Atari Mania im Test: Bitte 8 Bit? Eher "bitte bleib weg"!
Test
Warum Nostalgiker das Action-Adventure Atari Mania durchaus lieb haben können, sie sich das Spiel oft aber auch gern schöntrinken würden, steht in unserem Test. Clickbait-Version: Lesen Sie einen erschütternden Schicksalsbericht und eine ergreifende Alkoholbeichte!
Willkommen zu unserer Zeitreise nach 1979, als die Atari-2600-Konsole in Deutschland erschien! Viele PC-Games-Leser wird das überraschen, aber ja, da haben wirklich bereits Menschen gelebt. Damals gab es noch Wörter wie "Farbfernseher" und einen Liter Benzin zum Taschengeldtarif. Der Tankstellenbesuch fühlte sich so an, als würden wir heute, bitte festhalten und kurz weinen, 1,22 Euro zahlen. Kein Witz! 1979, so viel Historie und Bildungsauftrag dürfen noch sein, begann allerdings eher semigut: Zunächst krakeelte ständig "Du, die Wanne ist voll!" aus dem Radio. Dann folgten die Geburt von Finanzminister Christian Lindner und der Kinostart des Films Louis' unheimliche Begegnung mit den Außerirdischen, der den Konsum von Kohlsuppe und die daraus resultierenden Flatulenzen thematisierte. Tja. Nun. Früher war doch nicht alles besser.
Bald ging es zum Glück bergauf, dank der Erfindung des Walkmans und beweglicher Lego-Figuren etwa. Das nun hier zu rezensierende Spiel soll eine Hommage an die 8-Bit-Zeit sein und die Gründung der Firma Atari 1972 feiern - und gleichzeitig das Geburtsjahr von Pong.
Kryptische Steuererklärungen
Atari Mania (jetzt kaufen 22,57 € ) unterteilt sich in ein unterhaltsames Adventure und acht Action-Levels mit Atari-2600-Attitüde. Der rätsellastige Teil liefert den Handlungsrahmen und erinnert an die Filmkomödien Nachts im Museum und Ralph reichts. Wir verkörpern einen Hausmeister, der das Archiv für Atari-Klassiker betreut.
Quelle: PC Games
Während der Spieler im Ur-Haunted-House einen verängstigten Jungen mimt, der vor Monstern flieht, übernimmt man in der Neuinterpretation auch mal die Rolle als Bodyguard (Bild) oder Geist.
Dort treiben plötzlich mutierte schwarze Pixel ihr Unwesen und entführen die Helden aus deren Spielen. Nun gilt es, das Gebäude zu erkunden.
Der Protagonist mit Return-to-Monkey-Island-Gedenk-Säufernase benötigt Schlüssel, betätigt Schalter und sammelt Gegenstände, die er an den richtigen Stellen benutzt. Er überquert Abgründe per Hakenseil, beleuchtet dunkle Räume mit einer Kerze, zieht Metallkisten mit einem Magneten und so weiter und so fort.
Quelle: PC Games
Während der Spieler im Ur-Haunted-House einen verängstigten Jungen mimt, der vor Monstern flieht, übernimmt man in der Neuinterpretation auch mal die Rolle als Bodyguard (Bild) oder Geist.
Hin und wieder warten klassische Schiebepuzzles. In Zwischensequenzen kommt es zu teils recht witzigen Dialogen mit Charakteren wie dem Bären Bentley aus Crystal Castles, Krieger Torr (Swordquest) oder dem Outlaw-Cowboy.
Um diese Helden zu befreien, landen wir in den Action-Abschnitten. Dort kämpft man sich, tatsächlich beginnend mit Pong, jeweils durch rund ein Dutzend Geschicklichkeitsspiele bis zu einem etwas komplexeren Abschlusslevel, wo ein Bossgegner herumlungert.
Quelle: PC Games
Im Adventure-Teil, der die Story erzählt, greift man auf ein klassisches Inventar zurück. In dieser Szene benutzt der Protagonist einen Schraubenschlüssel, um links oben eine Brücke auszufahren.
Wer die Warioware-Spiele von Nintendo kennt, dem ist das Konzept geläufig. Die Minigames dauern nur wenige Sekunden. Wer nicht gerade die Fingerfertigkeit und Auffassungsgabe eines Wirbelsäulenchirurgen besitzt oder sich mit einem Lenkrad durch Elden Ring geschnetzelt hat, wird sie seeeeeehr oft von vorn beginnen.
Quelle: PC Games
In den witzigen Zwischensequenzen nimmt Atari Games gerne auch mal Spieleklischees auf die Schippe. Dieser Screenshot zeigt einen der bekanntesten Charaktere, den Tausendfüßer aus Millipede.
Die Kombination aus Schwierigkeit, Zeitlimit, dödeligen Missionsbeschreibungen ("Überlebe!") und ominösen Steuererklärungen á la "Bewege dich!" sorgen für massig Versuch, Irrtum (Neudeutsch: Trial & Error) und Frust.
Alter Museumsverwalter!
Atari Mania gebärdet sich ferner mogelpackungmäßig. Er bietet nämlich beileibe nicht 150 Spieleklassiker, wie die von den Entwicklern angegebene Zahl an Minigames vielleicht Glauben machen soll. Die Illogika Studios haben sich vielmehr 25 Module der antiken Atari-Konsole als Vorbilder genommen, in einen Gameplay-Mixer geworfen und daraus sogenannte Mash-ups kreiert.
Quelle: PC Games
Ein typischer Bosskampf: Um das schwarze Pixelmonster auszuschalten, schießen wir mit dem Panzer aus dem Ballerspiel Combat auf TNT-Fässer, damit diese im richtigen Moment explodieren.
Entsprechend wehren wir unter anderem die anfliegenden Raketen von Missile Command mit dem trägen Raumschiff aus Asteroids ab oder lassen den Ball aus Breakout in der Shoot'em-up-Welt von Millipede herumprallen, um den angreifenden Alien-Tausendfüßer zu zerlegen.
Wobei der Begriff "Ball" für ein Quadrat natürlich einen Euphemismus darstellt, wir hatten damals ja nichts, nicht mal Kreise. In dieser Zeit hieß Kantenglättung noch Alkohol, und so erklärt sich auch die Nase des Museumswärters.
Quelle: PC Games
So sieht die Pilzwelt des Shoot ’em ups Millipede in der Atari-Mania-Version aus.
Der gute Mann kann überdies gescannte Spielepackungen und Handbücher sammeln. Danke, irgendwelche alte Anleitungen am PC lesen, das wollten wir ja schon immer mal unbedingt nicht.
Angesichts einiger knicktechnisch lädierter Boxen verspüren Zustandssammler den Reflex, den Entwicklern aus Mitleid gepflegte Versionen zu schenken. Breakout mit einem abgerissenen Preisaufkleber auf dem Cover ... mein Gott Walter, alter Museumsverwalter!
Quelle: PC Games
Der Bär Bentley hüpft durchs aufgehübschte Crystal Castle und sammelt Kristalle.
Weil die Netzhäute der heutigen 4K-Ultra-HD-Generation angesichts der damaligen 160x192-Auflösung sofort auswandern wollen würden, haben die Macher als Sicherheitsmaßnahme eine Grafik im modern angehauchten Neo-Retro-Stil gewählt.
Quelle: PC Games
Bei dieser Dark-Chambers-Variation steuern wir drei Helden gleichzeitig.
Shakira, Liv Tyler und Gronkh, die wie die internationalen Atari-2600-Starttitel Combat, Video Olympics und Air-Sea Battle bereits 1977 auf die Welt kamen, sehen geschminkt ja auch besser aus. Damit die Gehörknöchelchen nicht fliehen, kann ferner der Sound mehr als nur "Fiep!", "Pfiu!" und "Krccch", und die Musik erreicht immerhin Fahrstuhlqualität.
Spinnenweben im Hirn
Zu Beginn des Tests steuerte das Spiel hart auf Titanic-Kurs in Richtung 2/10-Wertung. Es verweigerte die korrekte Kooperation mit zwei Controllern. Einige Minigames ließen sich weder mit einem Gamepad noch einem USB-Competition-Pro vernünftig steuern. Die Tastaturmethode bewahrte den Rezensenten vor einem Tobsuchtsanfall.
Quelle: PC Games
Hier bedienen wir die Air-Sea-Battle-Kanonen und das Breakout-Paddle, um Fallschirmjäger zu killen.
Trotzdem zehren die ständigen Wiederholungen an den Nerven. Viele Action-Sequenzen machen Spaß, zum Beispiel die knuffig anzusehenden Haunted-House-Varianten, Gravitar-Flugeinlagen, Solaris-Ballereien, Dark-Chambers-Labyrinthe und Bosskämpfe.
Beim 7.697sten "Ich drücke ein bis zweimal kurz eine Taste"-Reaktionstest wachsen hingegen Spinnenweben im Gehirn. Da möchte man mal wieder etwas Aufregenderes erleben. Einer Klobürste beim Rumstehen zuschauen oder so was.
Quelle: PC Games
Bei Scans derart angeschranzter Spieleverpackungen blutet Zustandssammlern das Herz.
Selbst der Klassiker Adventure findet rätselfrei und nur als plumpe, hektische Ausweichübung statt. Einige Legenden treten, mutmaßlich lizenzbedingt, gar nicht auf.
Der Schreiberling hat Vermisstenanzeigen wegen Pitfall!, Frogger, River Raid, Dig Dug und Chopper Command aufgegeben, aber nicht viel Hoffnung auf einen DLC oder zweiten Teil. Schade eigentlich.
Meinung
Atari Mania ist seit dem 13. Oktober 2022 erhältlich, und zwar neben dem PC auch für die Nintendo Switch. Als Entwickler fungiert Illogika Studios, Publisher ist wenig verwunderlich Atari. Wer sich das Spiel trotz unserer eher mäßigen Begeisterung zulegen will, muss dafür knapp 20 Euro veranschlagen.
