Auf die Barrikaden! - Spiele gegen den Faschismus

Special Dominik Pache
Auf die Barrikaden! - Spiele gegen den Faschismus
Quelle: PC Games / Copilot

Videospiele sind politisch! Diese drei Games zeigen, wie totalitäre Regime funktionieren - und welche Formen des Widerstands möglich sind.

Spiele sind unpolitisch? Das war noch nie der Fall! Und doch fordern manche in Kommentaren eine vermeintliche "Neutralitätspflicht" für Videospiele - dabei greifen Games seit jeher gesellschaftliche und politische Themen auf, mal subtil, mal mit voller Wucht.

Besonders das Thema Faschismus taucht immer wieder auf, oft jedoch nur als Kulisse. Doch es gibt auch Spiele, die totalitäre Regime nicht nur darstellen, sondern ins Zentrum rücken - und dabei aktiv Möglichkeiten des Widerstands ausloten.

Wir stellen euch drei Spiele vor, die zeigen, dass Politik in Games nicht nur möglich, sondern unvermeidlich ist. Ob als entschlossener Kämpfer, kritischer Denker oder scheinbar unbedeutender Bürokrat - Widerstand hat viele Gesichter.

Verweigern

Papers, Please

Das Indie-Spiel Papers, Please von Lucas Pope ist eine Simulation bürokratischer Unterdrückung. Der Spieler übernimmt die Rolle eines Grenzbeamten im totalitären Staat Arstotzka im Jahr 1982 und entscheidet anhand immer komplexer werdender Vorschriften, wer die Grenze überqueren darf. Dabei steht er vor moralischen Dilemmata: Soll er einem Flüchtling mit gefälschten Papieren helfen oder sich strikt an die Anweisungen halten? Diese Entscheidungen beeinflussen Leben und Tod, während er gleichzeitig seine Familie versorgen muss.

Die beklemmende Atmosphäre des Spiels reflektiert reale Mechanismen totalitärer Regime. Besonders auffällig sind die Parallelen zur NS-Bürokratie, in der Beamte Verbrechen durch Verwaltungsakte legitimierten. Menschen werden auf Dokumente reduziert - ein Pass, ein Visum, eine Arbeitserlaubnis entscheiden über ihr Schicksal. Der Spieler handelt nicht aus Überzeugung, sondern als Teil eines Systems, das er kaum beeinflussen kann.

Historiker prägten für dieses Phänomen den Begriff "Schreibtischtäter": Verwaltungsbeamte setzten Verfolgungsmaßnahmen um, stellten Dokumente aus oder organisierten Deportationen, während sie sich als reine Bürokraten betrachteten. Papers, Please macht diesen Mechanismus erfahrbar: Die Routine lässt den Spieler leicht vergessen, welche Konsequenzen seine Entscheidungen haben.

Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen Moral und Gehorsam. Der Spieler kann Regeln brechen und Verfolgten helfen, riskiert dabei aber Strafen wie Geldbußen oder Gefängnis, die seine Familie in Not bringen. Widerstand ist also möglich, jedoch mit großen Risiken verbunden - genau wie in realen Diktaturen. Selbst kleine Akte der Sabotage, wie das bewusste Übersehen von Fehlern in Dokumenten, bleiben nicht folgenlos.

Mit der Zeit gewöhnt sich der Spieler an die Mechanismen der Diktatur. Anfangs mag er noch einzelne Vorschriften hinterfragen, doch bald wird das Abfertigen von Menschen zur Routine. Hier zeigt sich, wie leicht man ungewollt Teil eines unterdrückerischen Systems werden kann.

Papers, Please verdeutlicht, dass Unrecht oft nicht mit brutaler Gewalt beginnt, sondern durch alltägliche Verwaltungstätigkeiten Normalität wird. Es ist mehr als nur ein Spiel - es ist eine eindrucksvolle Reflexion über die Rolle der Bürokratie in totalitären Systemen und die Schwierigkeit, darin moralisch zu handeln, wenn sie erst einmal etabliert sind.

Selbst heute wäre es schwer für einen Beamten in Deutschland, sich gegen faschistische Vorgesetzte zu wehren. Anders als Arbeitnehmer dürfen Beamte nicht streiken, um politische oder arbeitsrechtliche Forderungen durchzusetzen. Auch sind sie - besonders in der Justiz, der Polizei oder der Verwaltung - dazu aufgerufen, sich politisch zurückhaltend zu äußern. Das bedeutet aber nicht, dass sie komplett machtlos sind. Denn ohne ihre Arbeit würde ein autoritäres System nicht funktionieren. Ein faschistischer Staat ist also auf die Mitarbeit von Beamten, wie der Person, die man in Papers, Please verkörpert, angewiesen.

Denken

Bioshock Infinite

Vom bürokratischen Alltag eines Beamten kommen wir mit dem nächsten Spiel in philosophische Sphären. BioShock Infinite ist nicht nur ein dystopisches Action-Spiel, sondern auch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit Ideologien, die auf Totalitarismus, Fanatismus und sozialer Ausgrenzung basieren. Die Philosophie hinter dem Spiel hinterfragt deterministische Weltbilder, die Rechtfertigung von Gewalt für ideologische Zwecke und den Kreislauf von Machtmissbrauch. Besonders die Figur Zachary Comstock und sein Regime in Columbia weisen starke Parallelen zum nationalsozialistischen Deutschland auf.

Columbia ist durchdrungen von der Idee weißer Überlegenheit und sieht andere Ethnien als minderwertig an. Es gibt segregierte Viertel für Schwarze und Iren, und nicht-weiße Bewohner werden systematisch unterdrückt. Das erinnert an die Rassentrennung der Südstaaten, aber auch an die sogenannte Rassenhygiene des Dritten Reichs.

[Achtung: Ab hier folgen Spoiler zum Ende von Bioshock Infinite]

Ein zentrales Thema des Spiels ist die Idee, dass gewisse Strukturen und Menschen in jeder Realität zu ähnlichen Ergebnissen führen. Comstock und Booker DeWitt sind zwei Versionen derselben Person, getrennt durch eine einzelne Entscheidung - die Taufe nach der Schlacht von Wounded Knee. Booker lehnt sie ab und bleibt ein vom Krieg traumatisierter Mann, während Comstock sie annimmt, sich als auserwählt betrachtet und die fliegende Stadt Columbia gründet. Das Spiel zeigt damit, wie individuelle Entscheidungen und Ideologien die persönliche und politische Realität formen. Es stellt auch die Frage, ob eine Person, die einmal in einen gewalttätigen Kreislauf eingetreten ist, diesem entkommen kann oder ob sie unweigerlich eine bestimmte Rolle spielen muss - eine philosophische Reflexion über Schuld, Verantwortung und Determinismus.

Columbia ist von einem übersteigerten Nationalismus geprägt, der Amerika als göttlich auserwählt betrachtet. Comstock rechtfertigt Gewalt gegen innere und äußere Feinde, um diese "Reinheit" zu bewahren. Das spiegelt die NS-Ideologie wider, in der Deutschland als Opfer einer Weltverschwörung dargestellt wurde. Columbia ist zudem hoch militarisiert, und Kinder werden früh auf Gehorsam und den Kampf gegen Feinde konditioniert - ein direkter Bezug zur Hitlerjugend.

Neben der Kritik an faschistischen Systemen zeigt das Spiel auch, dass Revolutionen, die auf Hass basieren, selbst in Gewalt und Unterdrückung umschlagen können. Die Vox Populi, eine Widerstandsbewegung gegen Comstock, beginnt als Freiheitskampf, aber radikalisiert sich zunehmend und wird schließlich genauso rücksichtslos wie das Regime, das sie bekämpft. Das erinnert an historische Parallelen wie kommunistische Umstürze zu Beginn des 20. Jahrhunderts oder die Französische Revolution, die oft in Terror endeten, obwohl sie mit aufrichtigen Überzeugungen starteten.

BioShock Infinite ist eine tiefgehende Kritik an totalitären Ideologien und dem blinden Glauben an absolute Wahrheiten. Es zeigt die Mechanismen auf, mit denen faschistische Systeme entstehen und sich erhalten - durch Propaganda, Kult, Rassismus und Gewalt. Gleichzeitig macht es deutlich, dass Gewalt, selbst im Namen der Gerechtigkeit, oft zu neuen Unterdrückungssystemen führt. Das Spiel hinterfragt so nicht nur den Faschismus, sondern auch die Natur von Macht und moralischer Verantwortung.

Das Spiel zeigt eine verstörende Welt, die durch die Entscheidung eines einzelnen Mannes erbaut wurde. Letztlich widerspricht BioShock Infinite aber weder dem Determinismus noch der Idee des freien Willens vollständig. Vielmehr zeigt es, dass Menschen innerhalb gewisser systemischer Zwänge agieren, aber dennoch durch bewusste Entscheidungen versuchen können, den Kreislauf zu durchbrechen. Geschichte wiederholt sich also; doch wer die Muster erkennt und weiß, an welchen Stellen er handeln sollte, kann auch als Einzelperson die Zukunft verändern.

Handeln

Through the Darkest of Times

Philosophie kann Widerstand theoretisch untermauern, Bürokraten können direkt und passiv handeln - doch wie begegnet der Einzelne einem faschistischen Regime? Through the Darkest of Times ist ein historisches Strategiespiel, das Spieler in die Rolle einer Widerstandsgruppe gegen das NS-Regime versetzt. Ab 1933 planen sie Sabotageakte, verbreiten Informationen und leisten Unterstützung, während sie der Gestapo entkommen müssen. Das rundenbasierte Spiel setzt auf eine realistische, emotionale Darstellung des antifaschistischen Widerstands.

Die Mechaniken verdeutlichen, welche Strategien nötig sind, um Unterdrückung zu bekämpfen: Ressourcenmanagement, Risikoabwägung und Netzwerkbildung. Jeder Einsatz will gut überlegt sein - Entdeckung kann Verhaftung bedeuten. Informationsverbreitung ist essenziell, denn nur Aufklärung kann Menschen für den Widerstand gewinnen. Ebenso wichtig ist Zusammenarbeit: Verschiedene Charaktere mit individuellen Stärken müssen rekrutiert werden, um effektive Aktionen durchzuführen. Das zeigt, dass Widerstand nur durch Solidarität erfolgreich sein kann.

Moralische Dilemmata spielen eine zentrale Rolle - etwa die Entscheidung, einer bedrohten Person zu helfen oder die eigene Gruppe zu schützen. Dadurch wird spürbar, wie schwer Zivilcourage sein kann, aber auch, wie lebensrettend.

Das Spiel zieht Parallelen zur Gegenwart: Bildung und Aufklärung entlarven Falschinformationen und stärken demokratische Werte. Es zeigt, dass Faschismus schleichend wächst - frühzeitiges Einschreiten ist entscheidend. Solidarität ist unerlässlich, denn Widerstand funktioniert am besten durch gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch kleine Akte der Zivilcourage, wie das Melden von Hassrede oder das Unterstützen Betroffener, können viel bewirken. Und letztlich betont das Spiel, dass Demokratie aktiven Schutz braucht - durch Wahlen, Demonstrationen oder juristischen Protest. Through the Darkest of Times vermittelt eindrucksvoll: Der Kampf gegen Faschismus erfordert Mut, Wissen und strategisches Handeln - eine Botschaft, die heute so wichtig ist wie damals.

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