We Happy Few im Test: Macht nicht süchtig, zieht aber rein!

Test Felix Schütz
We Happy Few im Test: Macht nicht süchtig, zieht aber rein!
Quelle: PC Games

Mal berauschend, dann wieder ermüdend: In We Happy Few vermischt Compulsion Games viele tolle Ideen zu einem ambitionierten, aber auch unausgegorenen Genre-Cocktail. Action, Adventure, Stealth, Survival - all das steckt in We Happy Few. Im Review klären wir, ob sich der bizarre Drogentrip seit seiner ausgedehnten Early-Access-Phase spürbar verbessert hat.

Die gute Nachricht für alle, die es eilig haben: We Happy Few (jetzt kaufen 24,99 € ) lässt sich in etwa drei Minuten durchspielen. Zu Beginn haben wir nämlich die Wahl: Wollen wir die rote Pille schlucken, in der die Glücksdroge "Joy" steckt? Falls ja, ist das dystopische Action-Adventure direkt vorbei. Falls nein, und das ist natürlich der richtige Weg, legt We Happy Few erst so richtig los: Der kreative Genre-Mix katapultiert uns in ein alternatives England des Jahres 1964, genauer in die retrofuturistisch designte Stadt Wellington Wells. Hier regiert die Droge: Wer sein Joy nicht regelmäßig schluckt, wird von der Gesellschaft ausgestoßen und gejagt. Denn Joy macht nicht nur glücklich und blind für das offenkundige Elend der Menschen, es lässt sie auch vergessen. Zum Beispiel, dass die Briten in We Happy Few den Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis verloren haben und all ihre Kinder nach Deutschland verschiffen mussten. Die Bewohner von Wellington Wells haben also allen Grund, ihre Vergangenheit zu begraben - und verpflichten sich deshalb zu regelmäßigem Joy-Konsum. In diesem bizarren Überwachungsstaat erleben wir drei ineinander verwobene Geschichten, jede mit eigener Hauptfigur, die wir in fester Reihenfolge spielen müssen.

We Happy Few im Test: Zwischen Rausch und Wahnsinn

Die ersten Minuten sind packend inszeniert. Leider poltert der Plot in den Stunden danach etwas planlos vor sich hin, bis er sich später wieder fängt. Quelle: PC Games Die ersten Minuten sind packend inszeniert. Leider poltert der Plot in den Stunden danach etwas planlos vor sich hin, bis er sich später wieder fängt. Den Anfang macht Arthur Hastings, der zunächst noch glücklich berauscht für die örtliche Zensurbehörde arbeitet. Als ihm jedoch eine verdrängte Kindheitserinnerung an seinen Bruder einfällt, setzt er sein Joy kurzerhand ab und muss als geächteter "Downer" in den zerbombten Randbezirken von Wellington Wells untertauchen. Von hier aus plant er, die Stadt trotz all ihrer strengen Sicherheitsvorkehrungen zu verlassen und sich auf die Suche nach seinem verschollenen Bruder zu machen - der Startschuss für eine wendungsreiche Handlung, die euch für 20 bis 25 Stunden beschäftigt, je nachdem, wie viele Nebenaufgaben ihr dabei erledigen wollt.

Im zweiten Akt schlüft ihr dann in die Rolle von Sally Boyle, eine brillante Chemikerin, die ein spannendes Geheimnis verbirgt. Ihre Geschichte spielt fast parallel zu der von Arthur, in manchen Momenten überschneiden sich die Handlungsstränge sogar und werfen ein anderes Licht auf vorangegangene Ereignisse. Das trifft auch auf den dritten Akt zu, der ähnlich wie der von Sally rund 10 Stunden und mehr in Anspruch nimmt und mit dem verrückten britischen Soldaten Ollie Starkey einen weiteren Helden in den Mittelpunkt rückt.
Schon früh lernen wir den irren Ollie kennen. Im dritten Akt wird er selbst zum spielbaren Helden. Quelle: PC Games Schon früh lernen wir den irren Ollie kennen. Im dritten Akt wird er selbst zum spielbaren Helden. Obwohl sich alle Charaktere im Kern gleich spielen, verfügt jeder Held über eigene Stärken, Schwächen und Besonderheiten. Der schmächtige Arthur ist beispielsweise ein flinker Allrounder, der Gegner lautlos von hinten überrumpeln kann - er ist der ideale Held für den Einstieg und nimmt darum den größten Part ein. Sally spritzt sich dagegen mit selbst hergestellten Drogen in Form und kann sich, ganz im Gegensatz zum geächteten Arthur, in nahezu allen Gesellschaftsschichten frei bewegen. Und der stämmige Ollie ist zwar ungeschlagen im Nahkampf, kommt am Chemietisch aber auf keinen grünen Zweig und wird von Wahnvorstellungen und einer lästigen Krankheit geplagt.

We Happy Few im Test: Unausgereift und vielfältig

Obwohl We Happy Few oft mit Bioshock verglichen wurde, hat es spielerisch damit kaum etwas gemein. Vielmehr vermixt We Happy Few allerlei Elemente aus Action-, Adventure-, Stealth- und Survival-Spielen zu einem interessanten Cocktail, der aber viel zu lange braucht, um in die Gänge zu kommen. Nach dem furiosen Intro stolpert der Plot erst mal eine Weile vor sich hin, viele Spielelemente wirken außerdem auf den ersten Blick willkürlich zusammengeklebt und unausgereift. Hier muss man durchhalten, um zum durchaus guten Kern von We Happy Few durchzudringen, nämlich der Story, die Themen wie bissige Gesellschaftskritik, Trauer, Schuld und Verlust behandelt. Der Plot nimmt später Fahrt auf, wird in Hauptmissionen vorangetrieben, in denen wir schräge Charaktere treffen, solide designte Innenlevels erkunden und kämpfend, schleichend und rätselnd vielfältige Aufgaben erledigen: Eine Militärbasis infiltrieren, chemische Formeln stehlen, Fabriken sabotieren, aggressive Saugroboter killen, Beweise beschaffen sowie Auftritte als Laufstegmodel und Show-Moderator stehen auf dem Programm - das ist vielleicht nicht immer spannend oder fordernd, aber stets bizarr und vielseitig!
In den ersten Stunden lenken wir Gegner noch mit Flaschenwürfen ab, um sie lautlos von hinten zu erledigen. Später ist das nicht mehr nötig. Quelle: PC Games In den ersten Stunden lenken wir Gegner noch mit Flaschenwürfen ab, um sie lautlos von hinten zu erledigen. Später ist das nicht mehr nötig. Dazwischen steht es uns frei, die zufallsgenerierte Spielwelt zu erkunden, was zu den schwächeren Parts von We Happy Few zählt: Zwar tummeln sich zig Zufallscharaktere auf den Straßen der Stadt- und Randbezirke, die allerdings nichts Sinnvolles zu sagen haben und auch optisch kaum Abwechslung bieten, da es viel zu wenige Charaktermodelle gibt. Der Effekt: Die meisten Fußgänger schauen aus wie geklont. Auch die zufällig platzierten Levelbausteine wirken oft lieblos aneinandergereiht, egal ob man durch die bunt beleuchtete Innenstadt oder durch die trostlosen Trümmerlandschaften der Außenbezirke wandert. Hier und da gibt es zwar optische Highlights und atmosphärische Details, doch eine handgemachte und dafür durchdachtere Spielwelt wäre uns lieber gewesen!

We Happy Few im Test: Sammeln, basteln, überleben

Wer die Welt gründlich absucht, wird mit massenhaft Ausrüstung und Handwerksmaterial belohnt. Quelle: PC Games Wer die Welt gründlich absucht, wird mit massenhaft Ausrüstung und Handwerksmaterial belohnt. Wer gerne sammelt, wird in We Happy Few auch ohne Drogen glücklich: In Behältern wie Truhen, Schränken und Mülleimern finden wir Berge an Baumaterial und Gegenständen. Nicht alles davon ist nützlich, doch was man nicht braucht, verhökert man einfach beim Händler. Den Rest verwenden wir fürs Handwerk: Mit bestimmten Substanzen stellen wir am Alchemietisch beispielsweise Drogen her, die uns mehr Ausdauer verschaffen oder unentdeckt durch Polizeiscanner marschieren lassen. Mit Büroklammern basteln wir Dietriche, mit denen wir Schlösser knacken. Und mit ein paar Stofffetzen schneidern wir uns einen ordentlichen Anzug, der uns dabei hilft, in den nobleren Stadtvierteln nicht unnötig aufzufallen - sonst schlagen die Passanten umgehend Alarm! Die Fülle an Gegenständen ermöglicht hier und da sogar unterschiedliche Lösungswege. So können wir beispielsweise eine Polizeisperre außer Kraft setzen, wenn wir den dazugehörigen Schaltkasten mit einem Elektroschocker bearbeiten. Oder aber wir suchen uns einen alternativen Weg durch einen Luftschacht. Als dritte Möglichkeit könnten wir die Wache mit einer Flasche Scotch abfüllen und einfach durch den Scanner marschieren, denn von dem besoffenen Polizisten geht danach keine Gefahr mehr aus.
Da unsere Helden gelegentlich hungrig werden, sollten wir auch etwas Nahrung und Wasser im Gepäck haben, außerdem müssen wir ab und an ein Bett aufsuchen, sonst drohen leichte Schwächungseffekte. Da sich diese Debuffs aber spielerisch aber nur gering auswirken und man weder an Hunger noch an Schlafdefizit sterben kann, fallen die Survival-Elemente von We Happy Few insgesamt sehr simpel aus. Zumal man massenhaft Nahrung und Heilmittel findet, solange man die Umgebung sorgfältig absucht.

We Happy Few im Test: Schleichen oder kämpfen

Bei unseren Raubzügen müssen wir schleichend vorgehen, was dank der schwachen Gegner-KI aber nur selten ein Problem ist. Quelle: PC Games Bei unseren Raubzügen müssen wir schleichend vorgehen, was dank der schwachen Gegner-KI aber nur selten ein Problem ist. Die beste Beute wartet in bewohnten Häusern auf uns, denn vor allem hier finden wir seltene Materialien oder Bücher, die uns dauerhafte Boni verpassen. Dabei müssen wir uns allerdings vor den Bewohnern in Acht nehmen und möglichst unentdeckt bleiben! Hier kommt das rudimentäre Schleichsystem ins Spiel, das leider nur wenig Infos über unsere Sichtbarkeit und Lautstärke liefert. Immerhin ermöglicht es uns aber, die Schritte von Gegnern durch Wände hindurchzusehen, dadurch lassen sich NPCs leicht umgehen. Und werden wir doch mal entdeckt, können wir uns einfach in Schränken oder unter Betten verstecken. Das empfiehlt sich besonders dann, wenn uns mal wieder die halbe Stadt auf den Fersen ist, was sehr schnell passieren kann - in manchen Gegenden genügt es bereits, im falschen Moment zu rennen oder zu springen, schon hat man zig Gegner am Hals! Da die KI aber nur wenig auf dem Kasten hat, genügt es schon in der Regel, einfach in eine Seitengasse zu flitzen, dort in eine Mülltonne zu springen und kurz zu warten, bis der wütende Mob seine Jagd aufgibt. Danach kann man sich wieder gefahrlos blicken lassen.
Mit Schirm und Bratpfanne: Das Nahkampfsystem fällt simpel aus, erfüllt aber seinen Zweck. Quelle: PC Games Mit Schirm und Bratpfanne: Das Nahkampfsystem fällt simpel aus, erfüllt aber seinen Zweck. Alternativ liefern wir uns simple Nahkämpfe, in denen wir zuschlagen, schubsen, blocken und unsere Ausdaueranzeige im Blick behalten müssen. Das ist auf Dauer zwar nicht sonderlich spaßig, führt aber zumindest immer ans Ziel: Zwar haben wir am Anfang nur schwache Waffen wie Äste oder Cricketschläger zur Verfügung, doch im späteren Spielverlauf finden wir auch Elektroschocker oder seltene Superwaffen wie die "Sandmann"-Keule, die viele Feinde schon nach ein bis zwei Treffern umhaut. Oft ist es da schneller, sich einfach durchzukämpfen, anstatt sich langwierig an den Gegnern vorbeizuschleichen.

We Happy Few im Test: Gute Nebenquests trotz Leerlauf

In jedem Gebiet finden wir eine solche Luke zu einem unterirdischen Bunker. Hier können wir uns erholen, außerdem dient jeder Bunker als Schnellreisepunkt. Quelle: PC Games In jedem Gebiet finden wir eine solche Luke zu einem unterirdischen Bunker. Hier können wir uns erholen, außerdem dient jeder Bunker als Schnellreisepunkt. Beim Erkunden der Stadt- und Außengebiete entdecken wir erfreulich viele Nebenquests, die oft mit originellen Ideen punkten. Sie sind neben den Hauptmissionen auch die einzige Möglichkeit, wichtige Upgrade-Punkte zu verdienen, die wir in einigen Talentbäumen investieren. Durch freigeschaltete Fähigkeiten werden unsere Helden widerstandsfähiger, unauffälliger und spürbar flexibler, schon allein weil manche der nervigeren Spielelemente - etwa die nächtliche Ausgangssperre oder das Verbot, auf Straßen zu rennen - damit wegfallen. Das entschädigt auch etwas für die langen Laufwege, die für viele Quests anfallen. Zwar schalten wir in jedem Gebiet nützliche Bunker frei, die auch als Schnellreisepunkte dienen, doch selbst mit ihnen verschlingt das Backtracking noch ziemlich viel Zeit.

We Happy Few im Test: Durchwachsene Framerate

Im Test der PC-Version zeigte sich We Happy Few erstaunlich stabil, wir hatten nur zwei Abstürze zu beklagen. Allerdings tauchten manche NPCs wie aus dem Nichts einfach vor uns auf, ein Fehler, der besonders beim Erkunden der Häuser auftrat. Auch die KI zeigte immer wieder mal kleinere Aussetzer. Störend fiel uns auch die niedrige Framerate auf, die in keinem Verhältnis zur gebotenen Optik steht: Die Unreal Engine 4 sorgt zwar für schöne Beleuchtung und auch das retrofuturistische, comichafte Design wird stimmig präsentiert, doch weder die Zufallslevels noch die oft detailarmen NPCs rechtfertigen solche Performanceeinbrüche, wie wir sie im Test erlebt haben.

We Happy Few ist für PC, PS4 und Xbox One erhältlich, bietet nur englische, meist stimmungsvolle Sprachausgabe und deutsche Untertitel. Neben dem 60 Euro teuren Hauptspiel gibt's auch einen Season Pass für 25 Euro, der in Zukunft drei weitere Story-Kapitel mit neuen Helden hinzufügen wird. Das erste Add-on soll laut Steam-Produktseite am 7. Dezember erscheinen.

We Happy Few im Test: Wertung und Fazit

Meinung

Wertung zu We Happy Few (PC)

Wertung:

7.0 /10
Pro & Contra
Drei unterschiedliche HeldenSolide Story mit guten IdeenAbwechslungsreiche NebenquestsErfreulich umfangreichViel Zeug zum Sammeln und CraftenHübsches Design, dichte AtmosphäreMotivierende TalentbäumeSurvival-Elemente nerven nicht, da es massig Nahrung und Heilmittel gibtFreischaltbare Schnellreisepunkte
Oft lieblose ZufallsumgebungenOberflächliches SchleichsystemUnspannende NahkämpfeUnglaubwürdiges KI-VerhaltenSchwache PerformanceAbrupte Tag-und-Nacht-WechselEintönige Klon-NPCsViel Leerlauf und Backtracking

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