Crytek: "Durch Hunt haben wir sehr viel gelernt" CEO Avni Yerli im PC-Games-Interview

Special Andreas Szedlak
Crytek: "Durch Hunt haben wir sehr viel gelernt" CEO Avni Yerli im PC-Games-Interview
Quelle: Crytek

Crytek-CEO sprach im Interview mit PC Games über die mehr oder minder freiwilligen Strategiewechsel der letzten Jahre, über Zukunftstrends wie Battle Royale und Spiele-Streaming und über mögliche Nachfolger für Crysis 3 und Ryse: Son of Rome.

Crytek feiert in diesem Jahr 20-jähriges Firmenjubiläum. Grund genug für uns im großen Special "20 Jahre Crytek: Vom Zero zum Hero - und wieder zurück?" auf zwei bewegte Jahrzehnte Firmengeschichte zu blicken. Zudem gab uns Crytek die Möglichkeit mit Avni Yerli ein längeres Interview zu führen, in dem der Crytek-CEO unter anderem über vollzogene Strategiewechsel, über Zukunftstrends wie Spiele-Streaming und Battle Royale, über den Early-Access-Titel Hunt: Showdown sowie über die Zukunft von Crysis und Ryse: Son of Rome spricht.

PC Games: Crytek hat sich inzwischen von seinen ganzen Studios getrennt, sodass nur noch der Hauptsitz in Frankfurt übrig ist. Man spricht bei Crytek-CEO Avni Yerli im PC-Games-Interview Quelle: Crytek  Crytek-CEO Avni Yerli im PC-Games-Interview solchen Vorgängen ja gerne mal von "Gesundschrumpfen". Ist Crytek nun wieder gesund?

Avni Yerli: Ich würde sagen, Crytek ist wieder gesund und hat jetzt eine sehr gute Basis für die Zukunft aufgebaut. Wir haben neben Frankfurt als Hauptquartier noch ein Entwicklungsstudio in der Ukraine und auch noch ein kleines Büro in Istanbul.

PC Games: Wenn man zurückblickt, seid ihr ja nach dem großen Erfolg von Far Cry enorm gewachsen, habt viele Studios gekauft, beziehungsweise auch neu gegründet. War es im Nachhinein betrachtet ein Fehler, derart viel Geld in relativ kurzer Zeit zu investieren?

Avni Yerli: Wir sind sehr gewachsen und haben viel entwickelt, waren als Unternehmen sehr aktiv, konnten diese Aktivitäten jedoch leider nicht in der ursprünglich geplanten Form umsetzen. Deswegen haben wir uns daraufhin zu unseren Stärken zurückbesonnen und treten nun fokussierter auf.

PC Games: Im Zuge der Entwicklung von Warface sprach dein Bruder Cevat damals davon, dass Free2Play die Zukunft und Crytek nun auch ein Free2Play-Studio sei. Würdest du diese Aussagen heute noch unterschreiben?

Avni Yerli: Ich würde diese Aussagen insofern unterschreiben, als dass das Geschäftsmodell von Free2Play auf jeden Fall ein sehr wichtiges und zu beachtendes Geschäftsmodell ist. Aber Hunt: Showdown ist zum Beispiel kein Free2Play-Spiel, sondern ein digital vertriebener Titel über Steam. Wir bringen das Spiel bald auch auf anderen Plattformen heraus, das werden wir dann noch ankündigen. Aber im Großen und Ganzen ist uns vor allem der Servicegedanke wichtig. Das ist etwas, was bei Crytek im Unternehmen verankert ist: Wir wollen mit der Community interagieren, kommunizieren, wir wollen mit der Community das Spiel auf den Markt bringen, weiterentwickeln und so weiter - und das ist eigentlich das, was die Essenz aus Free2Play ist, nämlich der Service-Gedanke. Das Geschäftsmodell an sich ist natürlich wichtig, muss aber zu dem Spiel passen. Von der Seite würde ich die Aussage entsprechend unterschreiben, aber nicht, dass Crytek ein reines Free2Play-Studio ist.

PC Games: Habt ihr deswegen auch bei Hunt: Showdown auf Early Access gesetzt, damit ihr gleich die direkte Kommunikation mit den Usern habt? Hunt: Showdown befindet sich derzeit auf Steam in der Early-Access-Phase. Der Titel soll auch für weitere Plattformen erscheinen. Quelle: Crytek Hunt: Showdown befindet sich derzeit auf Steam in der Early-Access-Phase. Der Titel soll auch für weitere Plattformen erscheinen. Ist das auch ein Modell, das ihr in Zukunft stärker verfolgen werdet?

Avni Yerli: Genau, Hunt ist unser erstes "Games as a Service"-Spiel, was wir auch vollständig selbst managen, von der Entwicklung bis hin zum Service. Ganz wichtig ist es natürlich im Early Access, sehr früh die Community in die Entscheidungsfindung, wie das Spiel weiterentwickelt wird, einzubinden. Diese Grundlage wird Crytek zukünftig sehr wichtig sein.

PC Games: Wie ist das bisherige Feedback der Community?

Avni Yerli: Das Feedback von der Community ist sehr gut. Die Spielerschaft ist auch sehr engagiert und kritisch (lacht), was gut ist, weil wir dann natürlich auch Feedback bekommen, was man noch hier und da verbessern kann. Im Großen und Ganzen hat sich Hunt gut entwickelt. Das Spiel ist im Early Access seit genau einem Jahr auf dem Markt. In der Zwischenzeit wurde Hunt 2018 mit dem Steam-Bronze-Topseller-Award ausgezeichnet und wir haben auch von Shacknews und Game Debate zwei Best-Early-Access-Awards erhalten. Das ist das eine super Anerkennung, die nicht nur uns vom Management, sondern das ganze Team von Crytek sehr stolz macht.

PC Games: "Games as a Service" geht ja schon in eine andere Richtung als Crysis und Ryse. Da hattet ihr noch sehr viel Wert auf Storytelling gelegt und auch handwerklich waren Crytek-Spiele der Konkurrenz sehr oft weit voraus. Wollt ihr irgendwann wieder daran anknüpfen oder fokussiert ihr euch eher auf die "Online only"-Richtung?

Avni Yerli: Wir haben in der Tat noch weitere Entwicklungen innerhalb von Crytek, auf die wir jetzt leider noch nicht so richtig eingehen können. Aber eins ist wichtig: Wir wollen eine Community um Crytek herum bauen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Das Gute ist: Wir haben natürlich die CryEngine in unserem Unternehmen, die es unseren, aber auch anderen Entwicklern ermöglicht, viele verschiedene Spiele zu basteln. Unter anderem natürlich auch storygetriebene Singleplayer-Spiele. Wie die Zukunft von Crytek sein wird, wird sich zeigen. Wichtig ist letztlich, dass ein Spiel Spaß macht. Ob das jetzt über die Story kommt oder über Online-Erfahrungen, muss man sehen.

PC Games: Ryse: Son of Rome war damals ein wirklich gutes Spiel. Finanziell war es, wie man gehört hat, jedoch nicht so erfolgreich. Hättet ihr gerne einen zweiten Teil gemacht?

Passend dazu: Lest den PC Games-Test von Ryse: Son of Rome

Avni Yerli: Ryse ist bei der Community sehr, sehr populär, die User-Ratings sind sehr hoch, das Spiel hat auch eine sehr hohe Qualität. Ein Sequel Ryse: Son of Rome erschien im November 2013 für die Xbox One, im Oktober 2014 folgte die PC-Fassung. Quelle: Crytek Ryse: Son of Rome erschien im November 2013 für die Xbox One, im Oktober 2014 folgte die PC-Fassung. zu Ryse steht derzeit noch in den Sternen. Wir könnten das machen, wenn wir wollten. Wir müssen schauen, aber im Großen und Ganzen haben wir volle Kontrolle über die Marke - die gehört uns, genauso wie Crysis. Wir können uns letztendlich auch zu gegebener Zeit mit dem Thema auseinandersetzen und sehen, ob wir dann eine Fortsetzung machen oder nicht.

PC Games: Warum habt ihr Warface abgetreten?

Avni Yerli: Wir haben uns überlegt, wie es in Zukunft weitergehen soll. Im Rahmen von Cryteks Fokussierung, Marken zu entwickeln, die uns auch selbst gehören und die wir vorantreiben, hat das nicht mehr so wirklich reingepasst. Gleichzeitig hat das Entwicklungsteam auch das Bestreben gehabt, sich selbst in Partnerschaft mit Mail.ru weiterzuentwickeln. Und das haben wir dann unterstützt und im Rahmen der strategischen Ausrichtung dem Wunsch des Entwicklerteams entsprochen, sich weiterzuentwickeln.

PC Games: Kannst du dir vorstellen, dass sich Crytek wieder an einen Publisher bindet oder schätzt du die Unabhängigkeit zu sehr?

Avni Yerli: Wir haben durch die Kooperationen mit Electronic Arts und Microsoft sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir wissen allerdings nicht, was die Zukunft bringt. Prinzipiell sind wir aber für Partnerschaften offen, müssen jedoch darauf achten, dass hinsichtlich der Ausrichtung möglicher Partner eine gewisse Kompatibilität vorhanden ist. Aber im Großen und Ganzen können wir uns eine Zusammenarbeit mit Electronic Arts, Microsoft oder anderen Publishern/Kooperationspartnern vorstellen. "Binden" ist ein interessanter Begriff. Es sind eigentlich eher Partnerschaften. Bindung bedeutet eher, dass man von etwas nicht wegkommt, so sehr man es auch versucht. Bei Partnerschaften war es für uns so, dass wir Spiele entwickelten, der Publisher es für uns veröffentlichte und wir gemeinsam sehr viel Erfolg hatten.

PC Games: Microsoft hatte ja geplant, verschiedenste Studios aufzukaufen oder unter Vertrag zu nehmen, um sein Portfolio zu erweitern. Hat es zwischen euch und Microsoft Gespräche diesbezüglich gegeben?

Avni Yerli: Wir sprechen immer mit Unternehmen, um zu sehen, was auf dem Markt passiert. Aber derartige Gespräche gab es nicht. Das waren eher marktspezifische Gespräche, etwa um besonders erfolgreiche Titel wie Fortnite oder Apex Legends. Man versucht hierbei genauer zu analysieren, weshalb diese Titel so erfolgreich sind und tauscht sich dabei untereinander aus.

PC Games: Da du Fortnite und Apex Legends erwähnt hast: Wie schätzt du den Erfolg von Battle-Royale-Titeln ein und habt ihr bezüglich eines eigenen Battle-Royal-Spiels auch Pläne?

Passend dazu: Lest den PC Games-Test von Apex Legends

Avni Yerli: Man muss Battle Royale auf jeden Fall heute als wichtiges und etabliertes Genre akzeptieren und sich damit auseinandersetzen. Zwar ist Hunt ein kompetitives Spiel. Da wir mit dem einzigartigen Konzept auch so sehr zufrieden sind, gibt es derzeit jedoch keine Ambition einen Battle-Royale-Modus in das Spiel zu implementieren. Es wird in diesem Genre zukünftig aber auch so viele neue Titel geben.

PC Games: Mit The Climb und Robinson: The Journey habt ihr auch versucht im VR-Bereich Fuß zu fassen. Ist das Thema aktuell vom Tisch oder plant ihr weitere VR-Titel?

Avni Yerli: Virtual Reality ist für uns als technologische Enthusiasten ein sehr spannendes Thema. Mit The Climb haben wir einen Launch-Titel für die Oculus Rift entwickelt, der es sogar in die Top 5 der Oculus-Verkaufscharts schaffte. Ähnliches gelang uns auch bei Playstation VR mit Robinson: The Journey. Im Launchquartal Ende 2016 hatte das Spiel eine Assoziationsrate von 20 Prozent - und das bei 40 verschiedenen Launchtiteln. Ich persönlich spiele sehr gerne VR-Spiele. Denn wenn VR gut gemacht ist, was leider nicht oft der Fall ist, dann hat man hier auch eine immersive Erfahrung, die man nicht missen möchte. Leider ist die Szene noch nicht groß genug, aber sie ist im Kommen. Für uns ist VR eine Art technologische Pipeline, da wir die CryEngine auf allen relevanten Plattformen weiterentwickeln und immer an vorderster Front dabei sein möchten.

PC Games: In der aktuellen Konsolengeneration hat die PS4 ja klar die Nase vor der Xbox One. Wie schätzt du den Wettbewerb zwischen Sony und Microsoft in der kommenden Konsolengeneration ein?

Avni Yerli: Sony ist derzeit mit Playstation in Europa, Asien und den USA sehr stark vertreten. Wie der Markt in Zukunft ausschaut, ist jedoch schwer abzuschätzen. Ich weiß nur eines: Wer den besten Service bieten wird, wird künftig auch die größte Spielerschaft happy machen.

PC Games: Ihr habt seit eurer Gründung vor 20 Jahren auch in Deutschland sehr viele Arbeitsplätze geschaffen. Im Vergleich zu anderen Ländern wie Kanada ist die öffentliche Förderung hierzulande jedoch sehr gering. Wie schätzt du die Situation aktuell ein?

Avni Yerli: Durch die Freigabe des deutschen Games-Fonds hat die Spieleentwicklung in Deutschland jetzt einen großen Meilenstein erreicht. Aber es muss weitergehen. Wir brauchen nicht nur Kapital, sondern das Thema muss auch in die Bildung integriert werden. Universitäten und Hochschulen müssen also, neben privaten Institutionen, spielrelevante Themen aufgreifen, damit sich aus dem hierzulande vorhandenen Talentpool auch neue Unternehmen entwickeln können. Als Konsumentenmarkt ist Deutschland stets in den Top 3 vertreten, als Content-Lieferant hingegen weit abgeschlagen - das gilt es aufzuholen. Die Förderung wird hierbei eine große Stütze darstellen.

PC Games: Crytek stand immer schon für ein internationales Team. Ist es nach wie vor schwierig, Talente in Deutschland zu finden, sodass man diese im Ausland rekrutieren muss?

Avni Yerli: Man muss eine Unternehmenskultur schaffen, die internationalen Standards entspricht, ebenso wie Gedankengut und Produktion, vor allem wenn man eine breite Zielgruppe ansprechen möchte. Wir haben auch einige Mitarbeiter aus deutschen Hochschulen, die sich in der Zeit nach dem Studium sehr gut weiterentwickelt haben.

PC Games: Ich würde gerne noch über Star Citizen reden. Amazon hat ja in die CryEngine investiert und eine eigene Engine daraus gemacht. Was ist da deiner Meinung nach schiefgelaufen?

Avni Yerli: Amazon hat die CryEngine von Crytek lizenziert und diese dann als Lumberyard vermarktet und weiterentwickelt. Wie das jedoch bei Star Citizen intern aussieht, können wir nicht kommentieren. (Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um ein laufendes Gerichtsverfahren)

PC Games: Du hattest erwähnt, dass du gerne VR spielst. Auf welchen Plattformen spielst du privat am liebsten?

Avni Yerli: Ich spiele gern am PC. Ich spiele auch mit meinem Sohn, er ist mittlerweile zehn Jahre alt. Wir spielen in der Familie regelmäßig zuhause. Letztens Apex Legends etwa, Fortnite habe ich auch ausprobiert, wobei ich mit Letzterem nicht so ganz klar komme - im Gegensatz zu meinem Sohn. In VR spiele ich auch gern The Climb aber auch Robo Recall, Spiele die mir eben Spaß machen.

Mit Crysis 3 erschien 2013 der bislang letzte Crysis-Teil. Führt Crytek die Serie irgendwann fort? Quelle: PC Games Hardware Mit Crysis 3 erschien 2013 der bislang letzte Crysis-Teil. Führt Crytek die Serie irgendwann fort?

PC Games: Eine letzte Frage - wo siehst du Crytek in fünf Jahren?

Avni Yerli: Das ist ein langer Zeitraum, aber für die Zukunft bin ich sehr optimistisch. Wir haben uns eine gute Basis geschaffen und arbeiten sehr fokussiert. Durch Hunt haben wir auch sehr viel gelernt, etwa wie man ein communitygetriebenes Spiel auf die Beine stellt. Darüber hinaus haben wir auch einige starke Marken, wie etwa Crysis und Ryse. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in der Zukunft noch einiges machen und einiges an Spielspaß vermitteln werden. Spiele-Streaming ist ja auch im Kommen, daher hoffe ich, dass wir dadurch unsere Spiele unabhängig von der Hardware einer größeren Anzahl an Spielern zugänglich machen können. Der Spieleindustrie steht ein großer Wandel hervor, der ihr aber auch gleichzeitig ermöglicht, ein größeres Publikum zu erreichen. Da wollen wir mitmischen.

PC Games: Da du das Thema Streaming angesprochen hast. Hältst du es für denkbar, dass man in ein paar Jahren zum Spielen nichts anderes als einen Controller und einen Fernseher benötigt? (Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde vor der Ankündigung von Google Stadia geführt)

Avni Yerli: Das ist im Moment reine Spekulation. Ich glaube, Streaming wird einen wichtigen Bestandteil des Home-Entertainment-Systems darstellen, aber dieses nicht komplett ersetzen. Auch den PC wird es auf absehbare Zeit nicht ersetzen.

PC Games: Vielen Dank für das Interview!

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