Pokémon-Spieler werden momentan mit Events überhäuft: Ob Event-Pokémon, die man sich in bestimten Läden abholen kann, Codes für spezielle C-Gear-Gestaltungen oder Taschenmonster, die man nur im Internet über die Dream World erhalten kann. Das war längst nicht immer so. Redakteur Max Drews und Autor Wenlok Holmes aus dem PokéWiki haben sich Gedanken zum Thema gemacht. Beide sind echte Experten, was Pokémon angeht.
Oli P. ist schon seit vielen Jahren der Gastgeber der Pokémon Days.
Wenlok Holmes vom PokéWiki ist großer Pokémon-Experte.
CONTRA: Pokémon-Events sind den Spielern gegenüber unfair... sagt Wenlok Holmes!
Am besten, ich fange direkt mit den Zugeständnissen an: Es ist ja nicht alles schlecht! Wenn über WiFi oder die Dream World Pokémon mit außergewöhnlichen Attacken oder Fähigkeiten verteilt werden, ist das in Ordnung. Solange ich sie mir immer noch selber fangen kann, sterbe ich ja nicht daran, eine Verteilung zu verpassen. Was aber ist mit den Pokémon, die ich sonst gar nicht kriege? Die Pokémon-Spiele haben seit jeher zwei Ziele: Zum einen, die Story durchzuspielen, was meistens darin mündet, dass man die Top Vier und ihren Champ besiegt, zum anderen den Pokédex zu füllen - eine Aufgabe, die mit jeder neuen Generation an Taschenmonstern schwieriger wird. Und was, wenn genau das plötzlich nicht klappt, weil Nintendo mir Steine in den Weg legt?
Pokémon, die über Events verteilt werden, sollen besonders sein und das Event soll den Spielen eine soziale Komponente hinzufügen - aber sind solche Veranstaltungen dafür nötig? Diejenigen, die eines dieser besonderen Pokémon abkriegen, werden sich sicher darüber freuen - aber reicht es nicht, das innerhalb des Spiels zu halten? Schillernde Pokémon sind selten genug, um diesen Besonderheits-Faktor zu bedienen. Und die Notwendigkeit, Pokémon zu tauschen, erhält auch seit Anbeginn der Pokémon-Zeit die soziale Komponente der Spiele aufrecht, die Pokémon-Erfinder Satoshi Tajiri schon immer wichtig war. Trotzdem verlangt Nintendo den Spielern noch mehr ab, um an einige äußerst exklusive Pokémon zu kommen: Diese werden nur einen bestimmten Zeitraum über verteilt. Da die meisten Verteilungen über das Internet laufen, klappt das aber immerhin schon viel besser als früher. Wenn man plötzlich aber eine bestimmte Ladenkette dafür aufsuchen muss, dann ist das schon Marketing hoch zehn - und dennoch zum Glück immer noch machbar.
Dass Nintendo solche Verteilungen für die Fans aber schmerzhaft auch gestalten kann, zeigen uns Events wie die diesjährige Celebi Download-Tour: Celebi, das es vorher zehn Jahre lang nirgends im westlichen Teil der Welt zu erhalten gab, wurde in zwölf Großstädten deutschlandweit verteilt. Wer es haben wollte, brauchte "nur" am entsprechenden Datum vorbeizukommen und es sich abzuholen. Um den Stolperstein deutlicher zu machen, kann ich das auch so herum formulieren: Wer nicht hingefahren ist, der wird voraussichtlich seinen Pokédex nicht füllen und so betrachtet das Ziel des Spiels nie erreichen (für wahrscheinlich die nächsten zehn Jahre). Um ein anderes Beispiel anzuführen: Wer sich die legendären Raubkatzen nicht geholt hat, wird nie erfahren, was es mit dem Hain der Täuschung in Pokémon Schwarz und Weiß auf sich hat - obwohl die dafür nötigen Szenen durchaus auf seinem Spielmodul enthalten sind. Mit dem Kauf des Spiels hat mal also weder die Möglichkeit, es gänzlich durchzuspielen, noch den vollen Inhalt erworben. Was kommt als nächstes? Muss ich bald im Blaumann quer durch Deutschland reisen, um mir Bowsers Schloss für den nächsten Mario-Teil irgendwo abzuholen?
Überhaupt sollte man überlegen, wer hier die Zielgruppe ist: Spieler im Altersbereich von etwa 8 bis 16 Jahren, anders gesagt Leute, die größtenteils von ihren Eltern abhängig sind. Und diese sind oftmals von Videospielen nicht so leicht überzeugen (wer aber mit der Aussage "Sorry, Papa, kannst du bitte den Karibik-Urlaub stornieren, ich muss unbedingt Pokémonmeister werden!" durchgekommen ist, möge mich an dieser Stelle bitte korrigieren). Und wer von denen nicht gefahren wird, aber trotzdem nicht zu Hause bleiben möchte, nimmt die Bahn und halst sich weitere Extrakosten auf. Während solche Kosten dann mit zunehmender Distanz zum Ziel steigen, sinken die Chancen, seine Erziehungsberechtigten noch irgendwie zu überzeugen. Wirft man da einen Blick auf die Städte, die das grüne Taschenmonster besucht hat, stellt man nicht nur fest, dass es überhaupt nur in der Hälfte aller deutschen Bundesländer verfügbar war (dafür aber drei Mal in Bayern), sondern auch einen großen Bogen um die Mitte Deutschlands gemacht hat. Pech beispielsweise für Fans im zentral gelegenen Eisenach; da es keine Veranstaltung in unmittelbarer Nähe gab, hätten sie lange Reisen auf sich nehmen müssen, um das begehrte Pokémon zu erhalten. Anscheinend empfand Nintendo es nicht für lohnend, Celebi auch in ihre Nähe zu bringen und drückte den aufstrebenden Pokémon-Trainern stattdessen das Zertifikat "demographisch gescheitert" auf.
Auf den Pokémon Days wurde allerhand geboten.
Dieses Schicksal gerade noch abwenden konnten die Fans aus Österreich oder Schweiz: Sie bombardierten Nintendo mit E-Mails, in denen sie baten, ihren Teil deutschsprachigen Raums nicht schon wieder (wie damals vor zehn Jahren) zu ignorieren, und waren glücklicherweise erfolgreich. Vor diesem Hintergrund erscheint es mir fast schon sarkastisch, Tausch als "Lösung" anzubieten: Wer ein oder mehrere Celebi ergattern konnte, wird es höchstens für seine besten Freunde oder für ein extrem rares Angebot abgegeben. Und davon, wildfremden Leuten sein Spielmodul zuzuschicken, kann ich in Zeiten, in denen Betrüger in offiziellen Namen Fake-Verteilungen ausrichten, nur abraten, da diese gerne den Speicherstand dauerhaft beschädigen (im Übrigen genau wie mehrere Cheats, mit denen man einige der seltenen Pokémon erhalten kann).
Wer also ein Celebi haben wollte, musste durchaus große Anstrengungen dafür unternehmen. Wer das nicht konnte oder wollte (z. B. weil er der Ansicht war, dass man aus solchen Spielen keine Lebensaufgabe machen muss), wurde von Nintendo mit einem unvollständigen Spiel abgestraft (während die anderen für etwas belohnt wurden, das nicht einmal eine Spielleistung war). Und das, obwohl das Spiel jeden etwa 30 Euro gekostet hat. In meinen Augen ist es ein Tiefschlag ins Gesicht der Fans, nur einem geringen Teil der Spieler Zugang zu einem vollständigen Spiel zu ermöglichen.
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