Crucible im Test: Missglücktes Shooter-Debüt für die Amazon Game Studios

Test David Benke
Crucible im Test: Missglücktes Shooter-Debüt für die Amazon Game Studios
Quelle: Amazon Game Studios

Nach vier Jahren Wartezeit ist es nun endlich soweit: Mit Crucible erschien am 21. Mai das erste große Spiel der Amazon Game Studios für den PC. Ein besonders gelungener Einstand ist der Mix aus Helden-Shootern wie Overwatch und MOBAs wie League of Legends allerdings leider nicht geworden. Warum, verraten wir im Test.

"Amazon macht jetzt auch Spiele!" Als der Internet-Gigant 2014 die Gründung der hauseigenen Amazon Game Studios ankündigte, klang das nach einer echten Kampfansage an die Gaming-Branche. Schließlich verfügen nur wenige Konzerne über vergleichbare finanzielle Möglichkeiten wie der Onlineversandhändler mit dem lächelnden Logo. Die wirklich großen Dinger des neuen Big Players ließen allerdings erst einmal auf sich warten. Abgesehen von ein paar Mobile-Titeln brachte man nichts Namhaftes auf den Markt. Erst 2016 folgten mit Breakaway, Crucible und New World schließlich die richtig dicken Fische - oder zumindest deren Ankündigung.

Während Ersteres in der Zwischenzeit komplett eingestampft und Letzteres erst kürzlich noch einmal verschoben wurde, findet zumindest Crucible nun seinen Weg auf den PC. Seit dem 21. Mai ist der heldenbasierte Online-Shooter als Free-to-Play-Titel verfügbar. Und wir haben endlich die Chance, die Frage zu klären: Hat sich das Warten tatsächlich gelohnt?

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Ein riesengroßes Déja-Vu

Spoiler: Nein, nicht wirklich. Trotz vier Jahren Entwicklungszeit und namhaftem Publisher im Rücken weiß Crucible nur bedingt zu überzeugen, zeigt es sich doch weder sonderlich ausgefallen noch ausgereift. Stattdessen bietet der Titel vieles, was man bereits aus anderen Online-Spielen wie Overwatch, League of Legends oder auch Fortnite kennt: teambasierte Matches, Helden mit individuellen Fähigkeiten und einen Mix aus PvE- sowie PvP-Elementen.

Im Modus Harvester-Kommando müsst ihr fünf Erntemaschinen erobern, die auf Crucible Essenz fördern. Wer mehr Maschinen hält, bekommt Punkte. Quelle: PC Games Im Modus Harvester-Kommando müsst ihr fünf Erntemaschinen erobern, die auf Crucible Essenz fördern. Wer mehr Maschinen hält, bekommt Punkte. Auch bei den verschiedenen Modi spielen es die Entwickler eher safe. Die Relentless Game Studios präsentieren euch bereits etablierte Spielvarianten mit einem kleinen Twist, wie beispielsweise das sogenannte Harvesterkommando. In dieser leicht abgeänderten Version eines Herrschaftsmatches gilt es, fünf auf der Karte verteilte Erntemaschinen einzunehmen. Wer die meisten hält, bekommt Punkte. Zusätzlich könnt ihr durch Kills euren Counter weiter nach oben schrauben, bis bei 100 Zählern schließlich Schluss ist. So weit, so unspektakulär. Auch Battle-Royale-Gefechte wie in Alphajäger sind nichts Neues. Wobei Crucible hier zumindest mit der Ausgangslage - 16 Spieler starten in Zweierteams auf einer kleinen Karte - etwas Abwechslung reinbringt. Zudem könnt ihr, falls euer Partner das Zeitliche segnet, eine temporäre Allianz mit einem anderen Solo-Jäger eingehen.

Der Fokus von Crucible liegt aber ganz klar auf dem Modus Herzstück der Schwärme, in dem ihr euch gleichzeitig mit dem gegnerischen Team und der Spielwelt anlegt. Dort spawnt nämlich in regelmäßigen Abständen ein Schwarm, eine Art riesige baumartige Alienkreatur, den ihr besiegen und dann dessen Herz einsammeln müsst. Klingt jetzt auch erst einmal nicht besonders, bekommt durch die sogenannten Weltereignisse aber eine zusätzliche Facette. Durch diese zufälligen Events, die im Verlauf des Spiels eintreten, spawnen dann etwa Gesundheitsbonus-Kapseln oder eine Horde von NPC-Gegnern. Das verleiht dem Spiel nochmal einen gewissen taktischen Aspekt.
Im Modus Herzstück trifft PvP auf PvE. Ihr müsst sowohl mit außerirdischen Monster, als auch euren menschlichen Gegenspielern zurechtkommen. Quelle: PC Games Im Modus Herzstück trifft PvP auf PvE. Ihr müsst sowohl mit außerirdischen Monster, als auch euren menschlichen Gegenspielern zurechtkommen.

Sammeln ist essenziell

Getötete Mobs lassen nämlich Essenz fallen, die Crucible-Version von Erfahrungspunkten. Wenn ihr diese einsammelt, steigt ihr im Verlauf eines Matches im Rang auf und schaltet damit Upgrades frei. Bis Level 5 erhaltet ihr so beispielsweise zusätzlichen Schaden, verbesserte Munition oder mehr Lebensenergie. Welche konkreten Boni ausgeschüttet werden, könnt ihr zu Beginn eines jeden Matches auswählen, außerdem variieren die Effekte natürlich je nachdem, für welchen Jäger ihr euch entschieden habt. Eure Wahl spielt also durchaus eine Rolle.

Jeder der zehn Helden verfügt über einen Standardangriff sowie vier Spezialfähigkeiten. Quelle: PC Games Jeder der zehn Helden verfügt über einen Standardangriff sowie vier Spezialfähigkeiten. Die zehn Recken, die in Crucible zur Verfügung stehen, gehören klar zu den Highlights des Spiels. In deren Gestaltung ist einiges an Kreativität geflossen, sodass ihr unter anderem auf einen echsenhaften Sci-Fi-Trucker oder eine brillante Wissenschaftlerin im Körper eines Katzen-Aliens trefft. Deren Persönlichkeit bleibt, wie die ganze "Geschichte" von Crucible, weitestgehend zweitranging. Was auf dem namensgebenden Planeten abgeht oder was die Motivation der einzelnen Beteiligten ist, ist auch nach dem Lesen der verschiedenen Charakterbiographien und Lauschen von Memo-Schnipseln schleierhaft. Story und Lore sind bei einem Team-Shooter zugegebenermaßen aber auch ziemlich wurscht.

Umso wichtiger ist, dass die Entwickler bei der spielerischen Ausarbeitung der Helden gute Arbeit geleistet haben. Die typischen Charakterklassen wie Tank, Support und Damage-Dealer sucht ihr in Crucible vergebens. Natürlich unterstützen die unterschiedlichen Jäger aber trotzdem unterschiedliche Spielstile. Der dicke Earl kann etwa ordentlich austeilen und einstecken, die agile Sazan ist flotter auf der Karte unterwegs als andere und Roboter Bugg unterstütz per Heileffekt seine Verbündeten.

Die Hölle für Neueinsteiger

Dumm ist nur, dass all diese Stärken und Schwächen zu Beginn nicht ersichtlich sind. Die genauen Werte der einzelnen Charaktere sind nirgends aufgeführt. Ihr könnt also nur mutmaßen, wie viel Schaden euer Held macht und was ein Bonus von 25 Prozent bedeuten könnte. Oder ihr versucht im Trainingsmodus euch alle Kniffe selbst anzueignen. Insgesamt erklärt Crucible sehr wenig. Abgesehen von ein paar Tipps im Ladebildschirm und einer Einführung in die groben Spielprinzipien, lassen euch die Entwickler ziemlich hilflos dastehen. Ein ordentliches Tutorial für die einzelnen Modi sucht man vergebens. Stattdessen erwartet euch nur ein 30-sekündiges Erklärungsvideo, das ausschließlich auf Englisch und ohne Untertitel verfügbar ist. Wer im Spielmenü auf den Hilfe-Button drückt bekommt zudem nicht etwa Erklärungen zu Steuerung oder Spielmechanik angezeigt, sondern wird auf die Webseite des Amazon-Kundendienstes beziehungsweise die Nutzungsbedingungen weitergeleitet. Besonders Neueinsteiger könnte das ziemlich schnell vergraulen.

Eure Gegner in Crucible können einiges einstecken. Macht ihnen also ordentlich Feuer unterm Hintern! Quelle: PC Games Eure Gegner in Crucible können einiges einstecken. Macht ihnen also ordentlich Feuer unterm Hintern! Das ist durchaus schade, denn so schlecht spielt sich Crucible eigentlich gar nicht. Natürlich ist das Gameplay nicht bahnbrechend neu, geschweige denn die Spielmodi. Das Ausprobieren der unterschiedlichen Charaktere und deren Spezialattacken hält einen aber gut bei Laune. Zumal ihr die Fähigkeiten auch noch miteinander kombinieren und im Team so nette Kettenangriffe starten könnt. Bezieht man dann noch die vergleichsweise großen Karten und die längere Time-to-Kill mit ein, entstehen hitzige Gefechte, spannende Matchverläufe und erinnerungswürdige Momente.

Gefühltes Beta-Stadium

Zumindest dann, wenn das Spiel einwandfrei läuft. Das Problem von Crucible ist nämlich leider, dass es an allen Ecken und Enden noch Fehler aufweist. Die Navigation, bei der ihr vor allem auf das Scannen eurer Umwelt angewiesen seid, ist aufgrund winziger Markierungen und fehlender Minimap ein Graus. Gerade im Nahkampf fehlt es enorm an Trefferfeedback, sei es nun optischer oder hörbarer Natur. Wenn man nach einem mächtigen Axthieb nicht mehr als einen schnöden Hitmarker angezeigt bekommt, ist das nur wenig befriedigend.

Darüber hinaus zeigt sich Crucible teilweise ermüdend langsam. Nicht jeder Charakter verfügt über eine Sprintfähigkeit, sodass es für einige nicht möglich ist, Attacken auszuweichen. Wer schnell ein wenig Distanz zum Gegner aufbauen möchte, um sich in Ruhe zu heilen oder einen Distanzangriff auszuführen, schaut in die Röhre. Verschlimmert wird das gemütliche Spieltempo noch einmal durch den unfassbar langen Respawn-Prozess, der euch erst 25 Sekunden warten und dann noch eine quälend lange Abwurfkapsel-Sequenz anschauen lässt. Oder das fehlende Zeitlimit, wodurch Matches auch gut und gerne mal 30 Minuten dauern. Crucible ist halt nichts für den schnellen Spaß zwischendurch.

In Crucible gibt es weder Text- noch Voice-Chat. Wollt ihr euch mit euren Mitspielern absprechen, hilft nur das Rad mit den Schnellkommandos. Quelle: PC Games In Crucible gibt es weder Text- noch Voice-Chat. Wollt ihr euch mit euren Mitspielern absprechen, hilft nur das Rad mit den Schnellkommandos. Apropos Spielspaß: Der ist auch stark an die jeweilige Gruppenkonstellation gebunden. Wer Pech hat, gerät an ein paar Mitspieler, für die Teamwork ein absolutes Fremdwort ist. Dann seid ihr ziemlich aufgeschmissen. Crucible bietet euch nämlich fast keine Möglichkeiten mit anderen in Kontakt zu treten. Es gibt weder Text- noch Sprachchat, sondern nur ein Ping-System, mit dem ihr Wegpunkte setzen, Befehle geben oder Medikits markieren könnt. Der Battle-Royale-Modus wird mit fremden Mitspielern so quasi komplett unmöglich. Zur besseren Koordination spielt ihr einfach direkt mit Freunden zusammen und kommuniziert via Teamspeak oder Discord.

Wofür sollte ich dranbleiben?

Dann könnt ihr euch auch untereinander absprechen, was die Wahl der Jäger angeht. Bevor ihr einem normalen Match beitretet, ist nämlich nicht sichtbar, wer welchen Charakter spielt. Da es zudem keine Regel gibt, dass jeder Held nur einmal pro Team genutzt werden darf, kommen so schon mal ziemlich unausgewogene Konstellationen zustande. Was dumm es, schließlich dürft ihr euch während des Matches nicht nochmal umentscheiden.

Ähnlich düster sieht es bei der Langzeitmotivation aus: Ihr könnt Herausforderungen meistern, im Rang aufsteigen und damit Skins, Emotes und coole One-Liner freischalten. Das war's. Wer sich eines der drei kostenpflichtigen Einsteigerpakete kauft, bekommt zwar noch einen Battle Pass obendrauf. Der steckt aber auch nur voll weiterer kosmetischer Items. Warum die Entwickler bis dato keinen Ranked-Modus, keine Leaderboards und auch keine persönlichen Statistiken eingeführt haben, bleibt schleierhaft. Der Battle Pass von Crucible umfasst insgesamt 80 Stufen. Mit jedem Aufstieg schaltet ihr neue Items wie etwa einen legendären Charakterskin frei. Quelle: PC Games Der Battle Pass von Crucible umfasst insgesamt 80 Stufen. Mit jedem Aufstieg schaltet ihr neue Items wie etwa einen legendären Charakterskin frei. Dazu kommen dann auch noch ein paar technische Probleme wie teils langsames Matchmaking und kleinere Grafikbugs. Die machen den miesen Ersteindruck von Crucible schließlich perfekt. Das schlägt sich mittlerweile auch in Zahlen nieder: Nach einem Rekordhoch von 25.000 Spielern am Launchtag steht der Playercount mittlerweile bei nur noch knapp 1.700 - Tendenz fallend. Das könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass sich Amazon keinerlei Mühe gemacht hat, das Spiel zu promoten. Beispielsweise auf der hauseigenen Streaming-Plattform Twitch. Dort schauen die Leute aktuell lieber Valorant, was ihnen - mit Blick auf unsere umfangreiche Mängelliste - aber wohl auch niemand wirklich verübeln kann.

Fazit und Wertung

Meinung

Wertung zu Crucible (PC)

Wertung:

5.0 /10
Pro & Contra
Schicke Grafik und SpielweltZehn sehr unterschiedliche HeldenDrei abwechslungsreiche, spannende SpielmodiInteressantes GrundkonzeptF2P und kein Pay-to-Win
Fehlende Tutorials und ErklärungenUndurchsichtige CharakterwerteNur eine einzige KarteUnnötig komplizierte NavigationKein TrefferfeedbackKeine ChatfunktionLangsames SpieltempoKaum LangzeitmotivationKleinere Bugs und Glitches

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