus allen Attribut- und Skillbereichen zusammenbauen dürft). Dank Polymorph könnt ihr zum Beispiel die Anatomie und damit die Fähigkeiten eures Recken verändern: Mit dem Skill "Tentacle Lash" wächst unserem Helden ein monströser Greifarm, mit dem wir das Schwert unseres Gegners packen und ihn entwaffnen. Ebenfalls sehr nützlich ist "Flight": Dank der Flügel, die wir nach Einsatz dieser Fähigkeit erhalten, schweben wir nicht nur über gefährlichen Untergründen, sondern fliegen auch in Windeseile auf erhöhte und damit taktisch wertvolle Positionen im Kampf.
"Skin Graft" ist stark für gewiefte Taktiker - dieser Skill resettet die Cooldowns aller anderen Skills, streift dabei aber auch unseren kompletten Rüstungsschutz ab, lässt uns damit also extrem verwundbar zurück. Der vielleicht beste Part an Polymorph ist die Möglichkeit, Feinde ohne magische Abwehr ratzfatz in ein harmloses Huhn zu verwandeln. Ihre Hitpoints behalten sie zwar auch in Nugget-Form, trotzdem sind damit selbst die bösesten Buben erst mal ruhiggestellt. Die Zauberschule "Summoning" dreht sich ganz um das Beschwören und vor allem auch Managen von Helfer-Kreaturen in der Schlacht. Dazu stehen euch zunächst zwei Basis-Summons zur Verfügung: "Summon Incarnate" beschwört einen (zunächst) kleinen, mobilen Dämonen an eure Seite, "Summon Totem" einen unbeweglichen, dafür mit einer automatischen Fernkampfattacke ausgerüsteten Zauberpfahl. So baut sich ein Summoner eine schlagkräftige Truppe aus Front-Infanterie und Artillerie auf, die er dann mit weiteren Skills verstärken, heilen und manipulieren kann. Wer in anderen Games gerne Ingenieure oder Beastmaster spielt, wird mit Summoning echt viel Spaß haben!
Mehr als oberflächlich
Quelle: PC Games
Kein großes Ding, Chicken Wing: Selbst noch so mächtige Feinde lassen sich in ein Huhn verwandeln.
Dabei beginnt die richtige Kampfstrategie eines cleveren Summoners noch vor dem ersten Mausklick - und zwar mit der Auswahl des Beschwörungs-Untergrunds. Je nachdem, auf welchem Bodentyp ihr eure Kreaturen herbeiruft, unterschieden sich deren Fähigkeiten: Ein auf einem Flammenfeld entfesselter Incarnate wird zu einem Feuerdämon; auf einer Wasserfläche beschworen, wird dieselbe Kreatur zu einem nützlichen Heiler. Holt ihr euch ein Totem auf ein Giftfeld, verseuchen dessen Fernangriffe eure Feinde. Auf einen Ölteppich platziert, feuert eure magische Artillerie dagegen Geschosse, die eure Gegner verlangsamen. Überhaupt ist die Manipulation des Schlachtfeldes mit verschiedenen Bodentypen einer der wichtigsten Aspekte in Original Sin 2: Feuer, Wasser, Eis, Öl, Gift, Rauch, Dampf - ihr könnt etliche Untergründe in der Spielwelt manifestieren und diese dann mit den Skills "Bless" und "Curse" sogar noch segnen beziehungsweise verfluchen - dadurch werden die unterschiedlichen Bodentypen noch einmal deutlich mächtiger! Gewiefte Taktiker können mit diesem System unfassbar clevere Effekte entfesseln, schon jetzt ist es ein extrem unterhaltsames Element der Early-Access-Version.
Quelle: PC Games
Original Sin 2 macht sich die Mühe echter Echsen-Modelle! Hier wird nicht einfach eine menschliche 3D-Figur genommen und eine Schuppenhaut-Textur drübergeklatscht. Gell, Everquest?
Den Source-Code verbessert
Quelle: PC Games
Viel Schiff, aber keine Flasche: Zum Ende des ersten Akts habt ihr ein neues Zuhause gefunden.
Kritik hat das erste Original Sin hauptsächlich bei drei Punkten eingefahren: seiner überfrachteten Crowd Control, dem etwas fehlenden roten Faden und dem mitunter ungeschickten Wechsel zwischen komischen und ernsten Themen. All diese Punkte hat Original Sin 2 deutlich besser im Griff! Crowd Control ist nach wie vor ein zentraler Aspekt, dank der neuen physischen und magischen Defensive seid ihr Knockdowns oder Verzauberungen aber nicht mehr schutzlos ausgeliefert - sie wirken erst, wenn eure Rüstungspunkte aufgebraucht sind. Die Storyline ist nun deutlich fokussierter und kohärenter geschrieben. Das Spiel wird deswegen auf keinen Fall linear, hat aber einen echten roten Faden und ein wesentlich ordentlicheres Questlog. Die übergreifende Thematik hat ebenfalls angezogen: Original Sin 2 wird intensiver, das Spiel nimmt sich selbst spürbar ernster als sein Vorgänger. Witzige Momente erlaubt sich das neue Divinity nach wie vor, es leidet aber nicht mehr so sehr an einer Identitätskrise wie noch im ersten Teil.
Das ganze Spiel wirkt deutlich mehr aus einem Guss. Falls euch unsere Vorschau nun heiß auf dieses RPG gemacht hat, solltet ihr euren ersten Spieltag in der bereits gut gelungenen Early-Access-Version rein für die Erstellung eures Charakters verplanen. Das liegt nicht nur daran, dass ihr mit der Auswahl eines der vorgefertigten Avatare oder natürlich dem Heldenbau eures eigenen Menschen, Elfen, Echsenmenschen und später dann Untoten oder Zwerges eine Menge Zeit verbringen wollt. Nein, die erste "Hürde" ist allein schon die Gänsehaut-Musik des Intro- und Charakter-Menüs! Wir haben 15 Minuten einfach nur gebannt dem Soundtrack gelauscht, bevor wir überhaupt einen Mausklick gesetzt haben. Divinitys neuer Komponist ist niemand Geringeres als Borislav Slavov (Crysis 3, Ryse), dessen atemberaubende Musik seinem leider viel zu früh verstorbenen Original Sin 1-Kollegen Kirill Pokrovsky ein mehr als nur würdiges Denkmal setzt.
Wir ziehen unseren Helm
Das neue Divinity ist gerade dabei, ein kompromisslos charakterstarkes, klassisches Rollenspiel zu werden, das in seiner fertigen Form zu den besten der letzten Jahre gehören dürfte. Dafür verdient Larian bereits jetzt den Early-Access-Beistand leidenschaftlicher Abenteurer. Original Sin 2 liefert spätestens seit seinem KI-Patch ein packendes, verbissenes Kampfsystem ab, bei dem jede einzelne Schlacht den Spieler am Kragen packt und erbarmungslos in den Staub zu treten versucht. Lasst nur eine Sekunde nach, zeigt nur einen Moment der Schwäche, und die Gegner reißen euch in Fetzen. Dafür verdient Larian erfahrene Veteranen rundenbasierter Taktik, die Divinitys Monstern, Untoten und Teufelspriestern mit voller Wucht entgegentreten können. Ihr habt euch in etlichen Gefechten eure virtuellen Narben verdient? Ihr mögt eure Kämpfe hart und zur Not auch dreckig?
Dann schafft euren Hintern an die Original Sin-Front, ihr werdet gebraucht! Doch selbst wenn man mit all dem kaum etwas anzufangen weiß, wenn euch Rollenspiele zum Gähnen bringen, ihr nichts für rundenbasiere Kämpfe übrig habt und klassische Fantasy verdammt nahe am AD&D- oder Das-Schwarze-Auge-Feeling an eurem Beuteschema vorbeigeht, verdient Larian trotzdem euren Respekt. Denn nicht nur hat diese sympathische Spielefirma aus Belgien das künstlerische Können, die Qualität ihrer Titel Jahr für Jahr nach oben zu schrauben, sondern auch die geschäftliche Kompetenz, um aus euren Kickstarter-Investitionen nun bereits zum zweiten Mal etwas Fantastisches zu machen. Deswegen hat Larian auf der Crowdfunding-Webseite seine bescheidenen 500.000 Dollar Wunschbudget in unter zwölf Stunden erreicht, deswegen nahm Original Sin 2 am Ende über 2.000.000 Dollar ein, deswegen hat man alle Stretch Goals gepackt. Larian labert nicht rum, Larian liefert ab - und zwar noch dieses Jahr irgendetwas zwischen einem hervorragenden RPG und dem besten Spiel ihrer Firmengeschichte. Wir wetten auf Option 2.
