Twin Mirror: Life-is-Strange-Macher verlieren an Kreativität - unser Test + Video

Test Alexander Bernhardt Lukas Schmid
Twin Mirror: Life-is-Strange-Macher verlieren an Kreativität - unser Test + Video
Quelle: Dontnod

Obwohl erst vor drei Monaten Dontnods Tell Me Why erschien, bringt das storyfokussierte Entwicklerstudio nun mit Twin Mirror bereits das nächste Spiel auf dem Markt. Im neuen Abenteuer begleiten wir den unbeliebten Investigativ-Journalisten Sam, der aufgrund der Beerdigung seines besten Freundes nach Jahren in sein altes Heimatdorf zurückkehrt. Dieser ist in einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen ... oder? In unserem Test verraten wir, warum das Abenteuer trotz guter Ideen hinter den anderen Dontnod-Spielen zurückbleibt.Jetzt auch mit Video!

Obwohl Twin Mirror im Kern ein typisches Dontnod-Spiel ist, wagen die Entwickler doch ein paar Neuerungen. So wird zum Beispiel nach mehreren Abenteuern im Episodenformat diesmal auf eine abgeschlossene Erzählung am Stück gesetzt. Dabei war Twin Mirror ursprünglich wie seine Vorgänger in kleinen Häppchen geplant. Das knapp neunstündige Spiel stellt nach Kindern und Teenagern außerdem das erste Mal eine etwas ältere Person in den Vordergrund.

Wir spielen den Enthüllungsjournalisten Samuel Higgs, der zwei Jahre vor der eigentlichen Handlung mit einem Artikel über rechtswidrige Arbeitsbedingungen für die Schließung eine Mine nahe seines Heimatdörfchens Basswood im US-Bundesstaat West Virginia sorgt. Anstatt Dankes gibt es offene Feindschaft:

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Die halbe Gemeinde macht ihn für den Jobverlust vieler Minenarbeiter verantwortlich. Nach der Trennung von seiner Partnerin hält ihn nichts mehr dort und er beschließt, Basswood und alle, die er je kannte, hinter sich zu lassen. Zwei Jahre später kehrt Sam nach dem Unfalltod seines besten Freundes doch wieder zurück. Neben den ein oder anderen (un-)erfreulichen Wiedersehen stößt er schnell auf Hinweise, dass möglicherweise mehr hinter dem Dahinscheiden seines Kumpels steckt, als es den Anschein hat ...

Aus den Kinderschuhen raus

Twin Mirror hat nicht denselben Charme wie seine Quasi-Vorgänger. Es gibt kein Tagebuch á la Life is Strange oder ein detailreiches Märchenbuch wie in Tell Me Why. Die wenigen Menüs wirken eher steril. Quelle: PC Games Twin Mirror hat nicht denselben Charme wie seine Quasi-Vorgänger. Es gibt kein Tagebuch á la Life is Strange oder ein detailreiches Märchenbuch wie in Tell Me Why. Die wenigen Menüs wirken eher steril. Nachdem die knapp 20-jährigen Zwillinge Tyler und Alison aus Tell Me Why die bisher ältesten Protagonisten in Dontnods Story-Adventures waren, ist der Mitdreißiger Sam eine angenehme Abwechslung. Trotz der jungen Protagonisten wurden in den vorherigen Abenteuern sehr ernste und gesellschaftskritische Themen angesprochen. Das Ganze wurde aber beispielsweise durch das Märchenbuch in Tell Me Why und Max' Tagebuch in Life is Strange kreativ aufgelockert. Solche Spielereien sind in Twin Mirror nicht vorhanden, da die Macher eine düstere Geschichte erzählen wollten. Die ganze Aufmachung, inklusive der Menüs, wirkt um einiges steriler, als wir es von Dontnods Spielen gewöhnt sind. Wir hätten einen etwas ungewöhnlicheren Ansatz auch in Twin Mirror definitiv etwas abgewinnen können, denn zum Beispiel auch Life is Strange scheute ja trotz abgefahrener Elemente nicht vor tiefernsten Themen wie Vergewaltigung, Suizid, Drogen und Kindesmissbrauch zurück! Diesmal werden Vereinsamung, unliebsame Berufsgruppen und psychische Probleme thematisiert.

Moral vs. Wahrheit

Die gewünschte bedrückende Stimmung tritt zudem erst im sogenannten Gedankenparadies auf. Der fiktive Ort in Sams Kopf gibt unserem Protagonisten genug Zeit und Platz, um über alles Mögliche nachzudenken. Normalerweise ist es eine helle Umgebung, in der wir Erinnerungen noch einmal nacherleben können. Bei Panikattacken kann sich dieser Ruhepol aber auch mal in einen dunklen, bedrohlichen Ort verwandeln, aus dem es mit unterschiedlichen, aber stets simplen Gameplayelementen zu entfliehen gilt.

Sams sogenannter Gedankenpalast gibt ihm genug Platz zum Atmen und zum Nachdenken. Quelle: PC Games Der Gedankenpalast kann bei Panikattacken auch zum Alptraum werden. Quelle: PC Games

Wirklich gruselig sind diese Momente nicht, eine willkommene Atmosphäre-Abwechslung bieten sie aber definitiv. Hilfe bekommen wir von einem imaginären Freund in unserem Kopf, der uns auch in der echten Welt stets zur Seite steht. Im Gegensatz zum eher stoischen, emotional in sich gekehrten Sam ist das sogenannte Double deutlich empathischer veranlagt und hilft dem Journalisten regelmäßig aus der Patsche. Ob wir als Sam auf die innere Stimme hören, ist aber uns selbst überlassen, denn auch diese hat nicht immer die Weisheit mit Löffeln gegessen. So müssen wir uns in Gesprächen oft zwischen moralischen, aber unwahren Antwortmöglichkeiten und der harten Wahrheit entscheiden. Mit einer personifizierten Moralinstanz in Form des Doubles drückt uns Twin Mirror aber noch deutlicher die "richtige" Antwort aufs Auge als in den Vorgängern. Dabei wollen wir in einem Spiel, in dem sich alles darum dreht, dass wir unseren eigenen Weg wählen, unsere Entscheidungen doch gerne selbst treffen! Wohl um den Kontrast zwischen Double und Sam noch zu unterstreichen, verhält sich unser Hauptcharakter zudem in einigen Situationen fast schon übertrieben unsympathisch. Dadurch wird die innere Zerrissenheit zwar noch deutlicher, identifizieren können und wollen wir uns dadurch mit Sam aber kaum noch.

Das ist besonders deswegen schade, da die Geschichte an sich sehr spannend ist! Basswood wird zudem von interessanten und teilweise liebenswerten Personen bevölkert. Wegen dieser positiven Aspekte hat uns Twin Mirror trotz des enttäuschenden Protagonisten und der zu nüchternen Präsentation die gesamte Spieldauer über unterhalten.

Wer braucht da noch Sherlock Holmes?

Auf Tatorten können wir wie Batman in den Arkham-Spielen mit genügend Hinweisen den Tathergang wiederherstellen. Quelle: PC Games Auf Tatorten können wir wie Batman in den Arkham-Spielen mit genügend Hinweisen den Tathergang wiederherstellen. In Sachen Gameplay hat sich nicht viel verändert: Wir laufen in kleinen Arealen herum, schauen uns Objekte an und führen Konversationen mit verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten. Abwechslung bieten die bereits angesprochenen Gameplayelemente im Gedankenparadies, die wie kleine, aber wenig herausfordernde Rätsel aufgebaut sind. Spannender wird es bei Tatorten. Dort können wir den Tathergang analysieren, indem wir verschiedene umliegende Beweise finden und diese logisch verknüpfen. Wenn wir eine Situation falsch analysieren, weist uns das Spiel darauf hin und lässt uns erst bei der richtigen Zusammensetzung der Geschehnisse weitermachen. Schade, dass ein Fehler nicht einfach als weitere "Entscheidungsmöglichkeit" gesehen wird. Falsche Schlüsse und Verurteilungen hätten sicherlich zu spannenden Konversationen geführt. Aber auch ohne diese Herausforderung bieten die Tatort-Untersuchungen eine angenehme Abwechslung.

Spieglein Spieglein an der Wand ...

Unser imaginärer Freund ist eindeutig empathischer als wir und hilft uns jederzeit. Ob wir das nun wollen oder nicht ... Quelle: PC Games Unser imaginärer Freund ist eindeutig empathischer als wir und hilft uns jederzeit. Ob wir das nun wollen oder nicht ... ... welches ist das schönste Dontnod-Spiel im ganzen Land? Da ist sicherlich für jeden die Antwort eine andere, da die Titel zwar mit fortschreitender Erfahrung der Entwickler mehr grafische Details spendiert bekamen, dafür aber der in Life is Strange etablierte, Aquarell-ähnliche Comic-Stil immer weiter zurückgeschraubt wurde. Auf den ersten Blick befindet sich Twin Mirror auf einem technisch sehr ähnlichen Stand wie Tell Me Why. Bei genauerer Betrachtung fällt jedoch auf, dass in Twin Mirror die Mimik der Figuren deutlich weniger gelungen ist. Die Synchronsprecher sind aber wie immer top! Ansonsten sind die Animationen teilweise genauso steif wie in den früheren Dontnod-Spielen, das fällt aber nicht weiter ins Gewicht. Die Musik ist ganz nett, kommt aber nicht an großartige Soundtracks wie jenen aus Life is Strange heran.

Der ewige Vergleich

Dontnod hat ein Problem: Zwangsläufig muss sich jedes neue Spiel des Studios dem Vergleich mit Life is Strange stellen, dem mit Abstand größten Hit der Spieleschmiede. Die Messlatte ist angesichts der großen Liebe vieler Fans für das Episoden-Abenteuer hoch, Enttäuschung in vielen Fällen also vorprogrammiert. Auch Twin Mirror kann trotz guter Ideen nicht mit dem Teenie-Drama mithalten. Leider überzeugt der Titel aber auch nicht im Vergleich zu den anderen Quasi-Vorgängern. Der unsympathische Protagonist, die aufgezwungenen "richtigen" Antworten und die sterile und unkreative Gestaltung wiegen zu schwer. Trotzdem ist das Spiel aufgrund der spannenden Geschichte, der liebenswerten Charaktere und der coolen Inszenierung des Gedankenparadieses einen Blick wert. Wir sind gespannt, auf welches Projekt sich Dontnod als nächstes stürzen wird.

Meinung

Wertung zu Twin Mirror (PC)

Wertung:

6.0 /10

Wertung zu Twin Mirror (PS4)

Wertung:

6.0 /10

Wertung zu Twin Mirror (XBO)

Wertung:

6.0 /10
Pro & Contra
Spannende GrundstoryTatort-Untersuchungen bieten nette AbwechslungPanikattacken kreativ umgesetztTolle SynchronsprecherLiebenswerte Nebencharaktere
Protagonist unsympathischDouble drückt einem die moralisch "beste" Antwort aufs AugeNüchterne Menüs und weniger charmante Inszenierung als in den Vorgängern
Fazit

Tolle Grundstory, aber herrje, ist das ein unsympathischer Protagonist!

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