Valorant im Test: Angriff auf den Platzhirsch

Test Dominik Pache
Valorant im Test: Angriff auf den Platzhirsch
Quelle: Riot Games

Um einen Platzhirsch zu verdrängen, braucht es eigentlich mehr als ein paar Brunftschreie. Doch diese hat Valorant anscheinend nicht einmal nötig, ohne großes Halali erschien der Taktik-Shooter nach einer zweimonatigen Beta-Phase nun Anfang Juni. Der Platzhirsch hört auf den Namen Counter-Strike: Global Offensive und ist eine feste Größe im eSport. Ob Valorant tatsächlich CS das Revier streitig machen kann oder ihm der Titel "Bester eSport-Shooter" durch die Lappen geht, klären wir jetzt.

Zwei Teams mit je fünf Spielern kämpfen gegeneinander. Zu Beginn einer Runde ist es möglich, Waffen zu kaufen, sollte man innerhalb dieser Runde virtuell das Zeitliche segnen, muss man auf den nächsten Durchgang warten. Ein Team versucht in bestimmten Arealen eine Bombe zu legen, das andere Team will das verhindern, nach ein paar Runden wird gewechselt: Das wird dem einen oder anderen bekannt vorkommen.

Valorant ist jedoch kein reiner Counter-Strike-Klon, denn viele Dinge wurden im Vergleich zu Valves Taktik-Shooter stark verändert. Alle Unterschiede sind aber durchdacht, bereichern den Spielfluss und ergeben Sinn.

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Der Teufel steckt im Detail

Barriere öffnet sich. Helden laufen los. Quelle: PC Games Jetzt geht es los! Barrieren sind so platziert, dass die Teams direkt aufeinandertreffen können. Kleine Unterschiede zu CS: GO, die vielleicht unscheinbar wirken, sorgen für kürzere Downtimes zwischen den Runden. Die Karte ist etwa zu Beginn des Spiels durch Barrieren abgesperrt, damit Spieler in Ruhe Waffen kaufen und sich in Position bringen können. Erst, wenn ein Timer abgelaufen ist, verschwinden die Begrenzungen. Diese Barrieren sind so platziert, dass sich die Teams vorher nicht hören oder sehen können. Die oft routinierte und manchmal sogar langweilige Anlaufphase zu Rundenbeginn entfällt damit, denn es kann direkt zum Start auf ein Aufeinandertreffen der Teams kommen. Vor dem Beginn einer Runde ist es an jeder Stelle des abgesperrten Gebietes möglich, Waffen zu kaufen und diese auch wieder loszuwerden, sollte man sich vertan haben. So spart man sich lästige Wege und ist nicht auf die Nutzung von Waffen angewiesen, die man sich aus Versehen oder vor der Ankündigung einer Sparrunde gekauft hat. Sehr praktisch.

Spezial, aber nicht speziell

Die Spieler müssen sich aber nicht allein auf ihre Waffen und ihre Zielgenauigkeit verlassen. Jeder Agent besitzt Spezialattacken, die vor allem taktischer Natur sind. Auf den ersten Blick wirken diese Fähigkeiten wie der größte Unterschied zu Counter-Strike. Allerdings entsprechen die meisten davon den Granaten in anderen Spielen, nur mit einem kleinen Kniff versehen. Phoenix kann zum Beispiel die Fähigkeit "Fieser Wurf" anwenden, welcher einer Blendgranate entspricht, allerdings wirft er sie in einem Bogen um die Ecke. Omens Fähigkeit "Finsterer Schleier" entspricht einer Rauchgranate, doch kann er sie auch durch Wände hindurch platzieren.

Der "Schockschuss" von Sova ist im Prinzip eine einfache Splittergranate, doch kann man durch den Druck auf die linke oder rechte Maustaste entscheiden, ob der Schuss beim Aufschlag detonieren, oder vorher erst an Wänden abprallen soll. Brimstones Fähigkeit "Brandbeschuss" ist ein einfacher Molotov-Cocktail, ohne Schnickschnack. Viele andere Fähigkeiten folgen diesem Muster und sind bei genauerer Betrachtung, leichte Abwandlungen, von Molli, Splitter-, Rauch- und Blendgranate.
Sage erschafft eine Eisbarriere vor einem Tor. Quelle: PC Games Die Eisbarrieren von Sage können ganze Routen absperren. Da muss man sich erstmal durchschiessen, was wichtige Zeit und Munition kostet. Interessant wird es allerdings bei den Spezial-Attacken, die nicht diesem Muster entsprechen. Sage kann zum Beispiel eine Eiswand platzieren, durch die sich Gegner erst einmal durchschießen müssen. Reyna kann zwei ihrer drei Basis-Fähigkeiten erst einsetzen, wenn sie einen Gegner besiegt hat, wodurch sie enorm auf Frags angewiesen ist. Jett ist sehr agil und kann sich blitzschnell nach vorne oder in die Luft katapultieren. Trotz der exotischeren Spezial-Angriffe wird es aber niemals unfair. Die Balance stimmt, denn die meisten Fähigkeiten müssen einerseits zum Beginn der Runde gekauft werden, andererseits sind sie dann auch nur in begrenzter Anzahl einsetzbar. Die taktischen Möglichkeiten und Kombinationen gestalten sich dadurch äußerst reizvoll. Die Zusammenstellung der Helden und die Kombination ihrer Fähigkeiten im kompetitiven Spielbetrieb wird spannend zu beobachten sein.

Sova feuert sein Ult ab. Quelle: PC Games Sovas Ultimate sind bis zu drei sehr starke Schüsse, die sogar durch Wände hindurch gehen. Jeder Agent besitzt drei Grundfähigkeiten. Eine davon ist die sogenannte Signaturfähigkeit, die zu Beginn einer Runde automatisch aufgeladen wird. Ihr müsst sie also nicht kaufen. Mit Frags könnt ihr eine bereits benutzte Signaturfähigkeit auch während der laufenden Runde wieder aufladen. Zusätzlich besitzt jeder Agent eine ultimative Fähigkeit, die jedoch über mehrere Runden hinweg durch Frags und platzierte Spikes aufgeladen werden muss. Außerdem bekommt ihr auch nach eurem Ableben eine Ladung für euren Ultimate und könnt auf der Karte verteilte Kugeln finden, die ebenfalls eine Ladung verleihen. Ultimates sind natürlich besonders mächtig und können sogar verloren geglaubte Runden noch einmal drehen. Sova kann mit seinem Ult zum Beispiel drei mächtige Schüsse ausführen, die sogar durch Wände fliegen. Sage kann gar einen gefallenen Kameraden wiederbeleben.

Aim vor Ausgewogenheit

Sova kurz vor dem Abschuss durch ein Scharfschützengewehr. Quelle: PC Games Im Fadenkreuz! Dieser Sova hats gleich hinter sich. Die Zielgenauigkeit des Spielers ist deutlich wichtiger als die Fähigkeiten der Agenten. Agenten werden in vier verschiedene Klassen eingeteilt, die ihre Rolle auf dem Schlachtfeld beschreiben soll. Wächter können besonders gut Flanken bewachen oder sogar komplett absperren. Initiatoren drängen Verteidiger zurück und decken ihre Position auf. Taktiker überblicken die Map und sorgen für einen optimalen Weg zum Ziel und Duellanten sind die geborenen Killermaschinen. Diese Aufteilung führt zu der Annahme, dass man am besten ein ausgewogenes Team aus diesen Klassen zusammenstellen sollte und das ist auch richtig. Allerdings ist es auch nicht so kriegsentscheidend wie in einem Overwatch. In erster Linie zählt das individuelle Können an der Waffe.

Pistolen, Schrotflinten, Maschinenpistolen, Sturmgewehre, Sniper und schwere Maschinengewehre: Bei der Waffenauswahl ist für jeden etwas dabei. Die 17 Schießprügel unterscheiden sich stark voneinander und jeder hat seine Daseinsberechtigung. Das Gunplay ist präzise und die Beherrschung der Streuungsmuster der Waffen will gelernt sein. Je nach Waffengattung und Material der Deckung können Widersacher auch durch Wände hindurch erschossen werden.

Das Ziel ist klar: eSport

Spike wird entschärft. Der Boden um den Spike wird immer schwärzer. Quelle: PC Games Der Spike steht kurz vor der Explosion. Ob er noch rechtzeitig zu entschärfen ist? Valorant (jetzt kaufen 100,00 € ) ist durch und durch auf die Tauglichkeit für den eSport gebürstet. Die Grafik kann man bestenfalls als zweckmäßig beschreiben. Keine hochauflösenden Texturen lenken vom Spielgeschehen ab, keine Schatten erzeugen schummrigen Ecken, in denen sich Spieler vor den Augen ihrer Gegner verstecken können. Der tolle Nebeneffekt sind die niedrigen Systemanforderungen und daraus resultierenden hohen Spielerzahlen. Das Matchmaking dauert oft nur wenige Sekunden. Riot Games stellt 128-Tick-Server zur Verfügung und möchte auf bis zu 10 Jahre alten Rechenknechten eine Framerate von 30 Bildern pro Sekunde erreichen. Auf neueren Geräten ist das Ziel 60 bis 144 FPS, sowie ein Ping von unter 35ms in größeren Städten.

Zum Launch gibt es die vier Karten Bind, Haven, Split und Ascent. Trotz der auf jeder Karte einigermaßen vorherrschenden Symmetrie sind Plätze und Wege markant designed und man fühlt sich nach wenigen Matches bereits wie zu Hause. Nur auf Haven gibt es derzeit drei Bombenspots, alle anderen Karten sind mit zwei Bombenplätzen ausgestattet. Es wird in Zukunft auch noch weitere Agenten und Maps geben, allerdings werden neue Helden etwas häufiger erscheinen als neue Karten. Die vorhandenen Maps sind zwar sehr gut, aber nutzen sich nach ausgiebigem Spielen doch ein wenig ab.
Idyllische Verhältnisse auf der Tutorial-Karte. Quelle: PC Games Valorant ist sehr hell und bunt. Das trägt dazu bei Gegner schnell zu erkennen, trifft aber bei weitem nicht jeden Geschmack. Bei den Spielmodi war Entwickler Riot Games ein wenig knausrig. Neben dem normalen Modus gibt es lediglich den Spike-Ansturm, der eine etwas kürzere Variante des Standard-Modus darstellt. In Spike-Ansturm kauft ihr am Anfang einer Runde keine Waffen. Alle Charaktere erhalten zu Beginn die gleiche Knarre. Außerdem sind alle Aufladungen der normalen Agenten-Fähigkeiten gefüllt. Eine Spielhälfte dauert auch nicht die regulären 12, sondern nur drei Runden. Auf der Karte verteilte Kugeln lösen Ereignisse aus, die für ein wenig Chaos sorgen.

Phoenix und Omen stürmen auf den Bombenplatz. Quelle: PC Games Jeden Moment könnte ein Verteidiger um die Ecke kommen. Ob er mit der kompletten Mannschaft der Angreifer rechnet? Den Gegnern kann zum Beispiel eine Krankheit geschickt werden, die für kurze Zeit ihre Lebenspunkte reduziert, die eigene Waffe kann aufgewertet werden, oder man bewegt sich schneller über das Schlachtfeld. Spike-Ansturm ist eine nette Abwechslung für zwischendurch. Ein Ranked-Mode wie in der Beta ist zum Launch noch nicht vorhanden, soll aber bald verfügbar sein. Die Entwickler wollen seine Einführung wohl etwas zelebrieren. Trotzdem wären weitere Modi wie ein normales Team-Deathmatch, oder Wettrüsten schön gewesen, sodass man ohne Stress Waffen und Fähigkeiten testen kann. Es existiert zwar ein Tutorial samt Schießstand, mit echten Aufeinandertreffen von Spielern ist das aber nicht vergleichbar. Auf Nachfrage bekamen wir immerhin die Bestätigung, dass die Entwickler bereits an solchen Modi arbeiten.

Der gute Ton ist reduziert

Auch der Sound ordnet sich dem eSport-Gedanken optimal unter: Keine ablenkenden Umgebungsgeräusche, keine Musik während der Matches. Dafür sind Schritte und Schüsse umso deutlicher zu hören und können, die entsprechenden Kopfhörer vorausgesetzt, auf der Karte optimal geortet werden. Die Kommunikationsmöglichkeiten sind vorbildlich. Der Voice-Chat kann an alle, das eigene Team, oder nur die Gruppe gesendet werden, mit der man sich angemeldet hat. Funkbefehle die mit charmanten Sprachsamples der Agenten versehen sind, werden über ein Menü, ein Befehlsrad oder durch anpingen von Gegenständen und Orten abgesetzt. Die deutsche Vertonung der Samples ist gut und verleiht den Helden Persönlichkeit. Natürlich gibt es aber auch einen stinknormalen Chat.

Genügsam und freigiebig

Valorant ist Free2Play. Wer jetzt gerade zusammengezuckt ist, kann beruhigt werden: Das Monetarisierungsmodell des Spiels ist äußerst fair gestaltet. Kosmetische Items werden mit Erfahrungspunkten, die man durch abgeschlossene Matches und tägliche Herausforderungen verdient, freigespielt und dann gekauft.
Abschuss über Kimme und Korn mit Sturmgewehr. Quelle: PC Games Der letzte Abschuss der Runde. Manche Tore sind verschließbar, wodurch sich Wege ändern können. Die Tore können aber nach dem Schließen auch wieder aufgeschossen werden. Alle paar Level bekommt man aber auch ohne jemals Geld zu investieren einen gratis Skin oder ein bisschen Ingame-Währung im Rahmen des Saison-Fortschritts. Zu Beginn sind fünf der 11 Helden auswählbar. Zwei zusätzliche könnt ihr euch innerhalb weniger Runden erspielen. Agenten können sowohl mit Ingame-Währung gekauft, aber auch freigespielt werden. Nach den ersten beiden neuen Helden, die ihr relativ fix bekommt, investiert ihr eure Erfahrungspunkte in Aufträge, durch die ihr dann die anderen Agenten erhaltet.

Sage steht auf einer Kiste und bewacht den platzierten Spike. Quelle: PC Games Der Spike liegt und wird von Sage auf der Kiste bewacht. Bringt ihr aber nicht viel, denn diese Camper-Position ist nach ein paar Runden bereits bekannt. Durch die Installation von Valorant müsst ihr euch die Anti-Cheat-Software Riot Vanguard auf den PC packen. Diese arbeitet mit einem Treiber, der im Kernel eures Betriebssystems installiert wird, wodurch illegale Software wie zum Beispiel Aimbots besser erkannt werden. Hin und wieder sind uns kleinere Bugs aufgefallen, die sich aber nie auf das Spielgeschehen auswirkten. Die Entwickler wollen dem Spiel zum Launch zwar erst mal etwas Zeit geben, damit es sich bei den Spielern etabliert. Die Ambitionen in Sachen eSport sind aber offensichtlich.

Meinung & Wertung

Meinung

Wertung zu Valorant (PC)

Wertung:

9.0 /10
Pro & Contra
Alle Entscheidungen im Gameplay wurden zu Gunsten des tollen kompetitiven Spielgefühls getroffenGute Balance zwischen stark unterschiedlichen AgentenFantastisches und präzises GunplayWaffen sind schön unterschiedlichJeder kann es spielen: Geringe Systemanforderungen, Free 2 Play und gute LokalisierungFaires Monetarisierungsmodell: Alle Agenten sind ohne den Einsatz von Echtgeld erspielbarSchöne Detailverbesserungen im Vergleich zu CS:GO128-Tick-Server erfüllen lange gehegte Wünsche kompetitiver SpielerViele Varianten zur Kommunikation mit den Team-Kollegen
Kein Ranked-Mode zum Launch - Matches gegen um Klassen bessere Spieler sind auf Dauer frustrierendKeine Casual-Spielmodi wie Team-Deathmatch zum LaunchGrafik ist sehr hell, bunt und bestenfalls zweckmäßig
Fazit

Trotz kleiner Makel ein Shooter-Highlight

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