Skandal um Cooking Mama: Cookstar - das Mysterium hinter dem Kochspiel

Special Katharina Pache
Skandal um Cooking Mama: Cookstar - das Mysterium hinter dem Kochspiel
Quelle: Planet Entertainment

Cooking Mama: Cookstar verschwindet nur Stunden nach der Veröffentlichung wieder aus Nintendos eShop. Warum? Eine Geschichte rund um anonyme Quellen, Kryptowährung und Missverständnisse. Wir gehen dem Ursprung des Mysteriums nach und teilen mit euch eine der faszinierendsten Gaming-Geschichten der jüngeren Vergangenheit.

Obwohl die Serie Cooking Mama sich hauptsächlich dem Zubereiten von Speisen widmet, sind ihr Kontroversen nicht ganz unbekannt. Aufmerksamkeit erlangte die Reihe außerhalb ihrer Casual-Zielgruppe Ende der 2000er-Jahre durch Kritik der Tierrechtsorganisation Peta. Fleischkonsum und Tierleid würden in der Reihe verharmlost, so das Urteil der Organisation. Peta programmierte als Antwort auf Cooking Mama eine unautorisierte Version des Titels, die den einprägsamen Namen ­Cooking Mama: Mama kills Animals trägt, noch heute auf der entsprechenden Homepage spielbar ist und die vom Verzehr und der Zubereitung von Fleisch abschrecken soll.

Der (damalige) nordamerikanische Publisher der Serie, Majesco, kündigte im Gegenzug an, im nächsten Teil die Menge an vegetarischen Gerichten stark zu erhöhen. Das war es bislang aber auch schon an "Skandalen" rund um die niedlich-bunte Geschicklichkeitsspielesammlung. Zumindest bis zum Frühjahr 2020.

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Vermisst: Mama

Skandal um Cooking Mama: Cookstar - das Mysterium hinter dem Kochspiel (1) Quelle: Planet Entertainment Skandal um Cooking Mama: Cookstar - das Mysterium hinter dem Kochspiel (1) Cooking Mama ist keine Serie, bei der die ganze Zockergemeinde nervös mit den Hufen scharrt, bis endlich ein neuer Teil angekündigt wird oder erscheint. Dennoch haben die Spiele ihre Fans und die freuten sich zuletzt auf Cooking Mama: Cookstar (jetzt kaufen 55,39 € ). Aber von vorne: Der Grundstein der niedlichen Reihe wurde 2006 in Japan gelegt. Programmiert wurde das Debüt auf dem DS von Office Create. Es kam nicht nur sehr gut bei den Spielern an, sondern wurde auch von Kritikern gelobt. Das kleine Team hatte bis zu diesem Zeitpunkt kein auch nur ansatzweise ähnlich erfolgreiches Produkt geschaffen, weshalb man sich stolz dazu entschied, den Namen des Studios zu ändern. Seitdem heißt Office Create offiziell Cooking Mama Limited, aber auch der alte Name ist noch im Gebrauch. Solange der DS florierte, gehörte Cooking Mama fest ins Repertoire des Handhelds mit dem Doppelbildschirm: Kein Wunder, nutzt das Spielprinzip mit dem Hacken, Schneiden und Rühren beim Kochen perfekt die Touchscreen-Steuerung! Dass auch die Wii und der 3DS in den Genuss von Fortsetzungen und Spin-offs kamen, ist wenig verwunderlich. Die Mama-Masche lief bis 2011 hervorragend mit jeweils zwei Spielen pro Jahr. 2012 erschien kein Spiel der Reihe, dann jeweils eine Fortsetzung 2013 und 2014. Seitdem wurde allerdings mit Cooking Mama: Sweet Shop (3DS, 2017) nur ein einziger Titel veröffentlicht und so manch einer wunderte sich: Was ist eigentlich mit der Mama-Reihe los?

Mama's coming home

Eine Besonderheit von Cookstar ist das sogenannte Einhorn-Essen: Das sind Speisen mit Regenbogenfärbung, wie dieser merkwürdige Brotbelag. Quelle: Planet Entertainment Eine Besonderheit von Cookstar ist das sogenannte Einhorn-Essen: Das sind Speisen mit Regenbogenfärbung, wie dieser merkwürdige Brotbelag. Im August 2019 schienen sich die Sorgen der Fans endlich zu zerstreuen. Cooking Mama: Cookstar wurde angekündigt, damals noch unter dem Titel Cooking Mama: Coming Home to Mama. Und nicht nur Switch-Fans sollten auf ihre Kosten kommen, sondern auch Playstation-Spieler! Eine unerwartete Neuerung, war die Reihe doch seit ihrer Geburt auf Nintendo-Plattformen beheimatet und abgesehen davon höchstens noch auf Mobile-Geräten vertreten. Außerdem laut Ankündigung an Bord: ein Koop-Modus, die Möglichkeit, Fotos der Gerichte auf In-Game-Social-Media zu teilen und ein vegetarischer Modus, bei dem keine Fleischprodukte zum Kochen verwendet werden. Nicht nur der Organisation Peta schmeckten die Eindrücke des neuen Teils der Reihe!

Danach vergingen Monate, ohne dass neue Informationen zu Cooking Mama an die Öffentlichkeit drangen. Erscheinen sollte das Spiel im Frühjahr 2020, doch urplötzlich stand es, ohne Ankündigung, ohne Berichterstattung, Ende März einfach so zum Kauf im Nintendo eShop bereit (nicht im Playstation Store, wohlgemerkt). Wenige Stunden später wurde es wortlos entfernt, genau wie die dazu passende Infoseite im Shop. Nicht nur dieser Umstand verwirrte die Spieler, eine unglaublich klingende Verschwörungstheorie machte sich urplötzlich breit: Angeblich sei im Code ein Programm versteckt, das ungenutzte Rechenleistung der Konsole zum Ausführen von Blockchains und damit zum Schürfen von Kryptowährung (wie zum Beispiel Bitcoin) nutzt! Ein Teil der wenigen Nutzer, die das Spiel kaufen und herunterladen konnten, berichteten, dass die Switch ungewöhnlich heiß beim Spielen würde und viel Akku verbrauche. Etwa, weil im Hintergrund Schürfprozesse laufen? Diese Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer, die Entwickler 1stPlayable stritten die Nutzung von Blockchain-Technologie kurz darauf auf Twitter ab.

Kein Schürfen, kein Plan

Die Gerüchte sprießen: Im Netz spricht sich herum, dass Cookstar im Hintergrund Kryptowährung schürft. Jedoch: Dies entspricht nicht der Wahrheit. Quelle: PC Games (Screenshot) Die Gerüchte sprießen: Im Netz spricht sich herum, dass Cookstar im Hintergrund Kryptowährung schürft. Jedoch: Dies entspricht nicht der Wahrheit. Dass es überhaupt zu diesen Gerüchten kam, liegt an der Kommunikation des Publishers von Cooking Mama: Cookstar. Planet Entertainment verwies in einer Pressemitteilung zur Ankündigung des Spiels im August 2019 darauf, Blockchain-Technologie in das Spiel integrieren zu wollen. Erst Anfang April stellte der Publisher klar, was damit gemeint war: Man habe Überlegungen angestellt, diese Technologie zu nutzen, um das Handeln zwischen Spielern zu ermöglichen. In den Code gewandert sei das aber nie und von Kryptowährung gäbe es keine Spur in Cooking Mama. Findige Programmierer wollten sich lieber selbst davon überzeugen, nahmen den Code des Spiels auseinander und konnten bestätigen: kein Blockchain in Cooking Mama.

Spielerisch ist Cooking Mama: Cookstar eher halbgar als gut abgeschmeckt. <br> Den Inhabern der Marke jedenfalls hat das Spiel ganz und gar nicht gemundet. Quelle: Planet Entertainment Spielerisch ist Cooking Mama: Cookstar eher halbgar als gut abgeschmeckt.
Den Inhabern der Marke jedenfalls hat das Spiel ganz und gar nicht gemundet.
Als Sahnehäubchen äußerte sich daraufhin ein angeblicher Mitarbeiter des Entwicklerteams gegenüber der Webseite Screenrant anonym zu den Vorwürfen. Er redete nicht um den heißen Brei herum und erklärte den Skandal mit Unwissen und Inkompetenz seitens Publisher und Studio: "Die Aussagen zu Kryptowährung waren nur Phrasendrescherei. Der Leiter von Planet Entertainment weiß sehr wenig über solche Sachen ... er hat nur Schlagworte verwendet, um potenzielle Investoren zu finden, die auf diesen Kram stehen. Bezüglich der Abstürze / Überhitzung: Das kommt von der verwendeten Unity-Engine. Und davon, dass es für viele Mitarbeiter das erste Spiel überhaupt war ... es ist vielleicht nicht das beste Produkt, aber es kam durch die strengen Prüfungsprozesse von Nintendo und Sony. Es ist unmöglich, Kryptowährungszeug unbemerkt durch diese Tests zu mogeln. Ich bezweifle, dass irgendjemand bei 1P überhaupt in der Lage wäre, so was fertig zu bringen."

Wenn zwei sich streiten

Keine Spur von Cooking Mama auf der offiziellen Webseite von Ravenscourt, dem auf den Grafiken der Packshots angegebenen Publisher. Quelle: PC Games (Screenshot) Keine Spur von Cooking Mama auf der offiziellen Webseite von Ravenscourt, dem auf den Grafiken der Packshots angegebenen Publisher. So viel zum Thema Kryptowährung - aber wieso wurde das Spiel denn nun online gestellt, nur um kurz darauf wieder zu verschwinden? Auch dazu hat die anonyme Quelle etwas zu sagen: "Zwischen dem Publisher Planet Entertainment und dem Rechteinhaber Office Create gibt es einen Rechtsstreit. Planet Entertainment hat das Spiel gegen den Willen von Office Create veröffentlicht, die der Meinung waren, es müsse verbessert oder sogar gecancelt werden." Es habe zu wenig Kommunikation gegeben zwischen Publisher und Rechteinhaber, so der Informant. Diese Aussagen des angeblichen Entwicklers wurde am 06. April 2020 auf der Webseite von Screenrant veröffentlicht. Wenige Stunden später postete der Account von Cooking Mama: Cookstar auf Twitter, dass das Verschwinden des Spiels aus dem Shop daran liege, dass die Welt im Moment bekanntermaßen auf dem Kopf stünde und es deshalb einige Verschiebungen gäbe. Also ist das Coronavirus schuld an der Misere? Vermutlich nicht. Sehen wir uns mal Planet Entertainment, die wohl hinter dem Twitter-Account von Cookstar stecken, genauer an.

Wer ist Planet Entertainment?

Zwischen den Nischentiteln von Planet Entertainment sticht Cooking Mama: Cookstar heraus. Dies ist ein Screenshot der Webseite des Publishers. Quelle: PC Games (Screenshot) Zwischen den Nischentiteln von Planet Entertainment sticht Cooking Mama: Cookstar heraus. Dies ist ein Screenshot der Webseite des Publishers. Aktiv ist der Publisher Planet Entertainment seit 2018. In dessen Software-Portfolio ist neben ­Coo­king Mama wohl Cabela's the Hunt: Championship Edition die bekannteste Marke, ansonsten tummeln sich dort Switch-Spiele der Kategorie "ferner liefen" wie Party Arcade oder Snow Motor Racing Freedom. Die News-Sektion der Webseite von Planet Entertainment ist leer, es gibt keine Informationen zum Sitz des Publishers oder Ähnlichem. Beim Jobnetzwerk Linkedin wird man hingegen fündig: Das Privatunternehmen sitzt in Fairfield, Connecticut, hat fünf Mitarbeiter und residiert in einem hübschen Anwesen, das auf Google Maps allerdings eher wie ein Wohnhaus aussieht. Auf Youtube hingegen findet man unter Planet Entertainment das Profil eines Rutschen- und Hüpfburgverleihs. Eine Präsenz auf Twitter hat die Firma auch nicht, stattdessen postete sie ihre offizielle Stellungnahme zu den Streitereien mit den Rechteinhabern auf dem Twitter-Account von Cookstar.

In diesem Statement legte Planet Entertainment (inklusive Tippfehlern) unter anderem dar, dass Planet Entertainment und Studio 1st Playable sich genau an die Vorgaben der Rechteinhaber gehalten und viele Vorschläge von Office Create umgesetzt hätten. Kurz vor der Fertigstellung des Spiels aber sei es zu kreativen Differenzen gekommen. Diese zu beheben, habe sich außerhalb der vertraglichen Vereinbarungen befunden und außerdem den zuvor festgelegten Vorgaben zum Spielprinzip widersprochen. Der Vertrag lege fest, dass Planet Entertainment völlig im Recht ist, das Spiel auch ohne Zustimmung von Office Create zu veröffentlichen.

Einspruch!

Als neues Feature in Cookstar könnt ihr Fotos eurer Kreationen mit einem <br> Filter versehen und in ein fiktives soziales Netzwerk hochladen. Quelle: Planet Entertainment Als neues Feature in Cookstar könnt ihr Fotos eurer Kreationen mit einem
Filter versehen und in ein fiktives soziales Netzwerk hochladen.
Office Create, die Schöpfer von Cooking Mama, sehen das offensichtlich anders. Und aus diesem Grund verschwand das Spiel auch binnen weniger Stunden aus dem eShop: Office Create haben aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit gute Kontakte zum Publisher- und Entwicklerriesen Nintendo. Der Switch-Konzern kam also prompt der Bitte nach, das Produkt, das Office Create zwar an Planet Entertainment lizenziert hatte, mit dem es aber so unzufrieden war, aus dem Online-Shop zu entfernen, auch die Produktion der Cartridges wurde angeblich eingefroren. Planet Entertainment reagierte darauf, indem es Fans dazu aufrief, das Spiel über deren eigenen Shop als Retail-Fassung zu kaufen. Denn produziert wurden schon einige Chargen der physischen Fassung, weshalb es auch nach wie vor möglich ist, das Spiel bei diversen Anbietern zu bestellen.

Vielleicht sind diese Versionen in der Zukunft sogar etwas wert, je nachdem, ob Cooking Mama: Cookstar noch einmal offiziell veröffentlicht wird. Office Create jedenfalls entschied sich, vor Gericht gegen Planet Entertainment vorzugehen, und wie wir wissen, kann das eine ganze Weile dauern. Zu den Details des Zerwürfnisses zwischen Planet Entertainment und den Rechteinhabern hatte die anonyme Quelle auch noch etwas zu sagen: "An einem Punkt kamen die Kunden von Official [sic] Create vorbei, um die Entwicklungsarbeit zu überwachen. Es kam zu einem Streit und man sagte den Kunden, sie sollten heimfahren, wenn sie sich nicht konstruktiv verhalten."

Ergebnis: Schmeckt nicht

Durch die wirre Distribution trudelten Reviews des Spiels erst nach und nach den April über ein. Betrachtet man die Durchschnittswertung von 46% Spielspaß auf Metacritic, legt das den Schluss nahe, dass Office Create zu Recht Verbesserungen am Spiel vor dem Release forderte. Zu meckern gibt es vieles, etwa die schlechte Vertonung, die langweiligen Multiplayerspiele, der öde Einzelspielermodus, die miese Bewegungssteuerung und das Spielprinzip ohne jeden Tiefgang. Die Tester kauften das Spiel in den meisten Fällen selbst, da anscheinend keine Pressemuster versandt wurden. Eher wenig Schuld trifft bei der ganzen Misere wohl die Programmierer. 1P war vermutlich überfordert mit dem Projekt - das Team zeichnet in erster Linie für simple VR-Bilderbuchmärchen, Lernspiele, AR-Apps und ähnliche kleine Projekte verantwortlich. Das Feedback von Office Create war seitens des Publishers Planet Entertainment anscheinend nicht mehr erwünscht und das weitere Investieren von Ressourcen in ­Cookstar auch nicht. Leidtragende sind auch die Spieler und Fans, die nun eventuell nicht an das Spiel kommen, und selbst wenn sie eine Fassung ergattern, mit der Qualität wohl nicht glücklich sein dürften.

Bleiben noch zwei Fragen offen: Wie geht es weiter mit Cookstar und was ist nun eigentlich mit der Playstation-Fassung? Der erste Punkt wird erst in den nächsten Monaten geklärt, beim zweiten hingegen ist die Antwort bezeichnend, aber passend zum Verhalten von Planet Entertainment. Eine Veröffentlichung für Sonys PS4 war anscheinend weder mit Office Create abgesprochen noch freigegeben. Das Bild der Spielehülle mit PS4-Logo diente also wohl lediglich dazu, Aufmerksamkeit und Interesse zu wecken. Allerdings sprach der ­anonyme Entwickler - wenn er denn echt ist - davon, dass das Spiel auch Sony vorgelegt worden sei. Vielleicht wird Cookstar also doch noch irgendwann auf PS4 veröffentlicht, wenn nicht ein Gericht vorher mit einem Urteil klare Fronten schafft. Wir hätten jedenfalls nicht gedacht, dass der x-te Teil einer so harmlosen, durchschnittlichen Serie wie Cooking Mama im Jahre 2020 so viel Aufsehen erregen würde - allerdings läuft 2020 allgemein nicht so, wie es sich die meisten von uns wohl vorgestellt hätten.

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