Tokyo 42 angespielt: Grobkörniger Assassine sucht liebevolle Hände

Special André Seifferth
Tokyo 42 angespielt: Grobkörniger Assassine sucht liebevolle Hände (2)
Quelle: Smac Games

Agent 47 aus der Hitman-Reihe befindet sich derzeit in der Season-Pause und auch bis zum nächsten Teil der Assassin's Creed-Reihe dauert es noch eine Weile. Wie gut, dass es ein Indie-Studio wagt, uns in das bonbonbunte Tokyo zu entsenden und dort für ein wenig Furore zu sorgen. In unserem Anspiel-Bericht geben wir euch eine Kostprobe von Tokyo 42.

Die Welt der Assassinen ist düster und dreckig. Doch Geld stinkt bekanntermaßen nicht - und unseren romantisierenden Gedanken zu diesem brutalen Karriereweg können wir uns im Angesicht von so ikonischen, rauen Figuren wie dem Videospiel-Mörder Agent 47 aus der beliebten Hitman-Reihe oder Assassin's Creed-Meuchler Ezio Auditore nicht verwehren. Dennoch ist in diesem weiten Feld durchaus noch genügend Platz für einen neuen Tatortverursacher im Pixelgewand. Vorhang auf für: Tokyo 42.

Meuchelmörder Widerwillen

Tokyo 42 ist in einer futuristischen Version der japanischen Metropole im Jahr 2042 angesiedelt. Unserem namenlosen Protagonisten wird schon zu Spielbeginn ein Mord angehängt, sodass dieser schnell die Beine vor der unbarmherzigen Staatsgewalt in die Hand nehmen muss. Fortan ist es unser Ziel in die Topränge stadtbekannter Assassinen aufzusteigen, um so die tatsächlichen Strippenzieher des Komplotts entlarven zu können. Als Meuchelmörder dürfen wir uns auf dem Open-World-Spielplatz vergnügen und erarbeiten uns durch Missionsabschlüsse in den einzelnen Arealen einen stetig wachsenden Ruf. Das Spielprinzip gleicht einer bunten Mischung aus den Uraltversionen der GTA-Reihe, diversen Jump 'n' Run-Spielen und dem angesprochenen Hitman. So dürfen wir nicht nur zahlreiche Attentate auf Zielpersonen verrichten, sondern auch Autorennen fahren oder Kurier-Mission erledigen. Haben wir einen der zahlreichen Aufträge an einer Station angenommen, stehen uns in der offenen Welt vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung, um satte Boni einzufahren und so unseren Waffen-Park stattlich zu bestücken. Ob wir in den Missionen nun eine deftige Granaten-Salve auf die Schergen unseres Ziels werfen, oder lieber mit einer fetten Wumme mal ordentlichen Hausputz betreiben, bleibt uns größtenteils selbst überlassen. Allerdings mussten wir auf schmerzhafte Weise feststellen, dass lautloses Verhalten unserer Zielerfüllung deutlich besser zu Gesicht steht.
Mit einer fetten Knarre lässt sich die Stadt schnell säubern. Quelle: Smac Games Mit einer fetten Knarre lässt sich die Stadt schnell säubern.

Störende Vertragsvorgaben für Wiederholungs-Täter

Bei euren Missionsausflügen werden euch so einige Steine in den Weg gelegt, die eine lautlose Herangehensweise etwas erschweren: So müssen eure eigentlichen Ziele mit zumeist vorgegebenen Mittel auf dem Verkehr gezogen werden, damit ihr die Mission als Bestanden verbucht. Auch das hohe Aufkommen von Trial-and-Error-Momenten in den einzelnen Passagen, verpasst so manchen, vielversprechenden Auftrag einen faden Beigeschmack. Insgesamt ist es äußerst schwierig gegen die Leibwächter stets eine passende Antwort zu finden - Frustresistente Naturen haben wir einen Vorteil. Glücklicherweise wird dieser Effekt ein wenig dadurch entschärft, dass sich das Ableben eurer Figur lediglich als Formsache Die Polizeikräfte versuchen euch stetig daran zu erinnern, dass auch Pixel Rechte besitzen. Quelle: Smac Games Die Polizeikräfte versuchen euch stetig daran zu erinnern, dass auch Pixel Rechte besitzen. herausstellt. Nach einem Bildschirmtod gibt es keinerlei restriktive Maßnahmen wie beispielsweise Geld- oder Waffenverlust. Seid ihr abseits eurer Missions-Einsätze durch eure Aggressionen zu auffällig und tötet friedliche Bewohner, rücken euch rasch erbarmungslose Einsatzkräfte mit immer größer werdendem Aufgebot zu Leibe. Unter den einzelnen Wellenattacken befinden sich klassische, gepanzerte Zivileinheiten ebenso, wie mechanische Roboter-Geschütze. Derartige Konfrontationen solltet ihr euch lieber zweimal überlegen, denn die immer stärker werdenden Wellen sollen euch lediglich von weiteren Chaos in Tokio abhalten. In den Missionen wird euch dieser Aspekt weniger zum Verhängnis werden, da dabei die Toleranzschwelle der Staatsgewalt zu euren Gunsten abgemildert wird.

Easy Rider

Ebenfalls von gehörigen Anspruch geprägt sind die verschiedenen Rennmissionen auf dem Bike, in denen ihr optional euer fahrerisches Talent unter Beweis stellen dürft. Die Strecken werden dabei dem Zukunfts-Tokio übergestülpt, sodass Kollateralschäden mit Passanten ausgeschlossen werden können und euch nervige Hindernisse erspart bleiben. Diese zusätzlichen Missionen lockern den Spielablauf des bekannten Schemas "Töte Person XY" etwas auf und liefern einen zusätzlichen Anreiz durch satte Preisgelder. Leider stört bei den Rennen die äußerst schwammige Steuerung. Bei Massenrennen mit über 15 Teilnehmern um die Rennfahrerkrone behindert euch obendrein die unfaire KI, welche deutlich agiler über das Teergestein brettert. Die Kuriermissionen mit dem Motorrad verlaufen da deutlich entspannter. Hier müsst ihr innerhalb eines recht knappen Zeitlimits bestimmte Checkpoints durchfahren und werdet nicht von anderen Teilnehmern am Vorankommen gehindert. Diese Parcours gestalten sich dennoch durch ihren Verlauf ziemlich anspruchsvoll.

Ansichtssache

Die Ansicht kann von euch jederzeit selbständig gedreht werden. So meistert ihr die zahlreichen Hüpfeinlagen spielend. Bei schnellen Schusswechseln ist das allerdings weniger nützlich. Quelle: Smac Games Die Ansicht kann von euch jederzeit selbständig gedreht werden. So meistert ihr die zahlreichen Hüpfeinlagen spielend. Bei schnellen Schusswechseln ist das allerdings weniger nützlich. Ein interessanter steuerungstechnischer Kniff erwartet euch in Tokyo 42 ebenfalls: Die Ansicht kann von euch, ähnlich wie im Indie-Plattformer Fez, in kurzen Winkelabständen gedreht und angepasst werden. Diese Funktion sorgt manches Mal aber eher für Übersichtsschwierigkeiten, anstatt bei der Orientierung zu helfen. Gerade die oft störende Objektverdeckung und das hakelige Zielsystem sind in hektischen Fluchtsituationen problematisch. Schließlich wechseln eure Bewegungen zwischen der horizontalen und vertikalen Ebene hin und her. Überzeugend funktioniert hingegen die Teleport-Funktion des Spiels, mit der ihr euren Assassinen-Anwärter quer durch die Stadt an einzelne Stationen beamen könnt und so lästige Laufwege reduziert.

Bauklötzchen-Optik als trügerische Fassade

In der futuristischen Version Tokios erstrahlt alles in blassen Farbtönen und die Häuser wirken blockartig. Quelle: Smac Games In der futuristischen Version Tokios erstrahlt alles in blassen Farbtönen und die Häuser wirken blockartig. Womit wir auch schon vom spielerischen Anteil zur brillierenden Optik gelangen: Diese Tokio-Variante des Jahres 2042 ist zur Abwechslung mal nicht mit schillernden Neon-Leuchtmitteln vollgekleistert. Stattdessen dominieren hier sanfte Pastelltöne das Geschehen. Allen voran die detailreiche Architektur wurde unglaublich liebevoll entworfen und sprüht nur so über vor kreativen Einfällen. Ein Vergleich mit Legobausteinen erzwingen hierbei die Entwickler von SMAC Games geradezu - das aber wirklich im positiven Sinne. Doch nicht nur die Fassade des Titels weiß zu gefallen. Denn auch die Stimmungsebene des Spiels hat uns überzeugt. Tokyo 42 wartet mit einer dystopisch-peppigen Zukunftswelt auf, die nicht selten an Anime-Serien der 80er und 90er Jahre, wie beispielsweise Lupin III oder auch Cowboy Bebop, erinnert. Vor allem die launige Musikuntermalung trägt zu diesem Eindruck eine ganze Menge bei. Die bunt-schillernde Zukunftsfassade mit ihrer kindlichen und verspielten Optik ist zudem der Schauplatz für einen abgedrehten, aber auch düsteren Plot rund um Konzernabhängigkeit, tablettensüchtige Bewohner und einer riesigen Verschwörungsgeschichte. Bewaffnete Nudisten, aufmüpfige Punks und allerhand Unterweltbosse passen wir die Faust aufs Auge zu diesem Setting.

Bröckelige Aufmachung

Leider steht das Kantenflimmern und die erhöhte Objekt-Unschärfe der ansehnlichen Optik deutlich entgegen. Quelle: Smac Games Leider steht das Kantenflimmern und die erhöhte Objekt-Unschärfe der ansehnlichen Optik deutlich entgegen. Technisch haben sich die Entwickler-Architekten des Spiels jedoch nicht mit Ruhm bekleckert. Die hübsche Kulisse kann leider nicht über ärgerliche Unschärfe-Effekte an Gebäuden und Bäumen und deutliches Kantenflimmern hinwegtäuschen. Etwas störend fällt auch das Bewegungsmoment unserer Spielfigur auf. Gerade an Häuserkanten oder beim Herabgehen von Treppen fällt diese nicht selten über die Absperrungen, wenn wir uns zu schnell fortbewegen - wir scheinen wohl nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen, sondern aus federleichtem Material. Gerade diese Probleme können in hektischen Spielsituationen vom Geschehen ablenken und euch den sichergeglaubten Missionsabschluss doch noch verderben.

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