Gran Turismo: Sport - PS4-Rennsimulation angespielt - Unsere Vorschau

Special Christian Dörre Olaf Bleich
Gran Turismo: Sport - PS4-Rennsimulation angespielt - Unsere Vorschau
Quelle: Sony

Gran Turismo: Sport auf PS4 angespielt: In unserer Vorschau schildern wir euch unsere Eindrücke von der kommenden Rennsimulation. Auf einem Event beim Genfer Auto-Salon durften wir Hand an eine spielbare Fassung legen und verraten euch, ob der neue Ableger an die Erfolge der alten Spiele anknüpfen kann.

Kazunori Yamauchi strahlt eine stille Autorität aus. Der Geschäftsführer von Polyphony Digital lässt sich auch von hektischen Momenten nicht aus der Fassung bringen. Egal ob ihn Jean-Claude Biver, der Boss des Schweizer Uhrenherstellers TAG-Heuer, marktschreierisch auf der Bühne ankündigt oder ob der Interview-Zeitplan mal wieder aus den Fugen gerät - Yamauchi-san bleibt stets die Ruhe selbst. Vielleicht lernte er diese Tugend über die vergangenen 25 Jahre. Denn vor gut einem Vierteljahrhundert begannen die Arbeiten am ersten Gran Turismo und damit auch der Aufstieg des ehemaligen "hashiriyas" - also Straßenrennfahrers - zur Entwicklerlegende mit Benzin im Blut. Wenn man mit Yamauchi spricht, dann spürt man, wenn ihn Themen wirklich bewegen und welche Fragen ihn berühren. Speziell auf Erlebnisse im Motorsport angesprochen, leuchten seine Augen und ein kleines würdevolles Lächeln huscht ihm über das Gesicht. Kazunori Yamauchi verbindet weit mehr als nur eine Arbeitsbeziehung mit Gran Turismo und möglicherweise weicht er genau deshalb allzu kritischen - oder westlich schroffen - Fragen gerne aus. Gran Turismo: Sport bedeutet für ihn eine Rückkehr zu den Tugenden des ersten Teils. Er strebt damit eine Symbiose aus Motorsport und Videospiel an, wie es sie vielleicht noch nie zuvor gegeben hat.

Erst spielen, dann fahren

V Staubpiste: In der Demoversion hinterließen die Fahrzeuge keine Spuren außerhalb der Strecke. Barrikaden waren ebenfalls unzerstörbar. Quelle: Sony Staubpiste: In der Demoversion hinterließen die Fahrzeuge keine Spuren außerhalb der Strecke. Barrikaden waren ebenfalls unzerstörbar. om ersten Serienteil an trug Gran Turismo den Untertitel The Real Driving Simulator. Aus heutiger Sicht wirkt dieser Anspruch gerade an die frühen Ableger ein bisschen hoch gegriffen, doch mit Gran Turismo: Sport sucht Entwickler Polyphony Digital unter Führung von Kazunori Yamauchi mehr denn je die Nähe zu Automobilherstellern und Rennverbänden. Aus diesem Bestreben heraus entstanden die grundlegenden Spielmodi der noch 2017 erscheinenden Rennsimulation: In der Anfängerschule eignet ihr euch die Grundlagen an. Ihr lernt also, wie man Kurven vernünftig anfährt, wo die perfekten Bremspunkte sind und natürlich wie das Driften funktioniert. Wer die insgesamt 19 Rennstrecken wirklich verinnerlichen möchte, begibt sich in die Streckenerfahrung. In diesem Bereich absolviert ihr die Kurse Stück für Stück und lernt jede Kurve und jede Schikane kennen, lieben und meistern. Doch zum Rennfahrerdasein gehört weitaus mehr als nur das stoische Beherrschen der Materie. Es benötigt einen gewissen Geisteszustand und so fordert und fördert Gran Turismo: Sport die Rennetikette. Was das ist? Es geht letztlich darum, sich auf dem Asphalt nicht wie eine Pistensau, sondern wie ein Gentleman bzw. wie eine Lady zu benehmen.

Ansichtssache: Das Spiel verfügt über verschiedene Perspektiven - beispielsweise der Verfolger oder der Ego-Kamera. Letztere sorgt für die beste Übersicht bei maximaler Geschwindigkeit. Quelle: Sony Ansichtssache: Das Spiel verfügt über verschiedene Perspektiven - beispielsweise der Verfolger oder der Ego-Kamera. Letztere sorgt für die beste Übersicht bei maximaler Geschwindigkeit. Das bedeutet: keine unfairen Überholmanöver, keine absichtlichen Crashes und keine Demütigungen. Die Rennsimulation verfügt über ein internes System, das den "Arschloch- Faktor" eurer Fahrweise prüft und anschließend bewertet. Benutzt ihr also eure Mitstreiter als Rammböcke und provoziert Unfälle, sinkt eure Reputation. Das wiederum hat negative Auswirkungen auf eure digitale Rennlizenz. Polyphony Digital kooperiert mit dem Rennsportverband Fédération Internationale de l'Automobile (kurz FIA) und verteilt auf Basis bestimmter Kriterien, beispielsweise des Einhaltens der Etikette, eine Rennlizenz für echte Strecken. Aktuell arbeiten mit Polyphony und der FIA 22 Nationen zusammen - darunter Großbritannien, Belgien, Dänemark, Mexiko und Australien. Ihr besorgt euch also durch das Spielen von Gran Turismo: Sport eine echte Rennfahrerlizenz. Wie sich dieses System durchsetzt, bleibt allerdings abzuwarten. Über mögliche Bedingungen oder Zusatzkosten fehlen bislang noch Informationen. Außerdem gibt es keine Neuigkeiten darüber, ob beispielsweise auch Deutschland, Japan oder die USA in dem Paket irgendwann enthalten sein werden.

Tradition vor Revolution

Licht an: In Gran Turismo: Sport gibt es keine dynamisch wechselnden Lichtverhältnisse. Stattdessen stellt ihr die Tageszeit bereits im Vorfeld des Rennens manuell ein. Quelle: Sony Licht an: In Gran Turismo: Sport gibt es keine dynamisch wechselnden Lichtverhältnisse. Stattdessen stellt ihr die Tageszeit bereits im Vorfeld des Rennens manuell ein. Grundsätzlich orientiert sich Gran Turismo: Sport spielerisch stark an seinen Vorgängern. Von der Einbindung einer offenen Spielwelt oder dergleichen hält Kazunori Yamauchi nichts. Er bestätigt im Interview, dass viele aktuelle Titel einem ähnlichen Konzept folgen, das aber für Gran Turismo nicht funktionieren würde. Auch wenn bislang noch wenige Eindrücke über den Spielverlauf in Gran Turismo: Sport bekannt sind, so erwarten wir, dass sich Offline-Spieler durch eine lineare Abfolge von Aufgaben und Missionen arbeiten. Die Kampagne besitzt über 100 zu erfüllende Ziele und dient zur Vorbereitung auf den umfangreichen Online- Modus. In den Missionsherausforderungen beispielsweise bewältigt ihr kurze Aufgaben und gewinnt so an Sicherheit dazu. Der Sportmodus - also die Online- Optionen von Gran Turismo: Sport - ist bereits von Beginn an anwählbar. Jedoch empfiehlt es sich, zunächst die Grundlagen zu erlernen.

Das Spiel wirft euch nämlich in zwei verschiedene Pokalwettbewerbe hinein. Im Nation's Cup tretet ihr für euer Herkunftsland an. Im Manufacturer Fan Cup dagegen vertretet ihr eure Lieblingshersteller. Ein Fragezeichen steht aktuell hinter dem Matchmaking: Polyphony würfelt Online-Teilnehmer auf Basis von bisher erzielten Erfolgen und Rennetiketten zusammen. Wie das aber im fertigen Spiel aussehen wird, muss sich noch zeigen. Einsteiger möchten ja schließlich nicht gegen Profis antreten. Entsprechend kommt dem Matchmaking gerade aufgrund des anspruchsvollen Gran Turismo- Gameplays eine Menge Bedeutung zu. Sehr schön dagegen: Wer keine Lust darauf hat, sich selbst hinter das Lenkrad zu klemmen, der lässt sich in dem virtuellen TV-Sender Gran Turismo Sport Live einfach berieseln. Die offiziellen Rennen der Top-Spieler finden an den Wochenenden statt. Professionelle Kommentatoren untermalen das Renngeschehen mit passenden Sprüchen und wie bei einer TV-Übertragung fangen Streckenkameras alle Momente ein.

Zu schön, um wahr zu sein ...

Technisch hinterlässt Gran Turismo: Sport bislang einen zwiespältigen Eindruck. Die Wiederholungen kratzen am Fotorealismus, im Spiel selbst jedoch erkennt das geübte Auge aber manchen Schönheitsfehler. Seine ganze Stärke spielt die Rennsimulation zweifellos bei der Darstellung seiner 140 lizenzierten Fahrzeuge aus. Polyphony Digital setzt in diesem Fall nämlich auf Qualität statt auf Quantität. Zwar boten frühere Ableger der Serie deutlich mehr Autos, doch in diesem Fall handelt es sich ausschließlich um detailreich ausstaffierte Premium-Modelle. Die aus Gran Turismo 5 und Gran Turismo 6 berühmt-berüchtigten Standardfahrzeuge mit abgespeckten Details gibt es nicht mehr. Davon profitieren speziell Freunde der Cockpit-Perspektive. Beispielsweise überrascht der Bugatti Vision GT mit einem digitalen Rückspiegel, einem am Armaturenbrett angebrachten Flatscreen, der das am Heck aufgenommene Geschehen wiedergibt. So kann man noch besser genießen, wenn man am Pöbel vorbeibraust. Die Wagen sehen durch die Bank einfach wunderschön aus und so verkörpern die Modelle zweifellos die Charaktermerkmale ihrer Vorbilder.

Höhenunterschiede: Die Rennen über die Nordschleife des Nürburgrings bestechen vor allem durch das tolle Panorama. Beim Bergabfahren nehmen die Autos an Tempo auf, zugleich verlängert das die Bremswege spürbar. Quelle: Sony Höhenunterschiede: Die Rennen über die Nordschleife des Nürburgrings bestechen vor allem durch das tolle Panorama. Beim Bergabfahren nehmen die Autos an Tempo auf, zugleich verlängert das die Bremswege spürbar. Der Ford Mustang GT Premium Fastback 15 wirkt in sich bullig und aggressiv, der Ferrari 438 dagegen eher elegant und schnittig. Hier lohnen sich tatsächlich das Verweilen im Showroom zum Begutachten der Polygon- Fahrzeuge und ein Blick durch die Playstation VR. Aber noch wichtiger als nur ein paar schöne Karren ist zweifellos das Geschwindigkeitsgefühl und zumindest zeigt Gran Turismo: Sport, dass sich Besitzer der "alten" Playstation 4 keine Sorgen machen müssen. Auf dem Genfer Auto-Salon präsentierte Polyphony Digital das Spiel nämlich auf der Standardkonsole. Gerade bei den Abfahrten auf der Nordschleife des Nürburgrings erzeugt die Rennsimulation einen kleinen Geschwindigkeitsrausch. Schließlich punktet speziell dieser Kurs mit dem extremen Panorama und einem schönen Blick über die Weite der Landschaft. Doch so begeisternd diese Fahrten waren, so gab es auch ein paar Wermutstropfen. Rennen mit scheinbar langsameren Fahrzeugen, etwa dem Lotus Elise '11, auf dem Tokyo Expressway fühlten sich mitunter eher wie eine Kaffeefahrt an. Selbst in der Realität höhere Geschwindigkeiten bei beispielsweise 180 km/h vermittelten wenig Tempo.

Die alte Schadensdiskussion

Realistisch: Entdeckt ihr abseits der Strecke noch einige Technik-Macken, etwa detailarme Bäume oder Zuschauer, so bestechen zumindest die Fahrzeuge mit ihrer unglaublichen Detailfülle. Quelle: Sony Realistisch: Entdeckt ihr abseits der Strecke noch einige Technik-Macken, etwa detailarme Bäume oder Zuschauer, so bestechen zumindest die Fahrzeuge mit ihrer unglaublichen Detailfülle. Mehr Kritik erntet Gran Turismo: Sport für die Darstellung des Geschehens abseits der Strecke. Sehen Autos und Kurse geradezu erschreckend realistisch aus, mangelt es dem Drumherum noch an Tiefe und Leben. Zuschauer und Bäume setzen sich aus flachen Bitmaps zusammen, bei Ausritten ins Kiesbett oder ins Gras hinterlassen die Boliden keinerlei Spuren. Das Schadensmodell sucht man aktuell - auch in der in den USA angelaufenen Closed Beta - vergeblich. In der Genfer Demo-Version veränderten sich lediglich die Texturen - vom makellosen Lack hin zu kleineren Kratzern. Außerdem fliegen bei leichten Berührungen nun gerne mal die Funken. Auf das Schadensmodell angesprochen, antwortete Yamauchi salomonisch: "Es wird ein Schadensmodell geben. Allerdings zerlegt man die Autos nicht in ihre Einzelteile." Was das genau bedeutet, muss die Zukunft zeigen. In den derzeit spielbaren Versionen stört das Crash-Verhalten den überaus realistischen Gesamteindruck des Spiels. Bei Ausritten auf der Staubpiste der Fisherman's Ranch beispielsweise erweisen sich selbst rote Flatterband-Barrieren als unzerstörbar. Das "Anlehnen" an andere Fahrzeuge bei Kurvenfahrten kostet zudem zu wenig Zeit und insgesamt mangelt es Zusammenstößen noch an Feedback.

Erfahrungen von der Piste

Aber von diesen kosmetischen, aber sicherlich schwerwiegenden Schwächen abgesehen, hinterlässt Gran Turismo: Sport auf der Strecke einen sehr guten Eindruck. Gerade besagte Fahrten auf dem Nürburgring, Brands Hatch und auf dem Tokyo Expressway überzeugen. Die Vehikel fühlen sich mit abgeschalteten Fahrhilfen sehr verschieden an. Gibt sich beispielsweise ein Lotus Elise '11 in Kurven noch vergleichsweise gutmütig, erfordert der Dodge SRT Tomahawk schon mehr Fingerspitzengefühl. Speziell die Force-Feedback-Effekte des Guillemot-Thrustmaster-T300-RSRacing- Wheels beeindrucken: Das Lenkrad sträubt sich regelrecht bei Kurvenfahrten und muss mit viel Kraft gebändigt werden. Bei Abflügen ins Kiesbett rumpelt das Steuergerät mächtig von einer Seite zur anderen und simuliert damit ausgezeichnet die Unebenheiten des Geläufs. Trotzdem erweisen sich die Testfahrten auf der Staubpiste als zu schwer kontrollierbar. Das Spiel liefert in diesem Fall zu wenige Informationen über den richtigen Bremspunkt und der Subaru Impreza schwamm förmlich über den Schotter.

Ganz anders dagegen die Rennen auf festen Straßen. Hier punktet Gran Turismo: Sport mit gewohntem Anspruch und - man höre und staune - sogar mit gutem Sound. Die Staubsaugerakustik der Vorgänger gehört anscheinend wirklich der Vergangenheit an. In diesem Fall machen Nuancen den Unterschied aus. Nicht nur dass die eigentlichen Motoren-Sounds deutlich besser klingen, das Spiel berücksichtigt nun selbst Details wie das kurze Ächzen des Getriebes beim Herunterschalten oder das leise Flirren der Bremsen. Kazunori Yamauchi bestätigt, dass Polyphony Digital ständig neue Töne aufnimmt. Allerdings sieht er gerade den technischen Fortschritt als Problem an: "Durch den Anstieg energieeffizienter Verbrennungsmotoren gibt es immer weniger Fahrzeuge mit einzigartigen Motorengeräuschen." Den Einfluss von Elektroautos sieht er in diesem Zusammenhang als weniger bedeutsam an, schließlich übertönen bei höheren Geschwindigkeiten ohnehin Wind und Reifengeräusche den Motor selbst. Persönlich empfindet Kazunori Yamauchi die Klänge von Elektroautos als weit weniger attraktiv. Auch für ihn machen röhrende Motoren einen wichtigen Teil des Rennsports aus.

Für die Zukunft gewappnet?

Lackschaden: Schrammen die Fahrzeuge bei Überholmanövern aneinander vorbei, fliegen in der neuesten Version die Funken. Quelle: Sony Lackschaden: Schrammen die Fahrzeuge bei Überholmanövern aneinander vorbei, fliegen in der neuesten Version die Funken. Leider stand Gran Turismo: Sport der Presse auf dem Genfer Autosalon lediglich auf einer Standard-PS4 zur Verfügung, und das obwohl der Racer die Playstation 4 Pro unterstützt. Das Spiel läuft dann - den entsprechenden Fernseher vorausgesetzt - bei einer auf 4K hochskalierten Auflösung von 1800p bei butterweichen 60 Bilder pro Sekunde. Besonders viel Wert legt Kazunori Yamauchi auf die Unterstützung aktueller und kommender HDR-Flatscreens: "Gran Turismo: Sport verwendet eine große Bandbreite an Licht- und Farbeinstellungen, selbst solche, die moderne Kameras nicht erfassen und daher nicht in TV-Übertragung dargestellt werden können." Dadurch ergeben sich insgesamt sattere Farben und vor allem die Lichteffekte wirken noch eine Spur detaillierter und näher an der Realität. Gerade bei den manuell einstellbaren Tageszeiten fallen die Unterschiede auf.

Mit HDR blitzen Sonnenstrahlen sanft durch die Wolken und werfen Reflexionen auf den unterschiedlich schattierten Lack der Autos. Was sich im Text lediglich nach Feinheiten anhört, macht in der Praxis durchaus einen Unterschied. Oder wie es Yamauchi-san etwas euphorischer ausdrücken würde: "Wenn du es siehst, dann denkst du wirklich, dass Licht so auch im echten Leben aussehen würde." Gran Turismo: Sport stellt die aktuelle Konsolengeneration auf eine harte Probe. Mit dem Rennspiel wagt Polyphony Digital einen Neuanfang und riskiert vieles - allen voran die Reputation einer der erfolgreichsten Playstation- Marken aller Zeiten. Ob Kazunori Yamauchis Vision einer Verschmelzung von Technik, Motorsport und Videospielen Früchte tragen wird, das erfahren wir zumindest noch in diesem Jahr - wenn es denn nicht noch mal verschoben wird.

Meinung

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