Devolver Digital: Ein Blick hinter die Fassade des punkigsten Spielepublishers der Welt

Special Antonia Dreßler
Devolver Digital: Ein Blick hinter die Fassade des punkigsten Spielepublishers der Welt
Quelle: Devolver Digital

Gewalt, Blut & Pixel sind die Wörter, die in den Sinn kommen, wenn es um Devolver Digital geht. Dabei ist das US-Studio gar nicht so beinhart, wie es scheint.

Gegen den Crunch

Wo manche Entwickler Überstunden schieben müssen, um versprochene Termine einzuhalten, kündigt Devolver Spiele oft erst an, wenn sie kurz vor dem Abschluss stehen. Der freiere Schaffensprozess spricht sich herum, deshalb kann sich das Team vor Anfragen kaum retten. 2019 sprach Mike Wilson von rund 25 Spielen, die sie wöchentlich ablehnen müssen. Nicht, weil sie nicht gut genug wären, sondern weil der Publisher bereits alle Hände voll zu tun hat. Devolver zeigt sich überaus loyal, wenn es um Partnerschaften geht und stößt im Regelfall keine Studios ab, selbst wenn diese einmal länger brauchen. So waren sie der sichere Hafen für Deconstructeam, die vor allem in Zeiten der Coronapandemie schwer zu kämpfen hatten. Das drei Personen starke Team steckte im ersten Lockdown die gesamte Energie in das inzwischen angekündigte Projekt The Cosmic Wheel Sisterhood.

Jordi De Paco, verantwortlich für Game und Narrative Design, erzählte uns, dass alle drei bis zur Erschöpfung gearbeitet haben, bis es nicht mehr weiterging. Der mentale Breakdown führte dazu, dass das Projekt auf Eis gelegt werden musste, als es schon zwei Jahre in der Entwicklung war.

Dass es sich nicht positiv auf ein Spiel auswirkt, es trotz aller Widrigkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Markt werfen, zu wollen, zeigen andere Publisher, aber eben nicht Devolver Digital.

Stattdessen veröffentlichten sie Essays on Empathy, eine Kollektion von Spielen, die Deconstructeam über die Jahre im Zuge mehrere Games Jams entwickelt hat.

Die Zusammenstellung ist im Grunde eine Kurzgeschichten-Sammlung in Spielform, zu der auch der rund 90-minütige Titel De Tres al Cuarto zählt. Mit der Geschichte rund um zwei Komiker auf Tournee verarbeiten die drei Entwickler ihre Blockade und den Stress, dem man als kreativ schaffender Mensch manchmal ausgesetzt ist.

Ein zweistöckiger Raum im Weltraum, umschlungen von einem schlangenartigen Dämon Quelle: Deconstructeam

The Cosmic Wheel Sisterhood

Dass von Publisher-Seite aus kein Druck gemacht wurde, machte sich bei unserer zweiten Anspielmöglichkeit vor Ort beim Devolver-Event bemerkbar: The Cosmic Wheel Sisterhood fühlt sich frisch an und nicht wie schon tausendmal gesehen.

Die Handlung dreht sich um die ausgestoßene Hexe Fortuna, die nach 200 Jahren Hausarrest auf einem umherschwirrenden Asteroiden keinen Bock mehr hat und gegen geltende Regeln einen Dämon beschwört.

Zusammen mit ihm bauen wir als Spieler ein Tarot-Kartendeck, mit dem wir anderen Figuren im Laufe der Geschichte ihr Schicksal vorhersagen. Die Idee, jede Karte selbst herzustellen, soll dazu beitragen, dass man etwas von sich selbst ins Spiel bringt und das Gameplay selbst gestaltet.

Und tatsächlich haben die unterschiedlichen Elemente, die wir bei der Gestaltung nutzen können, eine Auswirkung auf die Aussagen des Tarot-Decks und am Ende auch auf das Spiel. Mit einer Karte prophezeien wir NPCs den Tod, mit einer anderen eine Beförderung.

Alles, was wir tun, soll am Ende Auswirkungen haben. Wie viel in dem sechs bis zwölf Stunden langen Spiel steckt, wird an der Wortanzahl klar - über 200.000 Wörter beinhaltet das Hexen-Adventure. Zum Vergleich: The Witcher 3 umfasst insgesamt 450.000 Wörter für das gesamte Spiel.

Das Team hat nicht nur diesen riesigen Umfang auf die Beine gestellt, das Spiel weiß obendrein mit Witz zu überzeugen und hält uns mit interessanten und lebendigen Gesprächen bei der Stange. Die Produktivität von Deconstructeam, als sie nicht gezwungen wurden, möglichst viel Profit in kurzer Zeit zu machen, spricht für die Taktik Devolvers, Spielentwickler wie Menschen zu behandeln.

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