Wehrhafter Reporter auf Europatour sucht Gleichgesinnte für gemeinsame Nazi-Jagd. Wir testen den Weltkriegs-Shooter Enemy Front von City Interactive und sind nicht durchweg begeistert. Es fehlt an Höhepunkten, auch wenn viele davon immerhin angedeutet werden.
Das neue Spiel der Macher von Sniper: Ghost Warrior 2 ist da und – soviel können wir euch gleich zu Beginn verraten – es ist besser als die dröge Scharfschützenballerei geworden (Wertung von PC Games: 54). Enemy Front versetzt euch in die Rolle eines amerikanischen Kriegsreporters im Zweiten Weltkrieg, der vom einfachen Schreiberling zur Nazi-Vernichtungsmaschine avanciert. Wie es dazu kommt, erfahrt ihr in vielen Rückblenden-Missionen, die euch nach Frankreich, Norwegen und Deutschland versetzen. Im Rahmen des Hauptmissionsstrangs erlebt ihr hautnah den verzweifelten Kampf der polnischen Freiheitskämpfer gegen die deutschen Invasoren in Warschau mit. Allzu viel solltet ihr euch von der Story aber nicht erwarten: Die Geschichte ist über weite Strecken ebenso blass und uninteressant wie der Held Robert Hawkins.
Schnörkelloser Ego-Shooter
Quelle: PC Games
Enemy Front im Test: Ein bemühter Shooter, dem echte Höhepunkte fehlen. (4)
Aber das ist nicht so schlimm: Wichtiger als die Story ist bei einem Spiel wie Enemy Front die Action. Das neue Spiel von CI Games ist im Grunde ein schnörkelloser Ego-Shooter, weist in vielen Teilen aber unverkennbare Ähnlichkeiten zum Scharfschützen-Action-Titel Sniper: Ghost Warrior 2 auf, der auch von den polnischen Entwicklern stammt. Die 16 Missionen von Enemy Front sind stellenweise stark geskriptet und bieten in Sachen Missionsgestaltung wenig Überraschendes. Während euch in den optisch langweiligen Warschau- Abschnitten ein eher enges Leveldesign mit knackigen Straßenkämpfen und Gebäudestürmungen erwartet, sind die Abschnitte in Rückblenden offener gehalten und laden den Spieler – zumindest in der Theorie – ein, einen eleganteren Weg zu finden. Wie man es aus Ghost Warrior 2 kennt, dürft ihr an einigen Stellen mit einem Fernglas gegnerische Stützpunkte ausspionieren und Feinde auf der Minimap markieren, damit ihre Position und der Grad ihrer Aufmerksamkeit auf der Minimap sichtbar wird. Entscheidet ihr euch fürs Schleichen, könnt ihr anhand einer Gefahranzeige ablesen, wie nahe ihr daran seid, entdeckt zu werden.
Hat euch eine Wache bemerkt, habt ihr noch kurz Zeit wieder in Deckung zu gehen. Es dauert eine Weile, bis man einschätzen kann, wann man möglicherweise gesehen wird und wann nicht. Wer es schleichend schafft, sich einem Gegner ungesehen zu nähern, darf ihn per brutaler Nahkampfattacke (V-Taste) aus dem Verkehr ziehen. Das funktioniert in der Regel, wenn ihr Gegner mit einem Steinwurf (T-Taste) ablenken und in eine bestimmte Richtung locken könnt. Schwieriger wird es dann schon, wenn Feinde in Zweierpatrouillen unterwegs sind oder wenn es in Leveln nur so vor Feinden wimmelt. Werdet ihr entdeckt oder bei einem Feuergefecht von einem Gegner im Nahkampf überrascht, könnt ihr euch mittels V-Taste zur Wehr setzen, vorausgesetzt, ihr seid schnell genug.
Enemy Front im Video-Test
Schwache KI
Eine weitere Option besteht darin, Gegner wie in Ghost Warrior 2 aus sicherer Entfernung mit dem Scharfschützengewehr der Reihe nach auszuschalten. Die Sache hat nur einen Haken: Sobald ihr den ersten Schuss abfeuert, regiert das Chaos und die Taktik geht komplett über Bord. Besonders ärgerlich: Sämtliche alarmierten Gegner auf diesem Kartenabschnitt wissen sofort haargenau, wo ihr euch gerade versteckt haltet und nehmen euch aufs Korn. So arten manche potenziell spannenderen Levels in eine seichte Ballerorgie aus. Seicht, weil die Gegner- KI sich in der Regel selten dämlich anstellt und so ganze Feindgruppen zu Kanonenfutter verkommen. Die meiste Zeit über fragt man sich: Warum sollte ich mir den Stress antun, mit Bedacht vorzugehen, wenn die Rambo-Methode eigentlich immer schneller und besser funktioniert? Zumal das Schleichen nicht in jedem dafür gedachten Abschnitt gleich gut funktioniert und auch Spaß macht.
Die Illusion der Freiheit
]Und so ballern wir uns ohne große Motivation von einem Abschnitt zum nächsten. Auch wenn gerade die Rückblenden-Levels den Eindruck von großen, frei erkundbaren Arealen vermitteln, so ist dies nur eine Illusion. Die Levels von Enemy Front bestehen in der Regel aus mehreren, mitunter etwas umfangreicheren Einzelabschnitten, die ihr der Reihe nach absolviert. In jedem Bereich müsst ihr eine festgelegte Anzahl von Haupt- und Nebenaufträgen erledigen, wobei sich letztere nur selten auf den Spielablauf auswirken oder euch Boni bescheren. Die Aufgaben sind auch nicht unbedingt abwechslungsreich (sabotiere dies, zerstöre das) und gipfeln oft in "Erledige alle Gegner in diesem Gebiet!".
Wie bei vielen Shootern üblich, könnt ihr die Waffen von erledigten Gegnern aufnehmen, gleichzeitig dürft ihr aber nur drei (Pistole und zwei "schwere Waffen") Knarren tragen. Dazu kommen Granaten, Molotow-Cocktails und Sprengsätze, wobei letztere nur an bestimmten Stellen eingesetzt werden dürfen. Über Munition müsst ihr euch grundsätzlich keine Gedanken machen, denn buchstäblich alle 50 Meter könnt ihr an einer entsprechenden Kiste euren Vorrat auffüllen. Medikits gibt es in Enemy Front nicht. Wer getroffen wurde, zieht sich hinter eine Deckung zurück und wartet, bis der rote Schleier auf dem Bildschirm langsam schwindet. Die Speicherpunkte in den Levels sind in der Regel fair gesetzt.
Die Grafik von Enemy Front haben die Jungs von CI Games dank Cryengine ganz ordentlich hinbekommen, wenngleich ihr keinesfalls die optische Pracht eines Crysis 3 erwarten solltet. Am besten sehen dabei noch die Außenlevels in den Rückblenden aus. Nahkampfattacken und Stealth Kills sind überaus brutal inszeniert. Die Straßenkämpfe in Warschau sind spielerisch wenig anspruchsvoll und optisch auch kein Leckerbissen. Spielerisch anspruchslos, aber ordentlich in Szene gesetzt: Wenn ihr Türen aufbrecht, dürft ihr Gegner in Zeitlupe erledigen.
