Alle Menschen müssen sterben - und genau das ist das Problem von Game of Thrones. Unser Test zeigt: Es macht weniger Spaß als gedacht, sich in einem Episoden-Adventure von einem grausigen Tod zum nächsten zu schleppen - ohne jede Hoffnung auf Besserung. Mehr dazu in unserem spoilerfreien Test mit Video-Review.
Der Game of Thrones-Test war für uns ein Auf und Ab der Gefühle. Das Episoden-Adventure von Telltale Games auf Basis der immens erfolgreichen TV-Serie und der dazugehörigen Fantasy-Buchreihe A Song of Ice and Fire fährt immer wieder atmosphärische Szenen und schockierende Wendungen der Handlung auf - aber kurz darauf langweilt das Ganze dann wieder mit nicht enden wollenden Dialogszenen ohne Biss und Charakterentwicklung. Dazu kommen Logiklücken, dümmliche Verhaltensweisen der Charaktere und natürlich - wir reden hier von einem Telltale-Spiel! - spielerische Armut abseits des Drückens angezeigter Tasten (Quick-Time-Events).
Ein ausgefeiltes Gameplay mit cleveren Rätseln hatte zwar keiner von Game of Thrones erwartet, erst recht nicht nach The Walking Dead, The Wolf Among Us oder Tales from the Borderlands. Aber Telltale Games vermeintliches Fantasy-Epos hat darüber hinaus eben noch mit einer für ein storylastiges Spiel verhängnisvollen Schwäche: Es fällt schwer, sich für die Leiden der handelnden Figuren zu interessieren geschweige denn Sympathie für sie zu empfinden.
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Quelle: PC Games
Häufig wird gekämpft - natürlich nur mittels weniger Tasteneingaben und ohne jede spielerische Herausforderung. Typisch Telltale eben.
GoT im Test: Starke Forresters?
In Telltales Game of Thrones-Adaption steuert ihr abwechselnd gleich ein halbes Dutzend Helden, einer dröger als der andere. Als Angehörige von Haus Forrester müsst ihr dessen Ländereien nach den Ereignissen des Finales der dritten TV-Staffel gegen Feinde wie den Psychopathen Ramsay Bolton verteidigen. Das sagt euch alles nichts? Dann ist das Episoden-Adventure ohnehin nichts für euch. Denn das Spiel setzt voraus, dass ihr die ersten drei Staffeln der Fernsehserie geschaut oder die zugrunde liegenden Bücher gelesen habt. Andernfalls versteht ihr erstens nur Bahnhof und zweitens drohen fiese Spoiler für die Vorlage.
Quelle: PC Games
Die Bösewichte sind viel zu eindimensional und verhalten sich fast schon absurd widerwärtig. Das wirkt in etwa so, als hätte Telltale Nervensäge Joffrey ein paar Mal geklont.
Die Krux an der Sache: Wer mit dem Original vertraut ist, kommt nicht umhin, ständig Vergleiche zwischen Haus Forrester und Haus Stark zu ziehen. Die Handlung verläuft in ähnlichen Bahnen, die Forrester-Charaktere können sich kaum von ihren TV-Vorbildern absetzen. Einzig Asher, der sich fernab der Sieben Königreiche als Söldner verdingt und dabei unter anderem Bekanntschaft mit den Drachen von Daenerys Targaryen macht, sammelt Sympathiepunkte; er ist ein zu groß geratener Lausbub, der immer für einen Scherz zu haben ist. Die Forrester-Tochter Mira dagegen passt mit ihrem drögen Verhalten perfekt in die auf Dauer ermüdenden Ränkespiele in der Königsmetropole King's Landing.
Game of Thrones: Alle Episoden im Testvideo
Lange Spieltzeit, viele Längen
Rund elf Stunden lang dauern die sechs Episoden von Game of Thrones. Während dieser Zeit führt ihr viel zu oft unnötig ausgewalzte Dialoge ohne jede Dynamik. Ein Großteil davon ist unerheblich und bringt die vorhersehbare Geschichte kaum weiter. Game of Thrones erweckt so den Eindruck, Telltale habe die Spielzeit künstlich gestreckt. Weil die Szenerie durch die häufigen Sprünge zwischen den Protagonisten alle paar Minuten wechselt, fühlen sich viele Szenen wie Füller an, in denen nichts Wesentliches passiert.
Quelle: PC Games
Das Erzähltempo ist niedrig, viele Gespräche sind belanglos und bringen die Geschichte nicht merklich voran.
Die Telltale-Autoren machen dabei keine gute Figur. Charaktere bleiben blass, Wortwitz muss man mit der Lupe suchen und gerade die Bösewichte erscheinen wie groteske Karrikaturen. Das wiegt doppelt schwer angesichts der Ambivalenz, die schon immer eine wichtige Rolle bei A Song of Ice and Fire und Game of Thrones gespielt hat. Normalerweise passen Personen hier nämlich nie in vorgefertigte Schwarz/Weiß-Muster, sondern bewegen sich fast ausnahmslos in grauen Gefilden.
Quelle: PC Games
Die Forrester-Familie weist viele Parallelen zu den Starks aus Büchern und TV-Serie auf. Überraschungen: Fehlanzeige.
Umso geringer fällt schließlich die Wirkung aus, wenn zahlreiche der handelnden Menschen ihr unvermeidliches, oftmals besonders brutales Ende finden. Die überraschenden Tode erzielen hauptsächlich einen billigen Schockeffekt, wirklich mitreißend oder erschreckend sind sie aber letztlich nicht. Zu schwach ist die Bindung zwischen Spieler und virtuellem Menschlein. In der Beziehung fällt der Vergleich zwischen Game of Thrones und Telltales stärksten Werken wie The Walking Dead: Season 1 oder Tales from the Borderlands besonders unschmeichelhaft aus.
Dennoch gibt es auch beeindruckende Gänsehaut-Momente, die wir hier angesichts der Spoieler-Gefahr lieber nicht genau beschreiben. In solchen Augenblicken blitzt das Genie von Telltale durch, sie kommen aber weit seltener vor als in den früheren Spielen des US-Studios.
Endgültige Entscheidungen?
Quelle: PC Games
Weil die Protagonisten Schlaftabletten sind, fiebert man als Spieler nicht so sehr mit wie in anderen Telltale-Spielen.
Typisch Telltale steht ihr in den ausschließlich auf Englisch geführten Gesprächen (deutsche Untertitel gibt's nicht) unter Zeitdruck und müsst aus mehreren Antwortmöglichkeiten wählen. Häufige Entscheidungsmomente laufen aber meist ins Leere, da es größtenteils nur einen Pfad durch das Abenteuer gibt. Ob ihr nun einem Dieb drei Finger abhackt oder Milde walten lasst, ist genauso zweitrangig wie die Wahl zwischen einem diplomatischen oder aggressiven Verhalten gegenüber dem Lehnsherrn eurer Spielfigur. Erst die beiden letzten der sechs Game of Thrones-Episoden trauen sich, aus diesem Schema auszubrechen: Abhängig von euren Entscheidungen ändert sich das Schicksal mehrerer wichtiger Figuren auf dramatische Weise.
Quelle: PC Games
Häufig gilt es, scheinbar gewichtige Entscheidungen zu treffen, die sich aber meistens überhaupt nicht auswirken. Ausnahme: das Ende.
Allerdings erkauft sich Telltale Games diese aufsplitternde Schlusssequenz wie schon bei The Walking Dead: Season 2 damit, dass der Plot nicht zu Ende erzählt wird. Game of Thrones hat ein Cliffhanger-Finale, eine zweite Staffel wird zwecks Auflösung dringend benötigt und ist - dem wirtschaftlichen Erfolg des Erstlings nach zu schließen - auch bereits fest eingeplant. Wann die nächste Game of Thrones-Season erscheinen könnte, steht momentan aber noch in den Sternen. Wer Wert auf eine abgeschlossene Geschichte legt, wird bei Telltales Game of Thrones nicht glücklich.
In jedem Fall ärgerlich sind die Logik-Lücken im Plot. So gibt es einige unrealistische Wendungen und absurde Zufälle, in denen man stellenweise deutlich die Handschrift der Autoren erkennt und die einzig und allein zwecks dramatischer Zuspitzung enthalten sind. Charakter ignorien etwa eigentlich tödliche Wunden und kämpfen einfach weiter. Das trägt nicht eben zur Glaubwürdigkeit bei. Zudem nervt nach einer Weile die illusionäre Entscheidungsfreiheit in Dialogen, Die führt einen entweder trotz scheinbar krasser Unterschiede in den Antworten letztlich doch zum selben Ergebnis. Oder sie bietet die viel logischere Alternative gar nicht erst an, so dass dem Spieler die Hände gebunden sind und er eine aus seiner Sicht dumme Wahl treffen muss.
Quelle: PC Games
Nur sehr selten habt ihr direkte Kontrolle über eure Figur und dürft eine Reihe von Hotspots abklappern.
Einigermaßen atmosphärisch
Das düstere Flair des Games of Thrones-Universums kommt im Adventure größtenteils gut rüber, auch wenn der ikonische Soundtrack zu selten eingesetzt wird. Dafür gibt's ein gespenstisch gutes Lied, dass Telltale extra fürs Adventure aufgenommen hat. Prima: Fans der Reihe erkennen unzählige Details im Spiel wieder, als Begleitspiel zum TV-Genuss ist Game of Thrones sehr gut geeignet. Einige harsche Gewaltszenen passen zur Erbarmungslosigkeit der Vorlage, verfehlen aber ihren Effekt: Spieler, die mit Game of Thrones vertraut sind, haben auf der Mattscheibe bereits viel Schlimmeres gesehen und lassen sich so kaum aus der Reserve locken.
Quelle: PC Games
Gastauftritte bekannter Schauspieler aus der TV-Serie tragen nur wenig zum eigentlichen Plot bei, sorgen aber immerhin für Atmosphäre.
Für weiteres TV-Flair sorgen die Gastauftritte bekannter Serien-Schauspieler wie Peter Dinklage als Tyrion Lannister. Ihre Rollen wirken jedoch zumeist lustlos eingesprochen und aufgesetzt, außerdem knapsen sie den vermeintlichen Hauptfiguren Bühnenzeit ab. Auf ein Äquivalent zu den häufigen Sexszenen und der nackten Haut aus der TV-Show hat Telltale Games bei Game of Thrones übrigens verzichtet.
Die gedeckten Farben des Spiels passen zum Szenario, verschleiern aber kaum die betagte Grafik-Engine. Die staksigen Bewegungen der Charaktere fallen merklich auf, besonders in vermeintlich rasanten (und häufigen) Action-Sequenzen. Zudem hat sich Telltale Games für einen bizarren optischen Filter entschieden, der die Ränder von Objekten unschön ausfransen lässt. Texturen wirken unscharf, wie mit Wasserfarben gemalt. In manchen Einstellungen lassen sich zudem auf den Gesichtern der Figuren die Pixel einzeln zählen. Damit rangiert Game of Thrones stilistisch hinter früheren Telltale-Produktionen wie The Wolf Among Us oder Tales from the Borderlands deren technische Limitierungen durch einen ausdrucksstarke Comic-Handschrift wettgemacht wurden.
Quelle: PC Games
Der gewöhnungsbedürftige Grafikstil verhüllt nur unzureichend die technischen Schwächen der veralteten Engine. Viele Hintergründe sind lediglich gezeichnet.
Der Eindruck einer laschen TV-Umsetzung nach Schema F wird durch das Schmalspur-Gameplay verstärkt, für das der Name Telltale Games mittlerweile steht. Neue Ansätze sucht ihr vergeblich: Abseits der unter Zeitdruck geführten Multiple-Choice-Dialoge absolviert ihr eine Handvoll Quick-Time-Events nach bekanntem Muster. Diese Actionsequenzen mit Schwert und Hackebeil wirken reichlich klobig. Das Mitfiebern fällt so schwer, zumal der Schwierigkeitsgrad stets in Bodennähe herumgurkt. Immerhin: Game of Thrones hat abseits dieser Kämpfe weniger unsinnige Quick-Time-Events als andere Telltale-Produktionen. Stattdessen gibt es fast immer einen nachvollziehbaren Grund, wenn ihr mal wieder frenetisch auf die Aktionstaste hämmern sollt.
Unser Fazit zu Game of Thrones
Was Game of Thrones letzlich vor der Bedeutungslosigkeit rettet, ist einerseits natürlich der Name: Die starke Lizenz und die große Telltale-Fanbasis haben den Erfolg des Spiels bereits garantiert, ganz unabhängig von der Qualität. Zudem gibt's im Lauf des elf Stunden langen Abenteuers ja tatsächlich so einige spannende Situationen, in denen wir uns unser weiteres Vorgehensweise genauestens überlegen mussten. Die gute Fantasy-Atmosphäre sorgt dafür, dass man immer am Ball bleibt, auch wenn mal wieder Spielzeit mit unnützem Palaver verbrannt wird oder schon wieder eine ungelenke Action-Sequenz ohne Bedeutung für den Handlungsverlauf ansteht.
Quelle: PC Games
Besonders in den Quick-Time-Events hadern wir mit den ungelenken Bewegungen der Figuren, die in unnatürlich wirken.
Wer mit der Vorlage nichts anfangen kann oder langsam einen gewissen Übersättigungseffekt in Sachen Telltale bemerkt, kann Game of Thrones bedenkenlos auslassen. Ohne Figuren vom Format von Lee und Clementine erreicht es weder die Emotionalität eines The Walking Dead noch ist es so unterhaltsam wie das humorvolle Tales from the Borderlands. So bleibt Game of Thrones - zumindest in Staffel 1 - Telltales vorerst schwächstes Episoden-Adventure der letzten Jahre.
Game of Thrones ist ein sechsteiliges Episoden-Spiel, das es im Paket für 28 Euro auf Steam oder der Telltale-Webseite sowie als einzelne Folgen in den Online-Shops der Sony- und Microsoft-Konsolen zu kaufen gibt.
