Stundenlang gespielt: Avowed wird kein Überflieger - und das ist auch völlig in Ordnung
Special
Schluss mit den ewigen Skyrim-Vergleichen: Wie spielt sich Avowed wirklich? Meine Eindrücke nach mehreren Spielstunden. Update: Jetzt auch mit Vorschau-Video.
Wer über Avowed spricht, landet oft bei dieser einen Frage: "Aber isses so wie Skyrim?" Durchaus berechtigt, schließlich sollte Avowed anfangs in eine ganz ähnliche Kerbe schlagen. Doch im Verlauf der Entwicklung beschloss das Team von Obsidian, lieber etwas kleinere Brötchen zu backen und sich mehr auf die eigenen Stärken zu konzentrieren. Nun habe ich es ein paar Stunden gespielt und kann bestätigen: Mit Skyrim lässt sich Avowed kaum noch vergleichen.
Dafür erinnert es mich an ein anderes Spiel!
Und das heißt The Outer Worlds, ebenfalls von Obsidian entwickelt. Klar, flotten Ballerspaß und ein humorvolles Sci-Fi-Setting werdet ihr in Avowed (jetzt kaufen 49,99 € ) nicht finden. Doch es gibt auch viele Gemeinsamkeiten: Der farbenfrohe Grafikstil zum Beispiel, der gar nicht erst versucht, in der Oberklasse mitzuspielen. Die actionbetonten Kämpfe, in denen auch Einsteiger gut zurechtkommen. Der überschaubare Umfang. Die launigen Dialoge, die Begleiter. Und natürlich die Spielwelt - die pfeift nämlich auf Open-World-Trends und schickt euch stattdessen lieber in weitläufige, aber in sich geschlossene Gebiete.
Das alles fühlt sich bodenständig und vertraut an, sehr sogar. Fast so, als würde ich das Remake eines Rollenspiels zocken, das eigentlich noch aus der PS3-Ära stammt. Und genau das könnte am Ende eine große Stärke sein.
Klassenlos ins Abenteuer
Avowed ist in Eora angesiedelt, also der gleichen Fantasy-Welt, die man schon in Pillars of Eternity beackert hat. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf: Wo die Pillars-Reihe noch auf Taktik und Tiefgang setzte, geht's in Avowed betont einsteigerfreundlich zu. In der Charaktererschaffung legt man nur kurz das Aussehen der Spielfigur fest - und das war es im Grunde auch schon. Es gibt keine wählbaren Klassen oder Rassen.
Bildergalerie
Stattdessen bin ich immer ein Gottähnlicher, ein seltenes Volk in Eora, das man an seinen markanten Mutationen an Kopf und Gesicht erkennt. Der Anblick ist gewöhnungsbedürftig, aber keine Sorge: Wer keine Lust hat, wie ein Zwischenboss aus The Last of Us rumzulaufen, kann die Wucherungen im Charaktereditor ausblenden.
Auch meine Rolle ist anfangs festgelegt: Ich bin im Auftrag des Königs unterwegs, ein Abgesandter, der auf eine ferne Insel geschickt wird. Dort breitet sich gerade eine neue, unheimliche Seuche aus - und ich soll der Sache bitte schön nachgehen.
Erste Eindrücke
Für den Spielstart greift Obsidian erst mal tief in die Klischeekiste: Ich werde als Schiffbrüchiger an einem idyllischen Strand angespült. Von meiner Besatzung hat nur der blaupelzige Garryck überlebt, ein freundlicher Kerl, der mich durch das Tutorial-Gebiet begleitet und mir mit Rat zur Seite steht. Nicht, dass da viel Erklärung nötig wäre: Waffe ziehen und wegstecken, schleichen und springen, schlagen, blocken, ausweichen, Bogenschießen, zaubern - wer schon mal ein Bethesda-Rollenspiel oder The Outer Worlds gespielt hat, findet sich sofort zurecht.
Schon nach wenigen Minuten fallen mir ein paar Dinge ins Auge:
- Erstens: Das Ding sieht unerwartet hübsch aus. Technisch zwar alles andere als modern, doch das farbenfrohe Umgebungsdesign, die einladende Lichtstimmung, die schwappenden Wellen, die hübsch verästelten Bäume - das alles wirkt stimmig. Und es tröstet auch ein wenig über die steif animierten Gesichter und das schwache Monsterdesign hinweg - denn da merkt man leider, dass Obsidian aufs Budget schauen müsste. Immerhin ist modernes Raytracing an Bord, in meiner Preview-Version sorgt das aber noch für Grafikfehler - kein Problem, die Entwickler haben schließlich noch zwei Monate bis zum Release. Bis dahin können sie auch gleich noch die wackelige Performance verbessern, denn die Hardware-Anforderungen sind für die Optik schlichtweg zu hoch.
- Zweitens: Die Steuerung flutscht! Ich kann mich an Kanten raufziehen, in Gewässern abtauchen, an Leitern emporsteigen oder Anlauf nehmen, um über Abgründe zu springen - geht alles flüssig von der Hand. Und die Leveldesigner machen was draus: Wohin ich auch gehe, stolpere ich immer wieder über vertikale Elemente, die das Erforschen der Welt interessanter machen. Zum Beispiel, wenn ich später an einem schicken Leuchtturm hinaufklettere und in schwindelerregender Höhe über Plattformen hüpfe. Und das lohnt sich, denn ganz oben sind gleich mehrere Beutestücke versteckt, darunter eine hübsche Schatzkarte, die natürlich sofort in mein Questlog wandert. So macht Erkundung Spaß!
- Dritte Erkenntnis: Avowed wird standardmäßig aus der First-Person-Perspektive gespielt. Doch wer keine Lust darauf hat, kann auch eine klassische Verfolgeransicht wählen. Die ist zum Erkunden und Sammeln zwar nicht ganz so praktisch, doch in der Regel lässt es sich auch damit ordentlich spielen. In den Kämpfen oder beim Klettern habe ich jedenfalls keinen Nachteil bemerkt.
